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Dotierung
und Jury 
Druckversion Dankrede (2005) 
2005:
Brigitte Kronauer
Warum bloß, frage ich Sie, sehr geehrte Damen und Herren, und
nicht weniger mich, hat Georg Büchner die hier gleich folgenden
Worte von jemandem sprechen lassen, aus dessen Mund sie dermaßen
unnatürlich, ja unglaubwürdig klingen: »... so ein
schöner, fester, grauer Himmel, man könnte Lust bekommen,
einen Kloben hineinzuschlagen und sich dran zu hängen, nur wegen
des Gedankenstrichels zwischen Ja und Nein und wieder Ja – und Nein. Ja
und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld?«
Nicht der eloquent müde Revolutionär Danton sagt die
verblüffenden Sätze, nicht der graziös ennuyierte Prinz
Leonce, nicht der in den Wahnsinn kippende Schriftsteller Lenz. Ihnen
allen wäre solch spitzfindig formulierter Tief- oder Unsinn ohne
weiteres zuzutrauen. Aber Woyzeck? Ihm doch wohl eigentlich nicht,
nicht Woyzeck, dem vierten Protagonisten von Büchners in
fundamentaler Unterschiedlichkeit und notgedrungener Eile errichteten
Universen. Trotzdem, er, das arme Stück Mensch, wahlweise
tauglich für erniedrigend idiotische Experimente oder, in
tödlicher Variante, als Kanonenfutter, er hat’s
geäußert.
Jedoch: Darf er das?
Nicht seine Überlegung an sich ist das mögliche
Ärgernis, nur der Umstand, daß er, Woyzeck, sie anstellt.
Obwohl er uns allerdings vorwarnte mit der ebenfalls für einen wie
ihn befremdlichen Bemerkung, manchmal habe man »so `nen
Charakter, so `ne Struktur«. Ein hier von mir unterschlagenes,
von Büchner zwischengeschobenes »Herr Hauptmann« und
ein paar, je nach Ausgabe, volksnah stimmend und in dialektnaher Manier
weggelassene n’s am Ende, ein »schlage« und
»hänge« tun dabei kaum was zur Sache. Was Woyzeck da
in großer Not entschlüpft, ist richtiggehend intellektuell,
klingt keineswegs nach urtümlich schlichtem Gemüt, hört
sich unpassend akrobatisch, ja, um Himmels willen, heraus mit dem
bösen Wort, artifiziell an!
Liegt aber der literaturhistorische Ruhm Büchners nicht zu einem
großen Teil darin begründet, daß er, ungeschönt
und Mitgefühl weckend, einen jener Rechtlosen zum ersten Mal auf
die Bühne brachte als das, was er war und ist: ein von der
relevanten Gesellschaft allenfalls als Dreiviertelmensch angesehenes
und benutztes Wesen, ohne Bildung und daher fast unzivilisiert, das
sein vermutlich ungeschlachtes Innenleben lieber, wenn’s schon sein
muß, leihweise in sogenannten Volksliedern oder Bibelversen
artikulieren und eventuell goutierbar machen sollte?
Gilt Büchner nicht jedem Schulkind als Revolutionär auch
deshalb, weil er, im Gegensatz zum ungeliebten Schiller, die
Wirklichkeit nicht idealisiert, sondern endlich in ihrer realen
Erscheinung darstellte?
Und dann ausgerechnet bei unserem Woyzeck, dem uns inzwischen so teuren
Prachtexemplar des Geringen, des leidend Anspruchslosen derart
komplizierte Gedanken und Gedankenstrichel!
Die Welt Büchners freilich ist, bei aller Differenz der vier
Milieus, stets eine komplizierte. Die Annahme ihres
grundsätzlichen Schon-Okayseins, jener robuste, uns neuerdings
öfters zur Nachahmung empfohlene optimistische Glaube, sie bei
Pannen und Ungereimtheiten wieder sauber zurechtklempnern zu
können, taucht in Büchners Dramen und Prosa nicht mal am
Horizont auf, was sie, die Welt, bis ins Mark unparadiesisch,
dafür aber als zweifellos metaphysische erscheinen
läßt.
Anders als im »Hessischen Landboten« weiß
Büchner, wenn er nicht agitiert, also in der Literatur, daß
die Welt nicht nur aus Hütten besteht, in denen verborgene Helden
wohnen, und aus Palästen, in denen der Satan haust. Der
bewundernswert entschlossene Sozialrevolutionär entwickelt
parallel als Dichter eine Wirklichkeit, die so relativiert,
unideologisch, extrem, flackernd, ambivalent ist, daß man ihn
eher für einen an den Beleuchtungswundern der Sprache
entzündeten genialen Ästheten halten könnte, als
für einen im Gebrauchssinn politischen Kopf.
Geschätzt wird ein Beharren auf der winkel- und
schluchtenreichen Natur der Welt dagegen nicht und wurde es
vielleicht nie. Die Liebe zur Simplizität ist wahrscheinlich in
uns eine gewaltige, eine, je chaotischer die Zustände, desto
besessenere. Schwungvoll weg also mit den Einsprüchen der alten
Aufklärung, weg mit den Heimatlosigkeiten der Dialektik?
Notfalls legt man sich eine fixe Idee zu, und sei es eine
wissenschaftliche, die allzu verwirrende Sachlagen vereinfachend auf
die eigenen psychischen Fähigkeiten zurechtstutzt. Manien spielen
nicht von ungefähr eine durchgehende Rolle in Büchners Werk.
Einer der Ticks, mit denen sich der ermattete Danton auf heikle Weise
die restliche Lebenszeit vertreibt, besteht beispielsweise darin, alles
vertausendfacht, alles in entindividualisierender Mechanik zu sehen. In
einer Epoche der Statistiken und Umfragen hätte er noch zwingender
Grund dazu als im Schatten der Guillotine.
Auch Woyzeck ist ungeheuer multiplizierbar. Er ist aus dem Schlamm des
Volkes, nüchterner gesagt: der Bevölkerung und nach dem
Maß heutiger Verhältnisse zunächst unspektakulärer
Prototyp jener Millionen, die nicht in Armut existieren, aber in einer
nicht aus der Luft gegriffenen Angst davor, der unentrinnbar
klassifizierte »kleine Mann« des Bürgertums, zur Zeit
immerhin notdürftig gebildet und in bescheidenem Wohlstand, der
nicht nur zum Spaß halluzinierte »Mann von der
Straße«, ein in den Begriff einbetonierter ominöser
»Otto Normalverbraucher« und wie die Schmähungen des
angeblichen unteren Mittelmaßbürgers alle heißen.
Eine Marktstudie hat in Erfahrung gebracht, was eine Hamburger
Werbeagentur dann in die trostlose Tat umsetzte: eine Wohnung mit
haargenau der Einrichtung – Glastisch mit Tuner, Teddybär
auf orangenem Sofa: nichts Schlimmes jedes für sich, wenn man es
nicht, wie hier, als Klischee-Ensemble vorführt – und
korrekt den Mietern, die das Mittel der Umfragen ergab. Alles in
schändlichster Erwart- und Wiederholbarkeit. Name der fiktiven
Insassen, auch die idealtypisch: Thomas und Sabine Müller. Man
weiß schneller als sie selbst, welche Meinungen zu Zukunft
und Politik sie und mit ihnen die Durchschnittsmillionen als ihre
höchst persönlichen von sich geben.
Ich vermute, Thomas Müller wünscht sich, im bitteren Zwang
der Studie, seine Frau »natürlich« und
»treu«. Sind seine Kinder in der Pubertät, werden sie
von ihrem Vater in einer so großartig vergrübelten Sprache
wie dem Deutschen den Satz hören: »Warum einfach, wenn’s
auch kompliziert geht« – auch manchen Schriftstellern ist der
Vorwurf nicht unbekannt – , für den sein Nachwuchs ihn dann
kurzfristig ermorden könnte, sich aber seinerseits, um seiner
quälenden Individualität zu entkommen, so gut er es schafft,
hier folgsam bis zu Devotheit und Militanz, in die Maske von Jargon und
Ausstattung seiner Altersklasse flüchtet und damit zu falschen
Rückschlüssen über sein tatsächliches Innenleben
provoziert.
Ein Stück auf der Bühne mit solchen Helden müßte
noch grauenhafter sein als die besagte Wohnung, wäre bei den
derart skizzierten Müllers selbst aber durchaus nicht
unwillkommen. Sie sehen es ja in den deutschen Soaps, die hier durchaus
nicht weiter attackiert werden sollen, freiwillig an, gehen mit sich
selbst so um, wie mit ihnen umgesprungen wird, kanzeln ihre
Einzigartigkeit ab, streiten sie ab in den aktuellen Schutzformeln und
kommen nicht auf den Gedanken, gegen das präsentierte Spiegelbild
als Ehrabschneidung zu protestieren.
Woyzeck dagegen konstatiert zu seiner Verzweiflung, jedoch ab sofort zu
unserem Trost: »Jeder Mensch ist ein Abgrund«.
Wir atmen auf! Ist das nicht plötzlich in unseren Ohren
Engelsmusik? Die auf ihr erbarmungslos ermitteltes Sofa Verdammten,
wären – und zwar nicht nur dann, wenn sie Kinderschänder oder
Amokläufer werden – mit dem vollen Pathos des Potentiellen:
nach unten und oben, wie das Weltall, abgründige Wesen? Auch Hinz
und Kunz, oder, wie der Dichter Ror Wolf sagen würde, Noll, Lemm,
Sapp und Klomm, sind: vielfältig? Sind jeder für sich:
unergründlich, gerade so wie Sie und ich?
Unser Trost ist bilateral, es ist ein menschlicher und ein
ästhetischer. Denn erstens verkündet uns also Woyzeck,
daß nicht nur die Welt eine komplizierte, ja verworrene ist, eine
nicht auf das Idyll holzschnittartiger Gegensätze zu reduzierende.
Er ruft zusätzlich die bodenlose Rätselhaftigkeit,
unantastbar wie die Menschenwürde, eines jeden ihrer Bewohner aus.
Das ist die Revolution, eine Binsenweisheit, aber eine dauerhaft
revolutionäre:
Nicht die Erkenntnis, daß, recht unverbindlich, alle Menschen
Menschen und irgendwie auch Brüder sind. Vielmehr, daß kein
Mensch, ob Überflieger oder nicht, flach ist, simpel ist! Keiner,
was er an Floskeln auch daherredet, gedankenlos, hilflos,
Einverständnis heischend, ist, egal was Augenschein und
Verabredung behaupten mögen, nur mit dieser einen, von ihm
verbalisierten Dimension ausgestattet.
Der zweite Trost, der nicht weniger wichtige ästhetische, besteht
in der naturalistischen Unzulässigkeit des Niveaus dieser und der
zwei schon genannten Aussagen Woyzecks. Er räumt nicht nur auf mit
der Illusion von der Einfachheit des schlichten Menschen. Büchner
legt durch Woyzeck hindurch mit einem deutlichen Überziehen von
dessen wahrscheinlichen Äußerungsmöglichkeiten das
Überspannte, Maßlose, Pretentiöse, Schreckliche
und Schräge von dessen seelischer Konstitution frei. Kurz: Der
Dichter muß seinem Helden dieser Offenbarung wegen sprachlich,
nicht aber substantiell unter die Arme greifen.
Nein, dieser Woyzeck chargiert weder als Naturkind noch als
Nachplapperer der aufgeschnappten Bildungsbrocken eines Herrn.
Büchner schenkt ihm die wunderbare, keineswegs
selbstverständliche Begabung und Gelegenheit, in sporadischen
Signalen alarmierend auf das hinzuweisen, was er fühlend denkt.
Das bedeutet durchaus nicht, daß sich ein Woyzeck aus Fleisch und
Blut auf der Bühne sogleich wiedererkennen würde. Vermutlich
pfiffe er drauf! Was tragikomisch, aber logisch ist.
Büchners Protagonist wird nicht zurückgescheucht in die
Sprachhülsen, in die reale Sprachlosigkeit seiner Klasse.
Geschähe ihm das, würde es seinen Vorgesetzten und einem
arrogant geschwätzigen Publikum bequem gemacht, ihn selbst in
Seele, Herz, Kern mit der Primitivität von Wortschablonen seiner
Umgebung zu verwechseln. Büchner, wohlwissend, daß Literatur
mit ihren Charakteren und Geschichten immer etwas Künstliches,
Inszeniertes, vom Leben Inspiriertes und ihm Verpflichtetes, aber nie
von ihm Abgeschriebenes ist, baut uns allerdings eine Brücke,
nämlich das Psychopathische Woyzecks, das seine Extravaganzen
rechtfertigen könnte. Ganz so wie bei den natur- und
weltumgrabenden Visionen des in den Irrsinn rutschenden Lenz.
Gewiß, wir dürfen uns, als Schutz vor Weiterungen, an diese
medizinische Begründungsplanke klammern, wenn wir ängstlich
darauf bestehen.
Sich selbst eröffnet der Autor durch die diagnostizierbaren
Geistesverrückungen seiner Helden die Chance, nicht nur Danton und
Leonce, sondern auch Woyzeck und erst recht Lenz, in dessen Person er
unter dem Alibi des Wahnsinns die Facetten seiner eigenen Arbeiten noch
einmal komprimiert, bis zum äußerst Denkbaren mit
seinen, den Büchnerschen Sprach-Energien, anzufüllen.
Durch das bis zur Verrücktheit Artistische, Artifizielle entsteht
keine willkürliche Verrätselung und Verrammelung der Welt.
Sie wird, im Gegenteil, unter dem groben Umriß der Schablonen,
nur, samt einem jeden ihrer Bewohner, als nicht durchschaubare
bloßgelegt.
Nichts jedoch gegen Einfachheit, solange sie sich nicht als das
regierende Grundmuster der Weltordnung versteht. Anders nämlich
ist es, wenn man Einfachheit lediglich als spartanische Variante, als
eine von zahlreichen Spielarten der sehr vielfältigen Wirklichkeit
begreift. Oder ihr, in ganz seltenen Glücksmomenten, in den
unbeabsichtigten Enthüllungen einer unter Schutt und
Schmier des Konventionellen plötzlich überraschend
dünnhäutigen Person jenseits der Paßwörter ihres
jeweiligen Milieus begegnet. Etwas, wonach Schriftsteller ständig
auf der Jagd sind, oft vergeblich, selbst wenn sie geduldige
Zuhörer sein sollten. Dieses nackt und unauslotbar und
originär Wirkliche verrät sich am ehesten in Kombinationen,
in einer winzigen Geste, einem Blick, einem Lächeln vielleicht in
Verbindung mit einem eigentlich ja nichtssagenden, literarisch
zunächst unergiebigen »Ach« oder gar nur atemlos
geseufzten »Ach so!«.
Einer der Großen der amerikanischen Moderne, der Dichter und Arzt
William Carlos Williams, hat von solchen Sekunden in seiner Praxis, die
von armen Einwanderern frequentiert wurde, bewegend erzählt, und
das in frappierender Metaphernähnlichkeit zum Büchnerschen
Lenz. Der eine redet von Entbindungen, der andere von zu
durchbrechenden Hüllen. Beide meinen jene herzzerreißenden
Erkenntnisraritäten, die Ansporn sind für literarische
Umwandlungen, wo sie sich dann ein bißchen anders anhören
und, um den heftigen Eindruck der Realität in Buchstaben zu
evozieren, auch müssen.
Für mich sind diese vollständig irdischen, nicht selten
skurrilen Momente einer strahlend und fast geräuschlos
aufreißenden Transzendenz dasjenige, was mich bei einem Menschen
und in einem Roman unwiderstehlicher ergreift und sich mir
schärfer eingraviert als das ganze notwendige Drumrum.
Hat das alles aber einen Kontakt und Kreuzungspunkt mit jenem allzu
berühmten, zitierenden Büchnerzitat, an dem man, glaube ich,
redlicherweise nicht vorbei kann: »Friede den Hütten! Krieg
den Palästen!«?
Als hassenswert, als »schändlichste Verachtung des heiligen
Geistes im Menschen« bezeichnet das junge Genie in einem Brief an
die Eltern den Hochmut aristokratischer Besitzer von Bildung und
Gelehrsamkeit gegenüber ihren für dumm verkauften
Brüdern. Allerdings lebt es sich, anders als anderswo, etwa ein
Stück südlich der spanischen Nordafrika-Enklaven Ceuta und
Melilla, in den Hütten Europas gegenwärtig nicht so schlecht
wie zu Büchners Zeiten, und die Paläste sind abstrakt,
anonym, sind ambulant geworden, was sie nicht gerade harmloser macht.
Hier gilt es im Auge zu behalten, daß es sich bei einer, unsere
bisherigen Weltbilder zugegebenermaßen katastrophal
überfordernden, stetig wachsenden Erdbevölkerung nicht um
eine Biomasse handelt, der dort, wo sie Rechte hat, das mühsam
Errungene von einer kleinen Gruppe Mächtiger und Gerissener wieder
abgegaunert werden darf mit dem Ziel einer Verfügbarkeit der
Vielen. Büchner begriff schnell, noch bevor er selber zynisch
werden konnte, wie leicht und über welche Hebel sich solche
Entmündigungen arrangieren lassen.
Auch diese Mehrheit, von deren aktueller, verheerender Menge Danton vor
über 200 Jahren wohl kaum eine Ahnung hatte, ist und bleibt eine
Addition von Originalen, und wenn die Literatur auch oft Gegner
der Gesellschaft und ihrer zeitgeistlichen Zumutungen sein muß,
so stellt sie andererseits, halbparadox, den treuesten und streng
fordernden Freund des Individuums dar.
Die Rede ist von den Zeitgenossen, die alle, ob proletarisch oder
nicht, hungrig oder satt, seßhaft oder heimatlos und in
schwankenden Prozentsätzen gutmütig und bösartig
zugleich, jeder für sich Furcht vor dem Tod haben, aber auch vor
dem schwierigen Leben, wenigstens nachts, wenn sie, kindlicher und
schwächer als tagsüber, wach liegen, ob neben ihnen jemand
schläft oder fehlt. Leute mit sehr großen Schmerzen und
kleinen Hypochondrien, mit verborgenen Furunkeln, Komplexen, schweren
Traumata, Frauen und Männer, mit und ohne Familie, die
wünschen, es gäbe letztenendes so etwas wie Gott und
schamhaft darüber verzweifeln, daß er sich nicht zeigt, die
sich konkret ängstigen vor dem Vergehen von Zeit und Glück,
diffus vor der Weltlage und berechtigt vor ihren Mitmenschen; die zum
1. Mal rasend verliebt sind, oder, mit lauernder Empfindlichkeit, zum
letzten Mal.
Wir alle also, in flüchtigen, doch einmaligen Mischungen und
Ausziselierungen, eben doch, wie in Wahrheit auch Woyzeck, nicht
multiplizierbar, wenn auch entwertend hochgerechnet zu allen
möglichen Uniformierungen: Unikat in Detail und Variation, was
eine Gesellschaft natürlich bewußt fördern,
bewußt unter dem Feuerschutz täuschender Parolen behindern
kann, auch durch Vernachlässigungen in der Bildungspolitik.
Sollten die neuen Palastherren aber, wie gelegentlich vermutet wird,
jene imperial, um nicht zu sagen imperialistisch zugreifenden,
Lebewesen, Lebensüberzeugungen, Länder und Landschaften, d.h.
überaus fragile Systeme von Flora und Fauna
zerstörenden Wirtschafts- und Finanzvirtuosen samt einer sie
stützenden Mentalität und ihren Institutionen sein, die ab
und zu sogar ein paar soziale, ökologische, kulturelle
Beschwichtigungsgroschen zur Imageaufbesserung entrichten?
Zählen zu ihnen, wie öfter zu hören, diejenigen, die mit
unserer Anfälligkeit für die fatale Bezauberung durch
Ideologien bis hin zur tödlichen Berauschung an ihnen spekulieren?
Nicht zu vergessen, nein, keinesfalls zu vergessen die Folter-,
Präventiv- und Präemptivkriegspropagandisten von Staats
wegen, die gemeinsam mit einer sich blähenden
Rüstungsindustrie die leibgewordene Negation dessen sind, was sie,
fix bei der Hand, als Umstandmacherei, als Schwerfälligkeit von
Schöngeistern und Schönfärbern einer abgelebten Epoche
verunglimpfen, nämlich die bis auf weiteres phänomenale
Nicht-Wiederholbarkeit jedes, unterschiedslos jedes Einzelnen, auch
wenn sie Völkerrechtsbrüche samt Konsequenzen mit so
betörend trompetenden, antidiktatorisch zweckheiligenden Titeln
wie »Freiheit des Einzelnen« und »Kampf für die
Freiheit« schmücken?
Die Literatur sagt gedämpfter, zugleich dem trügerischen,
stark verführerischen Abkürzungsdenken und
Pauschalisierungshandeln scharf widersprechend, durch den
Schriftsteller Lenz des jungen Mannes Büchner, der vielleicht doch
schon den Dantonschen Zynismus an sich selbst durchprobiert hatte und
als einzige Rettung daraus das ganz andere erkannte: »Man
muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen
jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu
häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen.«
Womit keinesfalls gesagt ist, die spröde Menschenliebe der
Literatur beim beharrlichen Zurückzerlegen von Gesellschaft und
Bevölkerung in Einzelne, in Einzel- und Eigenheiten sei aufgrund
dieser Bescheidung ein Kinderspiel und würde dem, der sich darum
bemüht, landläufiges Glück und zwangsläufig Frieden
bringen.
Das nun gerade nicht.
Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sehr
herzlich für diesen Preis, der den großen, verpflichtenden
Namen Georg Büchner trägt und Ihnen, geehrte und liebe
Anwesende, fürs Zuhören.
Druckversion Dankrede (2005) 
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Druckversion Laudatio (2005) 
Patrick
Bahners
Laudatio
auf Brigitte Kronauer
Herr
Präsident,
liebe Frau Kronauer,
meine sehr verehrten Damen und Herren!
Laudato
si, o mi si-gno-ho-re-e, laudato si, o mi si-gno-ho-re-e, laudato si! Sie
müssen entschuldigen. Das war naturgemäß kein Zitat aus
einem Roman von Brigitte Kronauer, sondern stammt aus einem Lied, das
dem Kleingedruckten im Gesangbuch zufolge auf den Sonnengesang des
heiligen Franziskus zurückgeht und in meiner Kindheit an
besonderen Festtagen im Schulgottesdienst gesungen wurde. Ich
führe es an, um meinen Zweifel zu Protokoll geben, ob ich für
die mir von der Akademie übertragene Aufgabe gewappnet bin. Zwar
kann ich mich wiedererkennen in der namen- und gesichts-, kontur- und
farblosen Randfigur von Brigitte Kronauers jüngstem Roman
„Verlangen nach Musik und Gebirge“, von der nur die Stimme ins
Bewußtsein der Erzählerin tritt. Frau Fesch spaziert durch
die Straßen des nächtlichen Ostende, an ihrer Seite ein
jugendlich-unglücklich Liebender. „Weiter weg hört man
jemanden lateinisch singen. War das nicht schon am ersten Abend so?
Singt mit Teilen eines Hochamts gegen das Meer an, ein alter
Meßdiener, der die Schönheiten seiner liturgischen Jugend
nicht vergessen kann.“ Auch ich habe eine liturgische Jugend hinter
mir, aber eine nachkonziliare, schimmerlos ausgesetzt jener
Formlosigkeit, die häretisch genannt worden ist. Das kann für
meine Zwecke so stehenbleiben, denn ich möchte um Verständnis
dafür bitten, daß es meinem Rühmen an der goldenen
Geläufigkeit mangeln könnte, die dem geschenkt wird, der
Litaneien vor dem Eintritt ins kritische Lebensalter nachgebetet hat.
it Blick auf das Werk von Brigitte
Kronauer wäre allerdings zu fragen, wie es mit der Orthodoxie der
Formvollkommenheit bestellt ist. In dem Roman „Die Frau in den Kissen“
wird von einer Gräfin erzählt, die sich auf dem Meer bei
einer Bootspartie mit einem glatzköpfigen Diener in den
„Herrschaftsbereich“ von „Szenen der Erinnerung“ hineinziehen
läßt. „Schicht auf Schicht kann sie nur legen in der
Rekapitulation als immer weitere Verfeinerung, Meßopfer auf
Meßopfer häufen nach dem festgelegten Ritual, aber mit sich
schärfender Sicht.“ Man kann diesen Satz wie so viele
Kronauer-Sätze als poetologische Selbstauskunft lesen, in diesem
Fall sogar als Inkorporierung und Ausarbeitung eines Kritikergedankens.
Fritz J. Raddatz schrieb 1986 über die Autorin des „Berittenen
Bogenschützen“: „Ihre Sätze sind lauter kleine rituelle
Feste.“
Eben wegen der
Häufung von Fest auf Fest verfiel die spätmittelalterliche
Werkfrömmigkeit der Kritik einer Theologie der Innerlichkeit. Im
Namen der Heiligkeit des Meßopfers wurde gefordert, es nur einmal
am Tag zu feiern oder sogar nur am Sonntag die Kommunion zu empfangen.
Die innerweltliche Klugheit dieser Heilsökonomie kann ich
bestätigen. Hätten wir uns jeden Mittwoch und nicht nur zur
Feier des Ferienbeginns im Lob des Si-gno-ho-re-he die Seele aus dem
Leib geschrien, wäre sie wohl nach wenigen Wochen vor
Erschöpfung zu Boden geplumpst. So aber kann ich kaum anders: Es
juckt mich, um eine Laudatio gebeten, das Laudato sì
auszustoßen – denn für mich bleiben diese brüllaffigen
Urlaute der nie mehr aus dem Kehlkopf herauszuoperierende Inbegriff des
schrankenlosen, enthemmten Lobens. Wer über Brigitte Kronauer
spricht, sollte etwas von Ekstasen verstehen, und ich kann nichts daran
ändern, daß ich mein Erlebnis des Außer-mir-seins in
der Kirchenbank am letzten Schultag hatte.
Der Leser, der das
wunderbare Werk von Brigitte Kronauer betritt, läßt sein
eigenes wunderliches Leben hinter sich und nimmt es gleichzeitig mit.
Dieses Werk ist eine Schatzhöhle mit den Gewölben der
großen Romane, den Kammern der Erzählungen, den Kabinetten
der Essays und Rezensionen, den Fächern und Löchern der
Anekdoten und Sentenzen. Die Höhlenwände öffnen sich
lautlos, man braucht kein Zauberwort. „Hier höre ich nichts als
leises Fressen, ein gemütliches Flüstern“, lautet der erste
Satz der „Frau in den Kissen“. Allenfalls mag man beim ersten Schritt
ins Stolpern kommen, wenn man unvermittelt gegen das Hier der
Romanwirklichkeit gestoßen wird. Oder gegen das Da. „Da, damals,
die kleine alte Frau im grellen Gras: Was für Knöchelchen!“
Der vielgepriesene Anfang von „Rita Münster“. Macht man seinen
Weg, fliegen einem die Zauberwörter zu. Jedes Sesam führt
einen tiefer hinein, als Pfeil zum Ausgang taugt keines. Es sind die
Halleffekte, die den gewaltigen Eindruck der Dreidimensionalität
von Brigitte Kronauers Erzählraum erzeugen. Motivische
Korrespondenzen konstituieren ein Sinngefüge oder machen doch die
Vermutung unwiderstehlich, es müßte sich der Zusammenhang
aller Einzeldinge ausmessen und abschreiten lassen. Dabei sind die
Echowirkungen doppelte. Die Zeichen werden häufig schon als
Erinnerungsfetzen eingeführt.
Ob die Möwen,
die mit ihren spurlosen Schwüngen bestehende, nur ihnen erkennbare
Linien nachfahren, diese Luftgleiswerke am Ende lediglich
vortäuschen, fragt sich die Tierbeobachterin in der „Frau in den
Kissen“. Daß die Kritik gar keine Metaphern gebraucht, wenn sie
von der Konstruktion und der Mathematik der Romane Brigitte Kronauers
spricht, hat die Literaturwissenschaft inzwischen mit aller
Gründlichkeit nachgewiesen. Die Wirkung der Vorführung dieser
Baupläne kann so großartig sein wie die Demonstration der
vernünftigen Einrichtung des Fliegenauges durch den Reverend
William Paley. Je exakter aber die Schlüssigkeit der
Erzählungen dokumentiert wird, desto stärker verdichtet sich
die Ahnung der Idiosynkrasie der Autorin. Wenn tatsächlich kein
Detail als funktionslos angesehen werden kann, dann ist das
Individuelle nicht Zutat, sondern der Grund der Dinge – das Jenseits
der geordneten Romanwelt, auf das die Chiffren einer vorliterarischen
Erinnerung verweisen.
Dieses
Verhältnis von ausgetüftelter Objektivität und
unberechenbarem Subjekt hat seine Entsprechung auf der Seite des
Lesers. Als im „Berittenen Bogenschützen“ der
berufsmäßige Leser Matthias Roth in der italienischen
Landschaft beim Meditieren über Joseph Conrad zu der Erkenntnis
vordringt, der Romancier brauche „die lebendige, zappelnde Figur nur,
um ihr steinernes, dauerhaftes Ebenbild errichten zu können“, da
muß ihn dieser Gedanke unwillkürlich abgeschreckt haben,
denn er verwandelte sich sogleich aus dem Denkmal eines Denkers in
einen zappelnden, etwas unbeholfenen, aber unzweifelhaft lebendigen
Wanderer. „Er stand schnell auf, er wollte den Weg zu seiner
Lieblingsstelle fortsetzen, dorthin, wo sich manchmal Fische verfingen,
aber nach der unbequemen Lage gaben die Beine nach und er fiel
zurück, immerhin war der Fuß nicht umgeknickt.“ So wird nach
Absolvierung der Schule der Genauigkeit, die Kronauer zu lesen
bedeutet, jeder Kronauer-Leser seine Lieblingsstellen haben, wo sich
Erinnerungen verfangen, die der Romanfiguren, die an die Romanfiguren
und die eigenen.
Was der Freundin der
Frau in den Kissen in den Gesichtssinn kommt, wenn sie durch die
Möwen, die sich „im Kostüm des Heiligen Geistes“ das Segnen
anmaßen, an „die Hochämter der Kindheit“ erinnert wird, mag
dann auch nachempfinden können, wer in seiner Kindheit auf das
Neue Geistliche Lied als rumpelnden Flugapparat angewiesen war:
„Ekstatische Priester in der Luft, fliegende geistliche
Würdenträger im vollen Ornat, im Federmantel, mit
Käppchen und Mitra ausgerüstet zur jährlichen Feier, die
heiligen Gebräuche vollstreckend.“ Und so will ich mir die
Möwen zum Beispiel nehmen, den Schrei „Gelobt sei Brigitte
Kronauer“, der mir auf der Zunge liegt und mit dem tatsächlich
hier und heute alles gesagt wäre, unterdrücken und auf die
Gefahr der Anmaßung hin formgerecht krächzen auf dieser
jährlichen Feier – auf den Bahnen des Dichterlobs, die die Natur
der Dichtkunst auch dem spätestgeborenen Rhetor vorzeichnet.
„Die Frau in den
Kissen“, dieser luxuriös ausladende Roman, der mit nichts als sich
selbst beschäftigt scheint, enthält die denkbar kürzeste
Theorie der Literatur: „Alles Nachahmung.“ Daß das Gesetz der
Mimesis auch die Binnenstruktur des gegen die Welt abgeschlossenen
Textes bestimmt, geht aus Matthias Roths Betrachtungen zu Joseph Conrad
hervor. Conrads Figuren sind Nachahmer der Fama, die ihnen vorauseilt:
Der Autor hat eine „unübersehbare Neigung zum Legendären, zur
gerüchteweisen Einführung einer Person, als errichtete er ihr
schon von vornherein einen Thron“. Matthias Roth führt das eigene
Leben, als wäre er die Hauptperson eines Conrad-Romans. Über
Marianne, seine Geliebte, erfahren wir zu Anfang des „Berittenen
Bogenschützen“: „Noch bevor er sie je gesehen hatte, war sie ihm
geschildert worden: Eine extravagante Erscheinung, durch
übertriebene Kontaktfreude große Ängstlichkeit
überspielend, das Kinn hochmütig vorreckend.“ Durch Boten
hatte sich die Kunde von Mariannes Schönheit verbreitet. Bei
Conrad vertreten diese aus Geschichten zusammengesetzten
Charakterbilder die Charaktere gleichsam rechtswirksam. „Die Legende
macht die Helden zu etwas Heraldischem, noch bevor sie vor den Augen
des Lesers eine Leistung erbracht haben.“ Das Bild, das dem Helden
vorangetragen wird, ist sein Wappen: Es bezeichnet den Träger
unverwechselbar, ein Porträt ohne Porträtähnlichkeit.
Wenn Lord Jim „das legendäre Wappentier“ genannt wird, so ist das
doppelt zu verstehen: Legendär ist der Flüchtling im
blütenweißen Anzug nicht nur als Held der von Marlow
erzählten Geschichte; er ist auch das leuchtende Musterbeispiel
für Conrads heraldisches Erzählverfahren.
Die Heraldik ist die
Wissenschaft der Bilder, die Rechtstitel und Herrschaftsansprüche
zur Darstellung bringen. Auch Brigitte Kronauers Figurenzeichnung hat
diese politische Dimension. Die Autorin hat Matthias Roth einen Thron
errichtet. Am Horizont der Phantasie dieses Mieters einer
Mansardenwohnung in einem Universitätsstädtchen tauchen
regelmäßig die weitläufigen Ruinenlandschaften
vorderasiatischer Königsstädte auf. Der Genießer, der
sein Reich so eingerichtet hat, daß alles ihm zu Diensten steht,
ist ein Despot aus dem Bilderbuch des Orientalismus, ein
Wiedergänger des Sardanapal, der seine Konkubinen umbringen
ließ, als er mit seinem Palast verbrannte. „Was nun seinen Tod
betraf“, so konnte sich Matthias Roth „überhaupt nicht denken,
daß seine Freunde, Bekannten, die Leute überhaupt, alle
diese nervös Wartenden in Stadt, Land, Welt es fertigbrachten,
ohne ihn weiterzuatmen. Er nähme sie alle mit, keiner würde
überleben.“ Wie ein Monarch die Höflinge, die er in den
Adelsstand versetzt, als seine Kreaturen ansieht, so spürte
Matthias Roth, „daß die ihn umgebenden Leute sich in seine
Geschöpfe verwandelten“. Und wie Kaiser Wilhelm II.
höchstpersönlich die Galauniformen seiner Offiziere entwarf,
so ist Großkönig Matthias sein eigener Heraldiker: Er
fixiert seine Mitmenschen, läßt sie erstarren im Bild. In
dieser Weise erlaubt die ästhetische Lebensform des westdeutschen
Intellektuellen auch dem Literaturwissenschaftler die Teilhabe am
Allmachtstraum des modernen Künstlers. Erst in Gisela, der Frau
seines Freundes Hans, der er kein Wappen verliehen hat, obwohl sie den
Namen einer Kaiserin trägt, tritt Matthias Roth eine „Macht“
gegenüber, der er sich ergibt.
Als er mit Hans und
Gisela ein kulturhistorisches Museum besuchte, da malte er sich die
Goldkammer natürlich sogleich „als Mausoleum für sich selbst
aus“. Aber er erinnerte sich an seinen Vater, der ihn als Kind
hingewiesen hatte auf den „unsichtbaren Schimmer in allen Dingen“,
einen „Schimmer oder ein Lied“. Und mit diesem Stichwort legt sich
über die Szene schon der Schimmer jener Legende eines
königlichen Sterbens, in der Matthias Roth seinen Part zu
erfüllen hat, ohne es zu wissen. Denn neben den „Spitzenarbeiten
aus Golddraht“, „jedes Stück wie die Insignie eines
größeren oder kleineren Reiches“, fallen ihm, „in ihrer
geheimnisvollen Beleuchtung aufstrahlend“, die „Becher“ ins Auge.
Wenige Seiten später, in einem seiner Anfälle von
Menschenhaß, kommt er am städtischen Hallenbad vorbei, und
ihn ekelt die Chloratmosphäre. „Trotzdem atmete er hier, um den
Becher bis zur Neige zu leeren, besonders tief ein. Das also war eine
ihrer Vereinigungsstätten!“ Die Vereinigung ist undenkbar: In
dieser Devise wäre Matthias Roths Interpretation von Conrads
Liebesmetaphysik zusammenzufassen.
Die Heraldik geriet
im Zeitalter der Aufklärung in Verruf als Wissenschaft vom
Phantastischen, deren Wucherungen die Vernunft beleidigen. Wenn
Brigitte Kronauer ein Bilderrätsel stellt, dann darf man guten
Mutes sein, daß man im Romandickicht den Schlüssel finden
wird. Daß bei Conrad die Bilder „die Hauptsache“ sind, „Inbilder,
Inbegriffe“, verdeutlicht sich Matthias Roth am Beispiel der
Erzählung vom „goldenen Pfeil“: Ritas Kamm, „das Liebespfand“, das
„Zeichen“ der „unmöglichen Leidenschaft“, versinkt im Meer, „dann
aber überträgt Ritas Liebhaber selbst das Ereignis in ein
anderes, schon bekanntes, legendäres Bild, das des Königs von
Thule und seines goldenen Bechers“. Die Liebesoffenbarung, das
wechselseitige Erkennen von Matthias Roth und Gisela, ereignet sich,
als sie einen Kaffeebecher umstoßen. Nachdem eine Ewigkeit
vergangen ist, senkt Gisela „ihm den Kopf entgegen, um ein
Kämmchen tiefer ins Haar zu stecken“. Und eine „Weile später
streckte sie eine Hand nach dem Becher aus, führte ihn an die
Lippen und schüttelte dann leicht den Kopf, sie hatte vergessen,
daß aller Kaffee herausgeflossen war, legte aber doch den Kopf
weit in den Nacken, damit sie noch einen letzten Tropfen abbekäme“.
In den Roman
„Verlangen nach Musik und Gebirge“ ist ein Opernlibretto eingelegt,
eine Bearbeitung der schon von Matthias Roth ausgelegten Erzählung
Joseph Conrads „Ein Lächeln des Glücks“. An einer Stelle
gestattet sich die Librettistin, sich vom Tonsetzer ein Motiv zu
wünschen. Alice besingt ihre Liebe zum Kapitän, dessen
glorreiche Wiederkunft sie erwartet. Sie will ihn „hin- und herbewegen,
/ schütteln, schleudern und rütteln, / nichts als ihn, / in
meinem Herzen. Hier.“ Hier zieht sie das Pantöffelchen aus, das
der Oper den Titel gibt; es vertritt den Geliebten „wie ein
Wahrzeichen“. Und Frau Fesch merkt an: „Hier könnte sehr gut die
Schubertsche Vertonung vom goldenen Becher des Königs von Thule
anklingen.“
Die
Kronauer-Philologie hätte sich der Unterstützung durch die
Zeremonialwissenschaft zu versichern, von der nach dem Untergang des
alten Europa die historischen Hilfswissenschaften übriggeblieben
sind. Man kann die Kronauer-Lektüre als Hochamt erleben, als
Vollstreckung heiliger Bräuche der Verkündigung, Anbetung und
Wandlung; aber man wird immer auch die kunstreichen Aufbauten
bewundern, die technischen Einfälle und das Zeitmanagement, die
prosaische Mechanik, die den regelgerechten Ablauf sichert. Der Leser
nimmt die fürstliche Perspektive der Erzählerfiguren ein:
Ephemere Architekturen durcheilt er wie bei einem freudenreichen
Einzug. „Erfinderisch arbeitet sich der Zug voran, produziert Ort um
Ort“, notiert Frau Fesch. „Vermutlich zerfallen die Städte danach
wieder alle.“ Neben der Heraldik wäre auch die Numismatik
einschlägig. Man achte einmal darauf, wieviele Figuren im Profil
beschrieben werden. Warum ist im legendären Bild Mariannes das
Kinn so prominent? Sie „schob es vor, um ihr Profil mit der
ausgeprägten Nase ins Gleichgewicht zu bringen“. Der Leser wandert
durch ein Münzkabinett: Wie die Farben des Wappenschildes erlaubt
die Kontur des Münzbildnisses die abstrahierende Stilisierung von
Individualität.
Für Liebhaber
protokollarischer Feinheiten ist bemerkenswert, in welcher Zeile des
„Berittenen Bogenschützen“ schwarz auf weiß die Titulatur
unseres Staatswesens erscheint. Dieser Roman ist ein Museum der
Leidenschaften und Interessen seiner Epoche. Nur scheinbar ist die
Politik der Beschriftung wahllos und verschwenderisch. Die
Universitätsstadt etwa wird nicht beim Namen genannt, wohl aber
der Staat, ausgerechnet in dem Augenblick, da Matthias Roth sich den
Zusammenbruch seines Reiches der vorausgewußten Glücke
eingestehen muß. „Die Bundesrepublik Deutschland!“
Ausrufezeichen. Dieser Absturz des Dichterdeuterkönigs in die
republikanische Prosa ist ein komischer, aber auch ein tröstlicher
Moment, unsanfte Erinnerung daran, daß nicht alles Literatur ist.
Zurecht sind Brigitte Kronauers Bücher als Zeitromane
gewürdigt worden, aber liest man den „Berittenen
Bogenschützen“ fast zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen, dann
frappiert der Eindruck, daß in der Außenwelt des Romans,
als wäre Matthias Roths Bann doch wirksam geworden, die Zeit
stehengeblieben ist. Die Schlagzeilen des Jahres 1986, memoriert von
Herrn Bartels, dem Gatten von Matthias Roths Vermieterin: „Wiederkehr
des Leistungswillens, Entbürokratisierung,
Zurückdrängung des Staatseinflusses, nur so kann es zur
Gesundung unserer Wirtschaft kommen. Raus aus dem Wohlfahrtsmorast!“
Man kann nicht viel versäumt haben, wenn man in den vergangenen
neunzehn Jahren statt Zeitungen Brigitte Kronauer gelesen hat.
Dennoch darf ich
meinem Lob der Autorin eine politische Wendung geben. Den Vorrat der
Stoffetzen, aus denen Brigitte Kronauer ihre Bücher näht,
möchte man mit einem Wort, das vielleicht in unser aller Ohren aus
der Kindheit her einen zauberischen Klang hat, einen Sagenschatz
nennen. Ein anderer Begriff wäre Motivhaushalt, und es taugt zum
Emblem ökonomischer Klugheit, das auf finanzpolitischen Pakten
neben dem Bundesadler prangen konnte, wie Brigitte Kronauer mit ihren
Motiven haushält, eine Frau Mühlenbeck im Gehäus ihres
Werkes, die alles noch einmal verwendet. In Matthias Roths
Ideallandschaft lagen sich „Bergmassen und Meer gegenüber in
wuchtiger Ausdehnung, zwei außermenschliche Machthaber, zwei
Großmächte, Auge in Auge, unverwandt“. Jede dieser beiden
Mächte hat Brigitte Kronauer in einem Roman kartographiert, in
„Teufelsbrück“ das Gebirge und in dem Roman, der das Gebirge im
Titel führt, das Meer. Der Titel dieses Buches wird im Roman im
Sinne der Heraldik gedeutet: „es fiel einem die unverwitterte
Schönheit der Begriffe ‚Meer’ und ,Gebirge’ ein, machtvoll, als
wären es altertümliche Tugenden, die niemand anzweifelte,
oder aber im Legendären längst versunkene
Charaktereigenschaften“. Die Zeichen auf den Wappen bürgen
für die Tugenden der Ritter, obgleich der Gedanke hinter der
Bildauswahl der Vorfahren gewöhnlich vergessen ist. Der Titel
„Berittener Bogenschütze“ ist eine solche Figur, deren Bezug zum
Helden des Buches im legendären Hintergrund der Handlung gesucht
werden muß.
Das Hotel, in dem das
Personal von „Verlangen nach Musik und Gebirge“ logiert, liegt am
Wapenplein, dem Wappenplatz. Die Figuren werden von der Erzählerin
mit mehr oder minder schmückenden Beiworten versehen, die sich wie
Doppelgänger vor die bezeichneten Personen schieben. Das gilt an
erster Stelle für die schöne Italienerin, die sogenannte
Schneeantilope oder Taglilie, auf die sich die Bemerkung Ahasver von
Brandts im „Werkzeug des Historikers“ anwenden läßt: „Die
heraldische Lilie hat mit der natürlichen Lilie nur wenig
Ähnlichkeit.“ Die Heraldik empfiehlt sich der Dichterin als ein
auf Unähnlichkeit basierendes Abbildungssystem. Die Zuordnung von
bezeichnendem Ding und bezeichneter Person ist kontingent. Eine Folge
ist, daß Brigitte Kronauer die Personen wie Dinge und die Dinge
wie Personen beschreiben kann. So wird das unter Bewahrung der
„Konturen des alten Baus“ rekonstruierte Piercafé von Ostende
der Lord Jim unter den Sehenswürdigkeiten sein: „man baut die
Legende als Legende nach“. Willaert, der Ensor-Doppelgänger,
reduziert das Luftschloß auf das flatternde Zeichen, das
Winkelement, das der einfachste Gegenstand der Heraldik ist: „Kapiert
ihr nicht, daß es um ein Wahrzeichen geht? Seht ihr das
Fähnchen auf der hellgrünen Kuppel? In Wirklichkeit ist das
ganze Ding eine Fahne.“
Hissen wir die Fahne! Georg
Büchner zu Ehren die Trikolore, aber in den Farben „einer neuen,
bisher haarscharf verfehlten Nationalität“, in denen drei
Spaziergänger von Ostende sich gruppieren: „Violett, weiß,
knallrot.“ Es muß ein frommes Land sein, denn Frau Fesch sieht
links und rechts „die Pomp- und Bußfarben der Ecclesia“. Brigitte
Kronauer ist zu loben. Die Großartigkeit ihres Werkes liegt vor
aller Leseraugen und will doch zur Sprache gebracht sein. So tritt ja
auch ein König mit dem Tod des Vorgängers in seine Rechte
ein, und dennoch wird sein Herrschaftstitel in alle vier
Himmelsrichtungen proklamiert. Ich sehe die Aufgabe des Laudators als
Amt des Herolds, der ein Wappen für die
Büchner-Preisträgerin zu entwerfen hat – auf daß es
seinen Platz einnehme in diesem Theatersaal wie die Fahnen der Ritter
des Hosenbandordens in der Georgskapelle zu Windsor.
Im linken Feld des
Wappenschildes von Papst Benedikt XVI. erscheint ein gesattelter
Bär, der der Legende nach dem heiligen Korbinian, dem ersten
Bischof von Freising, das Gepäck getragen hat. Für Brigitte
Kronauers Wappen ist der Tanzbär zu erwägen, in dessen
Gestalt einmal Matthias Roth herumgeschoben wird und ein andermal
Gisela: Das gemeinsame Zeichen weist sie schon als Eheleute aus oder
als Geschwister. Im rechten Feld müßte die Truhe Platz
finden, das heraldische Bild für Brigitte Kronauers heraldische
Methode. Unwiderstehlich die Verlockung, den Deckel zu heben, eben weil
man vom Äußeren nicht auf den Inhalt schließen
kann.Beim Sperrmüll erweisen sich, wie Matthias Roth notiert,
„Truhen und Kommoden als die begehrtesten Schätze“; der Schatz im
Schatz ist die dingliche Gestalt der Legende als Legende. Am Wegesrand
des Romans steht schließlich alles, um mitgenommen und
aufgefüllt zu werden: „Die Dinge sind, wie die Bilder, nur in noch
komprimierenderer Weise Truhen, Kassetten der jeweiligen Tugend,
Leidenschaft, des dominierenden Lasters, das sie zu seinem eigentlichen
spezifischen Gewicht verdichten.“
In der Mitte des
Schildes sollte aus dem Maskenrepertoire von „Verlangen nach Musik und
Gebirge“ „ihre Majestät, die Erotik“ thronen, Frau Venus, die in
der Fachsprache der Heraldik übrigens auch nur eine gemeine Figur
ist, aber unter dem Buchstaben M, durch den der verstorbene Papst
Johannes Paul II. seine besondere Verehrung der Gottesmutter bekundete,
auf dem goldenen Grund der Buchmalerei. Als Schildträger werden
die Zoobewohner aus der „Frau in den Kissen“ einander abwechseln, die
im Tagtraum der Erzählerin die „Wappen des Daseins“ stützen:
„Als wachehaltende Schlaftiere sollen unsere Freunde aus dem
tierischen, pflanzlichen, mineralischen Reich uns umstehen ein Leben
lang.“ Viele Provinzen des Werkes von Brigitte Kronauer verlangten noch
ihren Platz auf dem Schild, doch hinterher hätte ich das sowenig
wie Matthias Roth gewollt, „daß alle Ornamente
ineinanderschmolzen zu einem Klumpen, zu einem nüchternen Quadrat“.
Die Herolde der
englischen Krone tragen prächtigere Kostüme als jeder
Priester und phantastische Namen wie Garter Principal King of Arms und
Rouge Dragon Pursuivant. Wer sich in Brigitte Kronauers Welt versenkt,
mag mit der Zeit glauben, er verwandele sich selbst in ein Fabeltier,
den Drachen etwa, mit dessen Urgewalt die Kraft eines guten
Bogenschützen sich vergleichen läßt. Doch dann meldet
sich die Realität mit dem Bundesrepublik-Deutschland-Effekt. Frau
Fesch merkt einmal „im stillen“ an, daß Joseph Conrad den ihm von
der britischen Regierung angetragenen Adelstitel ablehnte. Er wollte
sich nicht vom Hosenbandkönig ausstatten lassen. Damit Sie, liebe
Frau Kronauer, den Georg-Büchner-Preis nicht im stillen noch
ablehnen, lege ich mein Heroldsamt nieder, indem ich am Ende doch nur
sage: Brigitte Kronauer sei gelobt.
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Die Dankreden der Büchner-Preis-Träger
1993-2004
sind erschienen in den Jahrbüchern der Deutschen Akademie für
Sprache und Dichtung im Wallstein Verlag, Göttingen, 1994-2005.
© 1994-2005 by Deutsche Akademie für Sprache
und Dichtung.
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schriftlicher
Genehmigung. Anfragen an: Deutsche Akademie für Sprache und
Dichtung, Redaktion
Jahrbuch, Alexandraweg 23, D-64287 Darmstadt
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Georg-Büchner-Preis
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2004:
WILHELM GENAZINO
Der Untrost und die Untröstlichkeit der Literatur
Dankrede
Im Alter von dreizehn Jahren war ich Georg Büchner sehr nah, so
nah wie später vielleicht nie wieder. Damals, als Kind, war ich
öfter Zuschauer bei abendlichen Feuerwerken gewesen, zusammen mit
meinen Eltern und Geschwistern, zum Abschluß von Volksfesten und
Verkaufsmärkten. Ich habe an diesen Abenden bemerkt, daß wir
zu den ärmeren Leuten gehörten. Zuerst liefen wir eine Weile
auf dem Rummelplatzgelände herum. Für Fahrten mit der
Achterbahn und dem Karussell reichte das Geld nicht. Als sich die
Stunde des Feuerwerks näherte, kaufte Vater eine Tüte mit
Zuckerstangen für die ganze Familie. Wenig später, als
gleißende Lichtfontänen am nächtlichen Himmel
hochschossen, als Raketen in allen Farben hoch über unseren
Köpfen zerplatzten und silberne Sternkaskaden niederrieselten,
überfielen mich Ideen zur Verbesserung der Welt. Ich stand Seite
an Seite mit tausenden von Zuschauern und überlegte, ob es
für weniger reiche Leute nicht besser wäre, wenn man die
Feuerwerke ersatzlos streichen und das eingesparte Geld an die
Bedürftigen verteilen würde.
Wenn unsere Familie nur einen winzigen Teil des
Geldes gehabt hätte, das hier öffentlich verpulvert wurde,
dann hätten wir nicht immer wieder in der Kälte und im
Dunkeln herumstehen müssen. Und ich hätte mir den
unangenehmen Verdacht sparen können, daß wir nur deswegen
hier waren, weil dieses Vergnügen nichts kostete. Schon ein Jahr
später, mit vierzehn, war ich bereit, nicht nur Feuerwerke,
sondern auch Modenschauen, Skispringen, Tanzturniere,
Fasnachtsumzüge, Autorennen und Pressebälle für
entbehrlich zu halten und das eingesparte Geld ebenfalls an die
Bedürftigen umzuverteilen. Daß in meinen
sozialrevolutionären Plänen eine Frühform
kommunistischer Freudlosigkeit aufschimmerte, fiel mir damals nicht
auf. Im Schutz des irrealen Wünschens entstand allmählich ein
systematischer Zusammenhang. Wenn sich eine gewisse Menge naiver
Veränderungsideen angesammelt hat, nennen wir sie eine
Weltanschauung. Interessant erscheint mir heute, daß ich damals
nicht gewagt habe, mit anderen über meine Sozialreformen zu
sprechen.
Vermutlich deswegen zittern bis heute drei Momente
aus dieser Zeit in mir nach. Einmal die Scham darüber, jahrelang
so unmöglich wie ein Kind gedacht zu haben; zweitens die
Gewißheit, daß mich nur die Erinnerung an dieses
unmögliche Kinderdenken vor meiner Verramschung mit der
Wirklichkeit gerettet hat und weiterhin rettet; und drittens die
melancholische Empfindung, daß nichts von dem, was ich mir als
Kind gewünscht habe, je hat Wirklichkeit werden dürfen. In
dieser Kränkung steckt der Untrost und die Untröstlichkeit
aller Literatur, ein nur durch den Tod beendbares Begehren. Aus der
Erfahrung der Wirklichkeit entspringt die Nötigung
verändernden Denkens. Die Abwehr der Nötigung führt zum
Konflikt mit ihr und, wenn der Genötigte ein Schriftsteller ist,
zur Literatur. Sein Text wiederholt den Konflikt und bewahrt ihn auf.
Aus dem aufbewahrten Konflikt entsteht der Bann des nicht mehr von ihm
abwendbaren Blicks. Man kann auch sagen: Literatur ist geistige
Gepäckaufbewahrung; sie bildet sich im unendlichen Stau dessen,
was immerzu vertagt werden muß und deswegen Ewigkeit beanspruchen
darf.
Noch im gleichen Jahr, immer noch mit vierzehn, im
sogenannten Konfirmandenunterricht, sah ich zum ersten Mal betende
Menschen. Ich selbst betete nicht, ich war areligiös, wenn nicht
antireligiös erzogen worden, ich sah den anderen beim Beten zu und
wunderte mich. Bekanntlich hat jemand, der betet, die Vorstellung, er
befinde sich in einem Gespräch mit Gott. Es stört die
Betenden nicht, daß der, mit dem sie reden, nicht antwortet. Im
Gegenteil, das Schweigen Gottes wird als außerordentlich
hingegebenes Zuhören und das Vernehmen des Schweigens durch den
Betenden wird als ungesprochene Antwort empfunden. Für unbeteiligt
Außenstehende stellt sich die Sache einfacher dar. Für sie
sprechen die Betenden nicht mit Gott, sie sprechen nur mit sich.
Vermutlich reden sie nicht einmal mit sich, sondern sie reden nur an
sich hin. Diese nüchterne Auslegung ist nicht völlig
befriedigend. Es bleibt ein Zwiespalt zurück, der sich der
mangelhaften Durchschaubarkeit des Geschehens verdankt. Ich spreche von
diesem Zwiespalt, weil ich viele Jahre später den Einfall hatte:
Auch die Literatur ist Gebet. Für die Analogie müssen wir uns
den religiösen Hintergrund nicht einmal vollständig
wegdenken. Die Beharrlichkeit der Literatur, ihr
unerschütterliches Moment, ist selber quasi religiös. Auch
sonst stoßen wir auf erstaunliche Parallelen. Die Literatur wird,
ähnlich wie das Gebet, von ihren Urhebern in eine nicht
antwortende Welt entlassen. Auch bei der Literatur handelt es sich um
leidenschaftliche Einreden, Bitten, Vorschläge, die einzelne
Menschen an übermächtige Instanzen richten: an die
Wirklichkeit, an die Geschichte, an die Gerechtigkeit – und so weiter.
Beide, der Schriftsteller und der Betende, teilen die metaphysische
Zuversicht, durch das Schweigen hindurch gehört und sogar
verstanden zu werden. Und: bei beiden ist eine Einsicht in die
Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen vorhanden. Dennoch kümmert es
beide nicht, ob sie von anderen für zurechnungsfähig gehalten
werden oder nicht. Die banale Realität, in der beide leben, wird
von ihnen als unzureichend bis desaströs empfunden, allenfalls als
Vorschein einer anderen Welt, die schon morgen am Horizont aufglimmen
kann. Der Schriftsteller nennt diesen anderen Weltzustand die Utopie,
der Gläubige nennt sie Erlösung.
Für Georg Büchner, einen Schriftsteller
der Vormoderne, war die Lage noch eindeutiger. Das Schicksal der
Literatur als Endlager für fehlgeschlagene Wirklichkeit war ihm
noch fremd. Der Hessische Landbote ist geschrieben in der Vorstellung,
dem Text würde eine unmittelbare Veränderung der
Verhältnisse folgen. Daß Büchner steckbrieflich gesucht
wurde, durfte ihm als Beweis für die Durchschlagskraft der
Literatur gelten. Bis heute gehört Büchner zu den nicht sehr
vielen Schriftstellern, die uns das glückliche Gefühl geben,
daß uns wenigstens die Literatur nicht betrügt. Was uns
heute von Büchner trennt, ist nicht die vielleicht
revolutionäre Entzündbarkeit der Bauern im damaligen
Großherzogtum Hessen, sondern die traumhafte Gewißheit von
der eingreifenden Wirkung von Literatur. Büchner ist schon
deswegen modern geblieben, weil er immer wieder Antworten auf die Frage
gesucht hat: Wie verhalten wir uns zu den Abgründen unseres
Scheiterns? In Dantons Tod ist es das Scheitern der politisch gemeinten
Gewalt, in Woyzeck ist es das Scheitern der mißbrauchten Kreatur,
im Lenz ist es das Scheitern des vom Wahnsinn gestreiften Subjekts, das
einen Ausweg aus der Krankheit sucht. Aufregend ist Büchner bis
heute, weil er die Niederlage nicht als Niederlage, sondern als
Kampfmittel gegen den Mangel beschreibt.
Am bedeutsamsten ist für uns heute
(ausgerechnet) ein Lustspiel, Leonce und Lena. Denn in diesem Lustspiel
tritt ein Leiden auf, das im Laufe der Zeit an Einfluß immer mehr
zugenommen hat, das Leiden an der Langeweile. Bei Büchner wird
Langeweile nicht vertrieben, sondern angenommen. Von dieser
Errungenschaft sind wir meilenweit entfernt. Langeweile bei
Büchner ist eingestandener Stillstand, der beim Subjekt bleibt.
Wir Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. Unsere
Erlebnisplaner haben sie zu unserem Feind erklärt. Als Ersatz
bieten sie uns hochdosierte Fremdunterhaltung an: die permanente
Fernsehshow, die Massenparty, der Urlaub, die Promiskuität, der
Konsum – und so weiter. Nicht so Büchner. Bei ihm wird Langeweile
erkennungsdienstlich behandelt; das heißt vor allem: sie wird
dargestellt, untersucht und zerlegt, oft so lange, bis sie einer neuen
Beschäftigung weicht, die unversehens aus dem Stillstand
hervorgeht. Für derartig geduldige Transformationen fehlt uns
heute die Gelassenheit und die Bildung. Im Kern der Langeweile steckt
unsere Verwunderung darüber, daß wir die meiste Zeit
unausgedrückt leben. Tag für Tag existieren wir, ohne
daß uns jemand ausspricht.
Leonce und Lena hätten nicht verstanden, warum
wir uns für die gute Laune von Thomas Gottschalk immer mehr
interessieren als für die eigene Melancholie, obwohl diese mit uns
auf dem Sofa sitzt. Sie hätten nicht verstanden, daß man
eine afterworkparty aufsucht, wenn einem der Ich-Zerfall zu nahe tritt.
Für Leonce und Lena wird stattdessen die sprachliche Erkundung der
Melancholie zu ihrer und, sofern wir den Weg ins Theater finden, zu
unserer Unterhaltung. Diese Aufmerksamkeit dem eigenen Ich
gegenüber erfordert eine narzistische Souveränität, die
wir heute nicht mehr zustande bringen. Büchner hat gewußt,
wie töricht es ist, Langeweile ausblenden oder gar bekämpfen
zu wollen. Er läßt Leonce und Lena geduldig durch ihre
Langeweile hindurchgehen. Die beiden erleben, was der Ennui mit ihnen
macht, welche Verwandlungsideen er ihnen eingibt. Die Figuren werden
dabei ein Stück weit von sich selbst entfernt und kehren dann, mit
neuartigen Bildern beschenkt, zu sich selbst zurück.
Wie das funktioniert, zeigt Büchner (zum
Beispiel) im ersten Akt von Leonce und Lena. Dort charakterisiert sich
Leonce mit diesen Sätzen: »Mein Leben gähnt mich an wie
ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll,
aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer
Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem
Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben
die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.
Ich stülpe mich jeden Tag vierundzwanzig Mal herum wie einen
Handschuh. Oh, ich kenne mich, ich weiß, was ich in einer
Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahre denken und
träumen werde«.
Merken wir, wie die Langeweile in diesen wenigen
Zeilen in die Erzählung einer Langeweile umschlägt? Und wie
die Langeweile dadurch eine neue, interessante Gestalt annimmt? Aus der
Empfindung der inneren Leere wird plötzlich ein erzählter
Raum. Aus einem Mangel wird eine Ressource. Eine eindrucksvollere
Peripetie ist schwerlich denkbar. Das heißt, Langeweile bei
Büchner ist der Selbstausdruck einer Sehnsucht, die darauf wartet,
daß wir ihre Verhüllung abwerfen. Man muß seine
Langeweile in seinem eigenen Ich spazieren führen, damit sie mit
den Ideen über sich selbst vertraut wird. Nur dieser
selbstvergessene Müßiggang hat die Qualität, die
Schöpfung momentweise zu enträtseln und sie über sich
selbst zu beruhigen.
Wir Heutigen gewöhnen uns lieber an die
gequälten Gesichter der Massen, die aus der für sie
erfundenen Billigkonditionierung nicht mehr herausfinden. Im Gewimmel
des Kölner Hauptbahnhofs habe ich kürzlich beobachtet, wie
der sexistische Unterhaltungskannibalismus des Fernsehens auf das
öffentliche Leben übergreift. Drei halbbetrunkene,
unerträglich gelangweilte Männer klatschten einer jungen Frau
mit der flachen Hand nacheinander auf den Hintern und verschwanden
unauffindbar in der Menge. Geschockt und gepeinigt blieb die Frau
zurück. Vermutlich ist die Angst vor der Stumpfheit der
Unbeschäftigten noch größer als die Angst vor der
Arbeitslosigkeit selber. Auf der Zeil in Frankfurt sah ich eine junge
Familie mit zwei Kindern. Der Vater kaufte eine Tüte pommes
frites. Die Mutter zählte die Kartoffelstäbchen einzeln ab,
damit jedes Familienmitglied die gleiche Portion erhielt. Die pommes
frites waren schnell weg, die Kinder verlangten nach weiteren
Zerstreuungen. Der Vater stülpte das Futter seiner Hosentaschen
nach außen, die Mutter lachte kurz auf. Ich wollte herausfinden,
ob die Kinder das Drama der totgeschlagenen Zeit bemerkten oder nicht.
Und ich wurde Zeuge einer erstaunlichen Szene. Den
beiden Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, fiel ein
älteres Paar auf. Die Frau sah den Staub auf den Schuhen ihres
Partners und wollte diesen offenbar nicht länger hinnehmen. Sie
schlüpfte mit dem rechten Fuß aus ihrem Schuh heraus und
putzte mit dem bestrumpften Fuß die schmutzigen Schuhe ihres
Begleiters. Die Details fesselten und vergnügten die Kinder. Auch
das Paar amüsierte sich über seine eigene plötzliche
Nähe. Die Kinder sahen, womöglich zum ersten Mal, daß
selbst eher schlichte Vorgänge eines erotischen Anhauchs nicht
entbehren müssen. Nach kurzer Zeit ahmten die Kinder das Paar
nach: gegenseitig und unter großem Gekicher.
Ich erinnerte mich an die Feuerwerkszerstreuung
meiner eigenen Kindheit. Es war wie damals. Aus der Dominanz der
Langeweile schälte sich ein Nebenerlebnis heraus, das für die
Kinder schnell zum Haupterlebnis wurde. Sanft rutschten sie aus der
Okkupation durch Fremdunterhaltung heraus und landeten in der
Aufmerksamkeit für ihr eigenes Leben. Mitten in der
»ungeheuren Zeit« – das ist eine Formulierung von Danton –,
erhebt sich ein privates Stilleben und überwindet die Zeitleere.
Das einem einzelnen Menschen glückende Innehalten in der
allgemeinen Zeitvernichtung ist in seiner Bedeutung kaum
ausmeßbar. Augustinus hat die drei dabei wesentlichen Momente so
zusammengefaßt: »Unser Geist tut ein Dreifaches: Er
erwartet, merkt auf und erinnert sich«. Die Menschen leben, wenn
sie leben, in von ihnen bemerkten Augenblicken und Einzelheiten.
Zwischen beiden gibt es eine Korrelation: Ohne Augenblicke keine
Einzelheiten, ohne Einzelheiten keine Augenblicke. Die Langeweile der
Einzelnen und die Ermüdung des Ganzen gehören in der Moderne
zusammen. Durch die Brechung dieses Zusammenhangs ist Leonce und Lena
ein hypermodernder Text, im Kern staatsgefährdend, wenn unser
selber stumpf gewordener Staat mit Literatur noch zu gefährden
wäre. Sind wir nicht alle längst zu Mitspielern von Leonce
und Lena geworden – freilich ohne deren Fähigketten? Die
Zwangsmelancholisierung durch unsere Verhältnisse hat Ironiker
wider Willen aus uns gemacht. In Kürze wird es Events und
Fernsehsendungen geben, deren Vulgarität wie eine körperliche
Verletzung wirken wird. Was sollen wir dann tun? Wir sind nicht
Büchner, wir sind nicht einmal Leonce und Lena. Wir sind immer neu
erschrockene Einzelkämpfer, wir leben, jeder für sich, in
unseren Verschleißzusammenhängen, wir kämpfen gegen die
Pathologie der Arbeit, gegen die Pathologie des Alterns, gegen die
Pathologie des Wohnens, gegen die Pathologie der Liebe – und keine
Schule hat uns beigebracht, wie wir in diesen Stellungskämpfen
überleben sollen.
Sehr geehrte Chefredakteure, Programmleiter,
Fernsehdirektoren, Eventdenker, Kaufhauschefs! Sehr verehrte Planer von
Freizeitparks, Loveparades, Expo's und all dem anderen Nonsens!
Laßt die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes
Ich-Fenster, aus dem wir noch ungestört, weil unkontrolliert in
die Welt schauen dürfen! Hört auf, uns mit euch bekannt zu
machen! Hört auf, euch für uns etwas auszudenken! Sagt uns
nicht länger, was wir wollen! Bleibt uns vom Leib, schickt uns
keine portofreien Antwortkarten und gebt uns keine Fragebögen in
die Hand, interviewt uns nicht, filmt uns nicht, laßt uns in
Ruhe! Laßt uns herumstehen, denn Herumstehen ist Freiheit! Und
gebt euch zufrieden damit, wenn wir das, was uns interessant vorkommt,
vielleicht niemandem erzählen wollen.
Manchmal träume ich von einer Schule der
Besänftigung, die uns etwas von dem beibringen könnte, was
wir so dringend brauchen. Nach meinem Gefühl gibt es ein starkes
Bedürfnis nach einer solchen Schule. Aufnahmebedingungen gäbe
es nicht, auch keine Altersbegrenzungen, keine Prüfungen und keine
Zeugnisse. Sie würde funktionieren wie eine Abendschule; jeder,
der sich zwar erschöpft, aber noch nicht erledigt fühlt,
wäre willkommen, ebenso jeder, der fürchtet, daß ihn
seine Anpassungen vielleicht noch den Verstand kosten. Unterrichtet
würden die Fächer Existenzkunst, Enttäuschungspraxis,
Sehnsuchtsabbau, Fremdheitsüberlistung, Hoffnungsclownerie. Eine
Schule der Besänftigung gibt es nicht, sie wird es auch nie geben.
Sie verstehen, diese Schule ist nichts weiter als die allerneueste
Blüte meiner kindlichen Feuerwerksphantasien von damals, sie ist,
mit einem Wort, nichts anderes als Literatur.
Sofort frage ich mich und Sie, gerade hier und
heute, müssen wir diese Phantasien ihres fatalistischen Kerns
wegen verurteilen? Der Fatalismus der Geschichte, vor dem sich
Büchner gefürchtet hat, ist auch der Fatalismus der
Literatur. Seit Jahren begleitet mich eine andere Phantasie, wie sie
fatalistischer kaum sein könnte: Daß wir alle, jeder von
uns, längst in einem riesigen Heim leben, und zwar so
selbstverständlich, daß wir weder den Namen des Heims noch
die Heimordnung kennen. In den Spätnachrichten sehen wir
Heimleiter Gerhard Schröder, der uns wieder und wieder sagt,
daß wir vorwärts kommen, daß alles besser wird und
daß wir zufrieden sein sollen. Danach werden die Geräte
abgeschaltet, auch der Heimleiter geht zu Bett. Und dann, in der
plötzlichen Stille, geschieht etwas, was nicht in der Heimordnung
steht: Ich mißtraue meinem eigenen Fatalismus. Ich schaue auf die
Bücher in meinem Arbeitszimmer und begreife: In jedem einzelnen
Buch steckt die Einsicht in einen Mangel. Die stoische Wirklichkeit hat
eine stoische Literatur hervorgebracht. In der Literatur – und nur in
der Literatur –, überlebt die Sehnsuchtswirtschaft der Menschen.
Sie ist unsere palliative Heimat.
Druckversion Dankrede (2004) 
zum
Seitenanfang 
Druckversion Laudatio (2004) 
HELMUT BÖTTIGER
Kafkas Lachen
Laudatio auf Wilhelm Genazino
Sehr geehrte Damen und Herren,
Wilhelm Genazino hat eine Monika. Und er hat auch eine
Gabriele. Wenn er bei der einen nicht mehr weiter weiß, geht er
einfach in das nächste Zimmer, da steht die andere. Die
großen Schreibmaschinenhersteller von damals, Olympia und Adler,
haben ihre Modelle nicht von ungefähr mit Frauennamen
ausgestattet: es ist der Geist solider Sekretärinnen, der hier
aufgerufen wird, und es ist ein Hauch von Poesie. Diese Verbindung
bildet das literarische Urmotiv von Wilhelm Genazino. Es entspringt
einer Zeit, die etwas von Unschuld hat, einer Zeit, in der etwas
beginnt und in der es langsam aufwärts geht: die Zeit der
fünfziger und frühen sechziger Jahre, als die Bundesrepublik
zögernd ein bißchen lockerer wird. Es ist die Zeit, die
Wilhelm Genazino zu einer mythischen gemacht hat. Hier sind
Sehnsüchte zuhause, die nicht mehr viel mit Ort, Handlung und
Geschichte zu tun haben. Die Frauenfiguren bei Genazino sind dem
geschuldet, sie tragen Namen der Reinheit. Sie heißen Monika oder
Gabriele, im bisher letzten Roman ist es Gudrun, und in "Ein
Regenschirm für diesen Tag" fängt es mit einer gewissen
Dagmar an und hört bei Margot nicht auf. Diese Namen wirken, wie
die Schreibmaschinen, seltsam entrückt. Und dennoch geht von
ihnen, hinterrücks, ein ungeahnter Glanz aus.
Die zentralen Figuren in Genazinos Romanen sind alle in
dieser Atmosphäre groß geworden: sie spielen mit ihren
Freundinnen Federball und sinnieren über deren hellrosafarbenen,
fast weißen Lippenstifte. Sie kaufen sich unter erheblichen
Mühen ihre ersten Anzüge aus Diolen oder Trevira. Es geht um
Blusen, ums Bügeln und um Hoffmanns Stärkepuder. Danach
riecht es ziemlich oft, vor allem an den etwas schlüpfrigen
Stellen. Der Held ohne Vornamen im letzten Roman darf Gudrun "von oben
in die Bluse und in den Büstenhalter" fassen, aber, so heißt
es: "Es war nicht erlaubt, während des Knutschens seitlich auf die
Couch umzukippen und trotzdem weiterzuknutschen." Unter diesen
Umständen hat die frühe Bundesrepublik angefangen, ihre
Identität auszubilden. Genazinos Figuren sind die
glaubwürdigsten Zeugen für die seelische Entwicklung in
diesem Staatsgefüge, er schreibt die Psychogeschichte der
Republik. Seine Romane sind von Anfang an dem Unbewußten auf der
Spur, das dieser Gesellschaft zugrundeliegt. Sie ziehen kleine, immer
enger werdende Kreise. Es gibt die stickige Luft der Nachkriegszeit. Es
gibt das Aufblühen erster Freiheiten. Und parallel dazu folgt die
Erkenntnis der Zwänge – in der täglichen Kantine zum
Beispiel, wo die Tabletts in drei kleine Plastikfächer unterteilt
sind: für Fleisch, für Kartoffeln, für Gemüse.
Immer wieder endet es in einem spezifischen Angestelltendasein, das
ruhelos in sich rotiert. Hier verweilt Genazino am häufigsten: in
Fußgängerzonen und Schnellimbissen, in grotesk-harmlosen
Partnerbeziehungen. Er kriecht in die Eingeweide der Bundesrepublik.
Da ist durchaus etwas Lustvolles dabei. Aber
gleichzeitig zeigt sich in Genazinos Büchern immer dringlicher die
Erkenntnis, daß das Leben nicht auszuhalten ist. Diese
Entwicklung wird unaufhaltsam. Sie geht hin zum Rand. Sie geht hin zum
Unscheinbaren, zum Verschwindenden, zur Kunst. Der namenlose Held in
"Ein Regenschirm für diesen Tag" aus dem Jahr 2001 führt nur
noch die absurde Schrumpfexistenz eines Angestellten: er ist
Probeläufer für Luxusschuhe und wird für jedes
Gutachten, das er erstellt, einzeln bezahlt. Das nähert sich
eindeutig der Existenzform eines Künstlers an. Er unternimmt,
zwischen Flußufer und vierspuriger Ausfallstraße,
Testreihen für Oxford-Schuhe oder rahmengenähte Budapester.
Dabei hat er genügend Zeit, die "Zerbröckelung" seiner Person
zu beobachten, ihre "Zerfaserung" und "Ausfransung". Je mehr sich der
Schuhtester aus dem offensichtlichen Konsens der Mitmenschen entfernt,
desto sensibler wird er für bestimmte "Peinlichkeitsverdichtungen"
zwischen sich und ihnen. Sein Blick ist der eines Fremden,
Außenstehenden. Übrig bleiben nur die Wörter, die er
dafür findet, sein Daseinsgefühl zu bezeichnen. Sie bilden
die "Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens" ab und heißen:
Gestrüpp, Geröll, Geraschel. Geschluppe und Geschlappe.
Aber dann geschieht ein Wunder. Es ist das
eigentümliche Genazino-Wunder, das in seinen letzten beiden
Büchern ungeheuer eindringlich geworden ist und das niemand so
richtig ergründen kann. Seitdem versuchen die Leser, die
Journalisten und die Buchhändler zu beschreiben, was für ein
Wunder hier geschieht. Denn es wird alles peinlich genau beschrieben,
was das Leben so absurd und lächerlich macht: die Kollegen, die
Passanten, der Alltag. Genazino registriert alle Facetten dessen, was
einmal "Entfremdung" hieß. Und dennoch schlägt man das Buch
zu und hat das Gefühl, daß das Leben eigentlich ganz
schön ist.
Der Titel des letzten Romans verrät etwas von
diesem Wunder. Dieser Titel ist offenkundig ein Programm: "Eine Frau,
eine Wohnung, ein Roman", und das Programm wird im Fortlauf des Textes
umgesetzt. Im letzten Satz des Buches ist man dann angekommen. Da
wartet der Held "auf das Aufzucken des ersten Wortes". Und wir ahnen:
das Wunder, um das es sich hier handelt, ist das Wunder der Literatur.
Es geschieht en passant, alles groß Scheinende und Bedeutende
wird dabei unterlaufen. Doch unter der Hand ist Wilhelm Genazino von
einem Autor zeitbewegter Angestelltenromane zu einem Autor von
Künstlerromanen geworden. In "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman"
hat er es zum ersten Mal ohne Umschweife getan. Dabei gehört das
in den letzten Jahrzehnten zum Schlimmsten, was einem deutschen
Romanautor unterlaufen kann: einen Schriftsteller zum Helden seines
Romans zu machen. Das traut sich kaum einer mehr. Schriftsteller sind
ja die langweiligsten Personen, die es geben kann, und sie entsprechen
dem Vollbild dessen, was man der deutschen Literatur immer so gerne
vorwirft: blutleer, selbstreferenziell, künstlich, abgehoben. Bei
Genazino merkt man das aber gar nicht. Seine Bücher sind immer
stiller geworden, immer leichter – und immer schwerer zu fassen. Dabei
sehen sie alle ziemlich gleich aus: sie haben jedes Mal so
ungefähr 150 Seiten und schillern zwischen längerer
Erzählung und Roman. Sie sind mit schöner
Regelmäßigkeit meist im Abstand von zwei Jahren erschienen,
wurden meist wohlwollend bis enthusiastisch besprochen und fielen
dennoch nie besonders heraus. Erst die stillsten und leichtesten, die
beiden letzten Bücher, waren plötzlich Bestseller. Es
muß da einen Schlüssel geben für das Wunder im
Entwicklungsroman des Schriftstellers Genazino, in dieser Entwicklung
am Rand. Da lohnt es sich, näher hinzusehen.
Schon das Umfeld, in dem sein erster öffentlich
wahrgenommener Roman erschien, war etwas merkwürdig. Man schrieb
das Jahr 1977, und Genazino veröffentlichte ein Buch namens
"Abschaffel". Es erschien aber nicht etwa gebunden und mit
Schutzumschlag, sondern in der broschierten Rowohlt-Reihe "das neue
buch". Als Programmschwerpunkte dieser Reihe, mit dem signalroten Rand,
wurden genannt: Beiträge zu einer materialistischen Ästhetik,
Beispiele gesellschaftskritischer Dokumentaristik, Medientheorie und
Kommunikationsforschung. "Abschaffel" sah aus wie eine Flugschrift, wie
ein Grundnahrungsmittel der Erkenntnis: die Buchstaben waren klein, und
der Platz auf den Seiten wurde bis zum Äußersten ausgenutzt.
Im damals heftig florierenden Wettbewerb, wieviele Buchstaben auf eine
Seite passen, hätte Abschaffel auf jeden Fall mit Marx und der
Mao-Bibel konkurrieren können.
Ziemlich am Anfang fällt der Satz: "Abschaffel
schaltete eine kleine Lampe ein, weil er das Gefühl vermeiden
wollte, mit dem langsamen Dunklerwerden des Abends selbst zu
verschwinden." Dieser Satz läßt nicht ohne weiteres darauf
schließen, daß ihm ein ganzer Roman folgen kann. Dennoch
ist dieser Satz in seinem Gestus des Verschwindens charakteristisch.
Genazino galt fortan als Begründer des bundesdeutschen
Angestelltenromans, und der Angestellte war von vornherein etwas
Verschwindendes, seine Konturen im Anzug von der Stange, mit Krawatte
und Drehstuhl verwischten sich immer mehr ins Nichts. Man merkte
deutlich, daß Genazino ein paar Jahre lang Redakteur bei der
Satirezeitschrift "Pardon" gewesen war, daß er im Umfeld der
sogenannten "Neuen Frankfurter Schule" verkehrte und eine Neigung zu
schmerzhafter Karikatur, zu grotesker Vergrößerung, zu
sarkastischen Alltagsskizzen verspürte: Abschaffel ist wie eine
Comicfigur, die den zeitgenössischen bundesdeutschen
Bürowahnsinn auf die Spitze treibt. Es ist kein Wunder, daß
seine Libido immer am stärksten bei Verkäuferinnen erwacht.
Sie, die Garantinnen des Warenverkehrs und des Warenaustauschs, setzen
zuverlässig sein sexuelles Begehren frei, und ihre
Verheißungen sind eingebettet in Traumlandschaften, die damals
auch der deutsche Schlager im Visier hatte. Ich zitiere: "Eine ganz
junge Verkäuferin saß verträumt auf dem Rand einer
großen Tiefkühltruhe und schnippte mit einer
Handetikettiermaschine auf Dutzende von Milchtüten je ein
Preisschildchen auf. So ähnlich mußten vor hundert Jahren
junge Mädchen auf Brunneneinfassungen gesessen und
Sommerkränze gewunden haben."
Doch so wunschverloren die Abschaffel-Bücher auch
daherkommen, so sehr da in der verwalteten Welt etwas Verwegenes
durchscheint – nach Abschluß dieser furiosen Trilogie war der
Autor fast schon an einem Endpunkt angelangt, hier ging es nicht mehr
weiter. Die Überzeichnung der Alltagswirklichkeit stieß an
ihre Grenzen, der satirische Blick drohte, zu einer Schablone zu
werden. Es war die Zeit der Kleinkunstkneipen, eine Zeit, in der
Genazino auch des öfteren im Frankfurter Waldstadion gesichtet
wurde – einmal fuhr er sogar zu einem Auswärtsspiel mit, im Bus
mit Fans von Eintracht Frankfurt. Es war klar, daß er sich davon
befreien mußte.
Genazino verstummte in den achtziger Jahren für
längere Zeit, es ist die einzige große Zäsur in seinem
Schreiben. Erst 1989 erschien sein nächstes Buch, und es war ganz
anders. Man merkte ihm das lange Schweigen an, aus dem es gekommen war,
es bestand aus kurzen, schnell auf- und abtauchenden Skizzen, und es
hatte einen Titel, der die poetische Aura der disparaten, kleinen Dinge
umfaßte, auf die sich der Blick nun konzentriert richtete: "Der
Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz". Zum ersten Mal taucht ein
Autoren-Ich auf, eine Identifikationsfigur, die ganz nahe rückt,
und es entsteht langsam etwas Neues. W., die Ich-Figur, und seine
Freundin Gesa verständigen sich über Bilder, über Musik,
über Literatur. Ihre Reisen nach Wien, nach Paris, nach Amsterdam
sind Fluchtbewegungen, die von Kunsterlebnissen ausgelöst werden.
Mit diesem Buch beginnt Genazinos Kultur der kleinen Dinge. Er schaut
nun nicht mehr nur von außen auf das Geschehen, mit einem
kühnen und distanzierten Blick, der die Verzerrungen des Daseins
verzeichnet – es kommt nun eine Innenperspektive hinzu. Ein Innehalten.
"Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz": das sind alles
gleichberechtigte Phänomene. Der Fleck ist ein Sahnefleck aus
einem Plastikmilchdöschen in einem Café – ein Makel, den
das Schriftsteller-Ich nicht tilgt, sondern als Teil seiner
Identität beibehält; und wenn dieses Ich gelegentlich, durch
die Begegnungen mit vertrauten Menschen oder durch Nachrichten, einen
Schmerz erfährt, wird dieser gleichzeitig aufgehoben.
Das "Fleck"-Buch bildet den Auftakt zu einer ganzen
Reihe kleiner Bücher, die sich Beobachtungen widmen. Die sich am
Rand aufhalten und das Abseitige kultivieren. Sie haben Titel, mit
denen sich der Autor seine Poetik der Verborgenheit erschreibt: "Leise
singende Frauen" zum Beispiel, oder "Die Obdachlosigkeit der Fische".
Einmal, im Roman "Die Kassiererinnen", entdeckt der Held das
Geschäft von Ludwig Baalke, einem der letzten Kohlehändler
der Stadt: "Im Vorgarten seines Anwesens stand ein kleiner Schaukasten,
in dem tatsächlich nichts weiter ausgestellt war als acht oder
neun Briketts, die sich pyramidenförmig in der Mitte des
Schaukastens erhoben. Ich fand diese Kargheit grotesk und
lächerlich, aber auch radikal und kühn." Genazinos Romane
suchen in Frankfurter Seitenstraßen das Poetische auf. Dort, wo
normalerweise jeder hinwegsieht, entdecken sie kleine Kostbarkeiten,
Kunstwerke des Verborgenen.
Die Literatur, das wird in der Reihe dieser Bücher
deutlich, ist in der Lage, der Realität in einer unmöglichen
Wendung etwas entgegenzuhalten. Genazino macht dabei die Literatur
selbst immer direkter zum Thema. Im Buch mit dem "Fleck" im Titel
taucht zum ersten Mal auch jene Figur ausführlicher auf, die dann
immer wieder vorkommen wird: Franz Kafka. Er ist der Kronzeuge für
das unermeßliche, aber heillose Wissen der Literatur. W. und
seine Freundin Gesa besuchen Kafkas Sterbezimmer in Kierling in
Niederösterreich. W. hält dabei in Gedanken eine Rede, in der
er Kafka auffordert, sich ein Selbstbewußtsein zu erfinden:
"Merken Sie sich: alles was Sie empfinden, auch die
allerniederträchtigste Depression, dient Ihrer Stärkung."
Dann allerdings sieht er, neben den Fotos von Kafkas letzten Freunden
Dora Diamant und Robert Klopstock, das Foto eines unbeteiligten,
lachenden jungen Mannes, der alle zwei Tage kam, um Kafka zu rasieren.
Daraufhin nimmt W. seine Rede zurück. Er sagt: "Das Leben ist ein
Versuch, ein paar Dinge nicht an sich herankommen zu lassen. Aber dann
kommt ein Rasierer und macht alles zunichte."
Es ist eine prekäre Balance, die für Genazinos
Schreiben bestimmend wird. Immer wieder kommt er auf Kafka zurück.
In einer kleinen Betrachtung über Autorenbilder bemerkt er,
daß Kafka auf allen offiziellen Fotos, für die
bürgerliche Fassade, einen straffen Mittelscheitel trug,
während sein Haar auf anderen Fotos, die ihn als Alltagsmenschen
zeigen, verstrubbelt war. In jenem Mittelscheitel zeigt sich symbolisch
der Riß zwischen sich und der Welt, den Kafka erlebte. Dieser
Riß ist das Thema aller Literatur. Genazino aber weiß,
daß dieser Riß auch eine komische Seite hat. In einem
seiner kleinen Feuilletons zitiert er aus den Erinnerungen Gustav
Janouchs an Kafka. Kafka hatte eine Bemerkung gemacht, und Janouch
erwiderte: "So einsam sind Sie?" Kafka nickte. "Wie Kaspar Hauser?"
setzte Janouch nach. Und dann heißt es: "Kafka lachte. ‚Viel
ärger als Kaspar Hauser. Ich bin einsam – wie Franz Kafka.’"
Genazino interessiert hier vor allem eines: Warum lachte Kafka? Welche
Verbindung gibt es zwischen seiner Einsamkeit und seinem Lachen? Und
mit dieser Frage sind wir mittendrin in den Texten Genazinos, die vom
Wunder zwischen Einsamkeit und Lachen erzählen und es nie bis zum
ganzen Ende auflösen. Wir ahnen nur: Kafkas Lachen ist der
Maßstab.
Das fängt bereits früh an. Selbst Abschaffel
kauft in der Bahnhofsbuchhandlung, bevor er mit dem Eilzug zu den
Eltern fährt, ein Buch von Kafka. Im Zug fällt dann der Satz:
"Während des Lesens vereinsamte Abschaffel rasch." Und im Roman
"Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" hält der jugendliche Held
seiner Freundin einmal eine feurige Rede über Kafka. Dann erfahren
wir: "Erst kurz vor der Haustür der Souterrainwohnung endete mein
heutiger Vortrag. Ich ging mit Gudrun in den Hausflur und
küßte sie mit einer Erregung, von der wir glaubten, sie sei
ein Zeichen unserer Liebe und unserer Zukunft. In Wahrheit ahnte ich,
daß ich durch Gudrun hindurchküßte und im Hintergrund
Franz Kafka dafür dankte, daß er mich wieder so lebendig
gemacht hatte."
Mit Gudrun und dem letzten Roman sind wir wieder bei
Genazinos Kraftquell, bei dem gleitenden Übergang von den
fünfziger zu den sechziger Jahren und den Bildern der Sehnsucht.
Mit Gudrun und Kafka verdichten sich die Momente, die zur
unvergleichlichen Stimmung dieser Romane führen. Auffällig
häufig kommt dabei immer dieselbe Erinnerung an ein Freibad vor,
es scheint eine Schlüsselszene zu sein. Jedes Mal ist Sommer,
jedes Mal ist die männliche Hauptfigur siebzehn Jahre alt und
liegt mit einer etwa gleichaltrigen weiblichen Person auf einer Decke.
Sie trägt einen blauen Bikini, mit Rüschen am Oberteil. Im
"Fleck"-Buch heißt sie Jutta. In "Ein Regenschirm für diesen
Tag" heißt sie Dagmar. In "Eine Frau, ein Wohnung, ein Roman"
heißt sie Gudrun. Sie zeichnen sich alle dadurch aus, daß
der Held ihnen aus den Büchern vorliest, die ihn gerade
beschäftigen. Und sie verlassen ihn dann auch immer.
Es ist die alte Spannung zwischen Literatur und Leben,
die Genazino aufrechterhält. Im letzten Roman wird sie auf eine
äußerst schmerzliche Weise bewußt und doch, auf eine
kaum merkliche Art, überwunden. Der jugendliche Held lernt, nach
der schweigenden Trennung von Gudrun, die Journalistin Linda kennen. Es
ist eine zart angedeutete Liebe, bei der schon ein flüchtiges
Streifen mit der Hüfte beim Aufstehen aus dem Sessel große
Sensationen schafft. Mit Linda kann er über Kafka sprechen, sie
kontert mit Joseph Conrad. Doch bevor es zu einer Annäherung
kommt, zu größerer Vertrautheit, erreicht den Helden die
groteske Nachricht, daß Linda sich umgebracht hat. Wie Genazino
diesen ungeheuerlichen Vorgang in den Ton seines Romans integriert, wie
er ihn einbettet in den Fortgang des Geschehens, das ist mehr als nur
ein Kunststück. Eines aber wird spürbar: dem Helden gelingt
es durch das Schreiben, welches er mit Linda gemein hat, dem
journalistischen Schreiben, weiter in das Leben vorzudringen, das er
sich vorstellt. Er schreibt eine Bildunterschrift, 30 Zeilen, über
eine Autogrammstunde mit Rex Gildo. Er schreibt über einen
Rentner, der den Eiffelturm aus Streichhölzern nachgebaut hat. Und
dann merkt er, daß das journalistische Schreiben ein
Mißverständnis ist. Daß es darum geht, etwas ganz
Anderes zu riskieren.
In seinen beiden letzten Büchern, "Ein Regenschirm
für diesen Tag" und "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" hat
Genazino tatsächlich noch einmal eine neue Wendung genommen. Er
hat, nach vielen verschiedenen Anläufen, unverhüllt von der
Rettung durch das Schreiben gesprochen – wohl wissend, daß es nur
eine vorläufige ist. Auch bei jenem anonymen Schuhtester im
"Regenschirm"-Buch, der das Zerbröckeln und Zerfasern seiner
Existenz registriert, ändert sich ungeahnt etwas, als er durch
einen merkwürdigen Zufall wieder beginnt, Zeitungsartikel zu
schreiben. Er schreibt für den "Generalanzeiger". Der Held des
letzten Buches schreibt für den "Tagesanzeiger". Doch dann besucht
er einen "Je-ka-mi"-Wettbewerb, "Jeder kann mitmachen", und bei solchen
Aufträgen spürt er eine Gefahr. Es ist die Gefahr des
Hochmuts. Er sieht, daß sich in den Zeitungen die Wichtigtuer
tummeln. Die Bescheidwisser. Der "Regenschirm"-Held begegnet auf dem
Flur dem Feuilletonredakteur Schmalkalde. Dieser sammelt ein Jahr lang
alles, was anonyme Prospektverteiler in seinen Briefkasten stecken. Aus
diesem Material will er, wie er es formuliert, eine
"kommunikationskritische Fibel" machen. Das ist nun gewiß das
Gegenteil dessen, was die Helden Genazinos wollen. Und wir sind mitten
in einem ziemlich aktuellen Problem. Schon im Roman "Die
Kassiererinnen" hat Genazino das Nötige dazu gesagt. Sein Held
steht einem dieser Kulturleute gegenüber, die so überhaupt
keine Selbstzweifel haben, und stellt fest: "daß der rasende
Betrieb nur noch Melancholie hervorbringen kann."
Wir müssen einen Begriff bemühen, der
ausgestorben zu sein scheint und eher Achselzucken hervorruft: Wilhelm
Genazino betreibt Subversion. Dazu gehört auch, daß er mit
der Schreibmaschine schreibt. Das ist kein hindernisloses Schreiben wie
dasjenige mit dem Computer. Die Schreibmaschine setzt dem Schreiben
einen Widerstand entgegen. Es ist der Widerstand, von dem Genazino
immer erzählt. Ob Monika, ob Gabriele: der Umweg über die
beschwerliche mechanische Tastatur scheint eine geheime Lust in sich zu
bergen. Genazino schreibt seit Jahrzehnten auf der Schreibmaschine,
unbeirrbar, und er weiß: sie hält ewig. Es gibt
Spezialisten, die heute noch, in Rente, den ausgestorbenen Beruf des
"Büromaschinenmechanikers" ausüben. Doch sie müssen nur
ab und zu die Typen reinigen, sonst nichts. Genazinos Schreibmaschinen
künden von der Haltbarkeit eines untergegangenen Zeitalters. Sie
sind auf eine Zukunft hin ausgerichtet, die für länger
gehalten wurde, als sie war. Das haben sie mit der Literatur gemeinsam.
Irgendwann, an einer unvermuteten Stelle, bricht sie hervor. Ich
gratuliere Wilhelm Genazino zum Büchnerpreis.
Druckversion Laudatio (2004) 
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Die Dankreden der Büchner-Preis-Träger
1993-2002
sind erschienen in den Jahrbüchern der Deutschen Akademie für
Sprache und Dichtung im Wallstein Verlag, Göttingen, 1994-2003.
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und Dichtung.
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Genehmigung. Anfragen an: Deutsche Akademie für Sprache und
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Jahrbuch, Alexandraweg 23, D-64287 Darmstadt
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Georg-Büchner-Preis 
Stand:
14. November 2005
Fragen oder Stellungnahmen richten Sie bitte an
das Sekretariat der Deutschen Akademie.
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