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Paul Nizon

Paul Nizon

Schriftsteller
Geboren 19.12.1929
Mitglied seit 2011

Vorstellungsrede

 

Herr Präsident, meine Damen und Herren von der Akademie, sehr geehrte Anwesende,
in meinen Anfängen bezeichnete ich manchmal meine Schreibart als Blindschreiben und darüber hinaus als Aktionsprosa: action writing in Analogie zu action painting. Dazu eine Journaleintragung:

Ach, wie mich bei den Tachisten die subtile Befleckung der leeren Leinwand und dann das Kontinentwerden, die Inselgeburten, die wunderbaren Farbrauschkräfte und sensiblen Nuancierungen ergriffen haben. Weil es mir zutiefst entsprach. Geburt der Schönheit aus dem Bade des Nichts. Selbstwerdung auf Papier und Leinwand. Wahrheit im Gekräusel oder Schaume. Vorführung von Genesis ohne Ende. Wahrlich ohne Fabel und Faden – ICH.

Mein Vater kam aus Russland, meine Mutter war Bernerin. Eine Tante und eine Großtante lebten in Paris. Meine Schwester ist durch Heirat Italienerin geworden. Ich bin in Bern unter italienischen und spanischen Kindern aufgewachsen. Ich hatte eine Deutsche, eine Zürcherin und eine Französin zur Frau. Meine Kinder stammen von einer deutschen und einer französischen Mutter. Meine Tochter ist vor Jahren aus San Francisco in die Schweiz zu ruckgekehrt, mit einem Ehemann russischer Herkunft und amerikanischer Staatsangehörigkeit. Vorher lebte sie als eingeheiratete Engländerin in London, wo sich die Gräber meiner russischen Großeltern befinden sollen. lch selber verstehe mich als Pariser Schriftsteller deutscher Sprache mit Schweizer Pass.
Aber im Grunde gehöre ich einfach der Republik Nizon an – irgendwie habe ich mich immer ein wenig als ein nicht ganz Dazugehöriger gefühlt. Ich will damit sagen, dass ich meine eigene Erfindung bin.
Woraus ich gemacht bin?
Aus bernischem Stein und dem ländlich Schonen von damals. Aus der Anschauung kleinbürgerlicher Magermilch und früher Lebensenttäuschung.
Aus russischer Seele. Aus deutschem Idealismus und deutscher Romantik. Aus der Hetäre Rom und der Pariser Kurtisane...Aus meinen Hunden...
So der Anfang einer genealogischen Skizze. Ich mochte diesen Sätzen einer Selbstcharakterisierung hinzufugen, dass ich mich gerne als geborenen Schriftsteller deklariere, einfach darum, weil ich keinen anderen Weg für mich sah und das Verschriftlichen von allem und jedem mich gepackt hatte. Der nicht geschriebene Tag war kein Tag. Trotzdem habe ich studiert, Kunstgeschichte, und über van Gogh promoviert. Und bis 1972 Kunstkritiken verfasst. Um das Auge zu schulen, um sehen zu lernen. Denn meine erste Schwäche war Musik, Musik bis zum Ertrinken. In meinen Frankfurter Poetikvorlesungen stelle ich mich als .vorbeistationierenden Autobiographie-Fiktionär. dar und betone: Ich bin ein Sprachmensch, kein Inhalteverteiler, kein Verpackungsathlet. Und in kleinerem Kreise habe ich gelegentlich behauptet: Ich hoffe, auch ohne die Hilfsdienste der Akademien ins Himmelreich der Literatur zu gelangen. Doch das ist jetzt vorbei. Wenn ich mir auch des Himmelreichs nicht mehr so sicher bin. Ich danke Ihnen für die Ehre meiner Zuwahl.