Die Laudationes und Dankreden der Merck-Preis-Träger
1993-2005 sind erschienen in den Jahrbüchern der Deutschen Akademie für Sprache
und Dichtung im Wallstein Verlag, Göttingen, 1994-2005.
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Jahrbuch, Alexandraweg 23, D-64287 Darmstadt
2005:
Hans Keilson
Erlauben
Sie mir, daß ich beginne mit einem Gedicht, das ich
im Jahre 1947 geschrieben habe:
Steuern zahl ich in Holland
auf fetter klei
nur
die fußspur
durchzieht noch
den sand der Mark
und mein herz
trauert um Jerusalem
splitter treibt man ins fleisch aus festem holz
mir erwächst
aus den abfällen des erinnerns
ein friedloses dasein
alle zeiten schlagen ihre stunden
todein
todaus
ich zähle sie
unabwägbare
mit vergilbten lippen
und messe sie aus
in der syntax des schweigens
ohne fremde akzente
wenn ich auf den deichen stehe
und die inseln brennen
lodern die wasser der kindheit
der Oderstrom und
der Jordan meines verlangens
am abend sitze ich dann
und lausche in die apparate
netze voller musik
ein fischzug der töne
aus ost und west
ich esse stamppot
ich trinke bols –
nektar und ambrosia
speisen die schwermut der träume
wenn ich zur nacht liege
meine füße ein anker
in den verwüsteten gärten
meine stirn
im gespött
der sterne
Herr Präsident, verehrte
Anwesende,
im 18. Buch von Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe
über Johann Heinrich Merck: »Dabei
erinnere ich mich eines merkwürdigen Wortes, das
er [d.h. Merck] mir später wiederholte,
das ich mir selbst wiederholte und oft im Leben bedeutend fand: ›Dein
Bestreben‹, sagte er, ›deine unablenkbare Richtung ist, dem
Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben; die andern suchen das sogenannte
Poetische, das Imaginative zu verwirklichen, und das gibt nichts wie dummes
Zeug.‹«
Ich möchte
mich nicht mit fremden Federn schmücken. Ich verdanke
dieses Zitat dem Vorwort von Peter Berglar zu einer
Ausgabe der Werke von Johann Heinrich Merck im Insel Verlag von 1994. Und die
Kenntnis von diesem Vorwort verdanke ich Gerhard Kurz. Ich bin eben doch nur
ein Mediziner, eigentlich.
Ich danke
der »Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung« für die Zuerkennung des
Johann-Heinrich-Merck-Preises. Die Verleihung erfüllt mich mit
Freude. Sie erweckt Erinnerungen in mir und stimmt mich zugleich nachdenklich,
vor allem über Mercks Formulieung:
»dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben«. Ich frage mich: Was ist oder
war »das Wirkliche« in meinem Leben? Zu diesem »Wirklichen« meines Lebens gehört jedenfalls
die Shoa und das spezifische Verhältnis
von Verfolgern und Verfolgten, das zum Holocaust geführt
hat.
Es war mein
Anliegen, dieses komplizierte, abgründige Verhältnis
im Tod des Widersachers auszuloten. Was Menschen anderen und oft
zugleich damit sich selbst antun, was man »man made disaster« nennt, ist eine verzwickte, verwirrende
Geschichte. Das Wirkliche ist nicht mehr so einfach zu erzählen,
denn es ist das Problematische. Das mehrschichtige Verhalten und Agieren des
Menschen scheint mir in einem eindimensionalen, handlungsorientierten Erzählen
nicht mehr gestaltbar zu sein ohne eine grundlegende essayistische Reflexion in
corpore, die das Wirkliche erst erzählbar macht.
Vielleicht ist dies das Signalement unserer »modernen«, d.h. gegenwärtigen
Wirklichkeit, in der die Bildsprache des Fernsehens die Linearität
des geschriebenen, gedruckten Wortes zu ersetzen scheint.
Zeitschriften
und Verlagen in den Niederlanden und in Deutschland, die meine Texte vor und
nach dem Zweiten Weltkrieg druckten, unter anderen Fritz Landshoff
im Amsterdamer Querido Verlag, will ich hier Dank
sagen. Gideon Schüler und seiner »Literaischen
Edition« in Gießen bin ich
besonders erkenntlich für die Überlebenschancen,
die er mir bot. Meinem alten S.Fischer Verlag im
neuem Gewande danke ich von Herzen: Ulrich Walberer
danke ich für die Taschenbuch-Ausgaben seit den 80er
Jahren. Ich danke Frau Schoeller. Meinem unermütlichen
Lektor Roland Spahr und den beiden Herausgebern
Heinrich Detering und Gerhard Kurz danke ich für
ihren Einsatz bei der Verwirklichung der vorliegenden Werkausgabe. Ich bin
wieder zuhause.
Der Name »Merck«
weckt in mir als Mediziner auch noch andere Assoziationen. Als ich im März
1943 in Holland von meinem Eltern Abschied nehmen mußte,
sagte mein Vater: »Vergiß nicht, daß
Du Arzt bist.« Ich habe es nie vergessen. Auch heute
nicht.
Ich denke
an dieser Stelle an meine Eltern, an meine erste Frau Gertrud, die mich aus
Deutschland gerettet hat. Ich danke meiner zweiten Frau Marita und meinen Töchtern,
die hier heute bei uns sind.
Ich danke
Tilman Krause für seine Laudatio.
Ich danke
dafür, daß man mich be-Merck-t hat.
Ich danke
Ihnen allen, daß Sie gekommen sind.
Tilman
Krause
Laudatio auf Hans Keilson
Aus Anlaß der Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises für
literarische Kritik und Essayistik der Darmstädter Akademie für Sprache und
Dichtung am 5. November 2005
Verehrter, lieber Hans Keilson;
nicht minder verehrte, liebe Marita Keilson; meine
sehr geehrten Damen und Herren!
Hans Keilson für sein
literarisches und auch für sein literarkritisches Werk zu loben, ist nicht ganz
einfach. Jedes Lob bricht sich an der Bescheidenheit, mit der der Autor selbst
sich immer wieder über sein schriftstellerisches Oeuvre geäußert hat. »Ich bin
Arzt«, sagt er gern von sich. »Ich habe viel geschrieben. Viele Rapporte, viele
Rezepte, viele Rechnungen. Alles andere sind literarische Fehltritte.« Nun müssen sich die Berufe des Arztes und des
Schriftstellers ja nicht gegenseitig ausschließen. Das wissen wir aus der
deutschen Literaturgeschichte zur Genüge. Alfred Döblin zum Beispiel war Arzt.
Der junge Keilson, der kurz vor und kurz nach
Erscheinen seines ersten Romans 1932/1933 unter die deutschen Literaten kam,
hat ihn noch persönlich erlebt. Gottfried Benn war Arzt, der sich damals so
schnell vom angeblichen Schwung der »Bewegung« mitreißen ließ. Hans Carossa,
von den drei Genannten Hans Keilson
wahrscheinlich gefühlsmäßig der Nächste, war ebenfalls Arzt im Hauptberuf.
Und hatte nicht der Arzt, als Seelenlenker und Heiler über
die körperlichen Schmerzen hinaus, gerade bei den Deutschen immer einen guten
Klang? Tatsache ist, daß Goethe seinen Wilhelm Meister, der doch so überzeugt
von seiner theatralischen Sendung war, nicht Schauspieler, sondern Arzt und
damit ein bürgerliches, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gemeinschaft
werden läßt. Und auch Thomas Mann, einer der wenigen literarischen Emigranten,
der nach 1945 gebeten wurde, zurückzukehren, Thomas Mann also wurde damals zu
seiner eigenen großen Verblüffung zugerufen: »Kommen Sie zu uns als ein guter
Arzt.«
Als Arzt ist auch Hans Keilson in
einem für sein Leben entscheidenden Moment angesprochen worden. Und damit mag
es zusammenhängen, daß er die Kunst des Heilens denn
doch ein Leben lang über die Kunst des Schreibens gestellt hat. Wir schreiben
das Jahr 1942. Die Szene spielt in Holland. Das Land ist schon von den
Deutschen besetzt. Hans Keilson befindet sich bereits
im Untergrund. Nicht mehr lange, und er wird als Kurier und Psychotherapeut für
die holländische Résistance tätig werden. Da muß er
von seinen Eltern Abschied nehmen. 1938, kurz nach den Novemberpogromen, hat er
sie noch in die Niederlande holen können, in denen er seit Oktober 1936 zu
Hause ist. Auch ein Visum für Palästina wurde beschafft. Aber die
Schiffspassage kommt nicht mehr zustande. 1942 werden die Eltern deportiert. »Vergiß
nicht, daß Du Arzt bist«: Dies ist das letzte Wort, daß der Vater zu ihm sagt.
Er hat ihn nicht wiedergesehen. Wie die Mutter ist er in Auschwitz-Birkenau
ermordet worden.
»Vergiß nicht, daß Du Arzt bist«. Hans Keilson
hat es nicht vergessen. Wie hätte er es vergessen können. Aber er ist eben eine
ganz bestimmte Sorte Arzt geworden und geblieben. Er hat den Beruf des
Psychotherapeuten gewählt. Er hat früh erkannt, daß auch das Schreiben
therapeutische Qualität haben kann. Das muß wohl zu jenem instinktiven Wissen
gehört haben, das der sensible Mensch schon vor aller Berufspraxis von sich
besitzt. Und so ist es kein Zufall, daß schon die erste große
schriftstellerische Hervorbringung von Hans Keilson,
der bereits erwähnte Roman von 1933 mit dem Titel »Das Leben geht weiter«,
selbsttherapeutische Qualitäten besitzt. Um es mit Hans Keilsons
eigenen Worten zu sagen: »Auf Anregung einer amerikanischen Kommilitonin, die
am Berliner Psychoanalytischen Institut ihre Ausbildung erhielt, meldete ich
mich eines Tages dort an, wurde empfangen und erzählte ,mein
Leiden’. Der betreffende Analytiker hörte mich ernsthaft an und teilte
mir schließlich mit, er sehe keinen Anlaß für eine psychoanalytische
Behandlung. Wütend ging ich nach Hause und schrieb die ersten Sätze.«
Und das Zitat geht weiter: »So begann ich, zuweilen
aufgehalten durch die Anforderungen des Studiums und der Arbeit als Musiker,
meine Geschichte und die meiner Eltern in der kleinen Kreisstadt der Mark
Brandenburg und später in Berlin zu erzählen, die Geschichte vom
wirtschaftlichen Niedergang eines kleinen Selbständigen, eingelassen in die
politischen, sozialen und ökonomischen Wirren der Jahre nach dem Ersten
Weltkrieg, der Weimarer Republik, der Inflation und des aufkommenden
Nationalsozialismus. Es war ein Stück Selbstanalyse in dem engen Ausschnitt,
den ich damals übersehen konnte.« Soweit Hans Keilson. Übrigens: Das Buch, noch im Jahr seines
Erscheinens verboten, ist doch damals stark wahrgenommen und als »Roman des
deutschen Mittelstandes« von der Kritik gefeiert worden.
Selbstanalyse, Selbsttherapie, die aber wegen ihrer
sprachlichen Geschliffenheit und radikalen Selbstbefragung Zeitdiagnose, Zeitüberwindung
werden kann, ist auch der zweite große Roman von Hans Keilson.
Ich meine das erst lange nach dem Krieg fertiggestellte Buch »Der Tod des
Widersachers«, das in Deutschland 1959 erschien. Er handelt von der Krise, von
dem Leiden, das 1932, 1933 noch nicht seinen schaurigen Höhepunkt erreicht
hatte und doch unabdingbar zur Krise von Weimar gehört, die »Das Leben geht
weiter« gestaltet. Ich meine die Erfahrungen von Ausgrenzung und Verfolgung,
denen Keilson als junger Jude während Deutschlands
Abmarsch in die Barbarei ausgesetzt war. Davon also handelt »Der Tod des
Widersachers«, von der Feindschaft eines jüdischen Ichs und seines nichtjüdischen
Widersachers. Herausgekommen ist dabei eine der abgründigsten Analysen des
Antisemitismus, die wir kennen, ein geradezu atemberaubendes Experiment einfühlenden
Verstehens aus der Sicht der Psychoanalyse, von der man früher oder später
bemerken wird, daß sie gleichrangig neben Thomas Manns Essay »Bruder Hitler«
steht. Ihr liegt eine Überlegung zugrunde, die Hans Keilson
in seinem großen Essay »Die Überwindung des Nationalsozialismus« folgendermaßen
formuliert: »Es ist nicht, wie oft angenommen wird, der Haß, der die Basis der
Feindschaft bildet, sondern der Ambivalenzbegriff, der den Hasser und den Gehaßten,
Verhaßten aneinander bindet, ja fesselt und die Projektion eigener
Unsicherheiten und Identitätskonflikte auf den anderen ermöglicht. ,Kein Liebhaber kann anhänglicher von dem Gegenstand seiner
Liebe sprechen, als er, auf die Weise, die die seine war, auch wenn er mich
verwünschte. Er suchte mich’, heißt es an einer Stelle in dem Buch ,Der Tod des Widersachers’«. Und in der Keimzelle
des Romans, in dem bereits 1937 entstandenen Gedicht »Bildnis eines Feindes«,
stehen die Verse: »In deinem Angesicht bin ich die Falte/eingekerbt um deinen
Mund,/wenn er spricht: du Judenhund.« Das Gedicht
schließt übrigens mit den Zeilen: »Denn deine Stirn ist stets zu klein, um je
zu fassen:/…ein Tropfen Liebe würzt das Hassen.«
Soweit »Der Tod des Widersachers«.
Ich könnte jetzt fortfahren, den selbstanalytischen,
selbsttherapeutischen Anteil auch der übrigen schriftstellerischen Arbeiten
Hans Keilsons herauspräparieren. Sie sind ja alle,
die Lyrik der dreißiger Jahre, das Langgedicht »Einer Träumenden« von 1943,
die Erzählung »Komödie in Moll« von 1947, die literarischen
und sozialpsychologischen Essays der achtziger und neunziger Jahre, die
entstehen, als das große wissenschaftliche Hauptgeschäft abgeschlossen ist, nämlich
jene bahnbrechende Studie über die Verstörungen von Kindern, die den Holocaust überlebt
haben, welche 1979 erscheint: Sie sind ja alle aus traumatischen Situationen
hervorgegangen, antworten auf traumatische Situationen. Seien diese nun das
Geworfensein in eine neue, fremde Lebenssphäre, der Verlust des eigenen Kindes,
die existenzbedrohende Tätigkeit als Kurier und Therapeut im Untergrund oder
allgemein die Katastrophe von Auslöschung und Vernichtung der europäischen
Juden, die ja erst nach 1945, also nach dem nackten Kampf ums Überleben, mit
ihrer ganzen Wucht ins Bewußtsein dringt. Hans Keilson
schreibt dazu in einem seiner Essays: »Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
begann die Zeit der Trauer, einer Trauer, die nicht endet.«
Und er gesteht an anderer Stelle, erst mit seiner bahnbrechenden Studie über
die »sequentielle Traumatisierung« habe er 1979 »Kaddisch
gesagt, das Totengebet, das ich lange nicht sprechen konnte«.
Jedoch: Die exegetische Detailarbeit, Keilsons
Bücher und Texte auf ihren therapeutischen Anteil abzuklopfen, lasse ich aus Rücksicht
auf die kurz bemessene Zeit hier einmal auf sich beruhen. Ich möchte Ihnen nämlich
noch einen anderen Aspekt des Arztseins vor Augen führen, der dem Gesamtwerk
von Hans Keilson, diesem Mann der zwei Lebenswerke,
seinen Stempel aufdrückt. Und das ist der Glaube an die MÖGLICHKEIT einer
Heilung. Wie der Arzt seiner Arbeit nicht nachkommen kann, wenn er nicht fest
daran glaubt, daß es eine Heilung für seinen Patienten gibt, so scheinen mir
auch sämtliche schriftstellerischen Arbeiten Keilsons
aus dem Impuls geboren zu sein, durch das Wort zu lösen, ja zu erlösen, das
Verdrängte, in Ambivalenzkonflikten Verborgene herauszulösen und durch offene
Aussprache von Kämpfen und Krämpfen zu erlösen. Das kennen wir auch aus der
Logotherapie eines Viktor Frankl. Elie
Wiesel dachte ebenfalls so: Nur durch sprachliche Durchdringung ist das Unfaßbare,
wenn überhaupt, auszuhalten. Doch bei Hans Keilson
kommt noch eine Kategorie hinzu: die der Überwindung. Man muß in der deutschen
Literatur, und schon gar in der Literatur unserer Tage, lange suchen, um diesen
Glauben an Überwindung und Heilbarkeit zu finden. »Von der Gewalt, die alle
Menschen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet«, heißt es in
Goethes Fragment »Die Geheimnisse«. Und sehr goethisch gedacht ist es, wenn
Hans Keilson in einem seiner autobiographischen
Essays sagt, vor allem sein »Tod eines Widersachers« von 1959 sei ein »verzweifelter
Versuch« gewesen, den Riß, der seit dem Aufkommen eines mörderischen
Antisemitismus durch die Welt geht, »aufzuspüren und vielleicht – durch
den Geist? – zu heilen.« Das, meine Damen und Herren, sind Worte, die nur
ein Mann schreiben kann, der sich, wie Goethe, zum bürgerlichen Humanismus
bekennt, einem bürgerlichen Humanismus allerdings, der sich modernisiert und
erweitert hat, indem er eben auch die große heuristische Potenz der
Psychoanalyse mit einbezieht, wenn er »Geist« sagt, womit die Sonntagsvokabel »Geist«
eine Dimension der Schärfe und Dringlichkeit erhält, die sie üblicherweise
nicht hat. Worte sind dies auch, die noch immer schmerzliche Aktualität
besitzen. Wie sehr wünschte man sich, daß Hans Keilsons
Programm von einer Heilung des Antisemitismus durch die Kraft des
psychoanalytischen Geistes heute von den Feinden Israels beherzigt würden.
Ich komme zu meinem dritten und letzten Punkt. Bürgerlich
ist das Stichwort. Jawohl, ich erkenne auch etwas eminent Bürgerliches in Hans Keilsons Art, Arzt und Schriftsteller zu sein, in seiner
Art, »ein naturwissenschaftliches Verfahren ohne weiteres auf ein
geisteswissenschaftliches Gebiet zu übertragen«, wie er es in einem seiner
Essays formuliert. Ich erkenne darin eine gewisse Unbedenklichkeit und geistige
Unabhängigkeit, die zu den guten und leider wie so vieles aus dieser Sphäre
fast verschütteten Seiten des deutschen Bürgertums gehört. Ich spreche von der
wunderbaren, erfrischenden ästhetischen Unbedenklichkeit, einen Roman zu
schreiben, wenn man selbst und das Land, in dem man lebt, in der Krise ist. Ich
spreche von der ästhetischen Unbedenklichkeit, Gedichte zu verfassen, um zu
sagen, was man leidet. Ich spreche von der intellektuellen Unbedenklichkeit, ÜBERHAUPT
zu schreiben, DANN zu schreiben und nur dann, wenn der Kairos gegeben ist, ohne
daß man zum literarischen juste milieu
gehört. Denn machen wir uns nichts vor: Hans Keilson,
auch wenn er in den achtziger Jahren eine Weile Präsident des Auslands-PEN war, hat doch nie zu den literarischen Zirkeln
und Zenakeln in diesem Lande gehört. Sie wollten ihn
nicht, aber er wollte sie auch nicht. Weil er sie nicht brauchte. Er hat aber,
getragen von jenem Selbstwertgefühl, das geistige Selbständigkeit, Verwurzelung
in Traditionen und Herkunftsbewußtsein dem deutschen Bürger immer verliehen
hat, trotzdem oder gerade deshalb ein literarisches und literarkritisches
Oeuvre hinterlassen, das so manches, was hierzulande gepriesen und gefeiert
wird, an existentieller Dringlichkeit, an geistiger Substanz und, dies nicht
zuletzt, an menschlichem Reichtum turmhoch überragt. Mit Hans Keilson lebt noch ein später »Repräsentant des bürgerlichen
Zeitalters« unter uns, wie Thomas Mann 1932 Goethe genannt hat. Freuen wir uns
an ihm, und freuen wir uns mit ihm, daß er heute den Johann-Heinrich-Merck-Preis
entgegennehmen kann, der ihm wahrlich gebührt.