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Michael Hagner

Michael Hagner

Wissenschaftshistoriker und Mediziner
Geboren 29.1.1960
Mitglied seit 2009
Sigmund-Freud-Preis

Vorstellungsrede

 
»Geboren am 25.10.1929 [...] in Dortmund. Die Stadt soll ruhig mal was springen lassen.« Mit diesen Sätzen eröffnete Peter Rühmkorf 1972 seine Anfälle und Erinnerungen, die den schönen Titel tragen: Die Jahre die Ihr kennt. Nur verstanden habe ich das nicht, als ich es einige Jahre später las. Wieso sollte Dortmund was springen lassen? Ich dachte eher: Der soll doch froh sein, dass er da frühzeitig wieder weggekommen ist. Im Gegensatz zu mir, der dort aufgewachsen war und Ende der siebziger Jahre, nach dem Abitur, dringend weg wollte. Rückblickend war Dortmund gar nicht so schlecht. Von den roaring sixties habe ich begreiflicherweise nicht allzu viel mitbekommen, aber in diesen Jahren hatte die Stadt noch ziemlich viele Leerflächen und hier und da sogar abgesperrte Ruinen. Nicht, dass wir gewusst hätten, was der Grund dafür war, aber diese Flächen boten hinreichend Platz zum Spielen. Das war mitten in der Stadt und lud zu ausgiebigen Erkundungen ein. Mit den Jahren wurden die Räume etwas enger, also gingen wir auf die gepflegte Wiese gegenüber dem neuen Stadttheater, um Fußball zu spielen, und wenn der Ball wieder einmal in den Blumenrabatten landete, schimpften die alten Damen, die auf der Parkbank saßen, aber damit konnten wir umgehen – und die alten Damen auch. Kurzum: Dortmund war nicht anspruchsvoll, stellte keine besonderen Anforderungen und ließ einen mehr oder weniger in Ruhe, und das kam mir zugute, denn ich konnte mich nach Kräften austoben, bis ich dann irgend-wann genug hatte. Da waren die sechziger Jahre schon längst vorbei, und in den Siebzigern, diesem ziemlich schlecht beleumundeten Jahrzehnt, begann ich zu mir zu kommen. Ist es heute noch vorstellbar, dass in der Schule Reich, Lenin, Kierkegaard, und, jawohl, Carl Schmitt gelesen wurden? Über Letzteren haben wir mit unserem Lehrer erbitterte Diskussionen geführt, als wir spitzbekamen, um was für einen Maulwurf es sich da handelte. Und wir fanden es schnell heraus, 1977, in dem Oberstufenkurs »Philosophie des Krieges«. Dieser Philosophielehrer, der uns das alles zumutete, sei gepriesen. Ich habe keinerlei Nostalgie für das alte Gymnasium, aber es wäre fahrlässig, wollte ich die pädagogische Zivilcourage ignorieren, die mir klarmachte, dass es um die Bildung und Verteidigung von Standpunkten und Argumenten geht. Das war Dortmund, und nach einem rheinischen Interludium kam Berlin. Westberlin 1980 konnte tatsächlich so aussehen wie auf den Bildern des wunderbaren Fotografen Michael Schmidt, aber es gab auch Dahlem und die Freie Universität. Ich ging mit einer familiären Postkarte nach Berlin, auf der stand: Wer in Berlin studiert, ist für anspruchsvolle Berufe und gar die Wissenschaft verloren, denn dort lernt man vor allem Nichtstun und Demonstrieren. Das war mir egal, und unter anderen Vorzeichen wiederholte sich in Berlin das, was ich schon in Dortmund erlebt hatte. Die Stadt bot unglaublich viel, aber gleichzeitig zeigte sie eine grandiose Gleichgültigkeit; sie wollte – anders als Paris oder Wien – nicht schmeicheln, nicht gefallen oder charmieren, sie war einfach da und ließ mir, wiederum, die Ruhe und die Freiheit, das zu tun oder zu lassen, was mir richtig erschien. Ich idealisiere meine Studentenzeit nicht, und doch: Student zu sein hatte für mich den Vorteil, die Lehrveranstaltungen zu besuchen, die mich interessierten, insbesondere die enigmatischen Seminare bei Jacob Taubes. Mein Medizinstudium wollte ich so schnell wie möglich über die Bühne bringen, und das tat ich auch. Schade, denn zweifellos hätte es mir gutgetan, ein Jahr in Paris oder Boston zu verbringen, aber Student wollte ich nur solange wie unbedingt nötig bleiben. Als ich mich im Frühjahr 1986 auf mein Staatsexamen in Medizin vorbereitete, konnte ich mir nur eines nicht vorstellen: wenige Wochen später als Arzt im Krankenhaus zu arbeiten. Da ich für einen Glauben an Destination nur in solchen Momenten etwas empfänglich bin, in denen ich mich nicht entscheiden kann, nahm ich es als glückliche Fügung, dass mich mein Doktorvater fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei ihm in einer sinnesphysiologischen Forschungsgruppe mitzuarbeiten. Ich hatte, und also bezog ich eine kleine Ecke im Labor des Physiologischen Instituts der FU. Trotz der experimentellen Arbeit schaffte ich es irgendwie, meine Dissertation schnell zu beenden. Das war nicht ganz einfach, denn hinter dem für Doktorarbeiten angemessenen Titel »Zur Geschichte vom Licht im Auge und der Physiologie des Druckphosphens im Verhältnis zu den jeweils zeitgenössischen Sehtheorien« verbarg sich eine Studie, die den Zeitraum von den Vorsokratikern bis zum 18. Jahrhundert zu umspannen versuchte. Ich habe erst später gelernt, dass solche Werke »von Plato bis Nato« in der Wissenschaftsgeschichte längst ausgemustert worden waren. Dass ich nicht der Versuchung erlag, gleich ein Lebenswerk daraus zu machen, hing mit meinen Erfahrungen im Labor zusammen, denn ich merkte schnell, dass ohne einen gewissen Pragmatismus gar nichts funktionierte. Zu diesem Pragmatismus gehörte auch das Wissen darum, wann man aufzuhören hat. Und das habe ich jetzt auch vor. Der Rest wäre im Übrigen schnell erzählt, denn er bietet mehr oder weniger den Stoff, der heutzutage als Homepage-Prosa geläufig ist. Deswegen: Geboren am 29.01.1960 in Bochum, danke ich dieser Akademie schon zum zweiten Mal, jetzt für die mich bewegende Ehre, mich als ihr Mitglied verstehen zu dürfen.