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Daniel Birnbaum

Daniel Birnbaum

Kunsthistoriker
Geboren 10.7.1963
Mitglied seit 2015

Vorstellungsrede

 

Verehrte Akademie, meine Damen und Herren,
eine Selbstdarstellung, dachte ich mir, soll keinesfalls so ähnlich wie ein Nachruf klingen, der ja meistens einer verspäteten Lobeshymne ähnelt. Also überlegte ich, was mich mit der Akademie für Sprache und Dichtung verbindet, der anzugehören ich nun die Ehre habe. Zunächst fiel mir ein, dass ich immerhin so unterschiedliche Texte wie Thomas Bernhards Einfach Kompliziert, die Fragmente von Novalis oder die Bemerkungen über die Farben von Ludwig Wittgenstein von der deutschen in die schwedische Sprache übertragen habe. Sie ist auch meine Muttersprache, – geboren wurde ich 1963 in Stockholm – und dort bin ich anfangs, später aber in Genf, Wien und Cambridge aufgewachsen. Und Deutsch, meine Vatersprache, habe ich erst mit 15 Jahren in Wien gelernt.

Texte von Dichtern oder Philosophen zu übersetzen, war eine erfreuliche Tätigkeit. Mühsamer war ein Vorhaben anderer Art, als ich vor bald zwanzig Jahren meine Dissertation über The Hospitality of Presence: Problems of Otherness in Husserl's Phenomenology verfasste. Und nach den täglichen Recherchen im Husserl-Archiv, das sich im staubigen und fensterlosen Keller der New School for Social Research in New York vermutlich auch heute noch befindet, ging ich abends immer in die Galerien und zu Eröffnungen in den Museen. Es fiel mir nicht schwer, die Künstler, Galeristen und Kritiker New Yorks kennen und manchmal schätzen zu lernen. Und es hat mir, ganz ehrlich, auch mehr Spaß gemacht als die einsame Archivarbeit mit den Manuskripten über transzendentale Intersubjektivität oder inneres Zeitbewußtsein, obwohl diese Themen mich immer noch faszinierten.

Studiert habe ich Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Stockholm, an der FU in Berlin und der Columbia University in New York. Ich fing ziemlich früh an, neben dem Studium Kritiken zu schreiben, für die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter und etwas später für die amerikanische Kunstzeitschrift Artforum, und dort bin ich immer noch Mitglied der Redaktion.

Wichtiger als die Universität wurde für mich die literarisch-philosophische Zeitschrift Kris, die in Stockholm erschien, deren Herausgeber ich Ende der achtziger Jahre wurde; zur Redaktion gehörte auch Aris Fioretos. Wir konzipierten thematische Ausgaben und arbeiteten dabei eng mit bildenden Künstler, mit Dichtern, Choreographen und Theoretikern zusammen. Heute würde ich sagen, dass es eine Art kuratorischer Arbeit war. In der Tat erinnerte sie stark an die Bemühungen, in einer experimentellen Institution mit mehreren Kunstgattungen und mit den möglichen Bezügen zwischen den einzelnen Disziplinen zu arbeiten. Institutionen dieser Art habe ich seit jeher gerne geleitet, es waren bis jetzt drei: Die Kunstbiennale in Venedig, die Städelschule in Frankfurt, die ihre eigene Kunsthalle – den Portikus – hat, und schließlich das Moderna Museet, die Staatsgalerie für moderne Kunst in Stockholm, wo ich zurzeit Direktor bin.

Sie haben also ein neues Mitglied in ihre Akademie für Sprache und Dichtung gewählt, das sich seit vielen Jahren auf andere Medien als Sprache und Dichtung konzentriert. Es ist, denke ich, besser ehrlich zu sein. Ich arbeite nicht primär mit der Sprache, sondern mit der sichtbaren Welt – mit Malerei und Bildhauerei und mit zeitgenössischen Möglichkeiten der Kunst. Ich arbeite auch nicht primär mit Dichtung. Nicht mit Literatur, sondern mit Bildern, die still sind oder sich bewegen, und manchmal mit raumfüllenden Installationen, die eine Art Mischung von Film und Architektur darstellen.

Wie kam es dazu? Wie wird man Kurator zeitgenössischer Kunst? So etwas plant man nicht, zumindest habe ich das nicht geplant. Eigentlich begann es, wie gesagt, schon in New York, wenn ich als ermatteter Doktorand abends einige Galerien aufsuchte.

Nach einigen Jahren als Kritiker, Redakteur und Übersetzer kam es zu einem kleinen, aber bedeutenden Schritt. Ich wurde zum Mittäter von Künstlern. Sie haben mich nicht nur gefragt, Essays für ihre Kataloge zu schreiben, sondern auch ihre Ausstellungen zu inszenieren oder irgendwie mitzugestalten. Das ist eine bedeutende Verschiebung der Perspektive. Du bist nicht mehr auf der Seite des Publikums, der Zuschauer. Du bist jetzt auf der anderen Seite. Du bist eine Art Coach, eine Art Komplize des Künstlers. Ohne es geplant zu haben, bin ich also zum Kurator, oder wie es Harald Szeemann lieber genannt hat, zum Ausstellungsmacher geworden. Es fing im ganz Kleinen an und kulminierte im Jahr 2009 mit der größten aller Ausstellungen, mit der Biennale in Venedig.

Heute bin ich wieder in meiner Heimat Schweden tätig, als Leiter des staatlichen Moderna Museet. Nachdem ich zehn Jahre hier in Hessen, an der Frankfurter Städelschule verbracht habe und sehr gerne hier lebte, würde ich mich sehr darüber freuen, wenn es mir als Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung nun gelingen könnte, verheißungsvolle neue Brücken zwischen Deutschland und Schweden zu schlagen. Die Anfrage der Mitgliedschaft der Akademie war eine große Überraschung. Es ist mir eine große Ehre und Freude, sie anzunehmen. Ich bedanke mich herzlich.