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Markus Werner

Markus Werner

Schriftsteller
Geboren 27.12.1944
Gestorben 3.7.2016
Mitglied seit 2001

Vorstellungsrede

 

Herr Präsident, meine Damen und Herren,
geteilte Pein ist halbe Pein, und so wird die meinige durch den Umstand gelindert, daß sich jede und jeder von ihnen ja auch einmal der ziemlich beschwerlichen Pflicht hat entledigen müssen, sich selbst zu präsentieren, das heißt den Augen und Ohren jener geschlossenen und eher einschüchternden Gesellschaft auszusetzen, die dem Initianden vor seiner endgültigen Aufnahme ritusgemäß eine Mutprobe abverlangt. Es ist mir immer schwergefallen, mich vorzustellen, mich zu definieren oder zu curricularisieren, sei es, weil mein äußerer Lebensgang so blamabel unspektakulär ist, sei es, weil meine Eigenkenntnis zu lückenhaft scheint, als daß ich es wagen dürfte, sie steckbrieflich zu verwerten. Meine letzte explizite Selbstdarstellung liegt denn auch 18 Jahre zurück: Damals, im Frühjahr 1984, erbat sich mein Verlag für das Programmheft, in dem mein Erstling angekündigt wurde, ein kleines schriftliches Porträt von mir. Ich habe es aus dem heutigen Anlaß wieder ausgegraben und mit Erstaunen festgestellt, daß ich doch einiges über mich wußte und mir sogar erschreckend ähnlich geblieben bin. Ich zitiere die Zeilen:

Eichhörnchen, Birken und freundliche Nächte sagen mir zu. Ich bestaune jeden, der sich knitterfrei kleidet. Schnee läßt mich kalt. Ich bin Schweizer. Strammes vergelte ich mit Hühnerhaut. Einst wollte ich Jäger werden, nun bin ich Lehrer, was sonst. Schön ist ein lautloses Frühstück. Ich rauche, schreibe stockend, wohne ländlich. Dem Weltgeschehen schenk ich Interesse und Wut, aber ich glaube, es pfeift drauf. Gern wäre ich länger, runder und eine Spur beschwingter. Ich frage mich, was man sonst noch über mich wissen wollen könnte.

An diesem etwas trotzig aquarellierten Bildchen gibt es heute, wie gesagt, nur weniges zu übermalen. Nicht einmal runder bin ich geworden, obwohl das doch machbar sein sollte. Und was das stockende Schreiben angeht: es ist trotz aller Praxis über die Jahre hinweg eine Konstante geblieben, eine von mir oft verwünschte, die Produktivität sehr drosselnde Eigenheit. ‒ Stabil geblieben ist auch meine Zuneigung für Eichhörnchen und Birken, aber ich freue mich sagen zu dürfen, daß ich wenigstens nicht mehr Lehrer bin. Seit 12 Jahren nicht mehr. Je länger ich nämlich selber schrieb und also auch erdulden mußte, was über mein Geschriebenes geäußert wurde, um so obsoleter wurde mir, dem damaligen Deutschlehrer am Gymnasium Schaffhausen, der interpretierende und wertende Umgang mit Texten. Und es gelang mir immer weniger, am Tag über Literatur zu reden und abends welche herzustellen. Die eine Verrichtung machte mir die andere, statt sie zu befruchten, so madig, daß ich mich nach dem Erscheinen meines dritten Buchs dazu entschloß, das Lager ganz zu wechseln. Aber in die Anmeldeformulare der Hotels trage ich mich bis heute als »Lehrer« ein, und zwar nicht aus pädagogischem Heimweh, sondern aus Scheu, eine Berufsbezeichnung in Anspruch zu nehmen, die nicht geschützt ist wie ein akademischer Titel, wohl aber nobilitiert durch die Bewundernswerten aller Zeiten.
Mäßige Selbstgewißheit und eher unmäßige Zweifel an dem, was ich tue: auch das sind Konstanten. Um so verwirrender und beschwingender ist es für mich, mein Tun durch ein Gremium gebilligt zu sehn, auf dessen geballte Urteilskraft man guten Glaubens, zumindest guten Muts vertrauen darf. Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sehr herzlich für den Ritterschlag.