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Thomas Kling

Thomas Kling

Schriftsteller
Geboren 5.6.1957
Gestorben 1.4.2005
Mitglied seit 2000

Vorstellungsrede

 

Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Um Ihnen gleich reinen Wein einzuschenken: Im Initianten haben Sie einen Studienabbrecher vor sich. Einen, dies Ihnen halbwegs zur Beruhigung, nicht unerfolgreichen Studienabbrecher, wie das heute in Wirtschaftsberichten über rasante Jungunternehmer heißen mag. In mir haben Sie jedenfalls jemanden, der eigentlich in Ihren C-5-Kreisen nichts verloren hat, würde die Satzung der Akademie nicht auch Dichter in ihren – kleingeschrieben – Reihen vorsehen.
Mein fruchtbringendes Aufgabenfeld befindet sich an der Schnittstelle zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit, wobei ich mich von Beginn an nicht entbrechen konnte, auch die actio, das performative Auftreten bei Dichterlesungen, miteinzubeziehen. Das war zugegebenermaßen Notwehr, nichts weiter, da, als ich anfing, die sogenannten Dichterlesungen dermaßen auf den Hund gekommen waren – ich empfand das als unanständig gegenüber der deutschen Sprache, von der lahmen Inhaltlichkeit und der sackartig schlackernden Form, in der deutschsprachige Gedichte seinerzeit auftraten, einmal ganz abgesehen.
Daß ich Gedichte schreibe habe ich trotz meiner Heimatstadt Düsseldorf geschafft, in der ja eher die flotten Werber zu Hause sind. Fehler passiert: jeder Junge, der nur ein bißchen Händchen hat für die Sprache, geht da natürlich in die Agentur und macht sich so richtig die Taschen voll vom Feinsten. Nun, ich habe als Schüler lieber in der Mittagszeit am Küchentisch in der Wohnung der Großeltern gesessen und im Kluge-Götze gelesen.
Spannend!
Immer noch spannend!
Und wenn man mich fragt, ob ich beim Schreiben Musik höre, so muß ich antworten, selbstverständlich höre ich beim Schreiben Musik, schließlich bin ich Dichter; wenn ich auch keine Tonträgersammlung besitze, kein Radio höre, viel Fernsehen kucke, aber eben mit einer Bibliothek aufgewachsen bin. Ich schlage Bücher auf und zu und sehe mich als Lexikonkritiker an. Das Bücher-auf-und-zu-Schlagen hat ganz klar mit dem Herkunfts-Strang aus dem einschlägig bekannten evangelischen Pfarrhaus zu tun, und eben dessen Tradition und Möglichkeit von Mündlichkeit und Schrift. Das heißt also, eigentlich bin ich dieser Branche treu geblieben, der nämlich der populär-zielsicher gesetzten Wendung, unter Beibehaltung einer gewissen Hochgestochenheit – vorgetragen mit dem Habitus des Histrionen.
Ich habe durchaus Gründe, die mich sagen lassen: ich komme aus dem 19. Jahrhundert. Wie in meinen Gedichten die Kleinschreibung beispielsweise, die ich früh von Stefan George bezogen habe. Er und ich teilen die Geburtslandschaft, das Rheinhessische um Bingen, weshalb ich mir gut vorstellen kann, wie dieser Dichter gesprochen, wie Stefan George ausgesprochen hat. Das ist name-dropping, ich weiß, Sie müssen mir gerade den Amerikanismus verzeihen: Aber die Daten fehlen, um den ganzen Nonsens zu überblicken - das ist natürlich nicht von mir; das ist von Gottfried Benn, Drei alte Männer.
Ich biege in die Zielgerade ein und kann sagen, im ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Zwanzig war ich, da hatte ich mein erstes Buch und um jetzt meine Untersuchungen abzubrechen, dazu fehlt mir die Zeit. Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im Übrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet. Für meine Zuwahl möchte ich mich herzlich bei Ihnen bedanken.