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Cyrus Atabay

Cyrus Atabay

Schriftsteller
Geboren 6.9.1926
Gestorben 26.1.1996
Mitglied seit 1993

Vorstellungsrede

 

Geboren wurde ich am 6. September 1929 in Teheran. Mein Vater hatte in den dreißiger Jahren in Berlin an der Charité Medizin studiert und bei Sauerbruch promoviert. Er beschloß, seine zwei Söhne in Deutschland erziehen zu lassen. Ein solcher Entschluß wäre unverantwortlich, hätte man ein Kind aus der Obhut der Geborgenheit gerissen. Doch ich war in einer magischen Welt aufgewachsen, in der das Bedrohliche vorherrschte. So vertauschte ich eine Benommenheit mit einer anderen, als ich 1937 nach Berlin kam. Das Gefühl der Unwirklichkeit verließ mich in der neuen Umgebung nie, während die regenerativen Kräfte für Orientierungspunkte sorgten: innerhalb eines Jahres hatte ich die Berliner Floskeln, die ich für meine Streifzüge auf dem Roller in der Fasanenstraße vonnöten hatte, auswendig gelernt. Noch immer ist es mir ein Rätsel, welche orientalischen Tricks in Anwendung gebracht wurden, daß ich kaum drei Jahre später in das renommierte Arndt-Gymnasium in Dahlem aufgenommen wurde. Durch Schludrigkeit eines Vormunds, der die Möglichkeit, meinen Bruder und mich in die Schweiz zu bringen, ungenutzt ließ, blieb ich bis Kriegsende in Deutschland. Als ich im Sommer 1945, nach acht Jahren Trennung, wieder nach Persien kam, hatte ich die persische Sprache verlernt. Beschämt hörte ich die Fragen meiner Mutter in persischer Sprache, auf die ich nicht antworten konnte. Langsam wurde mir meine Muttersprache wieder vertraut, doch der Wiedergewinn an Sprache reichte nicht aus, um in einer Klasse meiner Altersgruppe eine persische Schule zu besuchen. Auf meinen Wunsch wurde ich in die Schweiz geschickt, um meinen Schulbesuch dort fortzusetzen.

In Zürich schrieb ich meine ersten Gedichte, die 1948 in der Zeitung Die Tat gedruckt wurden, deren Literaturteil Max Rychner leitete. Auf einigen Umwegen begann ich schließlich 1952 mit dem Studium der Germanistik in München. Einige Schatten hieß das erste Gedichtheft, das von mir in der Reihe Dichtung unserer Zeit 1956 im Limes Verlag erschien. Zwei weitere Gedichtbände wurden vom Hanser Verlag herausgebracht.

Seit Anfang der sechziger Jahre lebte ich abwechselnd in Teheran und London. In London entstanden viele Gedichte und Prosastücke, die in dem Buch Doppelte Wahrheit zusammengefaßt wurden. Die unvergessene Hilde Claassen erklärte sich bereit, meine Gedichte und Übersetzungen zu drucken, allerdings ohne Anspruch auf ein Honorar. Ich wohnte in der Belsize Park Gardens, heimisch in der Nachbarschaft jüdischer Emigranten; unweit, in der Thurlow Road, wohnte Elias Canetti, den ich häufig besuchte. Obschon oder gerade weil ich die englische Sprache liebe, beschäftigte mich unablässig das Problem der Sprache für den Dichter, der im Exil oder längere Zeit fern von seiner Heimat lebt. Zunächst schien mir die Distanz zur Sprache fruchtbar und womöglich die Sprachkraft des Dichters steigernd; eine zu lange Trennung vom Resonanzboden der Sprache konnte andererseits Erosionen auslösen, die zu Sprachverfall und zunehmender Abstraktion führten. Meine eigene Sorge war, daß das Echo der Sprache im Ohr erlöschen könnte, wenn die gesprochene Sprache es nicht wieder akkumulierte. Dies waren Überlegungen, die ich auch mit Erich Fried diskutierte.

Einige Jahre später schloß ich mich in Teheran einer Gruppe von jungen Dichtern an, die sich Torfé nannte; eine Auswahl meiner Gedichte wurde in Zusammenarbeit mit mir ins Persische übersetzt und erschien in ihrem Verlag. Meinen Dank und meine Erwiderung an diese Autoren findet sich in der Sammlung neuer iranischer Lyrik, die ich ins Deutsche übertrug und die 1968 unter dem Titel Gesänge von Morgen erschien.

1974 erschien, nach einer Unterbrechung von fünf Jahren, ein neuer Gedichtband von mir im Insel Verlag: An diesem Tag lasen wir nicht weiter. Ich hatte das Glück, daß mir Elisabeth Borchers als bessere fabbri bei der Redigierung des Manuskripts zur Seite stand. 1977 folgte der Gedichtband Das Auftauchen an einem anderen Ort, ein Titel, der sich auf einen Satz Franz Marcs beruft.

Unmittelbar nach der iranischen Revolution beantragte ich im Konsulat der iranischen islamischen Republik in London einen neuen Paß; mein Antrag wurde ignoriert, und ich erhielt politisches Asyl in England. Auch wäre ich sehr bald aus einem Land geflüchtet, in dem Willkür und dogmatische Tyrannei die Regel sind.

Seit 1983 lebe ich in München, nachdem mir zunächst die Aufenthaltserlaubnis in Deutschland verweigert worden war. In den letzten zehn Jahren erschienen von mir in der Eremiten Presse vier Gedichtbände, eine Prosasammlung, sowie Übersetzungen klassischer persischer Poesie und Prosa. Einen Auswahlband meiner Gedichte aus dreißig Jahren brachte 1991 der Insel Verlag heraus.

Viele Jahre nicht mehr in Deutschland lebend, hatte ich den Kontakt zu meinen Jugendfreunden in diesem Land verloren. Einige von ihnen sind Mitglieder dieser Akademie, ich grüße sie herzlich und danke ihnen, daß sie meine ›kleine Kunst‹ mit Aufmerksamkeit begleitet haben.

Der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung danke ich, daß ich zu ihr gehören darf.