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Marisa Siguan

Marisa Siguan

Germanistin, Kritikerin und Übersetzerin
Geboren 17.9.1954
Mitglied seit 2013

Vorstellungsrede

 

Sehr verehrter Herr Präsident,
Mitglieder und Freunde der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, meine Damen und Herren,
erstaunt und sehr erfreut stehe ich vor Ihnen um mich vorzustellen, erstaunt darüber, dass ich Gelegenheit habe hier zu stehen, und sehr erfreut und geehrt über meine Zuwahl als korrespondierendes Mitglied der Akademie.
Vielleicht sollte ich als Erstes über mich sagen, dass ich in drei Sprachen aufgewachsen bin und dass ich das als ein großes Glück empfinde. Ich wurde am 17. September 1954 in Madrid geboren, meine Mutter ist Deutsche, mein Vater war Spanier, konkreter: Katalane. Wir lebten in Madrid, Deutsch und Spanisch sind meine Muttersprachen, das Katalanische kam später hinzu, und da meine Neugierde für Sprachen groß ist, kamen noch weitere hinzu. Unsere Literaturlehrerin in der Schule fragte einmal nach der Bedeutung eines sehr schönen Verspaares von Rafael Alberti in Marinero en tierra (Zu Lande, zu Wasser), es lautet: »El mar. La mar. / El mar ¡Sólo la mar!«. Es schien mir selbstverständlich, dass man sich eine solche Frage stellt und dass es, wenn man sich nach dem Meer sehnt, la mar sein muss: Denn von la mar sprachen auch die Fischer am Meer auf Ibiza, wo ich die langen Sommer der Kindheit verbrachte, wenn sie am frühen Morgen an Land kamen und die Fische verkauften, die man dann an einem langen Grashalm hängend, den man um den Finger wickelte, nach Hause brachte. Sie sprachen eine katalanische Sprachvariante der Balearen, und es war für mich offensichtlich, dass ich in la mar schwamm, und la mar war Licht und Blau und Sommer, im Winter Hoffnung auf Sommer und Ahnung davon. Dann gab es natürlich auch das Meer, aber das kam lange Zeit nur in den Büchern vor, faszinierend und unbekannt; ich war erst mit 17 Jahren zum ersten Mal in Deutschland, und zwar in München, so dass ich es auch dann nicht gesehen habe: das Meer musste ganz anders als la mar sein. Und natürlich gab es gleichzeitig die Sonne und el sol, den Mond und la luna: je nachdem, konnte man das eine oder das andere wählen, und man konnte sogar von einer Sprache in die andere übertragen und damit spielen: zum Beispiel werden Babysitter auf Spanisch canguros, Känguruhs, genannt, und man konnte dann auf Deutsch über das kranke Känguruh klagen, das nicht kommen konnte, was unter Deutschen allgemeine Bestürzung auslöste.
Gelesen habe ich schon immer alles, was mir unter die Augen kam. Beim Lesen entschied ich, ob das Weiterlesen lohnte: Meistens tat es das, wobei einiges besonders beeindruckend war. Ich glaube, ich habe nie wieder so hingegeben und sozusagen »von der Hand in den Mund« gelesen wie in meiner Pubertät. Bei meiner Entdeckung der Lyrik gingen Juan Ramón Jiménez, Antonio Machado und Rafael Alberti parallel mit Georg Trakl und Bertolt Brecht. Für den Roman war Thomas Manns Zauberberg ein Erlebnis, an das ich mich noch gut erinnere, obwohl ich mich jetzt frage, was ich damals überhaupt davon verstehen konnte. Ebenso der Quijote, Tolstoi und Dostojewski, Die Blechtrommel und Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, alles bunt durcheinander und gleich nach der Lektüre von Winnetou kommend. Dass ich Hispanistik und Germanistik studierte, ist insofern kein Wunder und auch nicht, dass ich mich für Themen interessierte, die beide in Verbindung brachten, also komparatistische oder auch rezeptionsästhetische. Dem entsprechen viele meiner Arbeiten.
Ich fand es faszinierend zu erforschen, wie gerade die Übersetzertätigkeit und die Werke aus anderen Traditionen in der Konstituierung von Nationalliteraturen eine wichtige Rolle spielen, so zum Beispiel nordische Autoren (Ibsen, Hauptmann, Sudermann, Wagner, Nietzsche) in der spanischen und in der katalanischen Jahrhundertwende um 1900 oder die Literatur des spanischen Barock in der deutschen Romantik. Im Franco-Spanien wurde das nationale Bewusstsein ad nauseam propagiert, was mich sehr allergisch gegen Nationalismen jeder Art gemacht hat. Die Tatsache, dass das Katalanische, das mein Vater mit seinen Schwestern und verschiedene meiner Freunde im Elternhaus sprachen, eigentlich verboten war, so dass man es nicht in der Schule sprechen oder gar lernen konnte, hat mich auch allergisch gegenüber der Idee gemacht, dass ein Land sich durch eine einzige Sprache definiere. Identitätskonstruktionen in der Literatur in multikulturellen Situationen interessieren mich, autobiographisch bedingt, ganz besonders: Sprachen können problemlos zusammenleben und von Kindheit an positiv erlebt werden, vorausgesetzt die Sprecher der Sprachen stehen in einem gleichwertigen Verhältnis zueinander, vorausgesetzt die Sprachen und Kulturen werden als gleichberechtigt angesehen.
Wir lernten in der Schule eine offizielle Geschichte, die nicht mit dem Wenigen im Einklang war, was ich zu Hause und von meinem Vater hörte, insofern habe ich mich sehr früh schon auch für Geschichte interessiert, wollte wissen, was eigentlich war, und habe gelernt diachronisch zu denken und Perspektiven gegeneinanderzusetzen, habe auch selber an einer Geschichte der deutschsprachigen Literatur mitgeschrieben, was einen zur Bescheidenheit erzieht, weil man dauernd mit dem Bewusstsein des eigenen Ungenügens und Unwissens konfrontiert wird.
Ich stamme aus einer Lehrerfamilie und lehre selber weiterhin sehr gern. Ich werde dabei in meinen Zielen immer bescheidener: Mein Wunsch (und mein Vorsatz) ist, dass es mir gelingt, die Lust am Lesen zu erwecken, und zwar am radikalen Lesen, mit offenen Augen und allen Poren und allen Sinnen, und das Lesen mit dem Leben in Verbindung zu setzen, mit dem, was man sonst nicht sagt, was man anders nicht sagen kann, über das Leben, über die Zeit, über die Welt. Das versuche ich nicht nur über die Universität und meinen Lehrstuhl zu vermitteln, sondern auch über Zeitungen, für die ich Rezensionen über Literatur schreibe oder auch über das Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB), in dem ich tätig bin mit Vorträgen über deutschsprachige Literatur für interessierte Leser. Die Goethegesellschaft, die ich in Spanien gegründet habe, ist eigentlich eine Gesellschaft für deutschsprachige Literatur und widmet sich, von der deutschen Klassik ausgehend, Themen der Moderne.
Ich habe Geschichte als Diktatur, als langsamen Prozess der Demokratisierung und auch als unbewältigte Vergangenheit erlebt. Dem entspricht mein Interesse an literarischen Dokumenten, die von der Gewalt der deutschen und europäischen Dikaturen handeln; von den Menschen, die diese Gewalt erlitten haben: als Zeugen, als sensible Beobachter oder auch als einfühlsame Kommentatoren des Geschehenen, und zugleich als Schöpfer einer Sprache, die aus unermesslichem Schmerz hervorgeht. Diesem Thema habe ich mein letztes Buch gewidmet. Dass ich darin über einige Autoren schreibe, die auch Mitglieder dieser Akademie sind, ehrt und beeindruckt mich sehr: Jean Améry, der seine Vorstellungsrede nicht halten konnte und den ich ins Spanische übersetzt habe, seine Biographin und Herausgeberin Irène Heidelberger–Leonard, Imre Kertész, Ruth Klüger und, unter einer anderen Diktatur und Gewalt, Herta Müller.
Ich habe das Glück, einen Beruf auszuüben, dem ich sehr gerne nachgehe und mit dem ich deutschsprachige Literatur in Spanien vermitteln kann und hoffentlich auch etwas von der spanischsprachigen in meinen deutschen Schriften. Ich lebe ein deutsches und ein spanisches Leben, oder vielleicht sollte ich sagen, ein deutschspanisches, denn ich bin oft und gern in Deutschland. Ich freue mich sehr über die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, über die Chance zu Begegnung und Gespräch mit Ihnen allen.
Ich danke Ihnen sehr!