Mitglieder

Hans Maier

Hans Maier

Philosoph und Kultusminister a. D.
Geboren 18.6.1931
Mitglied seit 1976

Vorstellungsrede

 

Sie haben mich zum ordentlichen Mitglied dieser Akademie gewählt. Ich freue mich darüber – auch deshalb, weil damit zum ersten Mal seit Gerhard Storz wieder ein Kultusminister die Ehre hat, Ihrem Kreis anzugehören. Meinem Dank darf ich ein paar Angaben zur Person nachschicken.

Geboren bin ich am 18. Juni 1931 in Freiburg im Breisgau. Die Vorfahren, soweit erkennbar, saßen am Oberrhein und Hochrhein, einmal im Badischen, einmal im Elsaß und in der Schweiz; ich bin also von Haus aus ein waschechter Alemanne. Ein Alemanne mit katholisch imprägnierter Seele zudem; denn meine Familie mütterlicherseits ist im Dienst der Äbte von St. Blasien aus bäuerlicher Leibeigenschaft in die Freiheit aufgestiegen. (Wer erinnert sich noch, daß vom Oberrhein – einem Ursprungsland der Bauernkriege – im 18. Jahrhundert auch eine Bewegung der Bauernbefreiung und der kirchlichen Reformen ausging?)

In bin in Freiburg in die Schule gegangen, habe dort und später in München und Paris studiert, hauptsächlich Geschichte und Sozialwissenschaften; daneben habe ich für den Rundfunk und für Zeitungen geschrieben. 1962, nach der Habilitation, wurde ich als Professor für politische Wissenschaft nach München berufen, wo ich heute lebe. Über mein akademisches Fach geriet ich erst in die Bildungsplanung, dann in die Bildungspolitik hinein; doch hoffe ich, daß ich kein abschreckendes Beispiel bin für den Satz eines berühmten Staatsrechtslehrers (Ernst Forsthoff): Als es mit der Bildung zu Ende war, wurde die Bildungspolitik erfunden.

Meine Generation, eben noch gestreift von Krieg und Drittem Reich, wuchs mit einer gewissen Neugier und Verwunderung inmitten von Trümmern auf. Daher stellte sich die Frage nach Orientierungen, Sicherheiten für uns vielleicht nachdrücklicher als für frühere oder folgende Generationen. Mustere ich meine wissenschaftlichen, überwiegend historischen Arbeiten unter diesem Gesichtspunkt – sie liegen in fünf Büchern und einer Reihe von Aufsätzen und Essais vor –, so stehen zwei Themen im Vordergrund: Revolution und revolutionärer Wandel als Signatur unserer Zeit; andererseits die Widerlager des Überlieferten: Staat, Verwaltung, Kirche, Erziehung, Sprache. Die Balance der Fragestellung ist mir wichtig. Ein Zeitalter, das die reißende Veränderung der Lebensverhältnisse täglich spürt und gar nicht übersehen kann, darf, ja muß wohl auch nach den Konstanten, den Kontinuitäten fragen. Es gibt im Geschichtsgang ja nicht nur die List der verändernden Vernunft, es gibt auch die List des Bestehenden; und mancher jugendliche oder ergraute Revolutionär von heute weiß gar nicht, wie alt der Fundus ist, aus dem er sich bedient.

Derlei Maskenspiele aufzudecken, Geschichte aufzuspüren nicht nur im ereignishaften Treiben der Veränderungen, sondern ebenso in den Residuen, Ungleichzeitigkeiten und jäh aktualisierten Traditionen unter der Oberfläche – es wäre heute, meine ich, eine Hauptaufgabe für eine historische und politische Wissenschaft. Dazu bedarf es weniger spezialisierter gelehrter Kenntnisse – auch das – als gewisser bürgerlicher Tugenden, unter denen ich die von Hermann Lübbe so benannte »Verblüffungsfestigkeit« an erste Stelle setze. Wer heute lehrt, schreibt, Meinungen bildet, Politik betreibt, muß wissen, wo er in diesem Geschäft sein eigener Herr und Meister ist mit eigenen Worten, Einfällen, Handlungen – und wo er nur als intelligenter Nachspieler im Regelkreis des Zeitgeistes fungiert. Geschichtliche Bildung könnte ihm helfen, einer starren Normativität ebensowenig zu verfallen wie der geistigen Formauflösung oder der Mystagogie des totalen Anfangs.

Dazu sind nötig Nüchternheit, ein wenig Selbstironie und viel Gleichmut – und um sie zu beschwören, darf ich getrost die literarischen Schutzpatrone meiner Heimat anrufen, die von Erasmus und Murner, Wickram und Brant bis zu Grimmelshausen, Moscherosch und Johann Peter Hebel allesamt Satiriker, Didaktiker und Ireniker in einer Person gewesen sind. Und wenn ich noch etwas zu schreiben wünschte, so ein Werk, in dem Spottlust und friedliche Gesinnung, Grimm über Zeitsünden und neugierige Offenheit für Menschen und Dinge so eng verbunden sind wie bei jenen Autoren.