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Anna Maria Carpi

Anna Maria Carpi

Germanistin, Schriftstellerin und Übersetzerin
Geboren 22.3.1939
Mitglied seit 2013

Vorstellungsrede

 

Spät, aber mit Freude – wie bei anderen Gelegenheiten in meinem Leben – bin ich zu diesem Darmstädter Kreis gelangt, von dessen Existenz und großartiger Tätigkeit ich schon länger Kenntnis hatte.

Ich bin die Tochter einer emilianischen Mutter und eines toskanischen Vaters, die Enkelin eines bizarren, nach Italien ausgewanderten Iren und eines ebenso bizarren Herrn, der, wie es in den Romanen von damals passierte, all sein Hab und Gut verschwendet hatte.

Mein Vater, vormals Schauspieler und Theaterautor, war zuletzt Kunsthändler, ihm verdanke ich meine frühe Vertrautheit mit der Malerei. Jahrelang habe ich selbst gezeichnet: Mit Stift und Chinatinte porträtierte ich Menschen um mich herum, die ich nicht näher kannte, und zwar ohne jede Rücksicht.

Zugleich habe ich mein Studium sehr geliebt, erst die lateinischen und die griechischen, dann die deutschen Klassiker. Bei uns zu Hause wehte der Wind der einfachen katholischen Devotion meiner Mutter und der väterlichen Leidenschaft für Nietzsche, und es stand außer Zweifel, dass meine Zukunft im Forschen und Lehren liegen würde. Ich promovierte an der Philosophischen Fakultät in Mailand, und 1980 bekam ich ein Ordinariat an der Universität Venedig.

Ich habe in Mailand, Macerata, Venedig, Bonn und dann wieder in Mailand gelehrt, habe Essays über meinen Lieblingsdichter Gottfried Benn, über Thomas Mann, über Joseph Roth und über Peter Handke verfasst, dann vieles über den geliebt-gehassten, immer wieder geliebten Heinrich von Kleist geschrieben. Ohne dass ich je aufhörte, mich in einer ganz anderen Gattung zu erproben, ein Porträtieren dessen, was mich umgab, wie beim Zeichnen in meiner Jugend.

Ich schrieb und veröffentlichte Kurzgeschichten, in der festen, vielleicht unheilvollen Überzeugung, man sei erst Schriftsteller, wenn man es zum Roman gebracht habe. Dazu habe ich es dann tatsächlich gebracht, mit einem gewissen Erfolg (Forever young). Mich hatte Mallarmés Aussage in Bann geschlagen, der Weg der Dichtung sei viel leichter als der der Prosa. Ich verfasste in langjähriger Arbeit drei Romane, bis ich mir darüber klarwurde, dass die inventio nicht meine Stärke ist.

Manchmal tröstet mich Isaak Babels Wort: »Ich habe keine Phantasie, ich habe bloß den Wunsch, sie zu haben.« Das Schreiben meines vierten Buches – Kleist. Ein Leben – dagegen dauerte nur zwei Jahre: Ich brauchte nämlich nichts zu erfinden, es war nicht nötig. Ich habe nur Passagen aus seinen Briefen und andere Quellen in Dialoge verwandelt. Die Klassiker haben meine Generation zum Erhabenen und zur Bewunderung der Selbstmörder erzogen.

Und die Poesie? Ich habe Gedichte seit jeher geschrieben, aber sie bis zu den 1990er Jahren nicht ernst genommen. Erst dann begann ich sie zu veröffentlichen, und es wurden bis heute fünf Bücher, die sich guten Erfolgs bei Lesern und Presse erfreuten. Dieses Jahr bekam ich den Premio Carducci alla carriera, und die Jury bezeichnete mich als »die italienische Szymborska«.

Seltsam, denn bei genauer Betrachtung war meine Schule weder die Dichtung der Szymborska noch die italienische Dichtung, sondern die deutsche Dichtung, die ich in all den Jahren übersetzt habe: Rilke, den ich nicht liebte, Benn und Bernhard, Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein, Michael Krüger, Heiner Müller, Harald Hartung, Nietzsche – von Nietzsche habe ich die erste italienische Gesamtausgabe der Gedichte herausgegeben (die erste Auflage erschien 2001, die zweite 2008).

Nicht nur die inventio, auch die zum Erzählen nötige amplificatio ist nicht meine Stärke. Es mag sein, dass mein Gebiet das des synthetischen und eigenwilligen Versmaßes ist. Und dennoch schreibe ich eine dialogische Poesie, alles andere als eine kryptische. Vielleicht ist das eine Wiederkehr meines jugendlichen Zeichnens dal vero und zugleich des solipsistischen Reflektierens meiner Tagebücher über die Welt. Das Dichten aber erwächst aus meinem Drang, »mit den anderen« zu kommunizieren, und zwar über unser Verlorensein in dieser so stark medialisierten Welt, die sich doch so sehr nach Unsterblichkeit sehnt.

Die von mir verpassten Gelegenheiten sind zahlreich, und vieles würde ich im Rückblick anders machen. Aber was mich eher reut, als Gelehrte und als Mensch: die Meisterwerke der Literatur, die ich nicht gelesen habe und die zu lesen ich keine Zeit mehr haben werde. Heute reden wir alle offen, mit einem auffallenden Schamverlust, von uns selber – von Liebschaften, Siegen und Niederlagen. Doch wer hätte den Mut zu einer eigenen »negativen« Bibliographie der Bücher, die er hätte lesen sollen und nicht gelesen hat? Denn das ist das echte Intime, das zu enthüllen wir uns schämen.

Noch und noch redet man vom Tod der Literatur. Ich glaube nicht, dass er eintreten wird. Einfach aus dem Grund, weil die Literatur die schriftliche Fortsetzung unserer inneren Tätigkeit ist und das stärkste Ausdrucksmittel des Menschenhirns das Wort ist. Schwierig aber scheint mir das Weiterleben bzw. eine Erneuerung des Romans zu sein, obwohl wir in einer Sintflut von Romanen ertrinken. Unsere Schicksale sind flacher geworden, unsere Dramen werden von den visuellen Medien verwaltet. Wir sollten uns eher dem Essay, der Philosophie im weiten Sinn zuwenden oder eben der Poesie. Die neuen Verhältnisse bedürfen der Analyse, es braucht die besten und klügsten Köpfe, um Ursachen, Wirkungen und Auswege zu bestimmen im Blick auf das, was in dieser schrecklichen Beschleunigung der Zeiten uns zum Urchaos und zum Gesetz des Stärkeren zurückzubringen scheint. Und die Poesie? Woher kommt sie? Wir wissen es nicht, wir wissen nur, dass allein ihre wunderbare Sprache uns noch Überraschungen und einen Zauber schenken kann.

Ich bedanke mich herzlich bei allen Mitgliedern, die mich vorgeschlagen haben, und bei allen Mitgliedern, die diesem Vorschlag zugestimmt haben.