Mitglieder

Peter Suhrkamp (Ehrenmitglied)

Verleger
Geboren 28.3.1891
Gestorben 31.3.1959
Mitglied seit 1957

Vorstellungsrede

 

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht Herrn Dr. h. c. Peter Suhrkamp ihre Ehrenmitgliedschaft, um auf diese Weise eine Persönlichkeit auszuzeichnen, die in der beispielhaften Verbindung des Menschen, Verlegers und Schriftstellers ein weithin sichtbares Zeichen für ein Leben in geistiger Verantwortung gegeben hat«.

Meine illustren Confrères!
Verzeihen Sie mir, meine Damen und Herren von der Akademie, die fremde Anrede; ich weiß in deutscher Sprache keine, die das gleiche ausdrückt. Vor allem rufen die Laute in mir Bilder wach, die meinen Dank für die Ehrung durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung anschaulich machen und darin auch das Feierliche ausdrücken. Jedenfalls empfinde ich in diesem Moment eine verwirrte Feierlichkeit. Die Verwirrung ist noch ein Nachklang von jenem Moment, als ich von Ihrer Absicht Kunde erhielt. Da ist mir, wie übrigens schon manchmal in meinem Leben, deutlich wieder bewußt geworden, daß es verschiedene Figuren sind, als welche ich mein Leben immer gelebt habe. Sie als Dichter werden gewiß verstehen, was ich meine.
Ich will hier und jetzt nur von zweien sprechen, weil sie die Verwirrung und die Feierlichkeit dieses Momentes in mir angestiftet haben. Die erste Figur ist aus meinem Intellekt, meiner Bildung, meinem Planen, meinem Streben und an den greifbaren Realitäten meines Lebens und dieser Welt herangewachsen. In ihr bin ich, wie ich hier vor Ihnen stehe; der Skeptiker und der Eigensinnige, um sie kurz zu bezeichnen. Sie fügt sich mit einem Lächeln darin, daß mit den Jahren in einer bestimmten Position die Ehrungen wohl kommen. Sie war es auch, die fragte: wer soll geehrt werden? Der Schriftsteller? Ich bin doch wohl kein Schriftsteller. Gewiß habe ich auch mancherlei geschrieben und das, so gut ich es konnte; meistens bei Gelegenheit. Ich will gestehen, daß ich es auch »schreiben mußte«, allerdings nur, um mit mir selber wieder in Ordnung zu kommen. Es ist alles nur so »bei Gelegenheit gesagt« und nicht eigentlich geschrieben. Oder sollte der Verleger geehrt werden? Vielleicht wurde daran gedacht, daß in einer Akademie für Sprache und Dichtung die Verleger wohl nicht ganz fehlen dürften. Als Verleger bin ich zu sehr Einzelgänger, um als Vertreter des Verlegerstandes in Betracht zu kommen.
Als diese erste Figur zu keinem rechten Resultat kam, meldete sich mächtig und feierlich die zweite Figur. Sie ist auch in meiner Kindheit angelegt. Gebildet ist sie aus Traum und Phantasie. In meiner Kinderzeit blickte sie in der Schulbank andächtig zu den Lehrern auf, bewegt von Worten und Bildern der Biblischen Geschichten und Psalmen, der Märchen und Lieder und der Gedichte. Sie saß ehrfürchtig in der Aula des Lehrerseminars unter den Porträtbüsten der Dichter, Philosophen und Pädagogen ringsum an den Wänden. Sie sah einen lebenden Dichter mit Scheu und Verehrung, wartete vor seinem Haus auf sein Erscheinen, hätte aber nie gewagt, sich ihm zu nahen. Später habe ich in Beruf und in Freundschaft mit großen Dichtern zu sprechen gehabt; dabei ist die Figur aus Traum und Phantasie zurückgetreten, aber sie ist dabei doch, wie die erste Figur, in meinem Leben ständig mitgewachsen und ins Leben hineingewachsen. Dort hat sie heute ein Weltall für sich. Wenn ich jetzt an die Liste Ihrer Ehrenmitglieder denke, der ich in diesem Moment angeschlossen werde: Thomas Mann, Friedrich Meinecke, Albert Schweitzer, Alfred Weber, Eduard Spranger, dann sind das heute noch für mich Gestirne an einem Himmel über der Erde, auf der unten ich stehe und zu ihnen hinaufsehe. Ich muß in meine andere Figur hinüberwechseln, um sie ansprechen zu können. Verstehen Sie hiernach ein klein wenig, weshalb ich Sie, meine Damen und Herren von der Akademie, mit den fremden Lauten als »illustre Confrères« ansprach?
Es gehört aber auch zu meinem Dank, Ihnen zu sagen, wie sehr es mich freut, daß diese Ehrung mir im Rahmen einer Feier für Wilhelm Lehmann* widerfährt. Mit der Sammlung Meine Gedichtbücher habe ich eine alte Liebesverpflichtung eingelöst. Seit das Buch fertig ist, habe ich fast Tag für Tag darin gelesen und meine Bewunderung stieg täglich: vor der Fülle aus der Weltliteratur gewonnener Dichtungsformen, die studiert und erarbeitet worden sind, vor dem souveränen Können, vor der meisterlichen Arbeit an den Materialien eines Gedichtes.
Und nun lassen Sie mich gleich noch von dem, wie mich dünkt einzigen Recht eines Ehrenmitgliedes Gebrauch machen und ein wenig moralisieren. Es ist mir in meiner Arbeit schon oft aufgefallen, wie wenig bei uns ein Dichter das Werk des anderen wirklich studiert hat und es kennt. Ich denke, zu einer Akademie wie dieser gehört es, daß ihre Mitglieder trachten, den Ruhm der wenigen Hervorragenden (es waren zu jeder Zeit immer nur wenige) zu begründen, zu mehren und zu verkünden. Das setzt Bemühung und die selbstverständliche Achtung voraus und das vor allem eigenen Geschmack und vor jeder Kritik. Besonders wenn die Qualität des Werkes so allgemein anerkannt und schwierig ist wie bei Wilhelm Lehmanns Gedichten.
Ich beschließe meinen Dank an die Akademie mit einer ehrfürchtigen Verbeugung vor Wilhelm Lehmann.

* Während der Frühjahrstagung 1957 wurde der 75. Geburtstag Wilhelm Lehmanns festlich begangen.