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Frühjahrstagung
in Lviv
vom 15. bis 17. Mai 2008
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Donnerstag – 30.
Oktober 2008
Eintritt 10,- UAH
19
Uhr
Philharmonie, Tschaikowsky Str. 7
Dichterfest
Zweisprachige
Lesung
Natalka Bilozerkiwez
Viktor Neborak
Robert Schindel
Jan Wagner
Serhij Zhadan
Joseph Zoderer
Moderation: Juri Andruchowytsch
Freitag – 31. Oktober 2008
Geschlossene
Veranstaltung
Deutsche Autoren zu Gast
in den Schulen Nr. 8 und Nr. 28
Felicitas Hoppe
Hanna Johansen
Sibylle Lewitscharoff
Martin Mosebach
Eintritt frei
ab
9 Uhr
Ivan-Franko-Universität, Universitätska Str. 1
Fakultät für Fremdsprachen, Konferenzsaal Raum 405
Kurzvorträge und
Gespräche
In deutscher Sprache
Peter Eisenberg:
Wie wird richtig geschrieben? Zum Stand der deutschen Rechtschreibung
Heinrich Detering:
Was beschäftigt die germanistische Literaturwissenschaft heute?
Norbert Miller und Michael Maar:
Gespräch über die aktuelle Literaturszene in Deutschland
Eintritt frei
ab
11.50 Uhr
Ivan-Franko-Universität, Universitätska
Str. 1
Fakultät für Fremdsprachen, Konferenzsaal Raum 405
Lesungen und
Gespräche
In
deutscher Sprache
Ilma Rakusa
Wilhelm Genazino
Brigitte Kronauer
Herta Müller
Katja Lange-Müller
15
Uhr
Spiegelsaal
Geschlossene
Veranstaltung
In
deutscher Sprache
Symposium zur Wahrnehmung
der ukrainischen Literatur in Deutschland
und der deutschen
Literatur in der Ukraine
Referentinnen: Larissa Cybenko, Claudia Dathe,
Chrystyna Nazarkewytsch und Katharina Raabe
Eintritt frei
19
Uhr
Kunstpalast, Kopernika Str.17
Preisverleihung
In
deutscher Sprache,
ukrainische
Übersetzungen
der Laudationes und Dankreden liegen vor
Begrüßung durch den Präsidenten der Deutschen Akademie
Klaus Reichert
Grußwort des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in der
Ukraine
Reinhard Schäfers
Johann-Heinrich-Voß-Preis
für Übersetzung
an Verena Reichel
Laudatio: Lars Gustafsson
Dankrede der Preisträgerin
Friedrich-Gundolf-Preis
für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland
an Jurko Prochasko
Laudatio: Martin Pollack
Dankrede des Preisträgers
Samstag – 17. Mai 2008
Eintritt 10,- UAH
17
Uhr
Philharmonie, Tschaikowsky Str. 7
Erzählte Welt
Zweisprachige Lesung
Juri Andruchowytsch
Christoph Ransmayr
Moderation: Jurko Prochasko
Inforamtionen zu
den Beteiligten am Tagungsprogramm
(aufgeführt
in alphabetischer Reihenfolge)
Juri Andruchowytsch wurde am 1960 in
Stanislaw (heute Iwano-Frankiwsk) geboren, wo er heute auch lebt. Er
ist Romancier, Dichter, Essayist und Übersetzer und gehört zu
den bedeutendsten Autoren seines Landes. International gilt er als die
literarische Stimme der neuen Ukraine. Andruchowytsch studierte
Journalismus am Lemberger Polygraphischen Institut, hat 1982 seine
ersten Gedichte in Literaturzeitschriften veröffentlicht, Mitte
der achtziger Jahre die damals einflussreiche Gruppe „Bu-Ba-Bu“
mitbegründet und von 1989 bis 1991 am Moskauer Literaturinstitut
Maxim Gorki studiert. Er engagiert sich unter anderem als
Vizepräsident des ukrainischen Schriftstellerverbandes und ist
Chefredakteur der zentraleuropäischen Literaturzeitschrift „Zug
76“ (www.potyah76.org.ua). Dies sind nur einige Stationen
einer Biographie, die von der tiefen, und das heißt: kritischen
Zuneigung zu seiner Heimat und einer gleichermaßen starken
Sehnsucht nach Europa bestimmt ist – zusammengehalten von einer
vergessenen gemeinsamen Geschichte, die Andruchowytsch immer wieder
für die Gegenwart beschwört.In seinen Texten, ob diese nun
die literarische Gestalt des Gedichts, der Prosa oder des poetischen
Essays annehmen mögen, gewinnen die Landschaften, aus denen Joseph
Roth oder Paul Celan, Bruno Schulz oder Zbigniew Herbert hervorgegangen
sind, eine neue Stimme. Andruchowytsch ist ein liebenswürdiger,
origineller und vor allem hartnäckiger literarischer Botschafter
einer neuen europäischen Mitte.
Publikationen (Auswahl): Engel und
Dämonen der Peripherie. Essays, 2007; Moscoviada. Roman, 2006;
Zwölf Ringe. Roman, 2005; Mein Europa, mit Andrzej Stasiuk, Sofia
Onufriv und Martin Pollack 2004.
Natalka Bilozerkiwez wurde 1954 im
Dorf Kuyaniwka (Ostukraine) geboren. Sie ist
Dichterin, Übersetzerin und Literaturkritikerin. Seit 1986
arbeitet Natalka Bilozerkiwez für die Zeitschrift „Ukrainische
Kultur“ in der Redaktion für Literatur und Kunst. Sie lebt in
Kiev. 1976 absolvierte sie die philologische Fakultät der Kiewer
Taras Schewtschenko Universität. »Schon mit 13
Jahren«, so heißt es über sie,
»veröffentlichte sie ihre ersten Texte und galt bereits als
Studentin als eine der großen Hoffnungen der ukrainischen
Literatur der 1970er Jahre. In Zeiten eines
verstärkten Drucks auf die ukrainische Literatur in den Jahren der sogenannten ‚Stagnation’ zog sich die Dichterin aus der
literarischen Öffentlichkeit zurück und publizierte nur
wenig, um nach der Wende von 1991 umso entschiedener
zurückzukehren und zu einem Bindeglied zwischen der älteren und jüngeren Generation zu werden«.
Einige ihrer Gedichte wurden in mehrere Sprache übersetzt.
Deutsche Übertragungen wurden in folgende Anthologien aufgenommen:
Zweiter Anlauf, herausgegeben von Karin Warter und Alois Woldan, 2004;
Vorwärts, ihr Kampfschildkröten, herausgegeben von Hans
Thill, 2006. Publikationen (ukrainisch) - sie
hat sechs Gedichtbände veröffentlicht: Hotel
»Central«, ausgewählte Gedichte, 2004; Allergie, 1999;
November, 1989; Das unterirdische Feuer, 1984; Im Land meines Herzens,
1979; Ballade über Widerständler, 1976.
Larissa Cybenko,
Dr., ist ukrainische Germanistin und Literaturwissenschaftlerin. Sie
lebt in Lviv, wo sie an der Iwan Franko Universität doziert. 2001
promovierte sie über das
„Zeitlich-räumliches
Modell des Romans von Christoph Ransmayr Die letzte Welt“ an der
Akademie der Wissenschaften in Kiev. Larissa Cybenko publizierte
Beiträge über die deutschsprachige Literatur und ist als
Übersetzerin
tätig. In der Ukraine sind die Werke von Ingeborg Bachmann in
ihrer
Übersetzung erschienen (Drei Hörspiele, darunter: Der Gute
Gott von
Manhattan; Letzter Gedichtzyklus; Roman Málina). 2004 und 2006
wurde
sie vom Bundeskanzleramt der Republik Österreich für ihre
Leistungen
als literarische Übersetzerin ausgezeichnet. Sie engagiert sich
für die
ukrainisch-österreichischen Kooperation in Wissenschaft, Bildung
und
Kultur, sowie als wissenschaftliche Beraterin der Österreich
Bibliothek
Lemberg. Forschungsaufenthalte und Vorträge in Österreich,
Deutschland
und in der Schweiz.
Claudia Dathe,
geboren 1971, studierte Übersetzungswissenschaft (Russisch,
Polnisch)
in Leipzig, Pjatigorsk (Russland) und Krakau. Von 1997 bis 2004
arbeitete sie als Lektorin für den Deutschen Akademischen
Austauschdienst in Kasachstan und der Ukraine. Neben
Lehrveranstaltungen zum Übersetzen und Dolmetschen führte sie
außeruniversitäre Weiterbildungen für
Nachwuchsübersetzer durch.
Während ihrer Tätigkeit in Kiew eignete sie sich Ukrainisch
an und
begann mit eigenen literarischen Übersetzungen. Seit ihrer
Rückkehr
arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin für Ukrainisch
und
Russisch und führt Seminare für deutsche und ukrainische
Nachwuchsübersetzer durch. Claudia Dathe hat u. a. die
ukrainischen
Autoren Serhij Zhadan, Olexandr Irwanez, Tanja Maljartschuk und Sofia
Andruchowytsch ins Deutsche übersetzt. Sie lebt und arbeitet in
Jena.
Heinrich Detering
Was beschäftigt die germanistische
Literaturwissenschaft heute?
Wurden früher wissenschaftliche
Umorientierungen als
Paradigmenwechsel bezeichnet, dominiert heute ein anderer Begriff. Man
spricht lieber von „turns“ und bedient sich
dabei einer räumlichen Metapher: Wissenschaften bewegen sich
innerhalb eines imaginären Raumes in eine bestimmte Richtung und
nehmen plötzlich einen Richtungswechsel vor. Jede neue Richtung
zieht
andere wissenschaftliche Methoden, Interessen und Perspektiven an sich.
Nun hat die Literaturwissenschaft (unter anderem die germanistische) in
den vergangenen Jahren soviele 'turns' erlebt (cultural turn, iconic
turn, anthropological turn), dass auch widerstandsfähigen
Beobachtern
manchmal schwindlig werden konnte. Über
die
Metapher selbst, vor allem aber über einige der wichtigsten
Entwicklungen soll der Vortrag Überlegungen formulieren, die als
Anstoß
zu einem Gespräch dienen könnten.
Heinrich Detering, Prof. Dr., geboren1959,
ist seit
2005 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der
Universität
Göttingen und leitet dort außerdem das Seminar für
Komparatistische
Studien und das Deutsche Seminar. Zuvor lehrte er an der
Universität in
Kiel. Detering zählt zu den einflussreichsten deutschen
Literaturwissenschaftlern. Neben seiner Lehrtätigkeit treibt er
Literaturkritik, übersetzt aus dem Skandinavischen, publiziert zur
deutschen Literatur, gelegentlich auch eigene Gedichte und hat erst
kürzlich eine Biographie über Bob Dylan vorgelegt, zu dessen
großen
Verehrern er sich zählt. Zudem ist er (Mit-)Herausgeber der
>Großen
Kommentierten Frankfurter Ausgabe< der Werke Thomas Manns.
Peter Eisenberg
Wie wird richtig geschrieben? Über den
Stand der deutschen Rechtschreibung
Die jahrelange Debatte über die
Orthographiereform der
deutschen Sprache hat die deutsche Bevölkerung, aber auch die
Deutschlehrer und Germanisten im Ausland extrem verunsichert. Jeder
schrieb wie er wollte, Zeitungen und Verlage entwarfen ihre eigenen
Rechtschreibungen – an eine einheitliche Rechtschreibung war nicht mehr
zu denken. Seit dem 1. August 2006 nun gibt es ein stark
überarbeitetes
Regelwerk, durch dass eine Einheitlichkeit der Rechtschreibung wieder
hergestellt werden soll. Peter Eisenberg war und ist als Vertreter der
Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung maßgeblich an
der
Überarbeitung des Regelwerks beteiligt und wird, nachdem er kurz
über
den aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung und ihre kritischen
Felder Auskunft gegeben hat, Ihre Fragen beantworten. Peter Eisenberg,
Prof. Dr., wurde 1940 geboren. Er gehört zu den wirkungsvollsten
Sprachwissenschaftlern der Gegenwart und gilt als Koryphäe in der
Vermittlung sprachwissenschaftlicher Zusammenhänge. Von 1993 bis
zu
seiner Emeritierung 2005 lehrte er an der Universität Potsdam.
Seine
Hauptarbeitsgebiete in der Sprachwissenschaft waren Computerlinguistik,
künstliche Intelligenz und Grammatiktheorie. 1986 erschien der
vielbeachtete Band »Grundriß der deutschen
Grammatik«. In den
vergangenen zwei Jahren hat er vor allem an der Neuauflage von Band 9
der Duden-Reihe über »Richtiges und gutes Deutsch«
gearbeitet, die im
März 2007 erschienen ist.
Wilhelm Genazino
berichtete einst, dass er seine Erzieher in Büchern der
deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gefunden und deren Verfasser zum
Teil zu Vorbildern genommen habe. So habe er von Peter Weiss gelernt,
„dass es ohne Ernsthaftigkeit keine Wahrheit geben kann, und von Peter
Rühmkorf, dass ohne Witz und ohne Frechheit eine Erholung von
dieser
Ernsthaftigkeit nicht möglich ist“. Dies sind zwei Einsichten, die
sich
als tragende Säulen des Genazinoschen Werkes ausmachen lassen.
Wilhelm
Genazino wurde 1943 in Mannheim geboren. Er begann als Journalist,
arbeitete u.a. bei der Satirezeitschrift »Pardon«, bis er
sich 1971 für
die Existenz als freier Schriftsteller entschied. Er gilt als der
genaueste und ironischste Beobachter des Alltagslebens und seiner
Fallstricke. In seinem neuesten Roman »Mittelmäßiges
Heimweh« flimmert
auf dem Fernsehschirm in der Kneipe ein Fußballspiel, auf dem
Fußboden
liegt ein Ohr. Dieter Rotmund weiß sofort: Das kann nur seines
sein.
Hat jemand etwas bemerkt? Und Wie findet man durch den Alltag, wenn die
Körperteile abhanden kommen? Wilhelm Genazino erzählt die
Geschichte
eines Mannes, der neben seinem Ohr noch weitere Verluste erleiden muss.
Und der darüber erschrickt, dass selbst seine Gefühle nur
noch
mittelmäßig sind. "Ganz auf der Höhe seiner Kunst. So
gibt es hier auch
inhaltlich wieder das volle Genazino-Programm: Humor und Melancholie,
Ironie und Alltag“, so urteilt die Kritik.
Publikationen (Auswahl):
Mittelmäßiges Heimweh. Roman,
2007; Die Liebesblödigkeit, Roman, 2005; Eine Frau, eine Wohnung,
ein
Roman, 2003; Ein Regenschirm für diesen Tag, Roman, 2001; Auf der
Kippe. Ein Album, 2000; Die Kassiererinnen, Roman, 1998; Das Licht
brennt ein Loch in den Tag, Roman 1996; Die Obdachlosigkeit der Fische,
Roman, 1994.
Lars Gustafsson Laudator auf Verena Reichel
Lars Gustafsson, Prof em. Dr., wurde 1936
in Västerås /
Schweden geboren Er zählt als Philosoph, Romancier und Lyriker zu
den
vielseitigsten und wichtigsten schwedischen Autoren der Gegenwart. Er
arbeitete viele Jahre als Chefredakteur der schwedischen
Literaturzeitschrift "Bonniers Litterära Magasin". Von 1983 bis
2006
war er Professor für Germanistische Studien und Philosophie an der
University of Texas in Austin/Texas, wo auch sein im Jahr 2004
erschienener Roman »Der Dekan« spielt. Heute lebt er wieder
in
Schweden. Auf der Tagung in Lviv wird er als Laudator die Person
würdigen, durch deren Übersetzung sein reiches und komplexes
Werk in
Deutschland bekannt wurde. Zu seinen Publikationen zählen
(Auswahl):
Die Sonntage des amerikanischen Mädchens. Eine Verserzählung,
2008; Der
Dekan. Roman, 2004, Auszug aus Xanadu. Gedichte, 2003, Der Tod des
Bienenzüchters. Roman, 1978.
Felicitas Hoppe
wurde 1960 in Hameln geboren, arbeitete nach ihrem Studium der
Religions- und Literaturwissenschaft sowie der Rhetorik als Dramaturgin
und Journalistin. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin und hat
Romane, Erzählungen, Essays und - fiktive – Porträts
veröffentlicht.
Seit dem frühen Band »Picknick der Friseure« (1996)
mit seinen
grotesken und komischen Geschichten schreibt sie in einem ihr ganz
eigenen Stil, der gelegentlich das Surreale oder Phantastische streift
– als folge sie einer anderen Form der Erkenntnis, so wie Verfremdung
dem besseren Verstehen dient. 1997 unternahm sie auf einem
Containerfrachtschiff eine Reise um die Welt. Seither ist sie lesend,
schreibend und vortragend im In- und Ausland unterwegs,
gewissermaßen
als unermüdliche Weltreisende im Innen wie im Außen. Neben
der
Literatur gilt ihr Hauptinteresse der Musik und der Geschichte.
Gelegentlich arbeitet sie mit bildenden Künstlern zusammen und
schreibt
nebenbei für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und den
Rundfunk.
Sie verfasst auch Kinderbücher und unterrichtet als
Gastprofessorin. Zu
den jüngsten Veröffentlichungen (deutsch) zählen: Iwein
Löwenritter.
Erzählt nach dem Roman von Hartmann von Aue, 2008; Johanna, Roman,
2006; Verbrecher und Versager, fünf Porträts 2004; Paradiese,
Übersee,
Roman, 2003. Die Erzählung »Der linke Schuh« liegt in
ukrainischer
Übersetzung vor, erschienen 2004 in der Anthologie
»Westkontakt«.
Hanna
Johansen
wurde 1939 in Bremen geboren. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin
in der Nähe von Zürich/Schweiz. Sie debütierte 1978 mit
dem Roman „Die
stehende Uhr“. Erzählt wird von Veränderungen, die in einem
Menschen
und mit ihm passieren können, auch wenn äußerlich,
sozusagen an der Oberfläche, wenig
Dramatisches sich ereignet. Solche Lebenserfahrung bleibt
thematisch auch in ihren weiteren Büchern, die in stetiger Abfolge
erschienen sind. Über ihre Literatur heißt es: »Der
Satz „Der
Normalfall ist das Unbegreifliche“ könne als Motto über Hanna
Johansens
Schaffen stehen. In der Wahrnehmung ihrer Erzählerinnen bleibt die
Zeit
stehen, verwandeln sich Menschen in unbekannte Wesen, erwachen
Räume zu
neuem Leben, entwickeln Erinnerungen eine gefährliche Sogwirkung
und
öffnen sich Abgründe innerhalb von Beziehungen«. Hanna
Johansen
schreibt nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder,
obwohl: Die
herkömmlichen Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur
sind in
ihrem Werk oft nicht auszumachen, denn sie berichtet
mit starker Einfühlungskraft von Menschen (und Tieren), die das Staunen und Fragen nicht verlernt haben.
Zu den jüngsten
Veröffentlichungen zählen: Der schwarze
Schirm, Roman, 2007; Ich bin hier bloß die Katze, 2007; Die
Hühneroper,
2004; Omps! Ein Dinosaurier zuviel, 2003; Lena, Roman, 2002.
Brigitte Kronauer nähert sich
der Wirklichkeit wie eine erkenntnishungrige Forscherin und zerlegt sie
in eine Fülle von Beobachtungen, Ereignissen und Stimmungen. Nicht
weil sie die amorphe und chaotische Wirklichkeit spiegeln möchte,
sondern um dieser entgegenzutreten, indem sie Wirklichkeit zu ihrem Stoff macht, sie formt, ordnet und gestaltet. »So
hilft uns die Literatur mit der Wirklichkeit zurechtzukommen«,
sagt die Autorin selbst. Die Erzählerin Brigitte Kronauer hat Sinn
für das scheinbar Banale, für Komik, Erotik und Sarkasmus, sie ist hellhörig auf alles Doppelbödige in
Gefühlen und Gesten und beschreibt so
präzise, dass selbst profane Örtlichkeiten bis in die letzte
Einzelheit entziffert werden. Eine Kritikerin formulierte dies
treffend: »Kaum ein Autor, kaum eine Autorin der Gegenwart vermag
die Balance aus Präzision und barockem Überschuss so elegant
zu halten wie sie.« Kronauers Werk umfasst neben Romanen eine
Reihe von Sammelbänden mit wunderbaren Geschichten und
Prosaminiaturen, wie auch ihre jüngst erschienenen Geschichten
„Die Kleider der Frauen“, an denen sich die
Kunst ihres Erzählens ebenfalls ablesen lässt. Brigitte
Kronauer wurde 1940 in Essen geboren, arbeitete zunächst als
Lehrerin und lebt seit 1974 als freie Schriftstellerin in Hamburg.
Publikationen (Auswahl): Die Kleider der
Frauen, Erzählungen, 2008; Errötende Mörder, Roman,
2007; Die Tricks der Diva, Geschichten, 2004; Verlangen nach Musik und
Gebirge, Roman 2004; Zweideutigkeit, Essays und Skizzen 2002;
Teufelsbrück, Roman 2000; Die Einöde und ihr Prophet.
Erzählungen und Essays über Kunstwerke aus fünf
Jahrhunderten, 1996.
Katja
Lange-Müller
Die seit 1986 von Katja Lange-Müller
veröffentlichten
Bücher weisen die Autorin als Virtuosin der Sprache, der
Verknappung
und des Sprachwitzes aus. Ihr Humor treffe, so schreibt F.C. Delius,
sehr tief, weil bei ihr seit der harten Schule der Deutschen
Demokratischen Republik (DDR) ein politischer, gegen jede Herrschaft
gerichteter Gestus den Witz lenke. Mit ihren Geschichten, mit den
Figuren, die sie entwirft, macht sie ihre Erfahrungen zum literarischen
Stoff. „Man kann sehr viel recherchieren und wird der Geschichte doch
kein Leben einhauchen, wenn man von Dingen schreibt, die durch die
eigene Erfahrung nicht geerdet sind“, sagt Katja Lange-Müller
selbst.
Ihre Texte bergen die Erfahrungen in der DDR, wo sie 1951 geboren
wurde, ihre Kindheit und Jugend verbrachte, wo sie Schriftsetzerin
lernte und als Hilfspflegerin in der Psychiatrie arbeitete. Im
Westberlin der 80er Jahre, wohin sie 1984, fünf Jahre vor dem
Mauerfall, flüchtete, ist ihr jüngster Roman »Böse
Schafe« angesiedelt.
Soja, gelernte Setzerin, Republikflüchtling,
Aushilfsblumenhändlerin
mit weitem Herzen, trifft Harrymit abgründiger Vergangenheit und
düsterer Zukunft – und fortan bestimmt sein Schicksal ihr Leben.
Katja
Lange Müller erzählt eine unglückliche Liebesgeschichte,
die das größte
Glück im Leben sein kann, und liefert ein atmosphärisch
dichtes Porträt
des geteilten Berlin.
Publikationen (deutsch), Auswahl: Böse
Schafe, Roman,
2007; Die Letzten, Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei, 2000;
Verfrühte Tierliebe, 1995; Kasper Mauser – Die Feigheit vorm
Freund,
Erzählung, 1988; Wehleid – wie im Leben, Prosa, 1986. Der Band »Die Enten, die Frauen und
die Wahrheit«,
Erzählungen, liegt in ukrainischer Übersetzung vor,
erschienen 2003,
litopys Verlag, Lviv.
Sibylle
Lewitscharoff
wurde 1954 in Stuttgart geboren. Sie studierte Religionswissenschaften
in Berlin, wo sie heute lebt. Sie arbeitete in einer Werbeagentur und
schrieb Features und Hörspiele für den Rundfunk. 1994
erschien ihr
erstes Buch »36 Gerechte«. Entdeckt wurde sie 1998, als
Sibylle
Lewitscharoff das Buch »Pong« veröffentlichte. Es sind
Geschichten
eines Wahnsinnigen, von diesem selbst erzählt, ein verzerrter
Blick auf
unsere Welt, der das Gewöhnliche in etwas Bizarres und das
Monströse in
etwas Normales verwandelte. Ein Jahr später erschien „Der
höfliche
Harald”, ein Reigen von Anekdoten, dann 2003 ihr vielbeachteter Roman
»Montgomery«, und schließlich
»Consummatus« (2006), ebenfalls ein
Roman. Der Protagonist sitzt in einem Cafe und erzählt aus seiner
Vergangenheit. In seinen Monolog mischen sich die Lebenden und vor
allem die Toten seines Lebens, die wiederum bringen Gott, Jesus, Bob
Dylan und die ganze Schöpfung ins Spiel. Sie hat fünf
Bücher
geschrieben, die, so verschieden sie sind, ein eigenwilliges Gesamtwerk
bilden. Die Kritik lobt sie als eine große Autorin -
scharfsinnig,
kunstvoll, gar berauschend. Selbst wenn sie über Literatur
spreche,
über die eigene wie über die fremde, schlage Sibylle
Lewitscharoff das
Publikum durch eine pointierte Liebe zum Detail und einen Hauch
Anarchie in ihren Bann.
Norbert Miller
und Michael Maar
Gespräch über die aktuelle
Literaturszene in Deutschland
Trend-Spotting – das ist seit langem das
wichtigste
Hobby der Feuilletonisten. Jahr um Jahr wird ein neuer Trend in der
Gegenwartsliteratur erspäht. Ist aber nicht jedes Werk der
Dichtung,
das im Trend liegt, schon dadurch der raschen Veralterung preisgegeben?
Und sind es nicht immer die isolierten Einzelfiguren, die am Ende der
Literatur ihr Gesicht verleihen? Über markante Gestalten der
deutschen
Gegenwart unterhalten sich Norbert Miller und Michael Maar, die beide
entschlossen sind, dabei strikt ihren persönlichen Vorlieben zu
folgen.
Norbert Miller, Prof. Dr., geboren 1937,
war bis zu
seiner Emeritierung 2005 Professor für Deutsche Philologie und
Vergleichende Literaturwissenschaft an der Technischen Universität
Berlin. Miller ist ein herausragender Experte der europäischen
Romantik
und der Kunst des achzehnten Jahrhunderts, aber auch der deutschen
Gegenwartsliteratur. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen als
Herausgeber gehören unter anderem die Werke Jean Pauls, Daniel
Defoes
und Henry Fieldings. Er ist außerdem Mitherausgeber der
Münchner
Ausgabe der Werke Goethes und veröffentlichte etliche Bände
zur
Literatur, zur bildenden Kunst und Musik.
Michael Maar, Dr., geboren 1960, ist
Germanist und
gehört zu den der renommiertesten Literaturkritikern Deutschlands.
Bekannt wurde er durch das Buch »Geister und Kunst. Neuigkeiten
aus dem
Zauberberg« (1996). 2003 und 2005 erschienen seine Bücher
»Warum
Nabokov Harry Potter gemocht hätte« und »Lolita und
der deutsche
Leutnant«. Seine Entdeckung eines deutschen Lolita-Vorbilds
sorgte 2004
für internationales Aufsehen. Im vergangenen Jahr erschien
»Solus Rex.
Die schöne böse Welt des Vladimir Nabokov«.
Martin Mosebach
wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren, wo er heute auch lebt. Er
studierte zunächst Jura, bevor er sich 1980 für die Existenz
eines
freien Schriftstellers entschied. Seitdem arbeitet er in nahezu jedem
Genre. Neben seinen großen Romanen und Erzählungen umfasst
sein Werk
Essays, Filmdrehbücher, Theaterstücke, Hörspiele,
Opernlibretti und
Reportagen – kurzum er ist ein genialer Formenspieler auf allen Feldern
der Literatur. Martin Mosebach gilt als brillanter Stilist, als
humorvoller Menschendarsteller und als einer, der mit der Tradition
sympathisiert, mit einer Vergangenheit, die im Zuge eines bedenkenlosen
Fortschritts abgeschafft wurde. In seinen Büchern begegnen uns
Charaktere, die nicht in diese stromlinienförmige
Geschäftigkeit
passen. Fast zwanzig Jahre hat Mosebach ohne die Unterstützung der
Kritik, oft gegen ihr massives Unverständnis gearbeitet. Erst im
Jahr
2000 war mit dem Erscheinen seines Romans „Eine lange Nacht“ der
Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung geschehen. Heute
zählt er zu
den größten deutschen Erzählern. Zu den jüngsten
Veröffentlichungen
zählen: Der Mond und das Mädchen. Roman, 2007; Schöne
Literatur.
Essays, 2006; Das Beben. Roman, 2005; Häresie der Formlosigkeit.
Die
römische Liturgie und ihr Feind. 2002; Der Nebelfürst. Roman,
2001.
Herta Müller
Welche Macht Sprache besitzt, weiß
Herta Müller aus den über dreißig Jahren, in denen sie unter dem Diktator Nicolae Ceaucescu in
Rumänien lebte. In ihren Büchern reflektiert sie auf
vielfältige Weise den Sprachgebrauch der Mächtigen als Instrument der Unterdrückung. „Sprache war und ist
nirgends und zu keiner Zeit ein unpolitisches Gehege, denn sie
lässt sich von dem, was einer mit dem anderen tut, nicht trennen.
Sie lebt immer im Einzelfall, man muss ihr jedes Mal aufs Neue
ablauschen, was sie im Sinne hat“, heißt es in einem ihrer
Essays. Herta Müller wurde 1953 im
Banat/Rumänien geboren. Sie arbeitete zunächst als
Übersetzerin und Deutschlehrerin. Aufgrund ihrer Weigerung mit der
Securitate zusammenzuarbeiten, wurde sie aus dem Schuldienst entlassen.
Vom Psychoterror des Geheimdienstes
zermürbt, verließ sie 1987 Rumänien und ging nach Deutschland. Zusammen mit dem 2006
verstorbenen Lyriker Oskar Pastior hat Herta
Müller begonnen, die Deportation von Rumäniendeutschen in die
Sowjetunion zwischen 1945 bis 1950 in einem Text mit dem Arbeitstitel
»Atemschaukel« zu rekonstruieren. Oskar Pastior wurde als
19jähriger Opfer von Stalins Politik und
musste fünf Jahre Zwangsarbeit in damals sowjetischen
Kohlebergwerken und Fabriken im Donezbecken leisten, auch die
Familiengeschichte Herta Müllers ist von den Deportationen
überschattet. Nach dem Tod Oskar Pastiors schreibt Herta
Müller den gemeinsam begonnenen Text alleine zu Ende.
Publikationen, Auswahl (deutsch):
Atemschaukel (Arbeitstitel), laufendes Romanprojekt über die
Deportation von Rumäniendeutschen; Die blassen Herren mit den
Mokkatassen, Text-Bild-Collagen, 2005; Der König verneigt sich und
tötet, Essays, 2003; Im Haarknoten wohnt eine Dame, 2000; Der
fremde Blick oder Das Leben ist ein Furz in der Laterne, 1999.
Chrystyna
Nazarkewytsch
wurde 1964 in Lviv geboren. Sie studierte Germanistik an der
Iwan-Franko-Universität in Lviv, wo sie 1993 über die Romane
von
Heinrich Böll promovierte. Sie unterreichtet am Lehrstuhl für
deutsche
Philologie der Universität Lviv.
Seit 2001 leitet Chrystyna Nazarkewytsch
Übersetzungsprojekte, wie die Aufführung Peter Handkes
"Publikumsbeschimpfung" in der Übersetzung ihrer Studenten. Zudem
ist
sie als Übersetzerin tätig. Zu den ins Ukrainische
übertragenen
Fachbüchern zählen: Erich Zöllner: Geschichte
Österreichs, 2002 (In
Zusammenarbeit), Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich
2005;
Friedrich Waidacher: Handbuch Museologie, 2006 (in
Zusammenarbeit);
Doris Karner: Lachen unter Tränen. Jüdisches Theater in
Ostgalizien,
2007; Terezia Mora: Alle Tage, wird noch in diesem Jahr erscheinen.
Viktor
Neborak
wurde 1961 in Iwano-Frankiwsk (Westukraine) geboren, 1963 zog er mit
seinen Eltern nach Lviv, wo er heute lebt. Er ist Lyriker, Prosaist,
Essayist, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Er studierte an
der
Iwan-Franko-Universität in Lviv, sowie am
Taras-Schewtschenko-Literaturinstitut der Akademie der Wissenschaften
der Ukraine. 1985 gründete er zusammen mit Juri Andruchowytsch und
Olexander Irwanec die literarische Performance-Gruppe
»Bu-Ba-Bu«
(Burlesk-Balagan-Buffonada), deren Auftritte nicht nur in Lviv zur
Legende wurden. Viktor Neborak gehört zu den bekanntesten und
wichtigsten Stimmen in der ukrainischen Lyrik. »Und wenn es um
Lemberg
geht«, so sagt Juri Anduchowytsch über Viktor Neborak,
»kenne ich
keinen anderen Dichter, der so fantastisch bildreich, raffiniert,
sarkastisch und mit so viel Liebe über diese Stadt
schreibt.« Neborak
ist Inspirator und Organisator zahlreicher literarischer Festivals,
unter anderem der Festivals »Wywych«
(»Verrenkung«) im Jahr 1992 und
»Alternatywa« (»Alternative«) im Jahr 1994,
sowie Moderator der
populären Lesungsreihe »Das dritte Jahrtausend«, die
von 1995 bis 1999
veranstaltet wurde. Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen
übersetzt.
Publikationen, Auswahl (ukrainisch): A.H.
und andere
Dinge; Essays 2007; Basylews; Roman, 2006; Wiederholung der
Geschichten; Gedichte, 2005; Einführung in die Bu-Ba-Bu, Essays,
2001/2003; Epos über das 35. Haus, Gedichte, 1999; Der fliegende
Kopf,
Gedichte, 1990.
Martin Pollack
Laudator auf Jurko Prochasko
Martin Pollack, Dr., wurde 1944 in Bad
Hall,
Oberösterreich geboren. Heute lebt er als freier Autor, Publizist
und
literarischer Übersetzer aus dem Polnischen in Wien und Bocksdorf
im
Südburgenland. Er studierte Slawistik und
osteuropäischen Geschichte
an den Universitäten Wien und Warschau, promovierte über die
polnische
Autorin des Positivismus »Eliza Orzeszkowa und die jüdische
Frage«.
Danach war er zehn Jahre lang tätig als
geschäftsführender Redakteur
der kulturpolitischen Monatszeitschrift »Wiener Tagebuch«
tätig. Von
1987 und 1998 war er in Wien und Warschau Redakteur des deutschen
Nachrichtenmagazins »Der Spiegel«. Seit Jahren
beschäftigt er sich mit
Galizien, was seinen Niederschlag in vielen Publikationen findet.
Zuletzt erschienen folgende Bücher: Warum wurden die Stanislaws
erschossen? Reportagen, 2008; Sarmatische Landschaften. Nachrichten aus
Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland, 2006; Der Tote im
Bunker. Bericht über meinen Vater‹ (2004).
Jurko Prochasko
Friedrich-Gundolf-Preisträger 2008
Jurko Prochasko wurde 1970 in
Iwano-Frankiwsk geboren.
Heute lebt er als Germanist, Übersetzer, Essayist, und Publizist
in
Lviv. Er arbeitet am Taras Schewtschenko Institut für
Literaturforschung der Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Von
1987 bis 1992 studierte er in Lemberg Germanistik. Anschliessend nahm
er an mehreren Studienkonferenzen zur deutschen Literatur teil und
begann seine Übersetzertätigkeit aus dem Deutschen. 1997
erhält
Prochasko ein Forschungsstipendium in Wien zu Robert Musil; im selben
Jahr wird er zum Mitarbeiter der ukrainischen Zeitschrift für
Kultur
und Politik „Ji“ und beteiligt sich am
deutsch-ukrainisch-polnisch-französischen Projekt „Gespräch
über
Grenzen“, das Probleme von Grenzregionen erörtert. 1999 nutzt
Prochasko
ein Übersetzer-Stipendium in Wien, um seine übersetzerische
und
literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Robert Musil
weiterzuführen. In den Folgejahren veröffentlicht er mehrere
Aufsätze
zur österreichischen Literaturgeschichte und macht auch
publizistisch
auf sich aufmerksam. Große Verdienste um die Vermittlung
deutschsprachiger Kultur hat er sich auch durch Übersetzungen
erworben.
Prochasko übertrug »Hotel Savoy« und »Das
falsche Gewicht« von Joseph
Roth, »Die Verwirrungen des Zöglings Törless«,
»Drei Frauen« und »Der
Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil, Prosa von Gottfried
Benn und
Lyrik von Günter Eich, daneben Texte von Friedrich Schleiermacher,
Martin Heidegger, Jürgen Habermas, Hans Robert Jauß,
Wolfgang
Schivelbusch, Karl Schlögel, Judith Hermann. Dass Prochasko, der
wunderbar deutsch spricht und schreibt, längst auch zu einem
begehrten
Mediator ukrainischer Literatur in Deutschland geworden ist, sei nur
nebenbei bemerkt. In der Ukraine gilt er als herausragender
Kenner und
Vermittler deutschsprachiger Kultur.
Katharina
Raabe
wurde 1957 in Hamburg geboren. Sie studierte Musik, Philosophie und
Musikwissenschaft, war als Violinpädagogin tätig, seit 1984
auch als
Redakteurin für Verlage. Von 1993 bis 2000 war sie Lektorin bei
Rowohlt
Berlin, seit 2000 im Suhrkamp Verlag. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit
liegt in der Entdeckung und Durchsetzung osteuropäischer Autoren
und
Themen im deutschsprachigen Raum. Sie betreut u.a. Juri Andruchowytsch,
Andrej Bitow, Bora Ćosić, László Darvasi, Dževad
Karahasan, Andrzej
Stasiuk, Jáchym Topol, aber auch jüngere Autoren wie Ljubko
Deresch,
György Dragomán, Wojciech Kuczok und Serhij Zhadan. Zuletzt
erschienen:
Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas (hg. mit Monika
Sznajderman), 2006. In Ketten tanzen. Übersetzen als
interpretierende
Kunst (hg. mit Gabriele Leupold), 2008.
Ilma Rakusa
"Nicht der Stoff, die Sprache ist das
Abenteuer, das Unwägbare. Oft genug weiß ich nicht, wo sie
mich hinführt." Mit diesem Bekenntnis weiht uns Ilma Rakusa in das
Geheimnis ihrer Sprachlust und Wortleidenschaft ein: das
In-Bewegung-Bleiben, das Sich-Vorantasten und Auskosten jeder Silbe,
das Miteinander von innerer und äußerer Stimme. Geboren
wurde Ilma Rakusa 1946 im slowakischen Rimavská Sobota. Ihre
Kindheit verbrachte sie in Budapest, Ljubljana und Triest,
bis sie im Schulalter in die Schweiz nach Zürich kam. Die vielen
Stationen prägen: sie machen Fremdheit bewusst, sie erzeugen aber
auch eine Perspektive, die die Grenzen der einzelnen Sprachen
übersteigt und im Dazwischen neue Wege sucht, so wie ihre
Literatur, ihre Sprache es uns zeigen. Sie gilt als Meisterin der
kleinen Form, des Gedichts und der narrativen Impression. Ilma Rakusa
arbeitet als Schriftstellerin, Publizistin und als Lehrbeauftragte an
der Universität Zürich. Zudem hat sie Werke aus dem
Russischen, Serbokroatischen, aus dem Ungarischen und dem
Französischen ins Deutsche übertragen. Zu den von ihr
übersetzten Autoren gehören Marina Zwetajewa, Danilo Kis und
Marguerite Duras.
Publikationen (Auswahl): Garten, Züge.
Eine Erzählung und zehn Gedichte, 2006; Durch Schnee.
Erzählungen und Prosaminiaturen, 2006; Stille. Zeit, Essays, 2005;
Langsamer! Gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen,
2005; Von Ketzern und Klassikern. Streifzüge durch die russische
Literatur, 2003; Love after Love. Acht Abgesänge, 2001, Ein
Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler, 1997.
Christoph Ransmayr
Sein großer Roman »Die letzte
Welt«, der Ransmayr
weltbekannt machte, ist vor zwanzig Jahren erschienen. Das Buch
erzählt von der Verbannung des römischen Dichters Ovid an die
Grenzen
der bewohnten Welt. Und dann 1995, »Morbus Kitahara«, das
ein
entindustrialisiertes Agrar-Deutschland ausmalt. 1984
debütierte er mit »Die Schrecken des Eises und der
Finsternis«, jener
phantastischen, halbdokumentarischen Nachdichtung einer
österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition aus dem Jahr 1872.
Ransmayrs Werke reifen langsam und haben womöglich gerade deshalb
etwas
Außergewöhnliches zu bieten. Sein neuester Roman »Der
fliegende Berg«,
erschienen 2006, ist wiederum eine solche Kostbarkeit. »Man
würde es im
Bücherschrank eher dort einordnen, wo die großen
Weisheitsbücher
stehen, die heiligen Schriften, jene
Werke,
die nicht einfach Literatur, sondern Lebenssinn-Offenbarungen
sind«.
(Ijoma Mangold) Natürlich ist dies nicht im esoterischen Sinne
gemeint,
sondern es geht um die Intensität des Lebens in Extremsituationen,
in
der die Archaik der Gefühle offengelegt wird.
»Der fliegende Berg« ist die
Geschichte zweier Brüder,
die von Irland aus in die Gebirge Osttibets aufbrechen, um dort einen
noch unbestiegenen namenlosen Berg zu suchen. Christoph Ransmayr wurde
1954 in Wels / Österreich, geboren, lebt in Wien, doch ist er die
meiste Zeit des Jahres auf Reisen. Publkationen
(deutsch), Auswahl: Der fliegende Berg, 2006; Geständnisse eines
Touristen, 2004; Die Verbeugung des Riesen, 2003; Morbus Kitahara,
1995; Die letzte Welt, 1988; »Die letzte Welt« liegt in
ukrainischer
Übersetzung vor, erschienen 1994, Osnowy Verlag, Kiev.
Verena Reichel
Johann-Heinrich-Voß-Preisträgerin 2008
Verena Reichel wurde 1945 in Grimma/Sachsen
geboren.
Heute lebt sie in München als literarische Übersetzerin vor
allem aus
der schwedischen, gelegentlich auch aus der norwegischen und der
dänischen Sprache. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, die ersten
Jahre
in Stockholm, dann in Süddeutschland, absolvierte eine Ausbildung
an
der Deutschen Journalistenschule in München und war Mitarbeiterin
im
Feuilleton der Münchener Abendzeitung. Von 1971 bis 1975 studierte
sie
Skandinavistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete als
literarischer Scout für deutsche Literatur für skandinavische
Verlage.
Bereits vor ihrem Studium begann sie zu übersetzen. Ihr erster
Übersetzungsauftrag hieß: Lars Gustafsson: „Herr Gustafsson
själv“. Die
deutsche Fassung erschien 1972 unter dem Titel Herr Gustafsson
persönlich und war gewissermaßen der Start für die dann
folgenden
Übertragungen der Romane und Erzählungsbände der Werke
von Lars
Gustafsson. einschließlich mehrerer Lyriksammlungen. Insgesamt
weist
die Liste ihrer Übersetzungen aus den skandinavischen Sprachen die
beeindruckende Zahl von 75 Titeln auf. Darunter finden sich
Übersetzungen zeitgenössischer Autoren: Eyvind Johnson, Per
Christian
Jersild, Ingmar Bergman, Torgny Lindgren, Per Olov Enquist, Anna-Karin
Palm, Elisabeth Rynell, Märta Tikkanen, Richard Swartz, Henning
Mankell; moderne Klassiker wie Hjalmar Söderberg und August
Strindberg
sowie Lyriksammlungen von Katarina Frostenson und Madeleine Gustafsson.
In erster Linie sind selbstverständlich Verena Reichels Leistungen
als
Übersetzerin zu würdigen, man muss jedoch gleichfalls
erwähnen, dass
sie durch ihre langjährige, beharrliche Tätigkeit stark dazu
beigetragen hat, dass (vor allem) die schwedische Gegenwartsliteratur
im deutschen Sprachraum wahrgenommen wurde.
Robert Schindel
„Er ist ein Besessener, den man nehmen
muss, wie er
ist. Und, um es gleich zu sagen, er macht es niemandem leicht – weder
seinen Lesern noch seinen Kritikern. Vor allem macht er es sich selber
nie leicht. Er wechselt oft die Töne seiner Dichtung, deren Motive
und
Melodien. Aber widerborstig, gegen den Strich gebürstet, sind
Robert
Schindels Verse allemal und immer wieder. Rau und hart ist seine
Stimme, vom Gefälligen will er nichts wissen, er hasst und
verachtet
es. Auf seine Weise behandelt er die großen Themen der Dichtung:
die
Liebe, die Vergänglichkeit, den Tod. Sein vorherrschendes Thema
aber
hat sich Schindel nicht ausgesucht. Zu diesem Thema wurde er gezwungen.
Sein zentrales Gedicht, trotzig und hilflos zugleich, beginnt mit den
Worten: »Ich bin ein Jud aus Wien«“. (Marcel Reich-Ranicki)
Robert
Schindel wurde 1944 als Kind jüdischer Eltern in Bad
Hall/Österreich
geboren. Nach der Verhaftung seiner Eltern überlebte Schindel in
einem
Kinderheim. Der Vater wurde 1945 in Dachau ermordet, die Mutter
überlebte, kehrte nach Wien zurück und fand ihren Sohn
wieder. Nach
vorzeitiger Schulentlassung holte er 1967 sein Abitur nach, studierte
Philosophie und engagierte sich politisch. Seinen Lebensunterhalt
sicherte er durch Gelegenheits-Jobs, daneben entstanden Arbeiten
für
Film, Fernsehen und Rundfunk. Ab 1986 arbeitet Schindel als freier
Schriftsteller. Er lebt in Wien.
Publikationen (deutsch), Auswahl:
Wundwurzel, Gedichte,
2005; Fremd bei mir selbst, Gedichte 2004; Nervös der Meridian,
Gedichte, 2003; Zwischen dir und mir wächst das Paradies,
Liebesgedichte 2003; Immernie. Gedichte vom Moos der
Neunzigerhöhlen,
2000.
Jan Wagner
"Was dieser junge Poet über und von
sich zu sagen hat, geht – zwar nicht immer, aber oft genug – alle an.
Und in seinen besten Gedichten hört man nicht nur das leise
Knacken des Wohllauts im Inneren des Wortgebälks, sondern erfreut
sich auch der poetischen Mittel, mit denen er seine kunstreichen
Versgebäude baut." (Jochen Hieber) Oft auf Reisen, ob im Ausland
oder in der deutschen Provinz, überall findet Jan Wagner
Geschichten und Geheimnisse des Alltäglichen. Kein Detail ist
belanglos, kein Thema zu groß. Und wie nebenbei klingen in den
präzisen Miniaturen umfassendere Fragen an. Mit der gelassenen
Weitsicht eines Wanderers spannt Wagner den Bogen zwischen
mythologischen Urszenen und trivialen Requisiten der Gegenwart. Dabei
schließen seine subjektiven Entdeckungen den Leser nie aus, und
er bleibt, mit augenzwinkernder Selbstironie, vor allem eins: ein
Geschichtenerzähler. Der Duft eines Weihnachtsbratens, der Name
eines Stadtviertels, ein einsamer Koffer am Flughafen - alles weckt
hier Erinnerungen und Assoziationen. Souverän jongliert Wagner
zwischen Formentreue und freien Rhythmen, behauptet im Spiel mit der
Tradition klassischer Lyrik seinen eigenen Stil. Jan Wagner, wurde 1971
in Hamburg geboren, und lebt seit 1995 in Berlin. Er ist nicht nur
Lyriker, sondern auch Übersetzer englischsprachiger Lyrik (u.a.
Charles Simic, James Tate, Simon Armitage, Jo Shapcott, Louis MacNeice,
Kevin Young) und freier Rezensent für verschiedene Zeitungen.
Publikationen (deutsch), Auswahl: Achtzehn
Pasteten, Gedichte (2007); Der Wald im Zimmer. Eine Harzreise (2007 );
Guerickes Sperling, Gedichte (2004); Probebohrung im Himmel, Gedichte
(2001). Daneben zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und
Zeitschriften
Serhij Zhadan
Serhij Zhadan wurde 1974 in Starobilsk
(Ostukraine)
geboren. Er gehört zu den bekanntesten und populärsten
Autoren der
heutigen Ukraine. Er ist Lyriker, Prosaist, Essayist und
Übersetzer.
Zudem organisiert er Festivals und politische Aktionen. Er studierte
Germanistik an der Pädagogischen Universität in Charkiw
und
promovierte über den ukrainischen Futurismus. Zhadan lebt in
Charkiw,
in der am weitesten östlich gelegenen ukrainischen
Großstadt. Sein
erster Lyrikband erschien 1995. Juri Andruchowytsch schreibt über
ihn:
„Vor zehn Jahren nannte man ihn den ukrainischen Rimbaud, jetzt ist er
vor allem Zhadan. Seine Poesie ist so, wie ich mir echte Poesie zu
Anfang des Jahrhunderts vorstelle: sicher im Ton, makellos in den
Details, durchdringend-visuell, anarchisch und kompromißlos
sozial,
zugleich absolut poetisch, einzigartig und unerwartet in der
Plastizität der Assoziationen. Es ist wirklich genau das
alternative
Kino und auch die alternative Musik und das alternative Theater, das
uns fehlt. Und überhaupt ist es eine Alternative zu allem, was
traditionell als ukrainisch gilt“. Seine Bücher wurden in mehrere
Sprachen übersetzt. In deutscher Übersetzung liegen vor:
Anarchy in the
UKr", Prosa, 2007; Depeche Mode, Roman, 2007; Geschichte der Kultur zu
Anfang des Jahrhunderts, Gedichte, 2003.
Publikationen, Auswahl (ukrainisch):
Gedichtsammlungen:
Maradona, 2007; Balladen über Krieg und Wiederaufbau, 2001,
the very
very best poems, psychodelic stories of fighting and other bullshit,
ausgewählte Gedichte 1992 – 2000, 2000; Pepsi, 1998;
Zitatensammlung
1995/2005; Prosawerke: Die Hymne der demokratischen Jugend, 2006; Big
Mac, 2003.
Joseph Zoderer
Als deutschsprachiger Autor mit
österreichischer kultureller Prägung, der einen italienischen
Pass besitzt, weiß Joseph Zoderer seit jeher von Fremdheit und
Vertrautheit, von der Suche nach Identität zu erzählen.
»Ich bin in der Nähe nicht einer Grenze, ich bin in der
Nähe vieler Grenzen geboren. Grenzen müssen nicht
Beschränktheit bedeuten, Grenzen können im Gegenteil sensibel
und neugierig darauf machen, was auf der anderen Seite ist«, sagt
Zoderer. So kritisiert sein bislang bekanntester Roman „Die Walsche“
von 1982 die streng bewachten Grenzen zwischen italienischer und
deutscher Kultur. Joseph Zoderer wurde 1935 in
Meran
(Südtirol) geboren, verbrachte seine Kindheit in Graz und lebt
seit 1978 wieder in Südtirol, am Schnittpunkt dreier Kulturen. Der
gemeinhin als Romancier geachtete Schriftsteller veröffentlichte
schon Ende der fünfziger Jahre erste lyrische Texte, danach jedoch
widmete er sich vorwiegend der Prosa. Mit »Liebe auf den Kopf
gestellt« legt er nun wieder einen neuen Gedichtband vor, in dem
er Motive des Gegensätzlichen sinnlich miteinander verknüpft
und wiederum das Thema seines Werkes, diesmal auf lyrische Art,
verhandelt: Erinnern und Vergessen, Verlust und Wiederkehr, Zweifel und
Gewissheit, Trauer und Glück, Nähe und Ferne. Zoderer
arbeitet seit 1981 als freier Schriftsteller, zuvor war er als
Journalist und Rundfunkredakteur beim RAI-Sender in Bozen tätig.
Publikationen (deutsch), Auswahl: Liebe auf
den Kopf gestellt, Gedichte, 2007; Der Himmel über Meran.
Erzählungen, 2005; Der Schmerz der Gewöhnung, Roman, 2002;
Das Schildkrötenfest, Roman, 1995; Dauerhaftes Morgenrot, Roman,
1987, Lontano, Roman 1984.
Stand: 14. April 2008
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