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Karl Dedecius

Karl Dedecius

Übersetzer
Geboren 20.5.1921
Gestorben 26.2.2016
Mitglied seit 1977
Johann-Heinrich-Voß-Preis

Vorstellungsrede

 

Meine Damen und Herren, werte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde –
Hand aufs Herz: wer dekuvriert sich denn schon gern? Sich einfach vorstellen, ist schwierig, weil es leicht ist. Das Einfache mißrät zu oft, wenn es geraten scheint. Wir stellen uns arglos vor, und schon ist eine Vorstellung passiert, die in Verstellung, wenn nicht sogar in Unterstellung endet.
Dabei wäre zur Person alles kurz und rasch gesagt. Name, Vorname, Geburtsjahr und Ort sind in Dateien gespeichert und jedem Unbefugten zugänglich. Auf Klappentexten oder anderswo. Aber – was haben Daten zur Person zur Sache? Die Sache steht für die Person, und die Person steckt in der Sache. In unserem Falle: in litteris. (Ein Schreibender ist sowieso ein Exhibitionist, auch wenn er sich in Wörtern, mit Wörtern, durch Wörter verkleidet.)
Das Thema des gestrigen Tages* ist von nachhaltiger Inspiration. Es inspiriert und es irritiert mich, meinen lateinischen Kopf hier herzuhalten. Nominative sind verräterisch. In meinem Falle sagt der Name eigentlich alles. Mein abwertendes Präfix de – wie deplaciert – fixiert mich im voraus und für immer. Ich bin mit diesem überflüssigen »de« de-dekoriert, das heißt, wenn ich nicht irre, abgeschmückt, und das sogar im Komparativ. Was wunder also, wenn mich Sprachempfindliche, denen das Stottern nicht über die Lippen kommt, verlegen variierend, persiflierend, parodierend zum Desiderius oder auch Deditius oder Dekadentius deformieren. Nur die sehr Wohlwollenden sagen manchmal delikat Delicius. Eine kleine Selbstlautfälschung, und alles wäre decens – schicklich, kleidsam. Ich könnte deduzieren, dezidieren, dedizieren. So aber bin ich Vorstellungen ausgeliefert, die bis zur »Schändung« und »Beschämung« reichen. Ein kleines »de« zu viel ist keine Kleinigkeit. Mein Werfall ist ein melancholischer Fall. Ein de-Fall, Ab-wärts-Fall, fast Unfall.
Beschränken wir uns auf das Wesentliche.
Meinem lateinisch-slawisch-germanischen Mischmasch haftet also Melancholia an. Melancholia sei das Wochenbett des Geistes, hatte – so oder ähnlich – Aristoteles gemeint. Talent zum Ernst, Besinnlichkeit. Nein, nur getrübte Sinnlichkeit, widersprachen die Biologen, weil die dunkle Galle die Vernunft verstopfe. Sie sei Temperament, meinten noch andere, als solches eine Neigung und Begabung, ja, auch Vorbestimmung. Und Cicero verallgemeinerte, daß »omnes ingeniosos melancholicos esse« (Tusc. 1.33). Nein, sie sei Apathie, Gemüt im Lichtbereich des Saturn. Komplex des Unmuts, sagt der Volksmund. Nein, Melancholia ist das Poetische an sich, behauptet Poe.
Antinomien jeden Augenblick, und alle stimmen. So ist die Sprache, so ihr Staat, so unser Haus. Das ist in der kürzesten Kürze mein nomen omen fatum Schicksal.
Dürer sah die Melancholie in Kreuzstruktur: als einen meditierenden Engel mitten weltlichen Krams. Die Kunstbuchhalter machten Inventur im Bild und zählten zehn Hauptgegenstände, dazu zehn kleinere am Boden und zehn über der Mitte. Die Zahl erhoben sie zum Rhythmus; den Zirkelkopf zur Achse.
Dem Laien ist die Ordnung und das Dezimalsystem im Bild nicht gleich erkennbar. Sein Auge flüchtet vor dem Durcheinander. So findet er den Stützpunkt in dem Rechteck:
in der rechten Ecke. Dort hat sich die Magie der Mathematik im Mauerwerk verankert. Unter der Glocke, die die Ankunft anzeigt, neben dem Stundenglas, in dem der Abschied rieselt. Die Zehn, die Zahl der Menschheit, auch die Zahl der Decii, finde ich links; allerdings am zweiten Platz, in jeder Richtung, hinter dem Rücken der anderen, versteckt, als hätte sie Scheu oder Angst, ein Initial zu werden. Ihr genügt es, zu wissen, daß sie im magischen Quadrat, ob waagerecht, ob senkrecht, an der Summe mitwirkt.
Ich lebe, um auch das zu bekennen, in Frankfurt und habe dort beruflich mit Zahlen und mit Namen zu tun. Dies, um den Zahlenfetischismus und Nominalismus zu erklären.
Auf Delos, auf der Insel Apollos, sind Natur und Kunst seinerzeit zur Einheit geworden. Delos, erinnern wir uns, war das griechische Banken- und Handelszentrum – gewissermaßen das Frankfurt von Hellas. Es hatte Apollo nicht gehindert, dort zur Welt zu kommen, Delos in Melos zu verwandeln. Obwohl Delos der größte Markt für Hetären und Sklaven war.
Geschäft und Göttliches großzügig beieinander ist sehr Griechisch.
Delos bedeutet übrigens das »Erscheinende«, das »Vorstellbare«, das »Vorgestellte«. Damit möchte ich auf die Vorstellung zurückkommen und bitten, diese definitiv beenden zu dürfen.