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Adrien Finck

Adrien Finck

Schriftsteller und Literaturwissenschaftler
Geboren 19.10.1930
Gestorben 8.6.2008
Mitglied seit 1993

Vorstellungsrede

 

Es war im November 1944. Französische Panzer fuhren durch ein Dorf im elsässischen Sundgau. Ein Junge stand da vor dem elterlichen Bauernhof. Die als »deutschfeindlich« erklärte Familie hatte schwer unter der nationalsozialistischen Annexion leiden müssen, der zwangseingezogene Bruder war in Rußland vermißt. Da kam über die Lippen des Vierzehnjährigen in seiner alemannischen Mundart so etwas wie ein Schwur: Un jetz ke Wort meh Ditsch! Ja, nach dem Erleben des Naziterrors, der seine Kindheit überschattete, wollte er nun kein Wort Deutsch mehr reden und hören ...

Wie kam es dazu, daß er, jenem kindlichen Schwur untreu, sich später dem Studium der deutschen Sprache und Dichtung widmete, daß er sogar in dieser Sprache schreibt, sich für die Erhaltung der elsaßdeutschen Mundart einsetzt, und daß er heute vor Ihnen steht, für würdig befunden, in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen zu werden?

Verzeihen Sie mir als Elsässer, daß ich so weit zurückgreife! Das wäre eine zu elsässische Geschichte, die kann ich Ihnen jetzt nicht erzählen. Es war eine allmähliche, schwierige Bewußtwerdung des Eigenen, eine Beschwörung des Verdrängten, des durch die nationalen Vorurteile Verfälschten und den Völkerhaß Verstörten; es ging (wie ich das retrospektiv verstehe) um die Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts durch eine Wiedergewinnung der deutschen Sprache.

Der lange Weg einer elsässischen Bewußtwerdung wäre unmöglich gewesen ohne Weg-Weiser. Da müßte ich nun eine Reihe von Lehrmeistern dankbar erwähnen. Lassen Sie mich hier eines Namens gedenken, des skandalös verkannten René Schickele! Im damaligen »Reichsland Elsaß-Lothringen« geboren; Elsässer, Europäer, Pazifist, schon vor dem Ersten Weltkrieg, dann im Krieg als der »legendäre Herausgeber« der Weißen Blätter (wie ihn Ludwig Marcuse nannte), bis 1933 Mitglied der »Preußischen Akademie der Künste«, 1940 in der Provence, in einem schmerzlich-paradoxen Exil gestorben ... Er war nicht Prophet im eigenen Land. Ich wollte zu Beginn der sechziger Jahre an der Straßburger Universität meine Thèse de Doctorat d’Etat über ihn schreiben, doch mein Doktorvater, der es gut mit mir meinte (es war der Goethe-Forscher Albert Fuchs, den ich als geistigen Vater verehre), riet damals ab: »Pensez à votre carrière universitaire!« (»Denken Sie an Ihre Universitätskarriere!«). Ich befaßte mich darauf mit Georg Trakl, was ich ja gar nicht bereue (das Salzburger »Internationale Trakl-Forum« ist für mich eine Wirkungsstätte geworden, die ich nicht vermissen möchte). Ich versuchte dann als Germanist an der Straßburger Universität, René Schickele zu »rehabilitieren«, und mich ebenfalls mit der Vergangenheit und besonders der Gegenwart einer deutschsprachigen Literatur im Elsaß auseinanderzusetzen. Weiß man in Deutschland, daß es die noch gibt? »Auslandsdeutsche Literatur« (ein historisch belasteter Begriff) wird von der deutschen Kritik und Germanistik kaum wahrgenommen (ich vermerke jedoch dankbar die von Alexander Ritter seit den siebziger Jahren herausgegebene Reihe Auslandsdeutsche Literatur der Gegenwart, die eine Dokumentation liefert und Vergleiche ermöglicht).

Ich will jetzt nicht an Otfried von Weißenburg und Gottfried von Straßburg erinnern, nicht an das Narrenschiff oder an jenen Gargantua, »überschröcklich lustig in einen teutschen Model vergossen« ... Die heutige Situation hat kaum noch etwas mit dieser Vergangenheit zu tun. Würde noch ein Elsässer nach Telgte geladen? Und wie Dürrenmatt in seinem Essay über Tomi Ungerer schreibt: »Sesenheim ist nirgendwo, denn Babylon ist überall«. Das Elsaß heute, was das Deutsche anbelangt: ein sprachliches Trümmerfeld. Trotzdem sind wir noch einige wenige (die letzten?), die in extremis versuchen, in dieser Sprache zu schreiben, und zwar ein anderes Deutsch. Zur Klarstellung füge ich hinzu: Das ist kein Kult des Ur- und Nur-Elsässischen, das hat nichts zu tun mit »Volkstum« oder irgendwelchem Irredentismus, das sind keine Rückblicke und Rückrufe! Wir Grenzvögel am wundesten Punkt der deutsch-französischen Grenze, wir haben ein geschärftes Erfahrungsvermögen; niemand braucht uns da zur Vigilanz zu ermahnen. Es geht um den Versuch einer Verwirklichung des »Geistigen Elsässertums«, so wie es zu Beginn des Jahrhunderts Schickele, seinen Freunden Stadler und Flake vorschwebte, im Sinne einer deutsch-französischen Vermittlungsmission des Elsaß, was allerdings der Zweisprachigkeit, der »Doppelkultur« bedarf. Die heutige politische Situation – die deutsch-französische Versöhnung in europäischer Perspektive – soll das endlich erlauben. Mein Freund André Weckmann (auch er soll hier genannt werden) entwarf das Programm einer »Bilingua-Zone« zu beiden Seiten der deutsch-französischen Grenze. In diesem Sinn verteidigen wir die bedrohte Mundart und Hochdeutsch als entsprechende Schrift- und Kommunikationssprache; in diesem Sinn (ich habe das schon erklärt und wiederhole es hier vor Ihnen) soll auch die Bundesrepublik keine Hemmungen haben, die deutsche Sprache im Elsaß zu fördern.

Ich glaube, daß ich somit das Wesentliche meines Wirkens in aller Kürze angedeutet habe; dies mag zur Vorstellung genügen. Soll ich meine literarischen Arbeiten aufzählen? Der Literaturwissenschaftler ist bekanntlich dem Vorwurf ausgesetzt, bloß »Kapellmeistermusik« zu schreiben (auch wenn er »komponierte«, bevor er »dirigierte«). Mundartgedichte als »Mülmüsik«, »Hàndschrift«, »Langue de plaisir«, »Exercice de Mémoire« (ich habe den Hebel-Preis dafür erhalten); zwei hochdeutsche Titel: Fremdsprache, bitter ironisch für die deutsche Sprache im Elsaß; Der Sprachlose, eine autobiographische Fiktion, – beide mit satirischen Zeichnungen von Tomi Ungerer; schließlich: Versuche einer »Triphonie« (Mundart, Hochdeutsch, Französisch) als elsässischer Beitrag zu einer Europhonie ...

Der »Sprachlose« dankt Ihnen für die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.