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Joachim Kaiser

Joachim Kaiser

Journalist und Musikwissenschaftler
Geboren 18.12.1928
Mitglied seit 1977
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

 

Ich bin am 18. Dezember 1928 in einem masurischen Dorf (Milken, Kreis Lötzen) geboren worden, und zwar als Sohn eines sehr musikliebenden Arztes und seiner Frau Charlotte Abramowski-Kaiser, die aus einer viele Generationen alten Pfarrers-Familie kam. Beides, das Pastörliche und das Musikalische, hängt mir deshalb an – trotz mancher Versuche, die ich unternahm, davon loszukommen. Zu diesen Versuchen gehörte während meines Studiums die leidenschaftliche Beschäftigung mit moderner Literatur und radikal aufklärerischer Philosophie. Ich promovierte dann, Ende der fünfziger Jahre, in Germanistik über den heutzutage sehr töricht unterschätzten großen katholischen Dramatiker Franz Grillparzer. Schrieb danach auch einiges Literarische. (Kleines Theatertagebuch für den Rowohlt-Verlag, Ausgaben der Briefe Boje/Mejer, Einleitungen zu Anouilh, Beckett, Brecht, Max Frisch und vieles andere.) Was meine Buch-Produktion betrifft, holte mich dann die Musik, vor der ich zu fliehen versucht hatte, immer mehr ein. Meine letzten drei Bücher sind: Große Pianisten in unserer Zeit, Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten, Erlebte Musik.
Mittlerweile bin ich auch Ordinarius an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, vereine also, indem ich dort den Lehrstuhl »Theorie des Theaters« innehabe und musikhistorische Hauptvorlesungen halte, nach wie vor die Beschäftigung sowohl mit großen literarisch-theatralischen wie musikalischen Gegenständen.
Daß ich in diesem Lebensbericht soviel von Literatur und Musik und so wenig von meinem »Leben« mitteile, ist für mich weder ein Widerspruch noch auch Ausdruck übergroßer Diskretion. Im Gegenteil: wegen der heftigen politischen Zeiten, die ich, wie alle meine Generationsgenossen, zu durchleben hatte, wegen der damit verbundenen unvermeidlichen, sehr, sehr häufigen Wohnorts-, Schul- und Aufenthaltswechsel haben in meinem Dasein ziemlich von Anfang an immer die großen Werke, denen ich mich mit Neugier und mit Liebe näherte, die Funktion von »Konstanten« gehabt. In vielen Fällen wüßte ich nicht genau zu sagen, welche menschlichen oder privaten Erfahrungen ich in welchem Jahr, in welcher Stadt machte: ob in Tilsit, Elbing, Berlin, Potsdam, Templin, Bad Kosen, Hamburg, Göttingen, Frankfurt – oder schließlich Tübingen und München. Um so genauer erinnere ich mich indessen daran, wann ich zum erstenmal Molières Misanthrop, Thomas Manns Zauberberg, den Faust I, den Archipelagos gelesen habe. Und mindestens ebenso eindringlich steht mir vor Ohren und vor der Seele, wann ich zum erstenmal das Klarinettenquintett von Brahms, das d-Moll-Konzert von Mozart, Beethovens Waldstein-Sonate oder Strawinskys Psalmensymphonie hörte (beziehungsweise mir auf dem Klavier zusammensuchte). Hätte ich eine aufrichtige Biographie zu schreiben, dann kämen in ihr nicht nur die Menschen vor, die mir etwas bedeuteten oder bedeuten, sondern in – vielleicht unmenschlich hohem Maße – die ja unaustilgbar lebendigen Werke, die mir etwas bedeuteten oder bedeuten. Für mich ist der Begriff »Klassik« kein Schimpfwort, sondern vielmehr ein Hinweis: da hat sich etwas der Furie des Verschwindens widersetzt.
Zugegeben: ich mußte währenddessen auch leben. Ich tat das, nach mühselig vollendetem Studium, zunächst in Frankfurt als Rundfunkredakteur und als sehr junger, sehr viel schreibender Autor der Frankfurter Hefte, auch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und ich tat es später mit großer Passion in München, wo ich leitender Redakteur, Buch-, Theater- und Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung wurde (1959) und bin, und hoffentlich mit Anstand bleiben kann.