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Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann

Schriftsteller
Geboren 13.1.1975
Mitglied seit 2008

Vorstellungsrede

 

Hier zu sprechen, ist eine Prüfung, die sich kaum bestehen lässt. Wie soll man es vermeiden, auf allzu begangenen Pfaden zu wandeln – es geht einfach nicht; denn auch solch einen das Problem selbst zum Thema machenden Anfang haben Sie bereits Dutzende Male gehört, und sogar der Hinweis auf die Abgenütztheit solchen Selbstbezugs ist kaum origineller. So verliert man sich in Windungen, und der einzige Ausweg ist wohl, sich an die schlichten Fakten zu halten und genau das zu tun, was einem vorgeschrieben ist: sich vorzustellen.

Ich wurde 1975 geboren, als Kind einer Schauspielerin und eines Regisseurs, der wiederum Kind eines expressionistischen Romanciers und einer Opernsängerin war; in meiner Familie hatte lange schon niemand mehr einen anständigen Beruf. Die frühe Kindheit verbrachte ich in München, die Schulzeit in Wien, ich besitze beide Pässe, den deutschen und den österreichischen, aber ich fand diese Kluft nie groß genug für eine stilvolle Identitätskrise. Ich studierte Germanistik und Philosophie, währenddessen schrieb ich meinen ersten Roman, den ich dann auch durch glückliche Zufälle bald darauf veröffentlichen konnte. Seither nennt man mich einen jungen Autor, und diese Zuschreibung, anfangs so lästig, wird mir täglich erfreulicher: Seitdem sich nebelhaft abzeichnet, dass mein nächster runder Geburtstag der vierzigste sein wird, beginne ich sie regelrecht unverzichtbar zu finden.

Mein erster Roman handelte von einem Zauberkünstler, der im Erzählen seiner Lebensgeschichte allmählich in den Wahn gleitet, und auch in den folgenden Büchern ging es um Menschen, die sich ohne Rückhalt der Zahlenwelt überliefern, um Hochstapler, Illusionisten, Erfinder und allerlei bis zum Wahnsinn exakte Träumer. Dass das bisher letzte davon, ein Spiel mit Geschichte und Fiktion in Voltairescher Manier, sich aus Gründen, die wohl eher die Soziologie als die Literaturwissenschaft betreffen, schlechthin unsinnig gut verkaufte, hatte gute und schlechte Seiten; immer noch erschreckt mich die Rohheit des Wortes »Bestseller«, und ich vermag nicht, es wirklich mit einer Arbeit, die meinem Herzen so nahe ist, in Verbindung zu bringen; auf der anderen Seite erspart solch ein existentieller Lottogewinn es einem, zumindest für eine Weile, neugierigen Verwandten Rechenschaft ablegen zu müssen darüber, wie und wovon man denn zu leben gedenke.

Denn Schriftsteller sein, das heißt eben nicht, einen Beruf haben, es heißt dem Prinzip Beruf entkommen. Ich wusste immer, dass ich das Leben mit, über und in Büchern verbringen wollte; immer schien mir die sogenannte Wirklichkeit nicht ganz vertrauenerweckend, sah die Grenze zwischen Wachen und Traum mir zweifelhaft aus (vielleicht das wahre Hauptthema meiner Arbeit), und immer wieder passiert es, dass mir die Gestalten und Gestaltungen der sogenannten Realität bloß wie ein schwacher Abglanz der großen Romane vorkommen. Ich wage zu vermuten, dass es nicht wenigen von Ihnen ebenso geht, und abgesehen von der hohen Ehre hat es wohl auch deswegen etwas tief Wohltuendes, unter Menschen sein zu dürfen, von denen man weiß, dass sie die Liebe zu den Versen und Worten, zu den Feinheiten der Formulierung teilen. Es ist sogar dann eine Freude, wenn man sich zum Einstand, und damit zur letzten Selbstbezüglichkeit, in einer vierminütigen Rede vorzustellen hat, eine Zeitspanne, die nun schon fast erschöpft ist, eben noch lange genug, Ihnen allen zu danken für die Aufnahme in diese außergewöhnliche Versammlung – und natürlich für Ihre Aufmerksamkeit.