Akademie und Rechtschreibreform (Chronologie)

 

 

Die folgende Aufstellung beginnt mit dem Jahr, in dem sich die Akademie zum ersten Mal zur Rechtschreibreform äußerte.

 

1996

Juli

In der Presseerklärung der deutschen Kultusminister heißt es, der gemeinsame Zeitplan sehe vor, »daß die Neuregelung der Rechtschreibung am 1.8.1998 wirksam wird«.

 

August

Zehn Bundesländer führen die neuen Regeln an den Schulen ein, bereits zwei Jahre vor dem vereinbarten Inkrafttreten der Reform.

 

Oktober

Die Akademie schließt sich der »Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform« an und fordert darüber hinaus alle von der vorgeschlagenen Rechtschreibreform betroffenen Schriftsteller, Gelehrten, Akademien, Redaktionen, Verlage und anderen unabhängigen, mit der deutschen Sprache und Schrift verbundenen Institutionen auf, schon jetzt ihren Willen zu bekunden und sich der sogenannten Reform zu verweigern.

 

 

1997

Mai

Die Mitgliederversammlung setzt eine Rechtschreibkommission ein. Gewählt werden: Eustaquio Barjau, Günther Drosdowski, Hans-Martin Gauger, Georges-Arthur Goldschmidt, Hartmut von Hentig, Friedhelm Kemp, Uwe Pörksen, Harald Weinrich.

 

Juni

Die Deutsche Akademie gibt folgende Erklärung ab, die an alle Kulturbehörden im In- und Ausland versandt und zugleich veröffentlicht wird:

»In Sachen Rechtschreibung ist eine nur mehr schwer erträgliche Lage entstanden. Die Reform wird wegen offenkundiger Mängel von der Mehrheit der Bevölkerung nicht angenommen. Durch die Auskunft, die Neuregelung gelte ausschließlich für Behörden und Schulen, wird – angesichts nicht nachlassender Widerstände – unnötigerweise die Einheit der deutschen Rechtschreibung aufs Spiel gesetzt. Die Folge sind vielfältige Irritationen gerade der Schüler.

Juristische Einwände sowie die Bestrebungen, durch Volksbegehren und Parlamentsbeschlüsse in Bund und Ländern (und nicht nur in Deutschland) die Verbindlichkeit der Reform für ganze Bereiche aufzuheben respektive gar nicht erst einzuführen, erzeugen eine wachsende Unsicherheit, die Schülern und Lehrern, Verlegern sowie der auswärtigen Sprach- und Kulturarbeit schweren Schaden zufügt. Es kann auch keinem daran gelegen sein, daß wir uns in der internationalen Öffentlichkeit zum Gespött machen.

Daher hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung beschlossen, eine Kommission zu bilden, die Vorschläge erarbeiten soll, wie eine einheitliche deutsche Rechtschreibung sowie deren sinnvolle Fortbildung künftig zu gewährleisten ist. Diese Vorschläge sollen noch vor dem Termin des geplanten Inkrafttretens der Neuregelung vorliegen. Der Kommission gehören an: Eustaquio Barjau, Günther Drosdowski, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Friedhelm Kemp, Uwe Pörksen, Harald Weinrich

 

Juli

Die Rechtschreibkommission tagt am 4. Juli und gibt folgende Erklärung ab:

»Die Rechtschreibkommission der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hält eine gründliche Revision der Rechtschreibreform für notwendig und spricht sich gegen eine überstürzte Einführung aus. Nach ihrer Einschätzung braucht man für die Revision mindestens ein Jahr – auf allen Seiten des gegenwärtigen Konflikts. Die Kommission wird ihrerseits Maximen der Schreibkultur aufstellen und so bald wie möglich veröffentlichen. Sie fordert ein Moratorium in dem Sinne, daß nicht weitere vollendete Tatsachen in Schule, Verlagswesen und Verwaltung geschaffen werden

 

Oktober

Die Rechtschreibkommission tagt am 22. Oktober. Drei ausgearbeitete Vorschläge über die Maximen der Schreibkultur liegen vor. Da die Tagung der Kultusministerkonferenz sowie der Ministerpräsidenten bevorsteht, bittet die Kommission erneut um ein Moratorium:

»Wir bitten, die für den 1. August 1998 verordnete Rechtschreibreform wegen ihrer erwiesenen Unstimmigkeiten und Ungereimtheiten nicht in Kraft zu setzten. Die Rechtschreibung ist eine Sache der ganzen Sprachgemeinschaft. Sie kann nicht zum Gegenstand staatlicher oder staatlich autorisierter Regelungen gemacht werden; nicht im einzelnen, schon gar nicht durch so wesentliche Eingriffe, wie die Reform sie vorsieht. Die Schreibnorm muß vielmehr von Zeit zu Zeit dem Wandel der Schreibgewohnheiten behutsam und kritisch angeglichen werden. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist grundsätzlich bereit, bei der Festlegung der dazu nötigen Verfahren wie auch bei den Verfahren selbst mitzuwirken

 

 

1998

Januar

Die Deutsche Akademie folgt der Einladung der von den Kultusministern beauftragten Mannheimer Kommission zu einer Anhörung. Es wird dort durch die Pressereferentin der Akademie eine von der Rechtschreibkommission der Deutschen Akademie verfaßte Erklärung verlesen:

Der Entwurf des Berichts der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung enthält gegenüber der in der Absichtserklärung vom 1. Juli 96 beschlossenen Neuregelung eine Reihe von Konzessionen im einzelnen.

Da er aber von der Absicht geleitet ist, nicht nur das Regelwerk möglichst unberührt zu lassen, sondern die „kleinen inhaltlichen Modifikationen“ so einzurichten, daß „alle vorliegenden Wörterbücher...ihre Gültigkeit behalten“, verfehlt er seinen Zweck. Unter diesen Umständen bleibt der Kommission angesichts verschiedener berechtigter Einwände fast nicht anderes übrig, als die Zahl der erlaubten Varianten beträchtlich zu vermehren. Daß eine Reihe von mit guten Gründen beanstandeten unsinnigen Regelungen und Schreibungen trotzdem beibehalten werden soll, sei nur am Rande erwähnt. Der Bericht muß also eine weitere Gefährdung der Einheit der deutschen Rechtschreibung zur Folge haben, auf deren Wahrung hinzuwirken der Kommission gerade aufgegeben ist. Ohnehin steht angesichts der starken Widerstände in der Öffentlichkeit außer Zweifel, daß diese Einheit durch die neuen Regeln stark beeinträchtigt wird, da sich die Mitglieder der Sprachgemeinschaft in ihrer Mehrheit daran nicht halten werden. Jetzt wird durch die Zulassung zahlreicher Varianten auch noch die Einheit der neuen Schreibung unterminiert. Statt der angestrebten Einfachheit verbreitet sich zunehmend Wirrwarr. Und die „Gültigkeit“ der neugesetzten Wörterbücher wird jedenfalls dadurch eingeschränkt, daß sie eben die ganze Reihe neuerdings wieder möglicher Varianten nicht einhalten. Wie auf diese Weise die „Akzeptanz der neuen Rechtschreibung“ erhöht werden soll, ist unerfindlich.

Statt Eiertänze aufzuführen, um etwas für weitgehend unverändert, nur eben für die Öffentlichkeit schmackhafter, auszugeben, was in Wirklichkeit ein anderes ist, sollte man nach unserm Urteil besser konsequent die Fehler und Mängel des neuen Regelwerks eingestehen und abstellen; wenn man überhaupt noch auf den eingeschlagenen Bahnen fortfahren will. In dieser Lage zu den Vorschlägen im einzelnen Stellung zu nehmen, scheint der Akademie nicht sinnvoll. Sie glaubt nicht, daß man auf diesem Wege zu einer befriedigenden Lösung kommt. Sie appelliert deswegen noch einmal sehr eindringlich an die Kultusminister, diese Reform, die zunehmend Verwirrung anrichtet, endlich zu stoppen. Die Deutsche Akademie sieht es nach wie vor als ihre Aufgabe an, für die Schreibung der deutschen Sprache Sorge zu tragen und an einer sinnvollen Vereinfachung und Verbesserung mitzuwirken. Es muß dazu nach einem Verfahren gesucht werden, das geeignet ist, eine allgemein zu akzeptierende, behutsame Korrektur der Rechtschreibung zu gewährleisten.

 

Der Präsident, Christian Meier, schickt nach Abstimmung mit der Rechtschreib-kommission einen Brief an die Kultusministerkonferenz, in welchem die Deutsche Akademie ihre Bereitschaft erklärt, eine Kompromißlösung zu erarbeiten und Widersinnigkeiten der Reform »auszukämmen«.

 

Mai

Christian Meier folgt der Einladung zu einer Anhörung beim Bundesverfassungsgericht, die anläßlich der Klage eines Lübecker Elternpaares stattfindet.

 

Peter Eisenberg, seit 1998 Mitglied der Akademie, wird in die Rechtschreibkommission gewählt.

 

Juli

Urteil des Bundesverfassungsgerichts am 14. Juli. Karlsruhe attestiert den Kultusministern, daß sie eine Reform verordnen dürfen, ohne dazu parlamentarisch ermächtigt zu sein.

 

August

Offizielle Einführung der neuen Schreibweise an Schulen.

 

 

1999

Februar

Die Deutsche Akademie legt ihren »Vorschlag zur Neuregelung der Orthographie« vor mit dem Ziel, die Einheit der deutschen Rechtschreibung wiederherzustellen.

Es heißt:

»Unser Vorschlag geht angesichts der Machtverhältnisse von der Neuregelung aus und übernimmt von ihr nicht nur, was sinnvoll, sondern auch, was ohne nennenswerten Schaden hinnehmbar ist. Andererseits bezeichnet er aber das, was nicht akzeptiert werden kann, was also zurückgebaut werden muß

 

August

Die Presse-Agenturen und die meisten Zeitungen stellen auf eine Schreibweise um, die weitgehend der neuen Rechtschreibung entspricht; verschiedene Zeitungen wenden eine eigene Hausorthographie an.

 

 

2000

Juli

Die Akademie gibt am 26. Juli folgende Erklärung ab:

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung würde es begrüßen, wenn Zwischenstaatliche Kommission und Duden bereit wären, mit dem Rückbau der Rechtschreibreform zu beginnen. Es ist höchste Zeit! Die in zahlreichen Publikationen zum Ausdruck kommende Unsinnigkeit, Widersprüchlichkeit und Unverständlichkeit vieler der neuen Regeln ist für den sensiblen Leser schwer erträglich. Hausorthographien verringern zwar manchen Schaden, tragen aber in ihrer Vielfalt zur Verwirrung bei. Wir halten es für ungut, daß immer mehr Verlage die neue Schreibung mit immer neuen Varianten übernehmen. Wir vermögen nicht einzusehen, warum den zuständigen Ministern so viel daran liegt, sich weiterhin dem Gespött der Sprachgemeinschaft auszusetzen. Wir empfehlen dringend, die nach Meinung der Kommission „unumgänglich notwendige“ Reform schleunigst in Angriff zu nehmen. Da dies jedoch aus politischen Gründen nur insgeheim, und indem man sich von Kompromiß zu Kompromiß forthangelt, möglich wäre, scheint der bessere Weg der Selbsthilfe, anders gesagt, der Zivilgesellschaft angesichts staatlicher Hilflosigkeit, der Zivilcourage zu sein. Warum kehrt nicht mindestens eine große Tageszeitung zur alten, rechten Schreibung zurück? Das wäre ein Signal. Damit wäre ein neuer Ausgangspunkt gegeben.

Sich in neuer Schreibung über die neue Schreibung aufzuregen, gerät leicht ins Ridiküle.

Wir bitten herzlich, diesen Text, gegebenenfalls, nur in der Schreibung, in der er abgefaßt ist, abzudrucken

 

August

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kehrt zur alten Schreibweise zurück.

 

Die Akademie gibt folgende Erklärung ab:

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung appelliert an alle Zeitungen, Verlage, Betriebe und staatliche Stellen, der Rechtschreibreform endlich, und ohne lange zu fackeln, das wohlverdiente Ende zu bereiten.

Diese Reform war von Anfang an eine Mißgeburt. Man braucht das nicht eigens zu begründen. Das einhellige Votum der führenden Fachleute, wonach sie auf den Schrotthaufen gehöre, genügt. Doch kann man auch die von den Ministern eingesetzte Kommission zitieren, für die wesentliche Änderungen der Reform „unumgänglich notwendig“ sind. Die einzige veröffentlichte Untersuchung über die Auswirkungen auf die Schule kommt zu einem negativen Ergebnis. Nach all den Manipulationen, die man im Laufe der Zeit erlebt hat, kann man gegenüber anderslautenden Bekundungen aus den Ministerien nur mißtrauisch sein: zumindest haben sie der Öffentlichkeit die Belege dafür vorenthalten. Und jedenfalls können die Erleichterungen beim Erlernen der Schrift bestenfalls minimal sein. Ob der Staat wirklich – im Gegensatz zur gesamten deutschen Tradition mit Ausnahme des NS-Ministers Rust – die Kompetenz beanspruchen darf, tiefer in die Rechtschreibung einzugreifen, mag zu fragen sein. Aber daß es ein Unding war, gegen den in vielen Umfragen eindeutig zum Ausdruck kommenden Willen der weit überwiegenden Mehrheit der Sprachteilnehmer eine Änderung der Schrift per Octroi durchzusetzen, ist nicht zu bezweifeln. Angesichts der schlechten Qualität des neuen Regelwerks war eine Vielfalt verschiedener Hausorthographien abzusehen, ein langfristiges Nebeneinander unterschiedlicher Schreibungen, also eine Menge Verwirrung, gerade auch für die Schüler. Denn Schreiben lernt man ja weitgehend in der Praxis des Lesens. Wenn jetzt von seiten der Ministerien behauptet wird, bei Rücknahme der Reform entstünde Verwirrung an den Schulen, so kann es sich nur um ein kurzfristiges Durcheinander handeln. Das aber ist allemal einem langfristigen vorzuziehen. Wenn bei Rücknahme der Reform Schüler ihre eigenen Schulbücher zunächst korrigieren müssen, so ist erstens Freude damit verbunden, zweitens lernen sie dabei das Schreiben besser, drittens aber fördert es die demokratische Kompetenz, wenn ihnen früh die Erkenntnis beigebracht wird, daß der Staat, wo er seine Kompetenz überschreitet (indem er meint, dem Volk diktieren zu können, daß es etwa hunderte von Wörtern nicht gibt oder das Schneuzen von Schnauze kommt), scheitern muß. Man kann auch nicht zu früh darauf gebracht werden, daß nicht Reformen als solche gut sind, sehr wohl aber solche, die Verbesserungen bringen – und sei es dadurch, daß ein vernünftiger Zustand wiederhergestellt wird.

Wenn schließlich Minister veranlassen, daß Kindern eine Schreibweise beigebracht wird, von der abzusehen ist, daß sie spätestens 2005 stark verändert wird, so ist das, gelinde gesagt, auffällig.

Da sich die Minister aber einmal verrannt haben, muß ihnen die – von Bundeskanzler Schröder so gern beschworene – Zivilgesellschaft zu Hilfe kommen. Indem die, die schon umgestellt haben, die alte, bewährte Schreibung wieder einführen, hätten die Minister, wenn sie klug sind (womit man doch rechnen sollte), die Chance, unter dem Motto „Der Klügere gibt nach“ die Reform aufzugeben. Damit wäre deren Agonie abgekürzt.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Debatte um die Reform, daß man weithin gar nicht für möglich gehalten hat, was man auch nicht für möglich halten sollte, daß nämlich Kultusminister derart auf Abwege geraten können. Doch war und ist es der Fall. Solch ein Mißstand gehört aufgehoben; so rasch wie möglich. Daher unser dringender Aufruf, die Einheit der deutschen Schreibung zu retten.«

 

Oktober

Die Akademie gibt folgendes Buch heraus:

Hanno Birken-Bertsch und Reinhard Markner

»Rechtschreibreform und Nationalsozialismus.

Ein Kapitel aus der politischen Geschichte der deutschen Sprache.«

 

 

2002

Mai

Beschluß der Rechtschreibkommission zur Veröffentlichung der Wörterlisten (Publikation s.u.).

Der Rechtschreibkommission gehören an: Peter Eisenberg, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Friedhelm Kemp, Gustav Korlen, Uwe Pörksen, Harald Weinrich.

 

 

2003

März

Die Akademie legt ihren Kompromißvorschlag vor:

»Zur Reform der deutschen Rechtschreibung. Ein Kompromißvorschlag«

Die jahrelangen Auseinandersetzungen um die Rechtschreibreform haben nicht nur zu heftiger, gelegentlich arg übertriebener Polemik geführt, sondern auch den Sinn für Eigenarten, Vorzüge und Tücken der Schreibung des Deutschen geschärft. Angesichts des nach wie vor lebhaften Streits um die künftige deutsche Rechtschreibung sowie der großen Differenzen im Schreibgebrauch hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit diesem Band einen Vorschlag vorgelegt, der die Einheit der deutschen Rechtschreibung wiederherstellen soll. Dieser Band enthält eine Wörterliste, die aufzeigt, was sich gegenüber der alten Orthographie nach der Reform tatsächlich geändert hat und wie nach Auffassung der Akademie mit den Änderungen umgegangen werden sollte. Nach Einschätzung der Akademie werden alle gravierenden Einwände gegen den Rückbau der Neuregelung auf der Basis dieses Vorschlags gegenstandslos, ohne daß noch einmal eine Kostenlawine auf Schulbuchverlage und Steuerzahler niederginge.

 

November

Acht Akademien der Wissenschaften und Künste appellieren an die Kultusminister, die Rechtschreibreform zu beenden oder grundlegend zu überarbeiten.

 

 

2004

Februar

Zehn Akademien der Wissenschaften und Künste appellieren erneut an die Kultusminister, die Rechtschreibreform grundlegend zu überarbeiten.

 

4. März

Die KMK verschiebt die Beschlußfassung über den vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission und versucht zwischen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Kommission zu vermitteln. Dieser Versuch scheitert.

 

26. Mai

Die Akademie unterrichtet die Kultusminister über das Scheitern der Gespräche mit der Zwischenstaatlichen Kommission. Sie appelliert an die Kultusminister, die Zeit bis zum Ende der Übergangsfrist im Jahre 2005 unbedingt dazu zu nutzen, eine tragfähige Fassung der Neuregelung auszuarbeiten und erklärt ihre Bereitschaft, sich weiter an der Suche nach Wegen aus der verfahrenen Situation zu beteiligen, wenn diese unter der unmittelbaren Verantwortung der KMK stattfindet.

 

Der folgende Brief, der am 26. Mai zunächst vertraulich an die Mitglieder der Ständigen Konferenz der Kultusminister geschrieben wurde, erschien am 4. Juni in der Süddeutschen Zeitung, nachdem bekannt wurde, daß die KMK die Vorschläge der Zwischenstaatlichen Kommission billigt und an dem Datum 1. August 2005 (Verbindlichkeit der Reform) festhält:

 

Die Gespräche zwischen den Vertretern der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung und den Vertretern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über die Verbesserung des amtlichen Regelwerks, die von der Kultusministerkonferenz durch Frau Ministerin Schavan als Auftrag an uns ergangen sind, müssen als gescheitert angesehen werden. Wir bedauern das außerordentlich, nicht nur im Interesse einer vernünftigen Regelung unserer Rechtschreibung, sondern auch weil damit eine Beruhigung der Öffentlichkeit in dieser Sache nicht eintreten kann.

 

Das erste der Gespräche fand am 1. März in Anwesenheit von Frau Ministerin Schavan und unter Leitung von Herrn Minister Reiche statt. Es wurde vereinbart, die weiteren Bemühungen auf den problematischsten Teil der Neuregelung, die Getrennt- und Zusammenschreibung, zu konzentrieren und hier bis zur Sitzung der KMK Anfang Juni einen Konsens anzustreben. Das zweite Gespräch am 23. April, in dem die Gegensätze zwischen der Zwischenstaatlichen Kommission und der Akademie deutlich erkennbar wurden, führte dennoch zu dem von Herrn Generalsekretär Thies und der Zwischenstaatlichen Kommission gebilligten Auftrag an die Akademie, diesen schwierigsten Teil des Regelwerks, nämlich § 34, neu zu formulieren und diesen Formulierungsvorschlag in dem Gespräch am 17. Mai zum Thema zu machen. Dieser unser Text wurde der Kommission vereinbarungsgemäß bis zum 10. Mai zugeleitet.

 

Leider war die Kommission nicht bereit, sich auf den substantiellen Kern des Vorschlags einzulassen und ihn zu diskutieren. Die Mitglieder der Kommission gaben erneut ihre Grundsatzerklärungen ab und kamen trotz wiederholter Bemühungen der übrigen Gesprächsteilnehmer nur auf wenige Einzelheiten der Akademievorlage zu sprechen. Stattdessen wurde darauf bestanden, den Text der amtlichen Regelung wie bisher und mit allenfalls marginalen Änderungen beizubehalten. Als klar wurde, daß keine Konsensbereitschaft bestand und die Vertreter der Kommission nicht dazu bereit waren, den Auftrag der KMK an die Akademie tatsächlich als einen realen Auftrag aufzufassen, mußte das Gespräch abgebrochen werden.

 

Damit wurde eine Chance vertan, den fehlerhaftesten Teil des Regelwerks der notwendigen Revision zu unterziehen, ihn neu zu formulieren und damit einen wichtigen Schritt in Richtung auf einen öffentlichen Rechtschreibfrieden zu tun. Es wird ganz gewiß kein Ende der öffentlichen Kritik geben, solange das nicht geschieht. Auf der bisher ausgearbeiteten Grundlage hätte sich in kurzer Zeit das gesamte Kapitel Getrennt- und Zusammenschreibung neu formulieren lassen. Diese Möglichkeit besteht noch immer.

 

Nach Auffassung der Akademie sollte die Zeit bis zum Ende der Übergangsfrist im Jahre 2005 unbedingt dazu genutzt werden, eine tragfähige Fassung der Neuregelung auszuarbeiten. Der Orthographieunterricht und die Einheitlichkeit unserer Orthographie würden so auf eine sichere Grundlage gestellt und den jüngsten Initiativen der zehn staatlich fundierten deutschen Akademien der Wissenschaften und der Künste sowie des Goethe-Instituts würde in diesem Punkt entsprochen. Die Akademie ist bereit, sich weiter an der Suche nach Wegen aus der verfahrenen Situation zu beteiligen, wenn sie unter der unmittelbaren Verantwortung der KMK stattfindet und damit Aussicht auf Erfolg hat. Gespräche mit Mitgliedern der Kommission, die auf das einmal verabschiedete Regelwerk fixiert sind, sehen wir nicht mehr als erfolgversprechend an. Die Akademie ist auch bereit, sich an Überlegungen zum Verfahren nach Ende der Übergangsfrist zu beteiligen.

 

Wir bitten auf das nachdrücklichste darum, daß die KMK die mit den Konsensgesprächen ergriffene Initiative nicht aus der Hand gibt und auf ihrer Sitzung Anfang Juni weitergehende Beschlüsse faßt, die auf den - nur kurzfristig unbequemen - Weg zur Herstellung des Rechtschreibfriedens führen. Bis zu diesem Zeitpunkt wird die Akademie keine öffentlichen Erklärungen über Inhalt und Verlauf der bisher geführten Gespräche abgeben.

 

Ich muß Sie, sehr verehrte Frau Ministerin/sehr verehrter Herr Minister, im einmütigen Auftrage der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung darum bitten, mir eine kurze Mitteilung darüber zukommen zu lassen, daß Sie dieses Schreiben persönlich zur Kenntnis genommen haben.

 

Mit herzlichen Grüßen,

Prof. Dr. Klaus Reichert

 

3. Juni

Die KMK billigt die Änderungsvorschläge der Zwischenstaatlichen Kommission, die sich im wesentlichen auf die Wiederzulassung von Varianten beziehen, und kündigt an, einen »Rat für deutsche Rechtschreibung« einzusetzen. Die neue Rechtschreibung wird wie geplant zum 1. August 2005 an den deutschen Schulen verbindlich.

 

 

4. Juni

Die Akademie nimmt zum Beschluß der KMK Stellung:

 

Der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung liegt die Beschlußvorlage zur Neuregelung der Rechtschreibung vor, über die in der Sitzung der Kultusministerkonferenz am 3. und 4. Juni befunden wird und deren Annahme bereits öffentlich angekündigt wurde. Die Kultusministerkonferenz wird demnach dem 4. Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung zustimmen. Die Akademie nimmt dazu wie folgt Stellung: Die Kultusministerkonferenz verabschiedet mit einem solchen Beschluß eine unzulängliche, fehlerhafte Neuregelung unserer Rechtschreibung. Sie setzt sich damit in Gegensatz zu einem Großteil der Bevölkerung und schlägt die Warnungen so wichtiger Institutionen wie der Goethe-Institute, aller staatlich fundierten Akademien der Wissenschaften und Künste, des PEN Clubs Deutschland, aber auch zahlreicher Verleger, darunter Schulbuchverleger, und Lehrer sowie unserer namhaftesten Schriftsteller und Wissenschaftler in den Wind.

Angesichts der bekannten Schwierigkeit, institutionalisierte und rechtsförmige Entscheidungsprozesse völlig rückgängig zu machen, hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vor mehr als zwei Jahren das demokratische Verfahren einer Kompromißlösung vorgeschlagen: 1. die vernünftigen Teile des neuen Regelwerks zu übernehmen, 2. unnötige, aber hinnehmbare Neuerungen, bei gleichzeitiger Lockerung der Schreibregeln zu tolerieren, 3. die fehlerhaften, unsere Sprache entstellenden Eingriffe rückgängig zu machen. Ihr Vorschlag firmierte unter der Bezeichnung ‚Rückbau‘. Er war der Kultusministerkonferenz seit langem bekannt. Seit Beginn des Jahres 2003 lag eine ausgearbeitete Version vor, die den Gesamtwortschatz des Deutschen berücksichtigt. Die Kultusministerkonferenz ist erst im Frühjahr dieses Jahres, unter dem Eindruck der Anfang Juni bevorstehenden Verabschiedung des 4. Berichts der Zwischenstaatlichen Kommission, auf den Vorschlag der Deutschen Akademie eingegangen. In den von der KMK initiierten Sachgesprächen vom 23. April und 17. Mai zeigten die Vertreter der Zwischenstaatlichen Kommission dann aber keinerlei Bereitschaft, sich auf die von der Akademie vorgelegte Neuformulierung des fehlerhaftesten Teils des neuen Regelwerks (§ 34, Getrennt- und Zusammenschreibung) einzulassen. Die Gespräche mußten abgebrochen werden. Zu einer Umarbeitung des von der Deutschen Akademie weitgehend abgelehnten 4. Kommissionsberichts wurde sie nicht hinzugezogen. Am 26. Mai hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung die in der KMK vertretenen Ministerinnen und Minister noch einmal persönlich gebeten, sich für die Fortführung sachbezogener Gespräche über die Korrektur des neuen Regelwerks einzusetzen und diesen Prozeß nicht durch einen politisch wie sachlich falschen Beschluß in ihrer Sitzung am 3. und 4. Juni zu verhindern. Die Verantwortung für die Verabschiedung einer in den Grundsätzen wie deren Ausführung verunglückten Neuregelung unserer Rechtschreibung liegt bei den Kultusministern der Länder. Ein Rückbau ist nach wie vor dringend erforderlich.

 

16. Juni

Niedersachsens Ministerpräsident Wulff (CDU) fordert die Rückkehr zur alten Rechtschreibung, andere Ministerpräsidenten und hochrangige Politiker schließen sich dieser Forderung an oder plädieren für ein Moratorium.

 

6. August

Der Axel-Springer-Verlag, der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung kündigen an, zur bewährten Rechtschreibung zurückzukehren.

 

17. August

Die Akademie gibt zur aktuellen Diskussion um die Rechtschreibung folgende Erklärung heraus:

 

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung begrüßt die Entscheidung des »Spiegel«, der »Springer-Presse« und der »Süddeutschen Zeitung«, zur alten Recht-schreibung zurückzukehren. Dies ist, zusätzlich zu der Initiative des Ministerpräsidenten Wulff, die andere Ministerpräsidenten aufgegriffen haben und weitere aufgreifen sollten, ein Anstoß zur Besinnung in sozusagen letzter Minute, vor allem aber dazu, die Dinge nun nicht einfach laufen zu lassen. Die Deutsche Akademie hat auf ihrer Frühjahrstagung in St. Petersburg eine deutliche Erklärung zur Frage der Rechtschreibung abgegeben. Nach unserer Meinung ist die Situation vom Politischen und von der Sache her nunmehr so, daß es weder eine schlichte Rückkehr zur alten Rechtschreibung noch die bloße Fest-schreibung der neuen geben kann. Was die letztere angeht, ist auch der vorgesehene Sprachrat, dessen Besetzung ja noch ziemlich offen ist (es verlautete nur, daß er auch Gegnern der neuen Rechtschreibung offen sein soll), keine Garantie. Und man sollte sich darüber im klaren sein, daß sich die große Unruhe durch die Festlegung auf die neue Rechtschreibung keineswegs legen würde. Es gibt nun eine wahrhaft starke Phalanx gegen diese Rechtschreibung: die deutschsprachigen Akademien, der deutsche PEN, die deutschsprachigen Schriftsteller nahezu ausnahmslos, die deutsche Presse nunmehr doch wohl in ihrer Mehrheit, viele deutschsprachige Sprachwissenschaftler, die deutliche Mehrheit dann vor allem, wie es scheint, der Bevölkerung. Die Neuerer, eine Gruppe von germanistischen Sprachwissenschaftlern, keineswegs also die deutschen Sprachwissen­schaftler insgesamt, hatten ihre Chance. Es ist ihnen und den Kultusministern nicht geglückt – sehr vorsichtig gesagt -, eine ausreichende Zustimmung zu finden. Auch nicht unter den Lehrern. Eine Reform dieser Art kann unter demokratischen Verhältnissen gegen einen quantitativ und qualitativ so starken Widerstand schwerlich durchgesetzt werden, auch wenn sie »formal« unangreifbar ist. Nun muß es einen klaren Neuanfang geben. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat im Jahr 2003 (unter der Federführung des Sprachwissenschaftlers Peter Eisenberg) eine Schrift vorgelegt »Zur Reform der deutschen Rechtschreibung. Ein Kompromißvorschlag«, die für einen solchen Neubeginn eine gute Grundlage sein kann, ein Neubeginn, der nun zunächst einmal politisch ermöglicht werden muß.

22. August

Gegner der Reform gründen am Sonntag in München einen »Rat für deutsche Rechtschreibung«. Zum Vorsitzenden wurde der Münchner Publizist Hans Krieger gewählt, Ehrenmitglieder sind unter anderem Elfriede Jelinek, Wulf Kirsten, Günter Kunert und Reiner Kunze.

 

23. August

Wiener Gespräch über Rechtschreibreform. Die deutschen Mitglieder der Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung sollen bis zum kommenden Oktober einen Entwurf der Aufgaben und der Zusammensetzung des geplanten Rats für deutsche Rechtschreibung vorlegen, der die Zwischenstaatliche Kommission ablösen soll.

 

30. August

Die Akademie veranstaltet eine Pressekonferenz zur aktuellen Diskussion um die Rechtschreibung in der Akademie der Künste in Berlin. In der Einladung zur Pressekonferenz heißt es:

 

Es wird Zeit, nach Auswegen aus der verfahrenen Debatte um die Rechtschreibreform zu suchen. Der Kompromißvorschlag der Akademie wird im Rahmen dieser Veranstaltung ausführlich erläutert. Für die Beantwortung aller Arten von Fragen stehen zur Verfügung: Klaus Reichert (Präsident der Deutschen Akademie), Peter Eisenberg, Uwe Pörksen, Hartmut von Hentig, Hans-Martin Gauger und Friedrich Dieckmann (für die adk)

 

Seit sieben Jahren leben wir mit einer gespaltenen Orthographie. Die meisten Älteren schreiben anders als die Jüngeren, und was die Jugendlichen außerhalb der Schule lesen, ist häufig nicht so geschrieben wie ihre Schulbücher. Trotz großer Bemühung von unter-schiedlicher Seite konnte die Gespaltenheit nicht überwunden werden. Sie droht sich jetzt zu verfestigen und zu vertiefen. Die Kultusminister halten an der Neuregelung fest, während ein sehr wichtiger Teil der Presse die auch bisher schon bedeutende Opposition gegen die Neuregelung in naher Zukunft verstärken wird.

Die Folgen der gesamten Entwicklung sind zumindest mittelfristig bedrohlich. Der Schriftspracherwerb wird erschwert, die Einheitlichkeit des Schreibgebrauchs preisgegeben, die Attraktivität des Deutschen als Lernersprache beeinträchtigt. Vor allem aber wird die deutsche Sprache selbst in Mitleidenschaft gezogen. Es ist deshalb nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, sondern allein für die Suche der einflußreich Beteiligten nach einem für möglichst viele Seiten gangbaren Weg aus der verfahrenen Situation.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sieht den wichtigsten Grund für die fehlende Akzeptanz der Neuregelung bei ihren inhaltlichen Mängeln. Man kann eine hochliteralisierte Sprachgemeinschaft nicht zur Verwendung einer Orthographie zwingen, die gegen das Sprachwissen und gegen das Sprachgefühl des normalen Sprachteilhabers verstößt. Man kann sie auch nicht zur Verwendung Hunderter von Wortschreibungen zwingen, die sich nicht aus dem allgemeinen Schreibgebrauch ergeben, sondern willkürlich gesetzt sind. Deshalb wird sich der Widerstand weder durch Kommissionen, noch durch Beiräte, Verordnungen oder Hochglanzbroschüren, sondern nur durch eine sachgerechte Veränderung des Regelwerks mit den zugehörigen Schreibweisen beenden lassen. Die Zeit bis zum Ende der Übergangsfrist im Juli 2005 oder einer etwas darüber hinausgehenden Frist muß zu konstruktiver Arbeit an einer Lösung genutzt werden. Als eine Grundlage dafür hat die Akademie ihren Kompromißvorschlag ausgearbeitet, der sowohl die sprachlichen als auch die pädagogischen und ökonomischen Probleme einer künftigen Regelung ins Auge faßt.

Der Kompromißvorschlag der Akademie läßt besonders sichtbare Züge der Neuregelung bestehen, soweit sie sprachlich verantwortbar sind, allem voran die Ersetzung des ß nach Kurzvokalbuchstaben durch ss, aber auch anderes. Dadurch wird vermieden, daß beispielsweise Schulbücher neu gedruckt werden müssen. Andererseits verfolgt der Vor-schlag dort einen konsequenten Rückbau, wo die Neuregelung gegen die Sprachstruktur verstößt, wo sie die Ausdruckskraft und Ausdrucksvielfalt des Deutschen beschädigt, wo sie zu falschen Schreibweisen verleitet und wo sie sogar zur Beseitigung von Wörtern führt oder beiträgt. Betroffen ist in erster Linie die Getrennt- und Zusammenschreibung, danach die Groß- und Kleinschreibung, die Silbentrennung, die Schreibung der Fremd-wörter und eine Reihe von Einzelfällen.

 

Auf der Pressekonferenz wird folgender Vorschlag vorgelegt:

 

Zur Situation der Rechtschreibreform

Vorschlag einer Lösung

 

1. Das Kind liegt im Brunnen. Seit der Entscheidung großer Teile der Presse, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren und der Zustimmung dar KMK zum probeweise eingeführten Regelwerk droht eine langfristige Spaltung.

2. Es führt zur Zeit nicht weiter, sich an die Schuldigen zu wenden, wohl aber an die Verantwortlichen.

3. Die Verantwortung für die entstandene Situation hat der Staat:

einmal indem er die Rechtschreibreform angeregt hat, das neue Regelwerk akzeptieren und entschlossen zu sein scheint, es als Hoheitsträger insbesondere im Schulbereich durchzusetzen;

dann, weil er eine recht weitgehende, umstrittene und zum Teil fehlerhafte Neuregelung des Schreibgebrauchs gegen eine Mehrheit der Bevölkerung und den vereinigten Sachverstand angesehenster Institutionen und Persönlichkeiten durchsetzen will;

schließlich, weil er als Staat für einen solchen Eingriff über keine Legitimation verfügt.

4. Der Staat trägt in diesem Fall Verantwortung für eine Einheit der Rechtschreibung, aber für ihre inhaltliche Regelung ist er nicht zuständig.

5. Zur Zeit stehen sich zwei Gruppen von Unbedingten gegenüber, die entschiedenen Befürworter der Reform, die ein Ende der Diskussion herbeiführen wollen, und die strikten Anwälte einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Die große Zahl der Verunsicherten und verwirrten Bürger und derer, die sich eine bescheidene, begrenzte Reform vorstellen können, hat zur Zeit kaum eine öffentliche Stimme.

6. Theoretisch lassen sich drei Lösungen denken, wenn eine Einheit der Rechtschreibung wieder hergestellt werden soll:

1. die Durchsetzung des neuen Regelwerks

2. die Rückkehr zur alten Rechtschreibung

3. die Beschränkung auf eine begrenzte Reform als Kompromiß.

Praktisch haben die Lösungen 1 und 2 kaum eine Chance. Die Lösung, daß der Staat das neue Regelwerk allgemein durchsetzt, scheint nicht möglich, da große Teile der Bevölkerung und der institutionalisierten Öffentlichkeit ihm nicht folgen, weil sie der Struktur unserer Sprache nicht entspricht. Sie ist deshalb auch nicht wünschenswert. Die Lösung einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung, für die unseres Erachtens sachlich das meiste spricht, ist dadurch sehr erschwert, daß die bisherige Einführung des Reformvorschlags sich auf der Straße der Legalität bewegt hat und in manchen Bereichen, in und außerhalb der Schule, durchgesetzt ist. Insofern wäre die aussichtsreichste Lösung die einer begrenzten, reduzierten Reform; Übernahme von Teilen des neuen Regelwerks, die brauchbar sind; Erweiterung des Spielraums von Schreibnormen; Rückkehr zur hergebrachten Rechtschreibung, wo die neue fehlerhaft ist.

7. Dazu ist ein Rat zu berufen, der bereit ist, diese Sichtung vorzunehmen und den Weg einer entschieden reduzierten und der Sache eines vernünftigen Schreibgebrauchs dienenden Regelwerks einzuschlagen. Damit das Gremium erfolgreich arbeiten kann, sind folgende Voraussetzungen sicherzustellen:

- es muß vom Willen zum Ausgleich der widerstreitenden Interessen getragen sein;

- eine kleine Zahl von kompetenten Mitgliedern haben;

- über Entscheidungsbefugnisse verfügen;

- über einen Apparat verfügen, der es erlaubt, in Einzelfragen den allgemeinen Sprachgebrauch empirisch zu erheben;

- der Rat muß in die Lage versetzt werden, einen Vorschlag möglichst bis zum Ende der Übergangszeit im Sommer 2005 auszuarbeiten.

 

20. August

Die KMK gibt eine Presseerklärung zum nochmaligen Vorlage des Kompromißvorschlages der Akademie ab und zu ihrer Forderung umgehend einen neuen Rat zu berufen.

Darin heißt es:

»Die Kultusministerkonferenz hat bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass sie die Einsetzung eines Rats für deutsche Rechtschreibung anstrebt, in dem auch Kritiker des derzeitigen Regelwerks mitarbeiten sollen. Der Rat soll die wichtigsten wissenschaftlich und praktisch an der Sprachentwicklung beteiligten Gruppen repräsentieren. Die Kultusministerkonferenz wird der Öffentlichkeit noch im September einen entsprechenden Vorschlag vorlegen

 

6. – 8. Oktober

Die Ministerpräsidentenkonferenz befaßt sich mit dem Thema Rechtschreibreform und beschließt, daß die neue Rechtschreibung – wie schon bisher vorgesehen – am 1. August in Kraft trete. Als Zugeständnis an die Reformgegner – vor allem Niedersachsens Ministerpräsident Wulff und Saarlands Ministerpräsident Müller (beide CDU) – beschlossen sie, die Berufung des Rats für Deutsche Rechtschreibung, die zuvor die KMK beschlossen hatte, zu unterstützen. Die Ministerpräsidenten äußerten die Erwartung, daß der Rat plural (Gegner und Befürworter) zusammengesetzt wird. Zudem äußerten sie die Erwartung, daß gegebenenfalls Änderungen in den Bereichen: Getrennt- und Zusammenschreibung, Fremdwörter, Interpunktion und Trennung so rechtzeitig vorgeschlagen werden, daß sie zum 1. August 2005 in Kraft treten können.

 

22. Oktober

Nach ihrer Mitgliederversammlung gibt die Akademie folgende Erklärung zur Beteiligung am Rat für Rechtschreibung ab. Der Rat soll 36 Mitglieder vereinen. Der Akademie wurden zwei Sitze innerhalb des Gremiums angeboten.

 

Beschluß der Mitgliederversammlung:

Die von den Kultusministern der deutschen Länder und den entsprechenden staatlichen Stellen Österreichs und der Schweiz beschlossene ‚Reform‘ der Rechtschreibung hat einen katastrophalen Zustand der deutschen Schreib- und Lesesprache herbeigeführt. Die jetzt herrschende Uneinheitlichkeit und fortschreitende Beliebigkeit der Rechtschreibung wird durch bloßes Aussitzen der Reform-Befürworter wie der Reform-Kritiker nicht mehr beseitigt werden können.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist nicht bereit, dem von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Rat für deutsche Rechtschreibung beizutreten, da dessen Aufbau falsch und dessen Arbeitsbedingungen unzulänglich sind. Die Akademie ist der Überzeugung, daß die weiterhin notwendige Anpassung der Rechtschreibung an die Entwicklung der deutschen Sprache auf anderem Wege erreicht werden muß: durch eine neu zu schaffende nichtstaatliche Instanz. An der Bildung einer solchen Instanz mitzuwirken, ist die Akademie bereit.

 

29. November

Mitteilung der KMK:

Der frühere bayerische Kultus- und Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) soll als Vorsitzender den Rat für deutsche Rechtschreibung leiten.

 

17. Dezember

Der Rat für deutsche Rechtschreibung konstituiert sich in Mannheim. Hans Zehetmair wird zum Vorsitzenden gewählt. Bis zum 15. Januar sollen ihm die Ratsmitglieder ihre orthographischen Vorschläge vorlegen.

 

 

2005

 

Juni

 

Die Akademie erklärt am 3. Juni ihren Beitritt zum Rat für Rechtschreibung.

Das Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hat beschlossen, daß die Akademie künftig nicht nur weiter an der inhaltlichen Ausarbeitung der „Reform der Reform“ mitwirkt, sondern auch zwei Vertreter, Peter Eisenberg und Uwe Pörksen, in den Rat für Rechtschreibung entsendet, der am 3. Juni über die von einer Arbeitsgruppe vorgelegte Neuformulierung abstimmen wird. Angesichts des ungewissen Ausgangs der Entscheidungsprozesse im Rat fühlt sie sich, trotz ihrer massiven Einwände gegen dieses Gremium, dazu verpflichtet, die erfolgreiche Verabschiedung des Rechtschreibkompromisses, der in den letzten Wochen gemeinsam errungen worden ist, mit dem Gewicht ihrer Stimmen zu unterstützen.

Es ist keineswegs gesichert, daß alle Mitglieder des Rates für Rechtschreibung an einem derartigen Erfolg interessiert sind. Seine Zusammensetzung und die für inhaltliche Entscheidungen vorgesehene 2/3-Mehrheit bergen das Risiko, daß eine Gruppe unbeirrbarer Verfechter des Reformwerks diese positive Entwicklung scheitern läßt. Die Entscheidungssituation ist äußerst knapp.

 

Auf Ihrer Mitgliederversammlung im Oktober 2004 hatte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung beschlossen, dem neu gegründeten Rat für Rechtschreibung nicht beizutreten. Die geplante Zusammensetzung ebenso wie der vorgegebene Arbeitsauftrag dieses neuen Gremiums waren nicht geeignet, die dringend gebotenen Korrekturen am Reformwerk vorzunehmen. Die Akademie hatte damals ihre Ablehnung, im Rat mitzuarbeiten, mit dem Angebot verbunden, kompetente inhaltliche Arbeitsprozesse, die der Sache dienen, jederzeit unterstützten zu wollen. Ihr Kompromißvorschlag stand und steht für diesen Versuch, einen überzeugenden Ausweg aus dem Rechtschreibkonflikt zu weisen, ebenso wie ihre wiederholten Bemühungen um einen sachlichen Austausch mit den Vertretern des Reformwerks und ihre vielfältigen Gesprächsangebote an die politisch Verantwortlichen. Deshalb hatte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung die Entscheidung des Vorsitzenden des Rates Hans Zehetmair begrüßt, arbeitsfähige Gremien einzusetzen, um in einem sach- und ergebnisorientierten Prozeß das Regelwerk neu zu fassen. Auf Einladung des Vorsitzenden wirkte unser Mitglied Peter Eisenberg in der Arbeitsgruppe mit, die sich mit dem wohl umstrittensten Teil der Rechtschreibreform, der Getrennt- und Zusammenschreibung, befaßt hat. Diese Gruppe hat in konstruktiver Zusammenarbeit vorgeführt, wie eine „Reform der Reform“ gelingen könnte. Die ausgearbeiteten Neuformulierungen bieten jetzt noch einmal die Chance, den Rechtschreibfrieden zurückzugewinnen und im Interesse der Einheit der deutschen Sprache zu einem sachlich begründeten Kompromiß zu finden. Befürworter wie Gegner der Reform werden daran gemessen werden, ob sie die damit verbundene Verantwortung wahrnehmen.

 

 

 

 

Anmerkung:

Erwähnt werden hier nur öffentliche Erklärungen und Ergebnisse der Arbeit der Akademie in Sachen Rechtschreibreform sowie die wichtigsten Daten der Einführung der »Reform«. Nicht also die verschiedenen Gerichtsurteile, die Bundestagsdebatte, das Volksbegehren in Schleswig-Holstein und der Landtags-Beschluß zur Aufhebung seines Ergebnisses, die Stadien der offiziellen Einführung in den Behörden. Auch nicht die Vorschläge von Politikern.