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François Bondy

François Bondy

Journalist
Geboren 1.1.1915
Gestorben 27.5.2003
Mitglied seit 1981
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

 

Ich möchte die Zeitspanne, die der Selbstvorstellung in diesem Rahmen zur Verfügung steht, mit einem Mindestmaß bio- und bibliographischer Gegebenheiten belasten und ziehe vor, mich als Exemplifizierung eines Doppellebens mit seiner Not und seinem eventuellen Nutzen zu verwenden.

Ich stamme aus teils böhmischer, teils ungarischer, seit der Generation der Eltern nichtreligiöser jüdischer Familie. Der Großvater Heinrich Teweles gehört zur Geschichte der Prager Kultur. Der Vater, mit Schriftstellernamen N. O. Scarpi, wurde ein, besonders in der deutschen Schweiz, sehr beliebter Autor. Der Sohn, Luc, ist als Regisseur so bekannt, daß ich mich in Deutschland gewöhnlich als Bondys Vater vorstelle. Seine Mutter stammt aus einer lange im Badischen ansässigen, dann vertriebenen, deutschjüdischen Familie. Ihr dankt er die künstlerische Begabung.

Ich wuchs in der Schweiz, wo die Familie 1931 eingebürgert wurde, dreisprachig auf. Es sind die drei Landessprachen, doch da es Hochsprachen waren und nicht Mundart, bin ich ein problematischer Schweizer. Nach literarischem Studium in Paris wurde ich dort Redakteur an einem Börsenblatt, dessen Besitzer erst nach zwei Jahren bemerkte, daß ich von diesem Bereich nichts verstand. Seit 1941 bin ich Mitarbeiter in verschiedenen Funktionen eines Zürcher Wochenblattes und seit einigen Jahren Redakteur, bei uns sagt man Redaktor, einer Zürcher Monatszeitschrift. In Paris gab ich zwischen 1951 und 1969 eine politisch-kulturelle Zeitschrift heraus. Auf sie berufen sich zwei neue dortige Zeitschriften. Ich bin also ein Ahne. Im übrigen schreibe ich für Zeitungen, Zeitschriften, Funk verschiedener Länder, überwiegend deutsch, habe mehrere Bücher übersetzt, darunter solche von Benedetto Croce und von Cioran, einige Essaysammlungen und Monographien in Buch- oder Büchleinform veröffentlicht. Von mehr Büchern bin ich Herausgeber oder Mitautor, zuletzt von Die Zukunft Berlins.

Obgleich mich die Verbindung zwischen Literatur und den außerliterarischen Momenten ihres Entstehens, ihres Wirkens in besonderem Maß beschäftigen, versuche ich, zwischen literarischer und politischer Analyse jede Kontaminierung zu vermeiden, bis an den Rand dessen, was der Atomphysiker Fuchs, als er in Ungemach kam, »kontrollierte Schizophrenie« genannt hat.

Warum das? Jene Ideen, die sich in der Politik zu Ideologien, Gewißheiten, Einverständnissen kristallisieren, haben mit den Ideen, die in den Werken der Literatur und durch sie wirken, wenig gemeinsam. Eher sind politische Antriebe Rohstoff für den Schriftsteller als dessen Ästhetik, Zeugnis, Engagement Ferment der Politik. Das Eindringen ästhetischer Motive in die Politik ist meist totalitär. Zwischen der Vollendung eines Werkes und dem jeweils verwandelten Ergebnis des politischen Handelns gibt es kaum Analogien, einige Despoten ausgenommen, die auf Menschenhaut schreiben.

Im Doppelleben, zu dem diese Tätigkeiten wurden, sehe ich die Spaltung so: im Literarischen darf und muß der Kritiker seine Subjektivität einbringen, denn was ihn anspricht, hatte in ihm eine im Keim vorgeformte Entsprechung. In der Politik ist Subjektivität Meinung, Objektivität Information, welche möglichst tendenzfrei bleiben sollte. Das zeigt sich in der Berücksichtigung jener Umstände, die den eigenen Wünschen und Überzeugungen widersprechen. Solche gibt es immer.

Oft verbindet sich bei politisch-literarischen Autoren das unentbehrliche Mindestmaß ausgewählter Information mit einem Höchstmaß an Gesinnung. Die von mir zweifellos oft verletzte, aber grundsätzlich anerkannte Regel lautet: soviel Information wie möglich, gerade nur soviel Meinung wie nötig.

Verständnis ist schwierig und partiell, Einverständnis mit vielen ist ein wohliges, ja, überwältigendes Gefühl. Wo sie sich widersprechen, bin ich für Verständnis. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht – eher ein Nichtkonformismus, der nicht auffällt.

Das war ein geschöntes Idealbild. Doch auch Bescheidenheit wirkt, sobald sie Ausdruck findet, kokett. Und wozu, wenn doch in meinem Beruf jeder mit Freunden und Kollegen rechnen darf, die gelegentliche Anflüge von Selbstüberschätzung gebührend herabschrauben?

Ich danke für die Wahl in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und habe den Ehrgeiz, sie nachträglich noch zu rechtfertigen.