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Gabriele Leupold

Gabriele Leupold

Übersetzerin
Geboren 11.3.1954
Mitglied seit 2017
Johann-Heinrich-Voß-Preis

Vorstellungsrede

 

Sehr verehrter Herr Präsident,

Mitglieder und Freunde der Akademie, meine Damen und Herren,
als ich gefragt wurde, ob ich die Wahl in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung annehme – eine Ehrung, die mich überrascht und freut –, fielen mir beinahe gleich zwei Titel des russischen Linguisten Roman Jakobson ein, der mir im Studium in den 1970er Jahren sehr imponiert hat und auch später für das Übersetzen wichtig wurde: Linguistik und Poetik, sein Aufsatz (bzw. das Schlusswort zu einer Konferenz), in dem er die Poetik ganz selbstverständlich als Teil der Linguistik behandelt, und Wort und Wortkunst (so die Übersetzung des Titels einer Zeitschrift, Slovo a slovesnost, die er 1934/35 im Prager Exil begründet hat). Immer – und das gefiel mir besonders – bestand er auf der Verbindung zwischen den beiden Bereichen.
Das passt doch, fand ich in aller Unbescheidenheit, genau zu dem, was ich tue: Literarische, am liebsten sehr komplexe, poetische Texte übersetzen und zu diesem Zweck, zum Nutzen hoffentlich auch der teilnehmenden Kollegen und Kolleginnen, Workshops zu den unterschiedlichsten Facetten der deutschen Gegenwartssprache (und früherer Sprachzustände) veranstalten.
Ich habe einen Verein mitgegründet, Weltlesebühne e.V., der das Thema Übersetzen und die Übersetzerinnen und Übersetzer selbst auf die Bühne bringt und, in seinem Ableger, der Jungen Weltlesebühne, auch vor Kindern und Jugendlichen, vor allem in Brennpunktschulen und solchen mit hohem Migrantenanteil, auftritt. Dort tauschen sich meine Kolleginnen mit den nicht selten mehrsprachig aufwachsenden Kindern über einen Alltag zwischen den Sprachen aus, und die Kinder genießen das – in so einer Schulstunde wird ihre oftmals als Makel behandelte türkische, kurdische, arabische ... Familiensprache als Kompetenz plötzlich interessant. Die Erwachsenen mussten für ihre Übersetzungssprache oft ein ganzes Studium absolvieren.
Wie ist es zu alldem gekommen? Es waren einige Zufälle und Umwege im Spiel – für Übersetzerbiographien nicht untypisch.
Ich war ein Flüchtlingskind und, obwohl nie geflüchtet, Inhaberin eines Flüchtlingsausweises A. Beide Eltern trauerten der verlorenen Heimat in den deutschen Ostgebieten nach, und wir Kinder bekamen vermittelt, dass der neue Wohnort am Rhein in keiner Hinsicht mithalten kann, dass er irgendwie nicht völlig real ist, dass das wirkliche und das interessantere Leben sich irgendwo ganz woanders abspielt. Es zog mich ins Ausland, ich schrieb mich für Slawistik und Germanistik ein – letzteres, um Deutsch als Fremdsprache unterrichten zu können, was ich ein Jahr lang in Japan auch getan habe. Doch was mich antrieb, war auch ein allgemeineres Gefühl, das sicher viele in der Nachkriegszeit Aufgewachsene teilten: dass Deutschland (dieses Wort gab es eigentlich nicht mehr, die Bundesrepublik) keiner positiven Emotion würdig ist; es herrschte Katerstimmung, man traute sich selbst nicht über den Weg, und im Ausland konnte man, so zumindest damals mein Empfinden, auch den älteren Menschen eher vertrauen.
Das ist lange her, und dank des Übersetzens und den damit verbundenen Kontakten und Reisen habe ich einen Schwebezustand zwischen hier und dort, aber auch in einem Raum zwischen den Sprachen erreicht.
Es ist ein Glück, und ich hatte das Glück, radikale Texte zu übersetzen, deren Poetik ihrem Gegenstand bis ins Letzte entspricht. Es begann mit Ossip Mandelstams Essay Gespräch über Dante. Ich habe fast alle Moskauer Konzeptualisten übersetzt, die nur mit vorhandenem Sprachmaterial arbeiten, Autoren der russischen und sowjetischen Moderne (Andrej Belyj, Leonid Dobytschin) und sowjetische Untergrundliteratur. Seit dreizehn Jahren arbeite ich an einer Werkausgabe des Chronisten des sowjetischen Straflagers Warlam Schalamow, und mein letztes Projekt war Andrej Platonow und sein extrem verdichtetes, das utopische »Neusprech« aufgreifende und dabei von tiefer Melancholie getränkte Werk Die Baugrube. Ich habe auch Theorie übersetzt: Michail Bachtins Buch über François Rabelais und den Karneval, Schriften des Kultursemiologen Jurij Lotman, Arbeiten der Philosophen Boris Groys und Michail Ryklin. Dazu kommen Lyrik, Texte zur Bildenden Kunst, auch Sachbuch, Publizistik ...
Ich habe Konferenzen mitveranstaltet, etwa zur Vergleichbarkeit der interpretierenden Künste – Musik, Schauspiel, Sprechkunst – mit dem Übersetzen; seit beinahe 30 Jahren treffen sich in meiner Ladenwohnung jeden Monat Berliner und auswärtige Literaturübersetzer; und in diesem Wintersemester habe ich die Gelegenheit, an der FU Berlin Poetik der Übersetzung zu unterrichten.
Berlin ist heute ein Einwanderungs- und Exilort geworden – davon bleibt auch die deutsche Sprache nicht unberührt, deren Wandel mir nicht nur als Forschungsfeld, sondern auch als ständige Quelle der Inspiration dient. Vielleicht kann ich die vielfältigen Erfahrungen, die ich in der Beschäftigung mit Wort und Wortkunst einsammeln konnte, auch für die Arbeit in der Akademie produktiv machen.
Darum freue ich mich sehr und danke herzlich für die Aufnahme!