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Peter Gülke

Peter Gülke

Musikwissenschaftler
Geboren 29.4.1934
Mitglied seit 1997
Sigmund-Freud-Preis

Vorstellungsrede

 

Vor zweieinhalb Jahren haben Sie mir den Sigmund-Freud-Preis zugesprochen, nun die Mitgliedschaft. Diese Doppelverurteilung macht es schwer, über alle freudige Verlegenheit hinaus mit der Frage hausieren zu gehen, ob ich ein würdiges Objekt sei – ich zöge damit die Kompetenz des Gerichtes in Zweifel. Insgeheim – als ein mit Musik und vornehmlich praktisch mit ihr Befaßter in Ihrem Kreise eine Randerscheinung – tue ich es dennoch. Im übrigen bin ich recht gut auf die Reize der Randexistenz trainiert, u.a. durch vielerlei lustvolle Grenzüberschreitungen zwischen der Begrifflichkeit des Wortes, den syntaktisch vorgegebenen diskursiven Nötigungen, und der begriffslosen, auf eigene Weise bestimmten wo nicht »vernünftigen« Sprache der Musik.
Ich stamme aus Weimar und kenne es ebenso als geistige wie als ungeistige Lebensform, als ein durch seine prominenten Bürger erhöhtes und überfordertes Städtchen, welches seit langem sich in der, neuerdings vollmundig übertönten, Verlegenheit befindet, von seiner Vergangenheit in der Gegenwart den rechten Gebrauch machen zu müssen. Dort habe ich als Zehnjähriger kurz vor Kriegsende Goethes Wohnhaus zusammensinken und das Theater brennen sehen, habe zusammen mit Buchenwald-Häftlingen Trümmer geräumt und Leichen ausgegraben, wenige Monate später, auf der Friedhofsmauer sitzend, die Amerikaner unter Hinterlassung eines vornehmen Duftgemischs aus Benzin, Desinfektionsmitteln und Chesterfield-Zigaretten abziehen und gleichzeitig über die Parallelstraße die Rote Armee großenteils auf Panjewagen, zu arg verstimmten Zieharmonikas singend, einziehen sehen – eine Zeit auch der Hoffnung und des Aufbruchs, in der ein kluger Weimarer meinte, den Deutschen sei nur zu helfen durch regelmäßigen Austausch der Besatzungsmächte. In Weimar, Jena und Leipzig habe ich bei bedeutenden Lehrern Violoncello, Musikwissenschaft, Germanistik und Romanistik studiert, in Leipzig im legendären Hörsaal 40 gesessen und – Herbst 1956 – bewegte, gefährliche Zeiten erlebt. Soweit es noch einer Traumatisierung des als »bürgerlich« Abgestempelten bedurfte, wurde sie durch Ernst Blochs Vertreibung von der Universität besorgt.
Schon der verordneten Ideologie wegen kam die als Hauptfach studierte Musikwissenschaft für den Beruf nicht in Frage; so trieb ich mich zuerst als Dramaturg, Repetitor, Cellist und Schauspielkomponist, später als Kapellmeister an etlichen Theatern herum, nach vier Stationen an der Dresdner Staatsoper, danach als Generalmusikdirektor in Weimar. Dem musikwissenschaftlichen Arbeiten, ergänzt u.a. durch Übersetzungen Grétrys und Rousseaus, ist der Rückzug aufs Hobby nicht schlecht bekommen, einige Behinderungen und Verbote haben mich geärgert und als Bestätigungen der real bestehenden Verhältnisse schwer belastet, nicht aber existentiell gefährdet. Ein Buch über Musik des Mittelalters ist gar »populär« geworden. Im übrigen hat der Zwang zu staatstragenden Verallgemeinerungen die opponierende Neugier mindestens in zwei Richtungen getrieben – ins genauere, vorurteilsfreie Bedenken recht vieler Vermittlungen menschlicher Lebens- und Aktivitätsbereiche und in die Versenkung ins Detail, als Neugier zumal auf jene Verankerungen des Allgemeinen im Besonderen, deren Schlüssigkeit mit der Eingrenzung ihrer Zuständigkeit zunimmt. Dies – ich rede speziell von musikalischer Analyse – ist vielem in der DDR Geschriebenen nicht übel angeschlagen, zumal es eines sensibilisierten Lesers sicher sein konnte.
Daß es, mich betreffend, nicht verborgen blieb, wurde dem Weimarer Generalmusikdirektor in einer Weise deutlich gemacht, welche den Bruch mit den scheinbar lebenslänglich verordneten Verhältnissen zur Frage der Selbstachtung machte. Nicht unbedingt übereinstimmend mit der Nähe zu einer heute falsch desavouierten Aufklärung von links konnte ich nicht zufällig finden, daß ich am ersten Abend in der damals anderen Welthälfte Fidelio zu dirigieren hatte und am folgenden Jahresende zehnmal die Neunte Sinfonie.
Dem Exodus folgten drei Nomadenjahre als Dirigent und als von Carl Dahlhaus so rasch wie entgegenkommend habilitierter Privatdozent, sodann zehn Jahre als Generalmusikdirektor in Wuppertal. Gegenwärtig unterrichte ich an der Musikhochschule in Freiburg und bin gastierend öfter unterwegs, als meinen Vorstellungen von bodenständiger, ein Orchester bzw. eine Stadt prägender Dirigentenverantwortung entspricht.
Der Abstand zu bestimmten Betriebsformen unseres Musiklebens, den Sie hieraus ersehen mögen, findet sich in meiner Schreiberei insofern wieder, als ich hier zuweilen glaube sicherstellen zu müssen, was ich dort zunehmend veruntreut sehe – immer im Bewußtsein, daß Schreiben nach Spielen und Anhören nur die drittbeste Art und Weise ist, mit Musik umzugehen. Eben dieser drittbesten haben Sie eine Legitimation zuteil werden lassen, welche mir zu danken und auf hoffentlich inspirierte Weise zu denken aufgibt – auch, wenn fundamentale Zweifel nun aus Höflichkeitsgründen untersagt sind.
Die anderen, motivierenden Zweifel sind ohnehin rege. Sollte ich mit denen einmal nicht haushalten können, bleibt mir als unseriöse Erklärungsmöglichkeit der Einladung zu Sprache und Dichtung immer noch, Spätwirkungen eines Ururgroßvaters zu unterstellen, welcher, Musterfall des erhöhten und überforderten Weimarers, in der Literaturgeschichte zaghaft die Position des ersten Trivial-Großschriftstellers deutscher Zunge behauptet. Glücklicherweise greift sein Erfolgskind Rinaldo Rinaldini, wenn Blütendüfte lind durch abendliche Gärten streichen und Rosa nicht fern ist, regelmäßig zur Laute.