Zur Situation der
Rechtschreibreform
Vorschlag einer Lösung
1. Das Kind liegt im Brunnen. Seit der Entscheidung großer Teile der Presse, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren und der Zustimmung dar KMK zum probeweise eingeführten Regelwerk droht eine langfristige Spaltung.
2. Es führt zur Zeit nicht weiter, sich an die Schuldigen zu wenden, wohl aber an die Verantwortlichen.
3. Die Verantwortung für die entstandene
Situation hat der Staat:
- einmal
indem er die Rechtschreibreform angeregt hat, das neue Regelwerk akzeptiert und
entschlossen zu sein scheint, es als Hoheitsträger insbesondere im Schulbereich
durchzusetzen;
- dann,
weil er eine recht weitgehende, umstrittene und zum Teil fehlerhafte
Neuregelung des Schreibgebrauchs gegen eine Mehrheit der Bevölkerung und den
vereinigten Sachverstand angesehenster Institutionen und Persönlichkeiten
durchsetzen will;
- schließlich,
weil er als Staat für einen solchen Eingriff über keine Legitimation verfügt.
4. Der Staat trägt in diesem Fall Verantwortung für eine Einheit der Rechtschreibung, aber für ihre inhaltliche Regelung ist er nicht zuständig.
5. Zur Zeit stehen sich zwei Gruppen von Unbedingten gegenüber, die entschiedenen Befürworter der Reform, die ein Ende der Diskussion herbeiführen wollen, und die strikten Anwälte einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Die große Zahl der Verunsicherten und verwirrten Bürger und derer, die sich eine bescheidene, begrenzte Reform vorstellen können, hat zur Zeit kaum eine öffentliche Stimme.
6. Theoretisch lassen sich drei Lösungen denken,
wenn eine Einheit der Rechtschreibung wieder hergestellt werden soll:
1. die
Durchsetzung des neuen Regelwerks
2. die
Rückkehr zur alten Rechtschreibung
3. die
Beschränkung auf eine begrenzte Reform als Kompromiß.
Praktisch haben die Lösungen 1 und 2 kaum eine Chance. Die Lösung, daß der Staat das neue Regelwerk allgemein durchsetzt, scheint nicht möglich, da große Teile der Bevölkerung und der institutionalisierten Öffentlichkeit ihm nicht folgen, weil sie der Struktur unserer Sprache nicht entspricht. Sie ist deshalb auch nicht wünschenswert. Die Lösung einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung, für die unseres Erachtens sachlich das meiste spricht, ist dadurch sehr erschwert, daß die bisherige Einführung des Reformvorschlags sich auf der Straße der Legalität bewegt hat und in manchen Bereichen, in und außerhalb der Schule, durchgesetzt ist. Insofern wäre die aussichtsreichste Lösung die einer begrenzten, reduzierten Reform; Übernahme von Teilen des neuen Regelwerks, die brauchbar sind; Erweiterung des Spielraums von Schreibnormen; Rückkehr zur hergebrachten Rechtschreibung, wo die neue fehlerhaft ist.
7. Dazu ist ein Rat zu berufen, der bereit ist,
diese Sichtung vorzunehmen und den Weg einer entschieden reduzierten und der
Sache eines vernünftigen Schreibgebrauchs dienenden Regelwerks einzuschlagen.
Damit das Gremium erfolgreich arbeiten kann, sind folgende Voraussetzungen
sicherzustellen:
- es muß vom Willen zum Ausgleich der
widerstreitenden Interessen getragen sein;
- eine kleine Zahl von kompetenten
Mitgliedern haben;
- über Entscheidungsbefugnisse verfügen;
- über
einen Apparat verfügen, der es erlaubt, in Einzelfragen den allgemeinen
Sprachgebrauch empirisch zu erheben;
-
der Rat muß in die Lage versetzt werden, einen Vorschlag
möglichst bis zum Ende der Übergangszeit im Sommer 2005 auszuarbeiten.
30.August
2004