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Karl Heinz Bohrer

Karl Heinz Bohrer

Literaturwissenschaftler und Journalist
Geboren 26.9.1932
Mitglied seit 2011
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

 
Meine Damen und Herren,

meine Geburtsstadt ist Köln, wo meine väterliche Familie seit Beginn des 19. Jahrhunderts lebte, nachdem sie während der Französischen Revolution ihre Heimat Besançon verlassen musste, um den Jakobinern der Stadt zu entgehen. Von daher eine spezifisch girondistische, sprich liberal-staatsskeptische Tradition in der Familie. Mütterlicherseits stamme ich ebenfalls aus dem Linksrheinischen nahe der belgischen Grenze, samt eines irischen Großvaters.
Daraus erklärt sich vielleicht eine früh gefühlte Neigung zum europäischen Westen, so westlich wie möglich. Privat habe ich mehr oder weniger seit meinem 42. Lebensjahr abwechselnd in Frankreich und England, Paris und der Normandie, London und Wales gelebt. Allerdings spreche ich im Unterschied zu meinen Vorfahren die Sprachen beider Nationen nicht gut, was den Umgang mit den Einwohnern begrenzt und wodurch ein Gefühl der Fremdheit nie aufhört. Wohl auch deshalb, weil meine fünfzehnjährige Pariser Zeit unterbrochen wurde durch die halbwöchentliche Semesterpräsenz an meiner Universität Bielefeld und gelegentlichen Fahrten zu der Redaktion der Zeitschrift Merkur in München oder Berlin.
Diese beiden beruflichen Engagements wurden wohl nachdrücklich beeinflusst durch meine Schulzeit 1947 bis 1953 im humanistischen Gymnasium Internatsschule Birklehof, damals von Georg Picht geleitet. Obwohl mir Picht durch Selbstgefälligkeit eine tiefgehende Distanz gegenüber Philosophen, jedenfalls den platonisch-idealistischen, einpflanzte, erweckte die ansonsten inspirierende Zeit im Schwarzwald ein anhaltendes Interesse für die schöne Literatur, vor allem Drama und Lyrik.
Und so entschied ich mich nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Soziologie in Göttingen und Heidelberg bei Wolfgang Kayser, Albrecht Schöne, Arthur Henkel, Helmut Plessner, Reinhard Wittram und Alfred Heuß für die Literaturkritik, die ich dank Karl Korn in der Rolle des Verantwortlichen für das Literaturblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach meinem 35. Lebensjahr auf dem Höhepunkt der 68er Revolte betreiben konnte. Das war die Hochzeit einer neuen Literatur und ihrer Kritik, sei es der französische nouveau roman, sei es eine subversiv-ironische amerikanische Epik nach William Faulkner.
Schon vor meiner Krise mit den Herausgebern der FAZ, namentlich Joachim Fest, kam mir der Entschluss, für literaturkritische Urteile genauere theoretische Gründe zu finden: Und so kam es, dass ich nach für mich einflussreichen Jahren als Kulturkorrespondent in London, wo ich meine Habilitation zu Ende schrieb, seit 1982 einerseits an der Universität Bielefeld, damals bestückt mit so originellen Geistern wie Harald Weinrich, Reinhart Koselleck, Hartmut von Hentig und Niklas Luhmann, über Romantik und klassische Moderne lehrte, andererseits mir als neuer Herausgeber für den Merkur Gedanken machte, für den ich seit einiger Zeit, aufgefordert von Hans Paeschke, Essays geschrieben hatte. Diese hatten mich auf die Spur des französischen Surrealismus und dessen, was ich »Ästhetik des Schreckens« nannte, gebracht, für die ich fortan Erklärungen suchte.
Was mich an der Universität und dem Merkur so überaus fesselte, war nicht bloß die Möglichkeit, innovative Themen aufzuwerfen, nicht zuletzt im Kontext zu der sich damals recht bräsig verbreitenden sozialemphatischen Atmosphäre und dem Milieu in akademischen Zirkeln, besonders an der Reformuniversität Bielefeld. Es war vor allem dies: Ich empfand trotz meiner tiefen Distanz zu alldem die Universität als den Ort gegen das Banale, genauer: Theoriearbeit, so ging mir auf, war nichts anderes als eine besonders radikale Form der Phantasie. Auch den Merkur stellte ich unter das Motto »Erfindung, nicht Information«. Ich meinte damit: Eine Zeitschrift muss etwas wollen, was noch nicht allgemein schon diskutiert wird, d. h. nicht das schon Bekannte nur intelligent analysieren. So wie die »Geisteswissenschaften« nicht »Anschlüsse« suchen sollten – wie der Terminus technicus es will –, sondern die Differenz. Seit 2003 gehe ich unter diesem Gesichtspunkt an der Universität Stanford einmal im Jahr mit meinen amerikanischen und europäischen Studenten meinen und ihren Fragen nach.