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Hugo Loetscher

Hugo Loetscher

Schriftsteller
Geboren 22.12.1929
Gestorben 18.8.2009
Mitglied seit 1984

Vorstellungsrede

Eine intellektuelle Visiten-Karte

Geboren 1929, in einem Jahr, das man sich wegen der Weltwirtschaftskrise merkte – lokal bedeutete 1929, daß in Zürich, meiner Heimatstadt der See zufror, was er nur alle zwanzig oder dreißig Jahre macht –,

aufgewachsen in einem Viertel von Proletariern und Kleinbürgern, nicht ahnend, daß diese zuweilen unbequeme Herkunft einmal chic sein könnte, als es galt, einen Adelsausweis von unten vorzuzeigen; die Bibliothek des Vaters nicht verbrannt, da er keine hatte, mit vollem Verständnis für jenen proletarischen Hunger nach Bildung, den ich nicht zuletzt in der Dritten Welt antreffen sollte,

nach katholischem Ritus getauft, wenn auch in eigner Hebammen-Manier mich von der Kirche entbunden, darauf achtend, den alten Katechismus nicht durch einen neuen zu ersetzen, im Glauben, daß Wahrheit umfassender ist, als sie sich jeweils formuliert, daher schwach in Terminologien, was anderseits bedeuten kann, in einer sauber gewaschenen Gesellschaft einen Roman über Abwässer zu schreiben oder zur Zeit der Hochkonjunktur, literarisch mindestens, Ausschau nach der Sintflut zu halten,

dennoch bewahrt habend eine vielleicht alpin gedämpfte Unbekümmertheit im Sündigen; das ermöglichte in der Schweizer Literatur eine Arbeitsteilung, da die Sparte »schlechtes Gewissen« überbesetzt war, konnte man sich um so ungenierter im Sündigen einrichten,

die Möglichkeit gehabt, ein Gymnasium zu besuchen, und zwar ein humanistisches, die Erfahrung gemacht: einen Pentameter von einem Hexameter auseinanderhalten zu können, schließt nicht aus, zwischen einem Zweitaktmotor und einem Viertakter zu unterscheiden,

in Zürich studiert, und zwar Politische Philosophie, Wirtschaftsgeschichte und Soziologie, zu einer Zeit, als das Zürcher Parlament noch keinen Lehrstuhl für Soziologie wünschte, da die Wissenschaft schon dem Wortlaut nach zu nahe dem Sozialismus stand, seither immer auch politischer Journalismus, auch eine Verlegenheit vor jener Literatur, die sich als seelische Innen-Architektur versteht, meine Krankenberichte nicht an meinen Verleger schickend, sondern an die Krankenkasse,

während der Studienzeit auch ein Jahr in Paris, mit Jugendschwarm Frankreich als Maitresse der intellektuellen Sensibilität betrachtend, sich jedoch immer mehr von der linearen Latinität Frankreichs ab- und der barockiberischen zugewandt, und am Ende Lateinamerika, reisender- und lesenderweise,

nach wie vor aus der Schweiz stammend, bei allem Unterwegssein dem eigenen Land Treue haltend, mindestens mit Kommentaren und Glossen, und sei es nur, um mit einem Waschküchenschlüssel die Türe zur helvetischen Seele zu öffnen; unter der Kleinheit des Landes nicht mehr gelitten als andere unter der Größe des ihren; ganz abgesehen davon als Intellektueller stets darauf bedacht, an den Dingen zu leiden, die einem wehtun, und nicht an denen, über die man gelesen hat,

und da aus der deutschsprachigen Schweiz stammend mit meinem Dialekt zweisprachig innerhalb der eigenen Sprache, dem Deutschen doch so sehr verpflichtet, daß ich mich zuweilen bemüßigt fühlte, mich für jene Ironie zu entschuldigen, die ich als einen Akt der Befreiung von allem Fixierten betrachte, mir durchaus bewußt, daß der Weltgeist nicht lacht, solange er deutsch spricht,

das eigene Land von außen kennengelernt, sei es nur, daß ich versuchte, die Frage zu beantworten, die man mir einmal in der Neuen Welt stellte: Wer hat die Schweiz entdeckt? Mit den Augen der andern sich selber sehend, das gilt für den persönlichen Bereich wie für den meines Heimatkontinents Europa,

daher an Rändern interessiert, wo Neues beginnt, diese konnten Portugal heißen, das als erstes über Europa hinauswies, und sie konnten später Kalifornien heißen, wo der Westen aufhört und die atlantische Welt in eine pazifische umschlägt,

Reisen als eine Erkenntnismöglichkeit gewählt, aus Bedürfnis nach Information, auch aus Gründen des Brotberufs, aber auch vielleicht, weil es in der Fremde logischer ist, fremd zu sein, und nicht ohne die Hinterüberlegung: Wenn ich schon nicht drauskomme aus dieser Welt, möchte ich wenigstens wissen, wie das ausschaut, aus dem ich nicht drauskomme,

nicht zufällig wohl als Roman-Helden einen Immunen erfunden, der an seinen Gefühlen nicht draufgehen möchte und angesichts der Welt nicht wahnsinnig werden will, einer, der ein Leben lang am Leben blieb und der sich fragt: Wie hast du das gemacht? Und der sich wundert: Wie haben das die andern gemacht?

Publizistisch-journalistisch und literarisch-erzählend tätig, darin zwei Möglichkeiten sehend, die Sprache zu gebrauchen: einmal per Begriff und Argumentation und einmal per Metapher und Darstellung, daher bei akademischen Auftritten als Lieblingsthema die Frage: Wieviele Sprachen braucht der Mensch?

In gleichem Maße ein Nebeneinander wie ein Gegeneinander, ein dialektischer Prozeß mit manchen und nicht voraussehbaren Stationen, unter ihnen nun auch Darmstadt: die Ehre, zum korrespondierenden Mitglied Ihrer Akademie ernannt worden zu sein, wofür ich herzlich und aufrichtig danke – aufatmend, daß meine Arbeit für eine intellektuelle Visitenkarte von guten fünf Minuten ausgereicht hat.