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Klaus Reichert

Klaus Reichert

Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Lyriker
Geboren 22.5.1938
Mitglied seit 1995

Vorstellungsrede

 

Das Wort »eigentlich« läßt sich eigentlich nicht übersetzen. Nicht weil es einen so tiefen und schwerzufassenden Sinn hätte, sondern weil es eigentlich gar keinen hat, obwohl wir doch genau verstehen, was es meint. Es ist ein zu deutsches Wort. »Eigentlich wollte ich Gärtner oder Entdeckungsreisender werden« – das ist ein grammatischer Beispielsatz, aber wenn ich es geworden wäre, stünde ich jetzt vermutlich nicht vor Ihnen. »Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch« – dieses Kafka-Zitat verdanke ich Fritz Senn, mit dem mich eine bald vierzigjährige Joyce-Freundschaft verbindet, dem verpflichtet, das oder der sich eigentlich nicht übersetzen läßt – und gerade darum etwas, das einen nicht losließ und – läßt. Kann man »eigentlich« steigern? Offenbar schon, und Kafka verstärkt es noch durch »noch«, wodurch das erste »eigentlich« eigentlich auch, von hinten her, zu einem Komparativ wird, das heißt, eigentlich kommt der ganze Satz ins Rutschen und macht gewahr, daß »eigentlich« keinen eigentlichen Sinn hat. Es gibt Meister des Eigentlich – nicht des Eigentlichen – in diesem Sinn, der kaum merklichen, grenzverwischenden Verrückung. Günter Eich zum Beispiel, der ein Gedicht schrieb mit dem Titel »Eigentlich Griechenmüller«.
Warum ich mich mit diesem Verwirrspiel bei Ihnen einführe? Eigentlich will ich nur zeigen, daß Wörter um so fremder werden, je länger man auf sie hinschaut, hinhört, und zwar gerade die geläufigsten, dahingesagtesten, wenn Sie mir diesen Schnitzer erlauben. Gertrude Stein wußte ein Lied davon zu singen. Und hinschauen, hinhören, das ist mein Beruf.
Als ich anfing zu übersetzen, vor bald vierzig Jahren, war ich des Englischen so weit mächtig, daß ich nur gelegentlich ein Wort nachzuschlagen brauchte. Heute schlage ich fast jedes zweite nach, und gerade die geläufigsten am häufigsten. Als ich anfing, mich mit Shakespeare intensiv zu beschäftigen, vor bald dreißig Jahren, wußte ich recht schnell – die Philologen und Historiker hatten ja ganze Arbeit geleistet –, wie die Deutungen und Deutungsüberschüsse auszusehen hatten. Heute weiß ich es nicht mehr, und auch die vielen von Fortuna oder der Beständigkeit des Wechsels geleiteten Umwege durch die Nachbardisziplinen haben meine Ortskenntnisse nicht eigentlich erhöht. Mit welchem Wort auf den Lippen stirbt eigentlich Hamlet: »The rest is silence« oder, wie es in der First Folio heißt, »The rest is silence. O, o, o, o«? Man mag sich in Frankfurt ein ganzes Renaissance-Institut auf dem Kontinent Shakespeare errichten und liest doch einen vor zwei Jahren zuletzt gelesenen Hamlet wie ein ganz neues Stück. Das hat natürlich mit dem zu tun, was dazwischen passiert ist: zum Beispiel dem Edieren von Virginia Woolf mit ihren ständigen Blickwechseln, zum Beispiel dem Unterrichten der »minimal music« eines Samuel Beckett, zum Beispiel der Arbeit mit John Cage, zum Beispiel der Lektüre des letzten Buches von Friederike Mayröcker und ihren zerstochenen Worträndern. Sie alle haben Wirklichkeiten geschaffen, die nicht mehr weggedacht werden können und aus denen alles Gewesene – Shakespeare, Dante – verändert neu entsteht. Die Kraft, die Vergangenheit umzuschreiben, haben außer den großen Katastrophen nur die Künstler, und ich rechne die Philosophen hier dazu.
Sie merken, die Rollen des Forschers, des Übersetzers, des Literaten lassen sich – ohne eigentlich – nicht voneinander trennen, schon gar nicht gegeneinander ausspielen, denn sie bedingen einander. Alle drei lassen sich auf die Nenner bringen: Neugier und Aufmerksamkeit, und diese beiden wiederum auf den einen: Liebe. Sie merken, wie sich Aufklärerisches und Mystisches mischen, aber es gab Zeiten – in meinem 17. Jahrhundert zum Beispiel –, da waren das keine feindlichen Brüder. Und wie wir heute von der Hirnforschung wissen, gibt es keine Rationalität ohne Liebe – oder trockener gesagt –: ohne Emotionalität. Die das zusammendenken, zusammenfühlen, zusammenhören sind aber die Künstler. Von ihnen können die Forscher, wenn sie gleichsam vegetativ offen geblieben sind, mehr lernen als von ihren Kollegen. Bevor ich nun aber doch zur Eigentlichkeit hinüberwechsle, trete ich ab und danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir durch die Aufnahme in Ihre Akademie, die glücklicherweise keine im eigentlichen Sinne ist, haben zuteil werden lassen.