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Frühjahrstagung in Lviv
vom 15. bis 17. Mai 2008





Donnerstag – 30. Oktober 2008
Eintritt 10,- UAH
19 Uhr
Philharmonie, Tschaikowsky Str. 7               

Dichterfest
Zweisprachige Lesung

Natalka Bilozerkiwez
Viktor Neborak
Robert Schindel
Jan Wagner
Serhij Zhadan
Joseph Zoderer

Moderation: Juri Andruchowytsch



Freitag – 31. Oktober 2008

Geschlossene Veranstaltung
Deutsche Autoren zu Gast in den Schulen Nr. 8 und Nr. 28

Felicitas Hoppe
Hanna Johansen
Sibylle Lewitscharoff
Martin Mosebach


Eintritt frei
ab 9 Uhr
Ivan-Franko-Universität, Universitätska Str. 1
Fakultät für Fremdsprachen, Konferenzsaal Raum 405

Kurzvorträge und Gespräche
In deutscher Sprache

Peter Eisenberg:
Wie wird richtig geschrieben? Zum Stand der deutschen Rechtschreibung

Heinrich Detering:
Was beschäftigt die germanistische Literaturwissenschaft heute?

Norbert Miller und Michael Maar:
Gespräch über die aktuelle Literaturszene in Deutschland


Eintritt frei
ab 11.50 Uhr
Ivan-Franko-Universität, Universitätska Str. 1
Fakultät für Fremdsprachen, Konferenzsaal Raum 405

Lesungen und Gespräche
In deutscher Sprache

Ilma Rakusa
Wilhelm Genazino
Brigitte Kronauer
Herta Müller
Katja Lange-Müller



15 Uhr
Spiegelsaal
Geschlossene Veranstaltung
In deutscher Sprache
Symposium zur Wahrnehmung der ukrainischen Literatur in Deutschland
und der deutschen Literatur in der Ukraine
Referentinnen: Larissa Cybenko, Claudia Dathe,
Chrystyna Nazarkewytsch und Katharina Raabe



Eintritt frei
19 Uhr
Kunstpalast, Kopernika Str.17

Preisverleihung 
In deutscher Sprache,
ukrainische Übersetzungen der Laudationes und Dankreden liegen vor

Begrüßung durch den Präsidenten der Deutschen Akademie
Klaus Reichert

Grußwort des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in der Ukraine
Reinhard Schäfers

Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung
an Verena Reichel
Laudatio: Lars Gustafsson
Dankrede der Preisträgerin

Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland
an Jurko Prochasko
Laudatio: Martin Pollack
Dankrede des Preisträgers



Samstag – 17. Mai 2008
Eintritt 10,- UAH
17 Uhr
Philharmonie, Tschaikowsky Str. 7

Erzählte Welt
Zweisprachige Lesung

Juri Andruchowytsch
Christoph Ransmayr

Moderation: Jurko Prochasko



Inforamtionen zu den Beteiligten am Tagungsprogramm
(aufgeführt in alphabetischer Reihenfolge)


Juri Andruchowytsch wurde am 1960 in Stanislaw (heute Iwano-Frankiwsk) geboren, wo er heute auch lebt. Er ist Romancier, Dichter, Essayist und Übersetzer und gehört zu den bedeutendsten Autoren seines Landes. International gilt er als die literarische Stimme der neuen Ukraine. Andruchowytsch studierte Journalismus am Lemberger Polygraphischen Institut, hat 1982 seine ersten Gedichte in Literaturzeitschriften veröffentlicht, Mitte der achtziger Jahre die damals einflussreiche Gruppe „Bu-Ba-Bu“ mitbegründet und von 1989 bis 1991 am Moskauer Literaturinstitut Maxim Gorki studiert. Er engagiert sich unter anderem als Vizepräsident des ukrainischen Schriftstellerverbandes und ist Chefredakteur der zentraleuropäischen Literaturzeitschrift „Zug 76“ (www.potyah76.org.ua). Dies sind nur einige Stationen einer Biographie, die von der tiefen, und das heißt: kritischen Zuneigung zu seiner Heimat und einer gleichermaßen starken Sehnsucht nach Europa bestimmt ist – zusammengehalten von einer vergessenen gemeinsamen Geschichte, die Andruchowytsch immer wieder für die Gegenwart beschwört.In seinen Texten, ob diese nun die literarische Gestalt des Gedichts, der Prosa oder des poetischen Essays annehmen mögen, gewinnen die Landschaften, aus denen Joseph Roth oder Paul Celan, Bruno Schulz oder Zbigniew Herbert hervorgegangen sind, eine neue Stimme. Andruchowytsch ist ein liebenswürdiger, origineller und vor allem hartnäckiger literarischer Botschafter einer neuen europäischen Mitte.
Publikationen (Auswahl): Engel und Dämonen der Peripherie. Essays, 2007; Moscoviada. Roman, 2006; Zwölf Ringe. Roman, 2005; Mein Europa, mit Andrzej Stasiuk, Sofia Onufriv und Martin Pollack 2004.

Natalka Bilozerkiwez wurde 1954 im Dorf Kuyaniwka (Ostukraine) geboren. Sie ist Dichterin, Übersetzerin und Literaturkritikerin. Seit 1986 arbeitet Natalka Bilozerkiwez für die Zeitschrift „Ukrainische Kultur“ in der Redaktion für Literatur und Kunst. Sie lebt in Kiev. 1976 absolvierte sie die philologische Fakultät der Kiewer Taras Schewtschenko Universität. »Schon mit 13 Jahren«, so heißt es über sie, »veröffentlichte sie ihre ersten Texte und galt bereits als Studentin als eine der großen Hoffnungen der ukrainischen Literatur der 1970er Jahre. In Zeiten eines verstärkten Drucks auf die ukrainische Literatur in den Jahren der sogenannten ‚Stagnation’ zog sich die Dichterin aus der literarischen Öffentlichkeit zurück und publizierte nur wenig, um nach der Wende von 1991 umso entschiedener zurückzukehren und zu einem Bindeglied zwischen der älteren und jüngeren Generation zu werden«. Einige ihrer Gedichte wurden in mehrere Sprache übersetzt. Deutsche Übertragungen wurden in folgende Anthologien aufgenommen: Zweiter Anlauf, herausgegeben von Karin Warter und Alois Woldan, 2004; Vorwärts, ihr Kampfschildkröten, herausgegeben von Hans Thill, 2006. Publikationen (ukrainisch) - sie hat sechs Gedichtbände veröffentlicht: Hotel »Central«, ausgewählte Gedichte, 2004; Allergie, 1999; November, 1989; Das unterirdische Feuer, 1984; Im Land meines Herzens, 1979; Ballade über Widerständler, 1976.

Larissa Cybenko, Dr., ist ukrainische Germanistin und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt in Lviv, wo sie an der Iwan Franko Universität doziert. 2001 promovierte sie über das „Zeitlich-räumliches Modell des Romans von Christoph Ransmayr Die letzte Welt“ an der Akademie der Wissenschaften in Kiev. Larissa Cybenko publizierte Beiträge über die deutschsprachige Literatur und ist als Übersetzerin tätig. In der Ukraine sind die Werke von Ingeborg Bachmann in ihrer Übersetzung erschienen (Drei Hörspiele, darunter: Der Gute Gott von Manhattan; Letzter Gedichtzyklus; Roman Málina). 2004 und 2006 wurde sie vom Bundeskanzleramt der Republik Österreich für ihre Leistungen als literarische Übersetzerin ausgezeichnet. Sie engagiert sich für die ukrainisch-österreichischen Kooperation in Wissenschaft, Bildung und Kultur, sowie als wissenschaftliche Beraterin der Österreich Bibliothek Lemberg. Forschungsaufenthalte und Vorträge in Österreich, Deutschland und in der Schweiz.

Claudia Dathe, geboren 1971, studierte Übersetzungswissenschaft (Russisch, Polnisch) in Leipzig, Pjatigorsk (Russland) und Krakau. Von 1997 bis 2004 arbeitete sie als Lektorin für den Deutschen Akademischen Austauschdienst in Kasachstan und der Ukraine. Neben Lehrveranstaltungen zum Übersetzen und Dolmetschen führte sie außeruniversitäre Weiterbildungen für Nachwuchsübersetzer durch. Während ihrer Tätigkeit in Kiew eignete sie sich Ukrainisch an und begann mit eigenen literarischen Übersetzungen. Seit ihrer Rückkehr arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin für Ukrainisch und Russisch und führt Seminare für deutsche und ukrainische Nachwuchsübersetzer durch. Claudia Dathe hat u. a. die ukrainischen Autoren Serhij Zhadan, Olexandr Irwanez, Tanja Maljartschuk und Sofia Andruchowytsch ins Deutsche übersetzt. Sie lebt und arbeitet in Jena.

Heinrich Detering
Was beschäftigt die germanistische Literaturwissenschaft heute?
Wurden früher wissenschaftliche Umorientierungen als Paradigmenwechsel bezeichnet, dominiert heute ein anderer Begriff. Man spricht lieber von „turns“ und bedient sich dabei einer räumlichen Metapher: Wissenschaften bewegen sich innerhalb eines imaginären Raumes in eine bestimmte Richtung und nehmen plötzlich einen Richtungswechsel vor. Jede neue Richtung zieht andere wissenschaftliche Methoden, Interessen und Perspektiven an sich. Nun hat die Literaturwissenschaft (unter anderem die germanistische) in den vergangenen Jahren soviele 'turns' erlebt (cultural turn, iconic turn, anthropological turn), dass auch widerstandsfähigen Beobachtern manchmal schwindlig werden konnte. Über die Metapher selbst, vor allem aber über einige der wichtigsten Entwicklungen soll der Vortrag Überlegungen formulieren, die als Anstoß zu einem Gespräch dienen könnten.
Heinrich Detering, Prof. Dr., geboren1959, ist seit 2005 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Göttingen und leitet dort außerdem das Seminar für Komparatistische Studien und das Deutsche Seminar. Zuvor lehrte er an der Universität in Kiel. Detering zählt zu den einflussreichsten deutschen Literaturwissenschaftlern. Neben seiner Lehrtätigkeit treibt er Literaturkritik, übersetzt aus dem Skandinavischen, publiziert zur deutschen Literatur, gelegentlich auch eigene Gedichte und hat erst kürzlich eine Biographie über Bob Dylan vorgelegt, zu dessen großen Verehrern er sich zählt. Zudem ist er (Mit-)Herausgeber der >Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe< der Werke Thomas Manns.

Peter Eisenberg
Wie wird richtig geschrieben? Über den Stand der deutschen Rechtschreibung
Die jahrelange Debatte über die Orthographiereform der deutschen Sprache hat die deutsche Bevölkerung, aber auch die Deutschlehrer und Germanisten im Ausland extrem verunsichert. Jeder schrieb wie er wollte, Zeitungen und Verlage entwarfen ihre eigenen Rechtschreibungen – an eine einheitliche Rechtschreibung war nicht mehr zu denken. Seit dem 1. August 2006 nun gibt es ein stark überarbeitetes Regelwerk, durch dass eine Einheitlichkeit der Rechtschreibung wieder hergestellt werden soll. Peter Eisenberg war und ist als Vertreter der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung maßgeblich an der Überarbeitung des Regelwerks beteiligt und wird, nachdem er kurz über den aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung und ihre kritischen Felder Auskunft gegeben hat, Ihre Fragen beantworten. Peter Eisenberg, Prof. Dr., wurde 1940 geboren. Er gehört zu den wirkungsvollsten Sprachwissenschaftlern der Gegenwart und gilt als Koryphäe in der Vermittlung sprachwissenschaftlicher Zusammenhänge. Von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2005 lehrte er an der Universität Potsdam. Seine Hauptarbeitsgebiete in der Sprachwissenschaft waren Computerlinguistik, künstliche Intelligenz und Grammatiktheorie. 1986 erschien der vielbeachtete Band »Grundriß der deutschen Grammatik«. In den vergangenen zwei Jahren hat er vor allem an der Neuauflage von Band 9 der Duden-Reihe über »Richtiges und gutes Deutsch« gearbeitet, die im März 2007 erschienen ist.

Wilhelm Genazino berichtete einst, dass er seine Erzieher in Büchern der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gefunden und deren Verfasser zum Teil zu Vorbildern genommen habe. So habe er von Peter Weiss gelernt, „dass es ohne Ernsthaftigkeit keine Wahrheit geben kann, und von Peter Rühmkorf, dass ohne Witz und ohne Frechheit eine Erholung von dieser Ernsthaftigkeit nicht möglich ist“. Dies sind zwei Einsichten, die sich als tragende Säulen des Genazinoschen Werkes ausmachen lassen. Wilhelm Genazino wurde 1943 in Mannheim geboren. Er begann als Journalist, arbeitete u.a. bei der Satirezeitschrift »Pardon«, bis er sich 1971 für die Existenz als freier Schriftsteller entschied. Er gilt als der genaueste und ironischste Beobachter des Alltagslebens und seiner Fallstricke. In seinem neuesten Roman »Mittelmäßiges Heimweh« flimmert auf dem Fernsehschirm in der Kneipe ein Fußballspiel, auf dem Fußboden liegt ein Ohr. Dieter Rotmund weiß sofort: Das kann nur seines sein. Hat jemand etwas bemerkt? Und Wie findet man durch den Alltag, wenn die Körperteile abhanden kommen? Wilhelm Genazino erzählt die Geschichte eines Mannes, der neben seinem Ohr noch weitere Verluste erleiden muss. Und der darüber erschrickt, dass selbst seine Gefühle nur noch mittelmäßig sind. "Ganz auf der Höhe seiner Kunst. So gibt es hier auch inhaltlich wieder das volle Genazino-Programm: Humor und Melancholie, Ironie und Alltag“, so urteilt die Kritik.
Publikationen (Auswahl): Mittelmäßiges Heimweh. Roman, 2007; Die Liebesblödigkeit, Roman, 2005; Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman, 2003; Ein Regenschirm für diesen Tag, Roman, 2001; Auf der Kippe. Ein Album, 2000; Die Kassiererinnen, Roman, 1998; Das Licht brennt ein Loch in den Tag, Roman 1996; Die Obdachlosigkeit der Fische, Roman, 1994.

Lars Gustafsson Laudator auf Verena Reichel
Lars Gustafsson, Prof em. Dr., wurde 1936 in Västerås / Schweden geboren Er zählt als Philosoph, Romancier und Lyriker zu den vielseitigsten und wichtigsten schwedischen Autoren der Gegenwart. Er arbeitete viele Jahre als Chefredakteur der schwedischen Literaturzeitschrift "Bonniers Litterära Magasin". Von 1983 bis 2006 war er Professor für Germanistische Studien und Philosophie an der University of Texas in Austin/Texas, wo auch sein im Jahr 2004 erschienener Roman »Der Dekan« spielt. Heute lebt er wieder in Schweden. Auf der Tagung in Lviv wird er als Laudator die Person würdigen, durch deren Übersetzung sein reiches und komplexes Werk in Deutschland bekannt wurde. Zu seinen Publikationen zählen (Auswahl): Die Sonntage des amerikanischen Mädchens. Eine Verserzählung, 2008; Der Dekan. Roman, 2004, Auszug aus Xanadu. Gedichte, 2003, Der Tod des Bienenzüchters. Roman, 1978.

Felicitas Hoppe wurde 1960 in Hameln geboren, arbeitete nach ihrem Studium der Religions- und Literaturwissenschaft sowie der Rhetorik als Dramaturgin und Journalistin. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin und hat Romane, Erzählungen, Essays und - fiktive – Porträts veröffentlicht. Seit dem frühen Band »Picknick der Friseure« (1996) mit seinen grotesken und komischen Geschichten schreibt sie in einem ihr ganz eigenen Stil, der gelegentlich das Surreale oder Phantastische streift – als folge sie einer anderen Form der Erkenntnis, so wie Verfremdung dem besseren Verstehen dient. 1997 unternahm sie auf einem Containerfrachtschiff eine Reise um die Welt. Seither ist sie lesend, schreibend und vortragend im In- und Ausland unterwegs, gewissermaßen als unermüdliche Weltreisende im Innen wie im Außen. Neben der Literatur gilt ihr Hauptinteresse der Musik und der Geschichte. Gelegentlich arbeitet sie mit bildenden Künstlern zusammen und schreibt nebenbei für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und den Rundfunk. Sie verfasst auch Kinderbücher und unterrichtet als Gastprofessorin. Zu den jüngsten Veröffentlichungen (deutsch) zählen: Iwein Löwenritter. Erzählt nach dem Roman von Hartmann von Aue, 2008; Johanna, Roman, 2006; Verbrecher und Versager, fünf Porträts 2004; Paradiese, Übersee, Roman, 2003. Die Erzählung »Der linke Schuh« liegt in ukrainischer Übersetzung vor, erschienen 2004 in der Anthologie »Westkontakt«.

Hanna Johansen wurde 1939 in Bremen geboren. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe von Zürich/Schweiz. Sie debütierte 1978 mit dem Roman „Die stehende Uhr“. Erzählt wird von Veränderungen, die in einem Menschen und mit ihm passieren können, auch wenn äußerlich, sozusagen an der Oberfläche, wenig Dramatisches sich ereignet. Solche Lebenserfahrung bleibt thematisch auch in ihren weiteren Büchern, die in stetiger Abfolge erschienen sind. Über ihre Literatur heißt es: »Der Satz „Der Normalfall ist das Unbegreifliche“ könne als Motto über Hanna Johansens Schaffen stehen. In der Wahrnehmung ihrer Erzählerinnen bleibt die Zeit stehen, verwandeln sich Menschen in unbekannte Wesen, erwachen Räume zu neuem Leben, entwickeln Erinnerungen eine gefährliche Sogwirkung und öffnen sich Abgründe innerhalb von Beziehungen«. Hanna Johansen schreibt nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder, obwohl: Die herkömmlichen Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur sind in ihrem Werk oft nicht auszumachen, denn sie berichtet mit starker Einfühlungskraft von Menschen (und Tieren), die das Staunen und Fragen nicht verlernt haben.
Zu den jüngsten Veröffentlichungen zählen: Der schwarze Schirm, Roman, 2007; Ich bin hier bloß die Katze, 2007; Die Hühneroper, 2004; Omps! Ein Dinosaurier zuviel, 2003; Lena, Roman, 2002.

Brigitte Kronauer nähert sich der Wirklichkeit wie eine erkenntnishungrige Forscherin und zerlegt sie in eine Fülle von Beobachtungen, Ereignissen und Stimmungen. Nicht weil sie die amorphe und chaotische Wirklichkeit spiegeln möchte, sondern um dieser entgegenzutreten, indem sie Wirklichkeit zu ihrem Stoff macht, sie formt, ordnet und gestaltet. »So hilft uns die Literatur mit der Wirklichkeit zurechtzukommen«, sagt die Autorin selbst. Die Erzählerin Brigitte Kronauer hat Sinn für das scheinbar Banale, für Komik, Erotik und Sarkasmus, sie ist hellhörig auf alles Doppelbödige in Gefühlen und Gesten und beschreibt so präzise, dass selbst profane Örtlichkeiten bis in die letzte Einzelheit entziffert werden. Eine Kritikerin formulierte dies treffend: »Kaum ein Autor, kaum eine Autorin der Gegenwart vermag die Balance aus Präzision und barockem Überschuss so elegant zu halten wie sie.« Kronauers Werk umfasst neben Romanen eine Reihe von Sammelbänden mit wunderbaren Geschichten und Prosaminiaturen, wie auch ihre jüngst erschienenen Geschichten „Die Kleider der Frauen“, an denen sich die Kunst ihres Erzählens ebenfalls ablesen lässt. Brigitte Kronauer wurde 1940 in Essen geboren, arbeitete zunächst als Lehrerin und lebt seit 1974 als freie Schriftstellerin in Hamburg.
Publikationen (Auswahl): Die Kleider der Frauen, Erzählungen, 2008; Errötende Mörder, Roman, 2007; Die Tricks der Diva, Geschichten, 2004; Verlangen nach Musik und Gebirge, Roman 2004; Zweideutigkeit, Essays und Skizzen 2002; Teufelsbrück, Roman 2000; Die Einöde und ihr Prophet. Erzählungen und Essays über Kunstwerke aus fünf Jahrhunderten, 1996.

Katja Lange-Müller
Die seit 1986 von Katja Lange-Müller veröffentlichten Bücher weisen die Autorin als Virtuosin der Sprache, der Verknappung und des Sprachwitzes aus. Ihr Humor treffe, so schreibt F.C. Delius, sehr tief, weil bei ihr seit der harten Schule der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ein politischer, gegen jede Herrschaft gerichteter Gestus den Witz lenke. Mit ihren Geschichten, mit den Figuren, die sie entwirft, macht sie ihre Erfahrungen zum literarischen Stoff. „Man kann sehr viel recherchieren und wird der Geschichte doch kein Leben einhauchen, wenn man von Dingen schreibt, die durch die eigene Erfahrung nicht geerdet sind“, sagt Katja Lange-Müller selbst. Ihre Texte bergen die Erfahrungen in der DDR, wo sie 1951 geboren wurde, ihre Kindheit und Jugend verbrachte, wo sie Schriftsetzerin lernte und als Hilfspflegerin in der Psychiatrie arbeitete. Im Westberlin der 80er Jahre, wohin sie 1984, fünf Jahre vor dem Mauerfall, flüchtete, ist ihr jüngster Roman »Böse Schafe« angesiedelt. Soja, gelernte Setzerin, Republikflüchtling, Aushilfsblumenhändlerin mit weitem Herzen, trifft Harrymit abgründiger Vergangenheit und düsterer Zukunft – und fortan bestimmt sein Schicksal ihr Leben. Katja Lange Müller erzählt eine unglückliche Liebesgeschichte, die das größte Glück im Leben sein kann, und liefert ein atmosphärisch dichtes Porträt des geteilten Berlin.
Publikationen (deutsch), Auswahl: Böse Schafe, Roman, 2007; Die Letzten, Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei, 2000; Verfrühte Tierliebe, 1995; Kasper Mauser – Die Feigheit vorm Freund, Erzählung, 1988; Wehleid – wie im Leben, Prosa, 1986. Der Band »Die Enten, die Frauen und die Wahrheit«, Erzählungen, liegt in ukrainischer Übersetzung vor, erschienen 2003, litopys Verlag, Lviv.

Sibylle Lewitscharoff wurde 1954 in Stuttgart geboren. Sie studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie heute lebt. Sie arbeitete in einer Werbeagentur und schrieb Features und Hörspiele für den Rundfunk. 1994 erschien ihr erstes Buch »36 Gerechte«. Entdeckt wurde sie 1998, als Sibylle Lewitscharoff das Buch »Pong« veröffentlichte. Es sind Geschichten eines Wahnsinnigen, von diesem selbst erzählt, ein verzerrter Blick auf unsere Welt, der das Gewöhnliche in etwas Bizarres und das Monströse in etwas Normales verwandelte. Ein Jahr später erschien „Der höfliche Harald”, ein Reigen von Anekdoten, dann 2003 ihr vielbeachteter Roman »Montgomery«, und schließlich »Consummatus« (2006), ebenfalls ein Roman. Der Protagonist sitzt in einem Cafe und erzählt aus seiner Vergangenheit. In seinen Monolog mischen sich die Lebenden und vor allem die Toten seines Lebens, die wiederum bringen Gott, Jesus, Bob Dylan und die ganze Schöpfung ins Spiel. Sie hat fünf Bücher geschrieben, die, so verschieden sie sind, ein eigenwilliges Gesamtwerk bilden. Die Kritik lobt sie als eine große Autorin - scharfsinnig, kunstvoll, gar berauschend. Selbst wenn sie über Literatur spreche, über die eigene wie über die fremde, schlage Sibylle Lewitscharoff das Publikum durch eine pointierte Liebe zum Detail und einen Hauch Anarchie in ihren Bann.

Norbert Miller und Michael Maar
Gespräch über die aktuelle Literaturszene in Deutschland
Trend-Spotting – das ist seit langem das wichtigste Hobby der Feuilletonisten. Jahr um Jahr wird ein neuer Trend in der Gegenwartsliteratur erspäht. Ist aber nicht jedes Werk der Dichtung, das im Trend liegt, schon dadurch der raschen Veralterung preisgegeben? Und sind es nicht immer die isolierten Einzelfiguren, die am Ende der Literatur ihr Gesicht verleihen? Über markante Gestalten der deutschen Gegenwart unterhalten sich Norbert Miller und Michael Maar, die beide entschlossen sind, dabei strikt ihren persönlichen Vorlieben zu folgen.
Norbert Miller, Prof. Dr., geboren 1937, war bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Deutsche Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Berlin. Miller ist ein herausragender Experte der europäischen Romantik und der Kunst des achzehnten Jahrhunderts, aber auch der deutschen Gegenwartsliteratur. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen als Herausgeber gehören unter anderem die Werke Jean Pauls, Daniel Defoes und Henry Fieldings. Er ist außerdem Mitherausgeber der Münchner Ausgabe der Werke Goethes und veröffentlichte etliche Bände zur Literatur, zur bildenden Kunst und Musik.
Michael Maar, Dr., geboren 1960, ist Germanist und gehört zu den der renommiertesten Literaturkritikern Deutschlands. Bekannt wurde er durch das Buch »Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg« (1996). 2003 und 2005 erschienen seine Bücher »Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte« und »Lolita und der deutsche Leutnant«. Seine Entdeckung eines deutschen Lolita-Vorbilds sorgte 2004 für internationales Aufsehen. Im vergangenen Jahr erschien »Solus Rex. Die schöne böse Welt des Vladimir Nabokov«.

Martin Mosebach wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren, wo er heute auch lebt. Er studierte zunächst Jura, bevor er sich 1980 für die Existenz eines freien Schriftstellers entschied. Seitdem arbeitet er in nahezu jedem Genre. Neben seinen großen Romanen und Erzählungen umfasst sein Werk Essays, Filmdrehbücher, Theaterstücke, Hörspiele, Opernlibretti und Reportagen – kurzum er ist ein genialer Formenspieler auf allen Feldern der Literatur. Martin Mosebach gilt als brillanter Stilist, als humorvoller Menschendarsteller und als einer, der mit der Tradition sympathisiert, mit einer Vergangenheit, die im Zuge eines bedenkenlosen Fortschritts abgeschafft wurde. In seinen Büchern begegnen uns Charaktere, die nicht in diese stromlinienförmige Geschäftigkeit passen. Fast zwanzig Jahre hat Mosebach ohne die Unterstützung der Kritik, oft gegen ihr massives Unverständnis gearbeitet. Erst im Jahr 2000 war mit dem Erscheinen seines Romans „Eine lange Nacht“ der Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung geschehen. Heute zählt er zu den größten deutschen Erzählern. Zu den jüngsten Veröffentlichungen zählen: Der Mond und das Mädchen. Roman, 2007; Schöne Literatur. Essays, 2006; Das Beben. Roman, 2005; Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind. 2002; Der Nebelfürst. Roman, 2001.

Herta Müller
Welche Macht Sprache besitzt, weiß Herta Müller aus den über dreißig Jahren, in denen sie unter dem Diktator Nicolae Ceaucescu in Rumänien lebte. In ihren Büchern reflektiert sie auf vielfältige Weise den Sprachgebrauch der Mächtigen als Instrument der Unterdrückung. „Sprache war und ist nirgends und zu keiner Zeit ein unpolitisches Gehege, denn sie lässt sich von dem, was einer mit dem anderen tut, nicht trennen. Sie lebt immer im Einzelfall, man muss ihr jedes Mal aufs Neue ablauschen, was sie im Sinne hat“, heißt es in einem ihrer Essays. Herta Müller wurde 1953 im Banat/Rumänien geboren. Sie arbeitete zunächst als Übersetzerin und Deutschlehrerin. Aufgrund ihrer Weigerung mit der Securitate zusammenzuarbeiten, wurde sie aus dem Schuldienst entlassen. Vom Psychoterror des Geheimdienstes zermürbt, verließ sie 1987 Rumänien und ging nach Deutschland. Zusammen mit dem 2006 verstorbenen Lyriker Oskar Pastior hat Herta Müller begonnen, die Deportation von Rumäniendeutschen in die Sowjetunion zwischen 1945 bis 1950 in einem Text mit dem Arbeitstitel »Atemschaukel« zu rekonstruieren. Oskar Pastior wurde als 19jähriger Opfer von Stalins Politik und musste fünf Jahre Zwangsarbeit in damals sowjetischen Kohlebergwerken und Fabriken im Donezbecken leisten, auch die Familiengeschichte Herta Müllers ist von den Deportationen überschattet. Nach dem Tod Oskar Pastiors schreibt Herta Müller den gemeinsam begonnenen Text alleine zu Ende.
Publikationen, Auswahl (deutsch): Atemschaukel (Arbeitstitel), laufendes Romanprojekt über die Deportation von Rumäniendeutschen; Die blassen Herren mit den Mokkatassen, Text-Bild-Collagen, 2005; Der König verneigt sich und tötet, Essays, 2003; Im Haarknoten wohnt eine Dame, 2000; Der fremde Blick oder Das Leben ist ein Furz in der Laterne, 1999.

Chrystyna Nazarkewytsch wurde 1964 in Lviv geboren. Sie studierte Germanistik an der Iwan-Franko-Universität in Lviv, wo sie 1993 über die Romane von Heinrich Böll promovierte. Sie unterreichtet am Lehrstuhl für deutsche Philologie der Universität Lviv.
Seit 2001 leitet Chrystyna Nazarkewytsch Übersetzungsprojekte, wie die Aufführung Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" in der Übersetzung ihrer Studenten. Zudem ist sie als Übersetzerin tätig. Zu den ins Ukrainische übertragenen Fachbüchern zählen: Erich Zöllner: Geschichte Österreichs, 2002 (In Zusammenarbeit), Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich 2005; Friedrich Waidacher: Handbuch Museologie, 2006 (in  Zusammenarbeit); Doris Karner: Lachen unter Tränen. Jüdisches Theater in Ostgalizien, 2007; Terezia Mora: Alle Tage, wird noch in diesem Jahr erscheinen.

Viktor Neborak wurde 1961 in Iwano-Frankiwsk (Westukraine) geboren, 1963 zog er mit seinen Eltern nach Lviv, wo er heute lebt. Er ist Lyriker, Prosaist, Essayist, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Er studierte an der Iwan-Franko-Universität in Lviv, sowie am Taras-Schewtschenko-Literaturinstitut der Akademie der Wissenschaften der Ukraine. 1985 gründete er zusammen mit Juri Andruchowytsch und Olexander Irwanec die literarische Performance-Gruppe »Bu-Ba-Bu« (Burlesk-Balagan-Buffonada), deren Auftritte nicht nur in Lviv zur Legende wurden. Viktor Neborak gehört zu den bekanntesten und wichtigsten Stimmen in der ukrainischen Lyrik. »Und wenn es um Lemberg geht«, so sagt Juri Anduchowytsch über Viktor Neborak, »kenne ich keinen anderen Dichter, der so fantastisch bildreich, raffiniert, sarkastisch und mit so viel Liebe über diese Stadt schreibt.« Neborak ist Inspirator und Organisator zahlreicher literarischer Festivals, unter anderem der Festivals »Wywych« (»Verrenkung«) im Jahr 1992 und »Alternatywa« (»Alternative«) im Jahr 1994, sowie Moderator der populären Lesungsreihe »Das dritte Jahrtausend«, die von 1995 bis 1999 veranstaltet wurde. Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Publikationen, Auswahl (ukrainisch): A.H. und andere Dinge; Essays 2007; Basylews; Roman, 2006; Wiederholung der Geschichten; Gedichte, 2005; Einführung in die Bu-Ba-Bu, Essays, 2001/2003; Epos über das 35. Haus, Gedichte, 1999; Der fliegende Kopf, Gedichte, 1990.

Martin Pollack Laudator auf Jurko Prochasko
Martin Pollack, Dr., wurde 1944 in Bad Hall, Oberösterreich geboren. Heute lebt er als freier Autor, Publizist und literarischer Übersetzer aus dem Polnischen in Wien und Bocksdorf im Südburgenland. Er studierte  Slawistik und osteuropäischen Geschichte an den Universitäten Wien und Warschau, promovierte über die polnische Autorin des Positivismus »Eliza Orzeszkowa und die jüdische Frage«. Danach war er zehn Jahre lang tätig als geschäftsführender Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift »Wiener Tagebuch« tätig. Von 1987 und 1998 war er in Wien und Warschau Redakteur des deutschen Nachrichtenmagazins »Der Spiegel«. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Galizien, was seinen Niederschlag in vielen Publikationen findet. Zuletzt erschienen folgende Bücher: Warum wurden die Stanislaws erschossen? Reportagen, 2008; Sarmatische Landschaften. Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland, 2006; Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater‹ (2004).

Jurko Prochasko Friedrich-Gundolf-Preisträger 2008
Jurko Prochasko wurde 1970 in Iwano-Frankiwsk geboren. Heute lebt er als Germanist, Übersetzer, Essayist, und Publizist in Lviv. Er arbeitet am Taras Schewtschenko Institut für Literaturforschung der Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Von 1987 bis 1992 studierte er in Lemberg Germanistik. Anschliessend nahm er an mehreren Studienkonferenzen zur deutschen Literatur teil und begann seine Übersetzertätigkeit aus dem Deutschen. 1997 erhält Prochasko ein Forschungsstipendium in Wien zu Robert Musil; im selben Jahr wird er zum Mitarbeiter der ukrainischen Zeitschrift für Kultur und Politik „Ji“ und beteiligt sich am deutsch-ukrainisch-polnisch-französischen Projekt „Gespräch über Grenzen“, das Probleme von Grenzregionen erörtert. 1999 nutzt Prochasko ein Übersetzer-Stipendium in Wien, um seine übersetzerische und literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Robert Musil weiterzuführen. In den Folgejahren veröffentlicht er mehrere Aufsätze zur österreichischen Literaturgeschichte und macht auch publizistisch auf sich aufmerksam. Große Verdienste um die Vermittlung deutschsprachiger Kultur hat er sich auch durch Übersetzungen erworben. Prochasko übertrug »Hotel Savoy« und »Das falsche Gewicht« von Joseph Roth, »Die Verwirrungen des Zöglings Törless«, »Drei Frauen« und »Der Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil, Prosa von Gottfried Benn und Lyrik von Günter Eich, daneben Texte von Friedrich Schleiermacher, Martin Heidegger, Jürgen Habermas, Hans Robert Jauß, Wolfgang Schivelbusch, Karl Schlögel, Judith Hermann. Dass Prochasko, der wunderbar deutsch spricht und schreibt, längst auch zu einem begehrten Mediator ukrainischer Literatur in Deutschland geworden ist, sei nur nebenbei bemerkt. In der Ukraine gilt er als herausragender  Kenner und Vermittler deutschsprachiger Kultur.

Katharina Raabe wurde 1957 in Hamburg geboren. Sie studierte Musik, Philosophie und Musikwissenschaft, war als Violinpädagogin tätig, seit 1984 auch als Redakteurin für Verlage. Von 1993 bis 2000 war sie Lektorin bei Rowohlt Berlin, seit 2000 im Suhrkamp Verlag. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Entdeckung und Durchsetzung osteuropäischer Autoren und Themen im deutschsprachigen Raum. Sie betreut u.a. Juri Andruchowytsch, Andrej Bitow, Bora Ćosić, László Darvasi, Dževad Karahasan, Andrzej Stasiuk, Jáchym Topol, aber auch jüngere Autoren wie Ljubko Deresch, György Dragomán, Wojciech Kuczok und Serhij Zhadan. Zuletzt erschienen: Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas (hg. mit Monika Sznajderman), 2006. In Ketten tanzen. Übersetzen als interpretierende Kunst (hg. mit Gabriele Leupold), 2008.

Ilma Rakusa
"Nicht der Stoff, die Sprache ist das Abenteuer, das Unwägbare. Oft genug weiß ich nicht, wo sie mich hinführt." Mit diesem Bekenntnis weiht uns Ilma Rakusa in das Geheimnis ihrer Sprachlust und Wortleidenschaft ein: das In-Bewegung-Bleiben, das Sich-Vorantasten und Auskosten jeder Silbe, das Miteinander von innerer und äußerer Stimme. Geboren wurde Ilma Rakusa 1946 im slowakischen Rimavská Sobota. Ihre Kindheit verbrachte sie in  Budapest, Ljubljana  und Triest, bis sie im Schulalter in die Schweiz nach Zürich kam. Die vielen Stationen prägen: sie machen Fremdheit bewusst, sie erzeugen aber auch eine Perspektive, die die Grenzen der einzelnen Sprachen übersteigt und im Dazwischen neue Wege sucht, so wie ihre Literatur, ihre Sprache es uns zeigen. Sie gilt als Meisterin der kleinen Form, des Gedichts und der narrativen Impression. Ilma Rakusa arbeitet als Schriftstellerin, Publizistin und als Lehrbeauftragte an der Universität Zürich. Zudem hat sie Werke aus dem Russischen, Serbokroatischen, aus dem Ungarischen und dem Französischen  ins Deutsche übertragen. Zu den von ihr übersetzten Autoren gehören Marina Zwetajewa, Danilo Kis und Marguerite Duras.
Publikationen (Auswahl): Garten, Züge. Eine Erzählung und zehn Gedichte, 2006; Durch Schnee. Erzählungen und Prosaminiaturen, 2006; Stille. Zeit, Essays, 2005; Langsamer! Gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen, 2005; Von Ketzern und Klassikern. Streifzüge durch die russische Literatur,  2003; Love after Love. Acht Abgesänge, 2001, Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler, 1997.

Christoph Ransmayr
Sein großer Roman »Die letzte Welt«, der Ransmayr weltbekannt machte, ist vor zwanzig Jahren erschienen. Das Buch erzählt von der Verbannung des römischen Dichters Ovid an die Grenzen der bewohnten Welt. Und dann 1995, »Morbus Kitahara«, das ein entindustrialisiertes Agrar-Deutschland ausmalt. 1984 debütierte er mit »Die Schrecken des Eises und der Finsternis«, jener phantastischen, halbdokumentarischen Nachdichtung einer österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition aus dem Jahr 1872. Ransmayrs Werke reifen langsam und haben womöglich gerade deshalb etwas Außergewöhnliches zu bieten. Sein neuester Roman »Der fliegende Berg«, erschienen 2006, ist wiederum eine solche Kostbarkeit. »Man würde es im Bücherschrank eher dort einordnen, wo die großen Weisheitsbücher stehen,  die heiligen Schriften, jene Werke, die nicht einfach Literatur, sondern Lebenssinn-Offenbarungen sind«. (Ijoma Mangold) Natürlich ist dies nicht im esoterischen Sinne gemeint, sondern es geht um die Intensität des Lebens in Extremsituationen, in der die Archaik der Gefühle offengelegt wird.
»Der fliegende Berg« ist die Geschichte zweier Brüder, die von Irland aus in die Gebirge Osttibets aufbrechen, um dort einen noch unbestiegenen namenlosen Berg zu suchen. Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels / Österreich, geboren, lebt in Wien, doch ist er die meiste Zeit des Jahres auf Reisen. Publkationen (deutsch), Auswahl: Der fliegende Berg, 2006; Geständnisse eines Touristen, 2004; Die Verbeugung des Riesen, 2003; Morbus Kitahara, 1995; Die letzte Welt, 1988; »Die letzte Welt« liegt in ukrainischer Übersetzung vor, erschienen 1994, Osnowy Verlag, Kiev.

Verena Reichel Johann-Heinrich-Voß-Preisträgerin 2008
Verena Reichel wurde 1945 in Grimma/Sachsen geboren. Heute lebt sie in München als literarische Übersetzerin vor allem aus der schwedischen, gelegentlich auch aus der norwegischen und der dänischen Sprache. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, die ersten Jahre in Stockholm, dann in Süddeutschland, absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und war Mitarbeiterin im Feuilleton der Münchener Abendzeitung. Von 1971 bis 1975 studierte sie Skandinavistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete als literarischer Scout für deutsche Literatur für skandinavische Verlage. Bereits vor ihrem Studium begann sie zu übersetzen. Ihr erster Übersetzungsauftrag hieß: Lars Gustafsson: „Herr Gustafsson själv“. Die deutsche Fassung erschien 1972 unter dem Titel Herr Gustafsson persönlich und war gewissermaßen der Start für die dann folgenden Übertragungen der Romane und Erzählungsbände der Werke von Lars Gustafsson. einschließlich mehrerer Lyriksammlungen. Insgesamt weist die Liste ihrer Übersetzungen aus den skandinavischen Sprachen die beeindruckende Zahl von 75 Titeln auf. Darunter finden sich Übersetzungen zeitgenössischer Autoren: Eyvind Johnson, Per Christian Jersild, Ingmar Bergman, Torgny Lindgren, Per Olov Enquist, Anna-Karin Palm, Elisabeth Rynell, Märta Tikkanen, Richard Swartz, Henning Mankell; moderne Klassiker wie Hjalmar Söderberg und August Strindberg sowie Lyriksammlungen von Katarina Frostenson und Madeleine Gustafsson. In erster Linie sind selbstverständlich Verena Reichels Leistungen als Übersetzerin zu würdigen, man muss jedoch gleichfalls erwähnen, dass sie durch ihre langjährige, beharrliche Tätigkeit stark dazu beigetragen hat, dass (vor allem) die schwedische Gegenwartsliteratur im deutschen Sprachraum wahrgenommen wurde.

Robert Schindel
„Er ist ein Besessener, den man nehmen muss, wie er ist. Und, um es gleich zu sagen, er macht es niemandem leicht – weder seinen Lesern noch seinen Kritikern. Vor allem macht er es sich selber nie leicht. Er wechselt oft die Töne seiner Dichtung, deren Motive und Melodien. Aber widerborstig, gegen den Strich gebürstet, sind Robert Schindels Verse allemal und immer wieder. Rau und hart ist seine Stimme, vom Gefälligen will er nichts wissen, er hasst und verachtet es. Auf seine Weise behandelt er die großen Themen der Dichtung: die Liebe, die Vergänglichkeit, den Tod. Sein vorherrschendes Thema aber hat sich Schindel nicht ausgesucht. Zu diesem Thema wurde er gezwungen. Sein zentrales Gedicht, trotzig und hilflos zugleich, beginnt mit den Worten: »Ich bin ein Jud aus Wien«“. (Marcel Reich-Ranicki) Robert Schindel wurde 1944 als Kind jüdischer Eltern in Bad Hall/Österreich geboren. Nach der Verhaftung seiner Eltern überlebte Schindel in einem Kinderheim. Der Vater wurde 1945 in Dachau ermordet, die Mutter überlebte, kehrte nach Wien zurück und fand ihren Sohn wieder. Nach vorzeitiger Schulentlassung holte er 1967 sein Abitur nach, studierte Philosophie und engagierte sich politisch. Seinen Lebensunterhalt sicherte er durch Gelegenheits-Jobs, daneben entstanden Arbeiten für Film, Fernsehen und Rundfunk. Ab 1986 arbeitet Schindel als freier Schriftsteller. Er lebt in Wien.
Publikationen (deutsch), Auswahl: Wundwurzel, Gedichte, 2005; Fremd bei mir selbst, Gedichte 2004; Nervös der Meridian, Gedichte, 2003; Zwischen dir und mir wächst das Paradies, Liebesgedichte 2003; Immernie. Gedichte vom Moos der Neunzigerhöhlen, 2000.

Jan Wagner
"Was dieser junge Poet über und von sich zu sagen hat, geht – zwar nicht immer, aber oft genug – alle an. Und in seinen besten Gedichten hört man nicht nur das leise Knacken des Wohllauts im Inneren des Wortgebälks, sondern erfreut sich auch der poetischen Mittel, mit denen er seine kunstreichen Versgebäude baut." (Jochen Hieber) Oft auf Reisen, ob im Ausland oder in der deutschen Provinz, überall findet Jan Wagner Geschichten und Geheimnisse des Alltäglichen. Kein Detail ist belanglos, kein Thema zu groß. Und wie nebenbei klingen in den präzisen Miniaturen umfassendere Fragen an. Mit der gelassenen Weitsicht eines Wanderers spannt Wagner den Bogen zwischen mythologischen Urszenen und trivialen Requisiten der Gegenwart. Dabei schließen seine subjektiven Entdeckungen den Leser nie aus, und er bleibt, mit augenzwinkernder Selbstironie, vor allem eins: ein Geschichtenerzähler. Der Duft eines Weihnachtsbratens, der Name eines Stadtviertels, ein einsamer Koffer am Flughafen - alles weckt hier Erinnerungen und Assoziationen. Souverän jongliert Wagner zwischen Formentreue und freien Rhythmen, behauptet im Spiel mit der Tradition klassischer Lyrik seinen eigenen Stil. Jan Wagner, wurde 1971 in Hamburg geboren, und lebt seit 1995 in Berlin. Er ist nicht nur Lyriker, sondern auch Übersetzer englischsprachiger Lyrik (u.a. Charles Simic, James Tate, Simon Armitage, Jo Shapcott, Louis MacNeice, Kevin Young) und freier Rezensent für verschiedene Zeitungen.
Publikationen (deutsch), Auswahl: Achtzehn Pasteten, Gedichte (2007); Der Wald im Zimmer. Eine Harzreise (2007 ); Guerickes Sperling, Gedichte (2004); Probebohrung im Himmel, Gedichte (2001). Daneben zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften

Serhij Zhadan
Serhij Zhadan wurde 1974 in Starobilsk (Ostukraine) geboren. Er gehört zu den bekanntesten und populärsten Autoren der heutigen Ukraine. Er ist Lyriker, Prosaist, Essayist und Übersetzer. Zudem organisiert er Festivals und politische Aktionen. Er studierte Germanistik an der Pädagogischen Universität in Charkiw und promovierte über den ukrainischen Futurismus. Zhadan lebt in Charkiw, in der am weitesten östlich gelegenen ukrainischen Großstadt. Sein erster Lyrikband erschien 1995. Juri Andruchowytsch schreibt über ihn: „Vor zehn Jahren nannte man ihn den ukrainischen Rimbaud, jetzt ist er vor allem Zhadan. Seine Poesie ist so, wie ich mir echte Poesie zu Anfang des Jahrhunderts vorstelle: sicher im Ton, makellos in den Details, durchdringend-visuell, anarchisch und kompromißlos sozial, zugleich absolut poetisch, einzigartig und unerwartet in der Plastizität der Assoziationen. Es ist wirklich genau das alternative Kino und auch die alternative Musik und das alternative Theater, das uns fehlt. Und überhaupt ist es eine Alternative zu allem, was traditionell als ukrainisch gilt“. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. In deutscher Übersetzung liegen vor: Anarchy in the UKr", Prosa, 2007; Depeche Mode, Roman, 2007; Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts, Gedichte, 2003.
Publikationen, Auswahl (ukrainisch): Gedichtsammlungen: Maradona, 2007; Balladen über Krieg und  Wiederaufbau, 2001, the very very best poems, psychodelic stories of fighting and other bullshit, ausgewählte Gedichte 1992 – 2000, 2000; Pepsi, 1998; Zitatensammlung 1995/2005; Prosawerke: Die Hymne der demokratischen Jugend, 2006; Big Mac, 2003.

Joseph Zoderer
Als deutschsprachiger Autor mit österreichischer kultureller Prägung, der einen italienischen Pass besitzt, weiß Joseph Zoderer seit jeher von Fremdheit und Vertrautheit, von der Suche nach Identität zu erzählen. »Ich bin in der Nähe nicht einer Grenze, ich bin in der Nähe vieler Grenzen geboren. Grenzen müssen nicht Beschränktheit bedeuten, Grenzen können im Gegenteil sensibel und neugierig darauf machen, was auf der anderen Seite ist«, sagt Zoderer. So kritisiert sein bislang bekanntester Roman „Die Walsche“ von 1982 die streng bewachten Grenzen zwischen italienischer und deutscher Kultur. Joseph Zoderer wurde 1935 in Meran (Südtirol) geboren, verbrachte seine Kindheit in Graz und lebt seit 1978 wieder in Südtirol, am Schnittpunkt dreier Kulturen. Der gemeinhin als Romancier geachtete Schriftsteller veröffentlichte schon Ende der fünfziger Jahre erste lyrische Texte, danach jedoch widmete er sich vorwiegend der Prosa. Mit »Liebe auf den Kopf gestellt« legt er nun wieder einen neuen Gedichtband vor, in dem er Motive des Gegensätzlichen sinnlich miteinander verknüpft und wiederum das Thema seines Werkes, diesmal auf lyrische Art, verhandelt: Erinnern und Vergessen, Verlust und Wiederkehr, Zweifel und Gewissheit, Trauer und Glück, Nähe und Ferne. Zoderer arbeitet seit 1981 als freier Schriftsteller, zuvor war er als Journalist und Rundfunkredakteur beim RAI-Sender in Bozen tätig.
Publikationen (deutsch), Auswahl: Liebe auf den Kopf gestellt, Gedichte, 2007; Der Himmel über Meran. Erzählungen, 2005; Der Schmerz der Gewöhnung, Roman, 2002; Das Schildkrötenfest, Roman, 1995; Dauerhaftes Morgenrot, Roman, 1987, Lontano, Roman 1984.


Stand: 14. April 2008
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