Mitglieder

Elena Croce

Übersetzerin und Schriftstellerin
Geboren 3.2.1915
Gestorben 20.11.1994
Mitglied seit 1971

Vorstellungsrede

Liebe Kollegen,

da ich versuche mich Ihnen, die Sie mich so freundlich aufgenommen haben, vorzustellen, begegne ich gleich einer ersten Schwierigkeit: woher kommt es, daß ich so wenig und so schlecht die deutsche Sprache spreche, die einzige Sprache dabei, die man das Kind zu lehren versuchte, die einzige auch, deren Literatur ich seit dem Jahr 1940, wenn nicht methodisch, so doch regelmäßig, verfolge. Die konkreten Gründe meiner Schwierigkeit sind zahlreich: zunächst einmal meine deutschen Freunde – soweit sie meine Sprache nicht schon kannten, haben sie das Italienische so schnell gelernt, daß keine Zeit für Deutsch-Übungen blieb. Sodann: meine etwas majestätischen deutsch-neapolitanischen Lehrerinnen liebten die Grammatik über alles. Und mir – einzige Ausnahme: die lateinische Grammatik – ist es nicht einmal gelungen, die italienische Grammatik zu beherrschen. Der Hauptgrund aber ist in der absoluten Irrationalität meiner schriftstellerischen Karriere, wenn von einer solchen zu sprechen ist, zu suchen. Wann immer ich etwas mit Leichtigkeit gelernt oder geschaffen hatte, ließ ich es liegen, um mich einem Neuen, noch Unbekannten zuzuwenden.

Aus dieser sogenannten Karriere hier ein paar kurze Passagen: In der Zeit, bevor ich die Universität besuchte, liebte ich vor allem zwei Dinge: englische Literatur und Kunstgeschichte, die meine Lektüre zwischen 14 und 16 Jahren waren, eine Zeit, in der man Bücher verschlingt. Aber sobald ich das Abitur hinter mir hatte, beschloß ich, Rechtswissenschaft zu studieren. Als Kind eines Schriftstellers hat man oft Angst vor der Literatur, und so wollte ich also Rechtsanwalt werden.

Aber als ich dann den Doktor in der Rechtsgeschichte gemacht hatte, mit einer recht ordentlichen Arbeit über die mittelalterlichen neapolitanischen Parlamente, überzeugte ich mich, daß ich weder die Berufung zur Rechtswissenschaft noch zur Archivforschung hatte. Sofort nach dem Doktorexamen heiratete ich und dachte, daß mein »Haus« mehr als eine ausreichende Beschäftigung sein würde. Aber ich war keine phantasievolle Hausfrau, es blieb mir immer viel freie Zeit, und das trieb mich zur Literatur zurück. Aus dem Englischen übersetzte ich ein schönes Buch: The Architecture of Humanism von Geoffrey Scott, dann schrieb ich einen Essay über den großen spanischen Schriftsteller Baltasar Graciàn. In der Zwischenzeit brach der Krieg aus, und ich entschied mich, deutsche Literatur zu studieren, eine etwas moralistische Idee, die mir meine antifaschistische Erziehung eingab. Das heißt, gewöhnt gegen die Identifikation Italiens mit dem Faschismus zu kämpfen, konnte ich nicht die Identifikation zugeben, die Deutschland mit dem Nationalsozialismus verband. Ich wollte den Kontakt mit dem wahren deutschen Geist nicht verlieren (ich war noch sehr jung und anmaßend).

In den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren schrieb ich kleine Essays über Claudius, Lichtenberg, Seume, übersetzte den Siebenkäs von Jean Paul (der für mich ein etwas unterbewertetes Meisterwerk ist und bleibt), und in der folgenden Zeit habe ich wirklich sehr viel durch das Studium einiger Romantiker gelernt.

Aber inzwischen war der Krieg vorbei, und meine Generation, aufgewachsen in der Hoffnung des Aufbaus einer neuen Gesellschaft nach dem Untergang des Faschismus, hatte mehr Lust zu effektiven Taten als zu schriftstellerischer Arbeit. Ich hätte gerne eine Zeitschrift »gemacht«. Einmal war ich schon Herausgeberin in Neapel, und zwar der ersten literarischen Zeitschrift im freien Italien, dann wurde ich »editor« und Leiterin eines »little magazine«, wie man das damals nannte, der Avantgarde: Lo Spettatore Italiano. Eine kleine Zeitschrift herauszugeben, bedeutet wirklich schreiben, über alles – über Psychologie, Soziologie etc. –, um die tausend Lücken zu füllen, die die Kollegen ja nur zu oft freilassen.

Nach neun Jahren trennte ich mich von der Zeitschrift. Es war ein ganz neues Gefühl, wirklich zu schreiben – für Zeitungen, für den Rundfunk – und zu verdienen!

Ich beschäftigte mich immer noch mit der deutschen Literatur, aber jetzt fühlte ich auch die Notwendigkeit, die italienische Literatur und Geschichte besser kennenzulernen, vor allem die süditalienische. Ich ertrug nicht mehr die Schwere und die Rhetorik, die durch die letzte Mode des Südens entstanden war.

Danach arbeitete ich sehr intensiv – zum Teil allein, zum Teil mit meiner viel gebildeteren Schwester – an zwei Biographien, nämlich von Francesco de Sanctis und Silvio Spaventa, zwei Neapolitanern und Hegelianern, und an einer Anthologie europäischer Lyrik und einer anderen süditalienischer Erzähler. Aber in der Zwischenzeit war ich nicht mehr die Jüngste, und so zum »Erinnern« verleitet. Ich habe kurze Erinnerungen an meinen Vater und zwei Bücher, die zwischen Erzählung und »Erinnerungen« liegen, veröffentlicht. Jetzt sollen richtige Erzählungen erscheinen, die vermutlich »Il giardino senza erba« (Der Garten ohne Gras) heißen werden (Ich habe kein Talent, Titel zu erfinden, und überlasse das immer irgendeinem bereitwilligen Freund!).

Eigentlich hätte ich vor allem über meine Bemühung sprechen sollen, die in diesen letzten Jahren in Italien dem Schutz von Baudenkmälern und der Natur gewidmet war und immer mehr gewidmet werden muß – aber ich fürchte nur, daß das jetzt zu lange werden würde.