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Werner Betz

Werner Betz

Sprachwissenschaftler
Geboren 1.9.1912
Gestorben 13.7.1980
Mitglied seit 1977

Vorstellungsrede

 

Wer, wenn er über sich selbst reden soll – auch wenn es nur wohltätig beschränkte fünf Minuten sind – wer wäre nicht befangen – gefangen, verfangen, zerfangen? Um in dieser Lage einen Halt zu haben, will ich versuchen, mich nach dem Wort eines noch lebenden deutschen Philosophen zu richten: »Ich bin immer objektiv: ich sage nie meine eigene Meinung«.
Ich bin in Frankfurt am Main geboren und in Wiesbaden aufgewachsen, was mir in der Wiesbadener Schule bei der Angabe des Geburtsortes das Gelächter meiner Mitschüler eingetragen hat: »Ei, ä Frankforter Schlippsche«. Mit Glanz und Elend des deutschen Föderalismus bin ich also seit frühester Jugend vertraut, aber an meinem jetzigen bayrischen wie an meinem jetzigen badischen Wohnort lerne ich meistens die regionalen Vorzüge kennen.
Da ich in einer der liberalsten Landschaften Deutschlands, in Rheinfranken, und in der Stadt, die Alfons Paquet die protestantische Stadt mit dem katholischen Dom und dem starken jüdischen Einschlag genannt hat, geboren bin, habe ich auch nie konfessionelle Schwierigkeiten gehabt: meine Mutter war evangelisch, mein Vater katholisch und als Schüler in Wiesbaden haben wir alle, Protestanten, Katholiken und Juden, zusammen den Fronleichnamstag und den Reformationstag als schulfrei gefeiert und sind am preußischen Buß- und Bettag über den Rhein ins nicht büßende und werktäglich vergnügte hessische Mainz gefahren.
Ich bin also als Uralt-Liberaler geboren und aufgewachsen und dementsprechend heute, durch den Wandel der Zeiten nach links und durch meinen Versuch, bei allem Wandel noch etwas beständig zu bleiben, ein Konservativer geworden, ein liberaler Konservativer oder ein konservativer Liberaler – wie Sie und/oder die Grammatik und Semantik wollen.
Auf dieses liberale Erbe, verbunden mit der rheinfränkischen Neigung und der wissenschaftlichen Gewohnheit, Etabliertes in Frage zu stellen, geht es wohl zum Teil auch zurück, daß ich mir keineswegs sicher bin, ob ich nach schätzungsweise sechs Berufen endlich auch den richtigen gewählt habe: Ich war Oberförster bzw. Forstbeflissener, Lehramtskandidat, Theaterkritiker, Mariner, Kultur- und Presse-Attaché und bin noch Landwirt im Nebenerwerb. Meine ausgesprochen unglückliche Liebe gilt der Rechtswissenschaft und der Justiz, der Politik und der Medizin, meine etwas weniger unglückliche Liebe der deutschen Sprache, die schließlich auch entscheidend meine Berufswahl bestimmt hat: seit einigen Jahrzehnten versuche ich, zuerst an der Universität Bonn und jetzt an der Münchener Universität, zwischendurch auch an Universitäten in Island, Dänemark, Italien und Amerika, etwas mehr Einsicht in die deutsche Sprache, ihre Wirkungen, Leiden und Interferenzen, zu vermitteln, d. h. konkret u. a. den Studenten klar zu machen, daß es ein Irrglaube ist, Deutsch könne man als Deutscher sowieso (was bei manchen linguistischen Theorien dann freilich eine Diskrepanz zwischen Können und Kompetenz ergibt).
Ich war mir immer noch nicht sicher, sagte ich, und ich fühlte mich im geheimen in dieser Unsicherheit wahrscheinlich bestärkt durch ein Wort von Moritz Heimann, dem Fischer-Lektor im ersten Viertel dieses Jahrhunderts, das ich durch Julius Bab, bei dem ich 1936 in meiner Journalistenzeit in der Kastanienallee in Berlin Westend wohnte, kennengelernt habe: »Ein Mensch, der sicher ist, und wenn er Gottes sicher wäre, ist ein Verderber«. Mein stärkster Eindruck in meiner journalistischen Berufszeit war Paul Scheffer, der mich als Dreiundzwanzigjährigen nach der Promotion zum Berliner Tageblatt holte. Er war als Lehrer so souverän wie konkret. Nach einer Theaterkritik konnte er einen jungen Redakteur z. B. kommen lassen, um ihm mitzuteilen: »Überlegen Sie einmal, sehen Sie einmal nach, wie Goethe solche Stimmungen im Werther beschrieben hat!«
In Berlin geriet ich bald in die zwischen und hinter den Sprachregelungen aufgestellten Fallen. Beim allgemeinen Kritikverbot und der Einführung der »Kunstbeschreibung oder Kunstbetrachtung« Ende November 1936 nannte mich Goebbels als einen der Gründe: einen »22jährigen Jüngling ohne auch nur eine Spur von Fachwissen und Sachkenntnis«, der die Goebbelssche Volksbühne nicht ganz so gut gefunden hatte wie das Staatstheater von Gründgens. Scheffer fragte damals in der ersten Redaktionskonferenz nach dem Kritikverbot: »Überlegen Sie sich bitte: Ist Selbstkritik jetzt noch erlaubt?« Zum Jahresende 1936 mußte ich jedenfalls mit Scheffer das Berliner Tageblatt verlassen und bin nach Althochdeutschland, zur althochdeutschen Benediktinerregel und Philologie abgewandert.
Versuche ich zum Schluß der zugebilligten fünf Minuten noch ein Resümee zu ziehen, so kann ich es vielleicht am ehesten mit Erich Kästner tun, dem Büchnerpreisträger dieser Akademie vor zwanzig Jahren, den ich über zehn Jahre erfolglos für den Nobelpreis vorgeschlagen habe und dessen resigniert scharfsichtiger sächsischer Skepsis und melancholisch-heiter unentwegtem Moralismus ich mich auch als Rheinfranke verbunden fühle:

Es gibt nichts Gutes
außer: Man tut es.

Vergiß in keinem Falle,
auch dann nicht,
wenn vieles mißlingt:
Die Gescheiten werden nicht alle!
(So unwahrscheinlich das klingt.)

»Wird’s besser? Wird’s schlimmer?«
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich:
Leben ist immer lebensgefährlich.

Trotzdem und deshalb möchte ich weiter versuchen, die Welt zwar nicht unbedingt zu verändern, aber da und dort vielleicht doch zu verbessern – und vielleicht sogar durch Sprache, Sprach- und Sprachenliebe, Logophilie und Philologie.