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Jean-Pierre Lefebvre

Jean-Pierre Lefebvre

Germanist und Übersetzer
Geboren 26.6.1943
Mitglied seit 2008

Vorstellungsrede

 

Liebe Freundinnen und Freunde der deutschen Sprache und Dichtung,

Sie haben mit mir einen Tischgenossen gewählt, der sich mit seiner Vorstellung besonders schwer tut, einen Akademiker, der sich eben nur dadurch vorstellen kann, dass er versucht, diese seine Schwierigkeit darzustellen.
Es handelt sich dabei nicht um eine etwaige Scheu, an meine biographische Quelle zu gehen, meine Affäre mit Hölderlin – zum Beispiel – auszuplaudern, sondern darum, dass die Praxis, die mich am meisten beschäftigt, das Übersetzen ist, und dass das Wort, das mir in den letzten Monaten das unerträglichste Kopfzerbrechen bereitet hat, gerade das Verbum vitiosum ›Vorstellen‹ war, oder besser gesagt die verfluchte semantische Tetrarchie vorstellen, darstellen, entstellen, verstellen, die über das Werk waltet, das ich auf Bestellung übersetzt habe und welches im nächsten Januar urheberrechtefrei beim Verlag Le Seuil erscheinen soll: Freuds Traumdeutung, »interprétation des rêves, du rêve, de rêve«? – va savoir...
Bei dieser seelisch höchst aufregenden Lohnarbeit begegneten mir mit höhnischem Grinsen sämtliche semantischen Hexen wieder, die ich vor zwanzig Jahren bei der Übersetzung der Phänomenologie des Geistes zu amaduiren versucht hatte (letzteres Fremdwort sollten wir nach meiner Ansicht unverzüglich für deutsch erklären...). Dass sie sich immer noch so über meine Mühe lustig machen, obgleich ich inzwischen etwas klüger bzw. listiger geworden bin, liegt wohl daran, dass sie eine Ahnung haben von den mörderischen Einwänden, die in den psychoanalytischen Köchern der Pariser Freudianer auf mich warten, eine Metapher, an der alle Übersetzer unter ihnen eine wohlbekannte paranoide Komponente unserer armen Existenz erkennen werden.
Ein solcher Zeitvertreib gab aber gleichzeitig die tröstliche Gelegenheit festzustellen, wie tief die Übersetzung deutscher theoretischer Texte ins Französische dank der Vermittlung unseres Schulsystems den spontanen Sprachgebrauch der Intellektuellenzunft, darunter der Journalisten, in den letzten Jahrzehnten umgepflügt hat. So sagt jeder heute für ›Vorstellung‹ – aber auch sonst – »représentation«, wo man vor einem Jahrhundert »idée« oder »imagination« schrieb. Das schließt jetzt ein, auf diesen französischen Begriff für die Übersetzung von Darstellung zu verzichten, und schließt völlig aus, das Fremdwort ›Repräsentation‹ bei Freud mit dem entsprechenden Begriff der französischen Onomastik wiederzugeben.
Die Leiden des alten Übersetzers haben auch die positive Seite, dass sie seinen von allerlei Hirngespinsten bedrohten Geist beschäftigen: Er nimmt sie mit unter die Dusche, ins Auto, vor allem aber beim Wandern auf dem Asphalt der Städte. Die passende Metapher für seine Praxis ist nicht die des Fergendienstes, von dem mein ehemaliger Deutschlehrer an der École normale supérieure, Paul Celan, irgendwo spricht, sondern, wie er selber ein andermal berichtigt, une longue marche en portant en soi le texte à traduire... Ich möchte hinzufügen: ein langer Kampf mit dem eigenen Wort.
Indem ich heute auch ihn zu übersetzen versuche, erlebe ich immer mehr den obsessiven Charakter dieser Besorgnis – wohlgemerkt: das Wort ›Obsession‹, also ›Zwangsvorstellung‹, das sich in meiner zu Tode gerittenen Ausgabe des Duden Universalwörterbuchs nicht befand, steht heute in der sechsten Auflage, die ich heute früh erworben habe... –. Ich kann monatelang auf der Promenade meines Alltags mit der Frage herumschlendern, ob »aschenbildwahr« in Celans Gedicht In Prag, einmal übersetzt, eher »aschenbild-wahr« oder »aschen-bildwahr« bedeuten soll. Manchmal überfiel mich dabei die inzwischen zur Überzeugung großgeweinte Tröstung, dass solche französische Zweifel, auf die wir angewiesen sind, auch dem Deutschsprachigen behilflich sein könnten, obwohl uns die Hälfte jeder genuin ambivalenten Fracht fast immer aus der Feder rutscht, zugunsten einer neuen fremdartigen Mehrdeutigkeit, die wenig zu tun hat mit der originellen Vieldeutigkeit, die Paul Celan praktizierte.
Ab heute werde ich nun, dies ist meine Hoffnung, sei aber auch mein Dank, einige von Ihnen, ob elektronisch, brieflich, telephonisch oder telepathisch mit Fragen hinsichtlich ihres eigenen Sprachgefühls möglichst produktiv stören, und ich bedanke mich bei Ihnen allen im Voraus für Ihre Hilfe.