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Kerstin Preiwuß

Kerstin Preiwuß

Schriftstellerin
Geboren 21.11.1980
Mitglied seit 2021
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Vorstellungsrede

 

Sehr geehrte Damen und Herren der Akademie,

Sie wünschen, dass ich mich vorstelle, das möchte ich am liebsten vermeiden. Aber sogar das hat an dieser Stelle jemand schon sehr viel besser getan, indem er die Zuschreibungen aufzählte, aus denen er in den Augen anderer bestand. Grund dazu hatte er, und das unterscheidet ihn von mir, ist er doch aus einem Land ausgezogen, das nur während meiner Kindheit bestand. Immerhin bin ich mit seiner Sprache bekannt.

Ich war mal im völligen Einvernehmen mit der Landschaft, aus der ich stamme, das ist die der mecklenburgischen Seenplatte. Aber ich kehre nicht in sie zurück. Man kann das einen Mangel an Selbstvertrauen nennen, oder Urvertrauen. Es ist immer beides. Ich lief dort den Ufersaum ab und dachte mir Lieder aus, grub Fossilien aus Sandwegen oder las „Vom Freiheitskampf des Roten Mannes“ von Miloslav Stingl, was zur Folge hatte, dass dieses neben Speibl und Hurvínek über das Nachbarland eingespeiste Wissen noch in meiner Zeugnisbeurteilung der dritten Klasse auftauchte, als man mir wegen meiner Kenntnisse in Indianistik ein ausgezeichnetes Gedächtnis bescheinigte. Daneben griechische Sagen, das waren die Blockbuster meiner Kindheit.

Ich wuchs auf in einem gescheiterten Staat, das macht vielleicht bis heute, dass ich mir meines Wissens nicht sicher bin. Das erste Lexikon, das mir die Welt erklärte, brauchte ich dafür nur zu analysieren. Ich las es als junge Erwachsene zum Abschluss meines Studiums, bis es gläsern wurde und ich anhand seiner Struktur die Gitter zu erkennen vermochte, die mir damals als „Bildung und Erziehung“ vermittelt wurden. Das war vor allem eine Tendenz zur Uniformierung in Form von Rangabzeichen, Fahnen und Orden sowie Schlagwörtern zur Verteidigung des Friedens, was wohl auch dazu führte, dass ich als Kind den einzigen sowjetischen Soldaten, den ich jemals am Rostocker Hauptbahnhof zu sehen bekam, hemmungslos bewunderte. Danach wurde ich beschenkt von einer Revolution, die es mir ermöglichte, ein Leben nach meinem Ermessen zu führen.

Der Kompass zeigte von der Zone nach Westen, allein schon aus Neugier, was dazu führte, dass ich erst während eines einjährigen Aufenthaltes in der Provence in der Bibliothek einer ehemaligen Zigarettenfabrik zufällig auf Gedichte Johannes Bobrowskis stieß und ab dann ansetzte zu einer Rekultivierung meiner östlichen Bewusstseinshälfte. Ich wollte schlicht begreifen, warum mir Paris immer näher als Warschau erschien und ging dem nicht nur lesend nach, sondern auch über Begegnungen mit polnischen und ostdeutschen Dissidenten und Franzosen, Polen, Ukrainern meiner Generation, schließlich, in den letzten Jahren über deutsch-ukrainische Schriftstellertreffen. Das ist so geblieben und ich werde nicht müde, diese Erfahrung hervorzuheben.

Ich habe daneben ein paar Gedichtbände geschrieben und zwei Romane, eine Dissertation über Namen und ein Buch über Satzzeichen und kleine Wörter.

Ich mag Redewendungen. Mit ihnen lassen sich auch jenseits der begrifflichen Ebene Gewissheiten in Frage stellen, ohne das Gespräch abzubrechen.

Ich suche gern nach den unbesetzten Seiten einer Metapher. Ich suche mit Hingabe nach ungewohnten Zusammenhängen. Ich versuche, gegen die eigene Pfadabhängigkeit anzuschreiben. Mich interessiert, was vor der Sprache geschieht. Was knapp unterhalb der Bewusstseinsschwelle denkbar ist. Wo Einstellungen zementiert werden und sich Gefühle binden. Ideologie sich in ihr Nestchen legt.

Was noch, wenn nicht auf die zwei, drei Theorien hinweisen, mit denen man, nachdem sie einem begegnet sind, lebenslang Umgang pflegt, das sind der Strukturalismus Jakobsons, die Zeichentheorie nach Peirce und, in der Praxis, die Deixis.

Doch im Grunde möchte nur an meiner Quelle sitzen bleiben und unaufhörlich schweigen. Warum dann dieses Schreiben? Nur zwei Laute, die sich ändern, nicht mal Vokale. Die ursprünglichen Sätze kommen immer erst hinterher, deswegen schreibe ich sie wohl auf, um sie einzuholen, um Achill und die Schildkröte zugleich sein zu können, und so halte ich es auch mit meinen Ansichten, denn Wissen kann man erwerben. Zum Begreifen aber braucht es Zeit. Ich musste einiges begreifen in meinem Leben, aber ich will noch mehr davon.

Was kommt zum Schluss. Vielleicht habe ich ein langweiliges Streben gelebt. Ich möchte gern, dass an der Stelle von langweilig später langwellig steht. Langwellig, das heißt ausgehend von der Eruption, welche Gestalt sie auch immer wieder annimmt, konzentriert, regelmäßig, ruhig.

Ich sollte einmal ganz am Anfang vermieden werden. Ich wurde nicht vermieden. Das war eine Entscheidung statt einer Erwartung. Ich weiß darum, dass die Worte wie die Haut auf einem tiefen Wasser sind und es in Schichten kälter wird. Das wusste ich auch schon durch meine zehnjährige Saisonarbeit als Rettungsschwimmerin, mit der ich ehrenamtlich meine Jugend überstand. Vor der Schrift habe ich vieles mit links gemacht, aber von selbst mit rechts zu schreiben begonnen. Einmal brach ich mir als Kind das rechte Handgelenk und stellte ab dann für immer mein Tischtennisspiel von rechts auf links um. Mein Sprachbewusstsein und mein Sprachgefühl gebrauche ich beidhändig.

Ich kann kaum glauben, dass Sie mich aufnehmen.
Ich danke Ihnen sehr dafür.