Erklärung
der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zur
aktuellen Diskussion um die Rechtschreibung
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung begrüßt die Entscheidung des »Spiegel«, der »Springer-Presse« und der »Süddeutschen Zeitung«, zur alten Recht-schreibung zurückzukehren. Dies ist, zusätzlich zu der Initiative des Ministerpräsidenten Wulff, die andere Ministerpräsidenten aufgegriffen haben und weitere aufgreifen sollten, ein Anstoß zur Besinnung in sozusagen letzter Minute, vor allem aber dazu, die Dinge nun nicht einfach laufen zu lassen. Die Deutsche Akademie hat auf ihrer Frühjahrstagung in St. Petersburg eine deutliche Erklärung zur Frage der Rechtschreibung abgegeben. Nach unserer Meinung ist die Situation vom Politischen und von der Sache her nunmehr so, daß es weder eine schlichte Rückkehr zur alten Rechtschreibung noch die bloße Fest-schreibung der neuen geben kann. Was die letztere angeht, ist auch der vorgesehene Sprachrat, dessen Besetzung ja noch ziemlich offen ist (es verlautete nur, daß er auch Gegnern der neuen Rechtschreibung offen sein soll), keine Garantie. Und man sollte sich darüber im klaren sein, daß sich die große Unruhe durch die Festlegung auf die neue Rechtschreibung keineswegs legen würde. Es gibt nun eine wahrhaft starke Phalanx gegen diese Rechtschreibung: die deutschsprachigen Akademien, der deutsche PEN, die deutschsprachigen Schriftsteller nahezu ausnahmslos, die deutsche Presse nunmehr doch wohl in ihrer Mehrheit, viele deutschsprachige Sprachwissenschaftler, die deutliche Mehrheit dann vor allem, wie es scheint, der Bevölkerung. Die Neuerer, eine Gruppe von germanistischen Sprachwissenschaftlern, keineswegs also die deutschen Sprachwissenschaftler insgesamt, hatten ihre Chance. Es ist ihnen und den Kultusministern nicht geglückt – sehr vorsichtig gesagt -, eine ausreichende Zustimmung zu finden. Auch nicht unter den Lehrern. Eine Reform dieser Art kann unter demokratischen Verhältnissen gegen einen quantitativ und qualitativ so starken Widerstand schwerlich durchgesetzt werden, auch wenn sie »formal« unangreifbar ist. Nun muß es einen klaren Neuanfang geben. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat im Jahr 2003 (unter der Federführung des Sprachwissenschaftlers Peter Eisenberg) eine Schrift vorgelegt »Zur Reform der deutschen Rechtschreibung. Ein Kompromißvorschlag«, die für einen solchen Neubeginn eine gute Grundlage sein kann, ein Neubeginn, der nun zunächst einmal politisch ermöglicht werden muß.
17. August 2004
Die Deutsche Akademie veranstaltet eine Pressekonferenz zur aktuellen Diskussion um die Rechtschreibung am 30. August (Montag) um 11.30 Uhr in der Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg 10, Berlin-Tiergarten.