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Eckhard Heftrich

Eckhard Heftrich

Germanist
Geboren 8.12.1928
Mitglied seit 1992

Vorstellungsrede

 

Auch wenn ich mich, ohne Koketterie ist’s gesagt, nicht im Entferntesten so wichtig nehme, wie der Dichter sich nahm, über den ich am meisten geschrieben habe – also Thomas Mann, der sich, und berechtigtermaßen, so wichtig nehmen durfte, daß er stets im Privaten das Symbolisch-Repräsentative erblickte –, auch wenn ich also, eines gewissen narzißtischen Defizits wegen, es nur für einen puren Zufall halten muß, nicht aber als höhere Stimmigkeit ansehen darf, daß ich mich gerade in Lübeck der Akademie als neues Mitglied vorstellen soll: es freut mich doch, daß es gerade hier geschieht. Denn Lübeck ist mir durch Thomas Mann nicht nur zu einer späten Wirkungsstätte geworden, sondern samt der Ostsee-Landschaft zu jener deutschen Provinz, in der ich, ansonsten ganz und gar ein Süd-, ja ein Südwestdeutscher, noch zarte Wurzeln gezogen habe.

Von der Kinder- und Jugendzeit, die noch von der endenden Weimarer Republik über die ersten Hitler-Jahre in den Krieg samt Luftwaffenhelfer-Dienst reichte, von diesen prägendsten Jahren läßt sich in Minuten nicht erzählen. Doch sei wenigstens erwähnt, was sich nachträglich als Glücksfall für die eigene Entwicklung erwies: die kompromißlose Ablehnung des NS-Regimes durch das Elternhaus. Sie kam dem wie angeborenen, asthmatisch verstärkten Widerwillen des Heranwachsenden gegen Gemeinschaftsglück und kommandierten Sport so sehr entgegen, daß die pubertären Spannungen mit dem Vater vor dieser Übereinstimmung Halt machten. Darum gab es auch nach 1945 nichts an der oder für die Elterngeneration abzuarbeiten; der Ödipuskomplex blieb das rein literarische Phänomen, als das er mir später begegnete, und das Jahr 1968 bedeutete dem inzwischen Vierzigjährigen nicht die übliche, verspätete Abrechnung mit Väterfeigheit und -schuld, sondern allenfalls ein Déjà-vu-Erlebnis: das Mitläufertum kam mir ziemlich bekannt vor.

Das an der Freiburger Universität begonnene Studium wurde unterbrochen, als sich die Chance bot, dem über achtzigjährigen, fast blinden Bernhard Guttmann als Adlatus zu helfen, diesem bedeutendsten Kopf in der Führungselite der alten Frankfurter Zeitung, dem von Theodor Heuss bis Dolf Sternberger und Benno Reifenberg verehrten großen Schriftsteller, der, ein halbes Wunder, in Deutschland überlebt hatte und noch einmal in der für die Nachkriegszeit so wichtigen Zeitschrift Die Gegenwart als geistiger und politischer Souverän waltete. Solche Lehrjahre hätte die Universität trotz einiger bemerkenswerter Professoren nicht bieten können. Das Studium wurde dann doch abgeschlossen, mit einer Dissertation, in der es um Grenzziehung, statt Grenzverwischung, ging, und zwar um jene zwischen der Philosophie und der Literaturwissenschaft. Meine nie wieder erloschene Opposition gegen die Theorieanfälligkeit der Germanistik, die sich damals gerade Heidegger verschrieben hatte, um alsbald sich Lukács, Bloch oder Adorno anheimzugeben, nahm so ihren Anfang.

Kaum zeitgemäß war es dann, an der Wende der fünfziger zu den sechziger Jahren sich um ein angemessenes Verständnis von Nietzsches Philosophie zu bemühen. Stand Nietzsche doch noch immer vor der Spruchkammer. Die über ihn als einen kaum verteidigten Hauptschuldigen des deutschen Verhängnisses zu Gericht saßen, trugen im Westen noch die frisch geschwärzten Roben; alsbald führten auch hierzulande und für lange die in den roten Roben den Prozeß weiter. Wer hätte damals ahnen können, daß ein Vierteljahrhundert später Nietzsche den Gurus der Postmoderne als Sahne fürs Schaumschlagen dienen würde?

Etwas abseitig war es auch, an Stefan Georges hundertstem Geburtstag, der ausgerechnet ins Jahr 1968 fiel, mit leiser Stimme Gerechtigkeit für diesen Dichter einzufordern. Daß solche Verteidigung ausgerechnet für einen frühen Brecht-Spezialisten, Walter Hinck, zum Anlaß werden sollte, mich, zum Gram für manchen Ochsentourigen, per Habilitation in das mir inzwischen fremd gewordene Universitätsmilieu zurückzuholen, das war, wenigstens für mich, ein Glücksfall. So bot sich, mit der sicheren Existenzgrundlage für eine durch ein unverhofftes Zwillingsgeschenk derweilen auf fünf Köpfe angewachsene Familie, auch die Freiheit, nur noch schreiben zu müssen, was ich wollte: nach ungezählten Rundfunksendungen zweifellos eine gewisse Erleichterung. Doch wäre es krasser Undank, hier nicht auch des Mäzenatentums zu gedenken, das es mir, wie so vielen in den Nachkriegsjahren ermöglicht hat, zeitweilig als sogenannter freier Schriftsteller zu leben, ohne unters Niveau gehen zu müssen. Die damaligen Etüden haben später mitgeholfen, dem frühen Ideal treu zu bleiben: über Literatur auch in der Sprache der Literatur zu schreiben.

Nicht gerade im Trend lag, wer zu Anfang der siebziger Jahre mit einem umfangreichen Buch über Thomas Mann begann. 1975 erschien dieser erste Band, Zauberbergmusik, dem 1983 ein zweiter, Vom Verfall zur Apokalypse folgen sollte und dem gerade ein dritter über die Josephsromane nachgereicht wird. 1975 war es ja hierzulande Mode, Thomas Mann als bourgeoises 19. Jahrhundert für erledigt zu erklären; man kann es nachlesen bei Martin Walser oder Peter Rühmkorf, um nur zwei von den bekannteren Namen zu nennen.

1978, als bereits das Parteiabzeichen der sogenannten zweiten Aufklärung von manchem Revers wieder verschwand, schien es mir passend, über Lessings Aufklärung zu schreiben. Dafür, daß mir die deutsche akademische Schnürbrust nicht doch zu eng wurde, sorgte die freundschaftliche Kollegialität von Franzosen: Roger Bauer holte mich für eine Weile an seine komparatistische Seite nach München. Und während an sehr vielen französischen Universitäten die DDR -Reisekader als Vertreter des besseren, zukunftsgesegneten Deutschland brüderlich umarmt wurden, lud Claude David mich nach Paris ein, wo ich dann, über etliche Jahre hin, an der Sorbonne und der ENS immer wieder einmal mitgeholfen habe, Agrégés auszubrüten. Gegen die mit dem Beruf des akademischen Lehrers und Verwalters doch immer drohende Sklerose hilft bis heute auch, daß mir im Literaturteil der FAZ seit nunmehr 10 Jahren Gelegenheit gegeben wird, gelenkig zu bleiben durch das wieder aufgenommene Etüdenspiel.

Wem es beschieden war, sich so wenig geniert zwischen der Wissenschaft und der Literatur bewegen zu dürfen, der hat keinen Grund, sich zu beklagen; und um so weniger, wenn er nun gar noch als Mitglied dieser Akademie dem nahen Abschied von der Universität entgegensehen kann. Dann lockt noch größere Freiheit. Diejenigen, die mich gewählt haben, und denen ich dafür danke, brauchen aber nicht zu befürchten, ich würde sie am Ende noch bloßstellen, indem ich den Zuwachs an Freiheit dazu mißbrauchen könnte, einen Germanisten-Roman zu schreiben oder gar das Genre der Germanisten-Memoiren um ein weiteres abschreckendes Beispiel zu vermehren. Es gibt ja auch im Alter selbst für unsereinen genügend Möglichkeiten, sich der Literatur nützlich zu erweisen.