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Roberto Zapperi

Roberto Zapperi

Historiker
Geboren 20.1.1932
Mitglied seit 2008

Vorstellungsrede

 

Ich wurde auf Sizilien geboren, in Catania unter dem Ätna, und hier kam ich als Kind zum ersten Mal mit Deutschland in Berührung. Als ich eines Nachmittags auf dem Balkon herumlümmelte und die seltenen Passanten auf der Allee beobachtete, geschah etwas sehr Merkwürdiges. Plötzlich befestigte jemand einen langen Stab mit einem Haken am Balkongeländer, zog sich am Stab mit den Händen hoch und sprang auf den Balkon. Aus seiner Uniform schloss ich, dass es ein deutscher Soldat war.
Es muss gegen Ende des Jahres 1940 gewesen sein, ein paar Monate, nachdem das faschistische Italien Frankreich und Großbritannien den Krieg erklärt hatte. Um die italienischen Verbündeten zu unterstützen, waren vor kurzem deutsche Truppen in Sizilien eingetroffen, und der deutsche Soldat war auf unseren Balkon geklettert, um eine Telefonleitung am Geländer zu befestigen. Als er mit der Arbeit fertig war, bat er mich mit Gesten und ein paar italienischen Brocken, ihm den Weg zur Tür zu zeigen. Sein Sprung auf den Balkon hatte mich ungemein beeindruckt, weil er keine Leiter, sondern diesen merkwürdigen Stab benutzt hatte. Er kam mir wie einer der Akrobaten vor, die ich gerade im Zirkus gesehen hatte. Dieser Soldat war der erste Deutsche, den ich in meinem Leben sah und mit dem ich ein paar Worte gewechselt habe.
Von meinem Balkon aus konnte ich dann noch öfter deutsche Soldaten vorbeimarschieren sehen. Ich war hingerissen von der Präzision ihrer Bewegungen. Mit dem rechten Arm hielten sie das Gewehr, während der linke sich mit wunderbarer Regelmäßigkeit nach hinten hob und dann nach vorne fiel. Ich gestehe, dass die deutschen Soldaten in meiner ganzen Kindheit eine ungeheure Faszination auf mich ausübten. Sie repräsentierten für mich ein fernes Volk mit allen nur möglichen Tugenden und Fähigkeiten. Umso schmerzlicher war das Erwachen aus diesem Traum, als ich nach dem Krieg – und merkwürdigerweise erst dann – erfuhr, wie viele Greueltaten die deutschen Soldaten in Italien begangen hatten.
Das Interesse an Deutschland erneuerte sich erst während meiner Universitätszeit. Jetzt handelte es sich um intellektuelle Anstöße, die jedoch tiefe Wurzeln in meiner Kindheit hatten. Ich studierte Geschichte und besuchte Vorlesungen über die Neuzeit. Der Professor war ein Schüler von Friedrich Meinecke in Berlin gewesen und empfahl uns, Deutsch zu lernen. Ich nahm also Deutschunterricht, um die Werke der deutschen Historiker lesen zu können. Besonders Ranke hatte grossen Einfluss auf mich, denn er lehrte mich, dass Geschichte vor allem erzählt werden muss. An dieses Modell der Geschichtsschreibung als Erzählung habe ich mich in meinen Büchern immer zu halten versucht.
Meinecke regte mich dagegen an, die Werke Goethes zu lesen. Ich begann mit den Gedichten. Sie stellten in meinen Augen das höchste Zeugnis eines anderen Deutschlands dar, eines Deutschlands, dem die militärischen Traditionen fremd waren und das sogar im Gegensatz zu diesem militärischen Ungeist stand. Dann las ich die Werke, die mit Goethes Verhältnis zu Italien zu tun hatten, und entdeckte, dass gerade Rom, meine Wahlheimat, im Mittelpunkt seines Interesses stand. Ich wollte also mehr darüber wissen. In den Römischen Elegien fand ich jedoch nicht das, was ich suchte, und fand es auch in der Italienischen Reise nicht. In diesem autobiographischen Werk hatte der alte Goethe ein monumentales Bild von sich geben wollen und dabei mehr verborgen als enthüllt. Was er in Rom tatsächlich getrieben hatte, verschwieg er. Doch die Größe von Goethes Persönlichkeit schüchterte mich ein, und erst nach Jahren entschloss ich mich, der Sache auf den Grund zu gehen. So entdeckte ich, dass der Dichter in Rom der Sehnsucht nach der Kindheit erlegen war. Er hatte sich leidenschaftlich kindlichen Spielen hingegeben, und das wollte er nicht verraten. Das Verhältnis Goethes zu seiner Kindheit wurde zum roten Faden für mich. Das Ergebnis war das Buch mit dem Titel Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom. Ich halte es für mein bestes – auf jeden Fall ist es mir das liebste. Danach habe ich dann noch ein zweites Buch über Goethe und Italien geschrieben, und vielleicht schreibe ich auch noch ein drittes über ihn.
Wenn ich heute hier bin, so verdanke ich es wohl weniger meinen Studien über die italienische Kultur der Renaissance, den Büchern über Annibale Carracci und Papst Paul III. oder aber die merkwürdigen Haarmenschen, die damals an den europäischen Höfen Furore machten. Vielmehr glaube ich, dass mir vor allem meine Bücher über Goethe die Ehre verschafft haben, als einer der wenigen Italiener in Ihren Kreis aufgenommen zu werden.
Dafür danke ich sehr herzlich.