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Richard Pietraß

Richard Pietraß

Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber
Geboren 11.6.1946
Mitglied seit 2019

Vorstellungsrede

 

Sehr geehrter Herr Präsident, verehrte, liebe Versammlung
von Wortwächtern und Sprachmagiern,
unter den wenigen persönlichen Dingen, die mein Vater im Tode hinterließ, befanden sich zwei Hefte. Anfangs mit preußischblauer Nachkriegstinte, später mit Kugelschreiber eingetragen, stehen in ihnen ungefähr zweihundert Gedichte; nicht, wie man vermuten könnte, eigene, nein, diejenigen, welche ihm von Jugend an wichtig waren oder ihm später begegneten und so gefielen, daß er sie zu Gefährten machte. Seine eigentümliche Treue ihnen gegenüber bestand darin, daß er sie auswendig kannte, so daß er sie sich nach Belieben vergegenwärtigen konnte. Meist tat er dies, wenn er allein war, bei der Morgenwäsche, mitunter aber auch in Anwesenheit von uns Kindern oder Gästen. Das trug ihm regelmäßig Bewunderung ein. Aber nicht um derentwillen wurde Schillers Glocke nochmals gegossen, zog Eichendorffs Mond am Abendhimmel auf. Hier lebte ein Mensch nicht vom Brot allein. Während er, der masurische Müller, sich unter sächsischen Säcken und Kisten bückte, um unseren Tisch zu decken, flatterte, nur von ihm bemerkt, Uhlands blaues Band durch die Luft des Packhofs. Solch Zustrom ließ ihn die äußere Armut leichter ertragen, ja leichtnehmen. Meinem Vater, der wahrscheinlich nie einen Vers verfaßte, verdanke ich, daß er mir zeigte, wie sich Poesie zur Prosa des Lebens gesellen und unverlierbar werden kann. Die Kindheit hindurch saß so das Göttliche mit am Tisch, Goethes
Maxime vom edlen, hilfreichen und guten Menschen.
Die poetische Ader, die in meinem Vater pulsierte, ohne ihn zur Ader
zu lassen, hatte er wohl von seiner Mutter, Nachfahrin jener Salzburger Glaubensflüchtlinge, die Friedrich der Große ins pestentvölkerte Ostpreußen gerufen hatte, auf daß sie nach ihrer Fasson glücklich würden. Herrin eines großen Hofes, führte sie nicht nur ein Ausgabenbüchlein, dessen Posten wie Kutschfahrten, Stoff- und Topfkäufe nie mehr als eine Jahresseite einnahmen und in summa hundert Reichsmark selten überstiegen, kritzelte sie auf der Nebenseite als Vampirin ihrer selbst in gestochenem Sütterlin oft eigene Herzblüten. Da ich diese im Schatzschrank auch jüngst nicht finden konnte, steht deren Entzifferung bis heute aus.
Mein Zungenknoten schürzte und löste sich am Tiefpunkt meines Lebens, hinter vorpommerschen Kasernenmauern, als ich anfing, den
Liebesbriefen an meine erste Freundin Wortschmetterlinge voranzustellen. Die Galaxie der Poesie, in die ich so geriet und der ich das Beste verdanke, wurde meine Welt.
Als am Erzgebirgsrand geborener und aufgewachsener Sohn eines
entwurzelten Müllers und Landwirts und einer Landlehrerin betreibe ich seit einem halben Leben meine Dreifelderwirtschaft: das Schreiben, Übersetzen und Herausgeben von Gedichten. Meine frühen Heiligen waren und blieben lange: der Spanier Federico García Lorca, der Peruaner César Vallejo und der Franzose René Char.
In Berlin studierte ich Klinische Psychologie und scheiterte mit einer Arbeit zur Erfassung neurotischer Konflikte. So wurde ich, eine aus ihrem Gleis gesprungene Straßenbahn, – in Ostdeutschland gab es ihn – Verlagslektor für Lyrik. 1979 aus politischen Gründen entlassen, war ich über Nacht freischaffend. In behauchter Brotarbeit nachgedichtet habe ich überwiegend aus dem Russischen und Englischen. Beglückendste Begegnungen waren die mit dem nordirischen Bauernsohn Seamus Heaney, dessen Stockholmer Sternstunde ich teilte, und Tomas Tranströmer, dessen seit einem Schlaganfall verknotete Zunge wir, ein auf Gotland eingefallenes Rudel babylonischer Windhunde, nachheulend lösten und, um den Lohn seines Lächelns, in sieben Sprachen verzweigten. Sieben Jahre meines schon biblischen Schnurrpfeiferlebens verbrachte ich, mit dreißigjähriger Unterbrechung, in der Nachfolge Bernd Jentzschs, als Herausgeber des Poesiealbums. Türengel meiner Phasen waren der barocke Klagemund Andreas Gryphius und der polnische Blickstürzler Julian Przyboś, der tragische Eisläufer Georg Heym und der australische Sumobarde Les Murray.
Als sächsischer Nachgeburt eines östlichen Stammbaums mit pruzzischer Wurzel, jenes von den Kreuzrittern aufgeriebenen baltischen Volksstamms, blieb mir, wie den Eltern, der Osten Westen genug. Wie Franz Fühmann spürte ich in den Jahren des Aderlasses, daß Pfarrer, Ärzte und Schriftsteller bei den Ihren bleiben, ihr Heil nicht in der Flucht suchen sollten.
Wie schwer es ist, sich zu erklären, begriff ich durch ein Gedicht des 1938 in Paris verhungerten César Vallejo: Was erklärt mich. Da ich ihm nicht das Wasser reichen kann, hier nur mein Versuch, geschrieben für eine Anthologie dichterischer Selbstporträts:

Die Gewichte

Die Muttermilch und das Vatererbe.
Mein Hunger nach Leben und das Wissen zu sterben.
Der Gang zum Weib, der Hang zum Wort.
Der Keim der Reinheit und wie er langsam verdorrt.
Das Strohfeuer und der glimmende Docht.
Aufruhr, der auf Gesetze pocht.
Die heillose Fahne im bleiernen Rauch.
Galle, verschluckt im Schlemmerbauch.
Die Statuten des exemplarischen Falls.
Mein niemals vollgekriegter Hals.
Der säuernde Rahm, der flüchtige Ruhm.
Die Grube und die Gnade postum.

Der magische Kreis, in den Sie mich aufgenommen haben, ist mir mehr
als Brückenkopf und Kragenknopf meiner Lebensreisekleider. Ich danke Ihnen für diese nicht erträumte, weltoffene Heimat derer, die von
Sprache, von Dichtung nicht lassen.