Akademie und Rechtschreibreform
(Chronologie)
Die folgende
Aufstellung beginnt mit dem Jahr, in dem sich die Akademie zum ersten Mal zur
Rechtschreibreform äußerte.
1996
In der Presseerklärung der deutschen Kultusminister heißt
es, der gemeinsame Zeitplan sehe vor, »daß die Neuregelung der Rechtschreibung
am 1.8.1998 wirksam wird«.
August
1997
Die Mitgliederversammlung setzt eine
Rechtschreibkommission ein. Gewählt werden: Eustaquio
Barjau, Günther Drosdowski, Hans-Martin Gauger, Georges-Arthur Goldschmidt, Hartmut von Hentig, Friedhelm Kemp, Uwe Pörksen,
Harald Weinrich.
Die
Deutsche Akademie gibt folgende Erklärung ab, die an alle Kulturbehörden im In-
und Ausland versandt und zugleich veröffentlicht wird:
»In Sachen Rechtschreibung ist eine nur mehr schwer erträgliche
Lage entstanden. Die Reform wird wegen offenkundiger Mängel von der Mehrheit
der Bevölkerung nicht angenommen. Durch die Auskunft, die Neuregelung gelte
ausschließlich für Behörden und Schulen, wird – angesichts nicht nachlassender
Widerstände – unnötigerweise die Einheit der deutschen Rechtschreibung aufs
Spiel gesetzt. Die Folge sind vielfältige Irritationen gerade der Schüler.
Juristische
Einwände sowie die Bestrebungen, durch Volksbegehren und Parlamentsbeschlüsse
in Bund und Ländern (und nicht nur in Deutschland) die Verbindlichkeit der
Reform für ganze Bereiche aufzuheben respektive gar nicht erst einzuführen, erzeugen
eine wachsende Unsicherheit, die Schülern und Lehrern, Verlegern sowie der
auswärtigen Sprach- und Kulturarbeit schweren Schaden zufügt. Es kann auch
keinem daran gelegen sein, daß wir uns in der internationalen Öffentlichkeit
zum Gespött machen.
Daher hat die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung beschlossen, eine Kommission zu
bilden, die Vorschläge erarbeiten soll, wie eine einheitliche deutsche
Rechtschreibung sowie deren sinnvolle Fortbildung künftig zu gewährleisten ist.
Diese Vorschläge sollen noch vor dem Termin des geplanten Inkrafttretens der
Neuregelung vorliegen. Der Kommission gehören an: Eustaquio
Barjau, Günther Drosdowski, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig,
Friedhelm Kemp, Uwe Pörksen, Harald Weinrich.«
Die Rechtschreibkommission tagt am
4. Juli und gibt folgende Erklärung ab:
»Die
Rechtschreibkommission der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hält
eine gründliche Revision der Rechtschreibreform für notwendig und spricht sich
gegen eine überstürzte Einführung aus. Nach ihrer Einschätzung braucht man für
die Revision mindestens ein Jahr – auf allen Seiten des gegenwärtigen
Konflikts. Die Kommission wird ihrerseits Maximen der Schreibkultur aufstellen
und so bald wie möglich veröffentlichen. Sie fordert ein Moratorium in dem
Sinne, daß nicht weitere vollendete Tatsachen in Schule, Verlagswesen und
Verwaltung geschaffen werden.«
Die Rechtschreibkommission tagt am
22. Oktober. Drei ausgearbeitete Vorschläge über die Maximen der Schreibkultur
liegen vor. Da die Tagung der Kultusministerkonferenz sowie der
Ministerpräsidenten bevorsteht, bittet die Kommission erneut um ein Moratorium:
»Wir bitten,
die für den 1. August 1998 verordnete Rechtschreibreform wegen ihrer erwiesenen
Unstimmigkeiten und Ungereimtheiten nicht in Kraft zu setzten. Die
Rechtschreibung ist eine Sache der ganzen Sprachgemeinschaft. Sie kann nicht
zum Gegenstand staatlicher oder staatlich autorisierter Regelungen gemacht
werden; nicht im einzelnen, schon gar nicht durch so wesentliche Eingriffe, wie
die Reform sie vorsieht. Die Schreibnorm muß vielmehr von Zeit zu Zeit dem
Wandel der Schreibgewohnheiten behutsam und kritisch angeglichen werden. Die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist grundsätzlich bereit, bei der
Festlegung der dazu nötigen Verfahren wie auch bei den Verfahren selbst
mitzuwirken.«
1998
Januar
Die Deutsche Akademie folgt der
Einladung der von den Kultusministern beauftragten Mannheimer Kommission zu
einer Anhörung. Es wird dort durch die Pressereferentin der Akademie eine von
der Rechtschreibkommission der Deutschen Akademie verfaßte Erklärung verlesen:
Der Entwurf des
Berichts der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung
enthält gegenüber der in der Absichtserklärung vom 1. Juli 96 beschlossenen Neuregelung
eine Reihe von Konzessionen im einzelnen.
Da er aber von
der Absicht geleitet ist, nicht nur das Regelwerk möglichst unberührt zu
lassen, sondern die „kleinen inhaltlichen Modifikationen“ so einzurichten, daß
„alle vorliegenden Wörterbücher...ihre Gültigkeit behalten“, verfehlt er seinen
Zweck. Unter diesen Umständen bleibt der Kommission angesichts verschiedener
berechtigter Einwände fast nicht anderes übrig, als die Zahl der erlaubten
Varianten beträchtlich zu vermehren. Daß eine Reihe von mit guten Gründen
beanstandeten unsinnigen Regelungen und Schreibungen trotzdem beibehalten
werden soll, sei nur am Rande erwähnt. Der Bericht muß also eine weitere
Gefährdung der Einheit der deutschen Rechtschreibung zur Folge haben, auf deren
Wahrung hinzuwirken der Kommission gerade aufgegeben ist. Ohnehin steht
angesichts der starken Widerstände in der Öffentlichkeit außer Zweifel, daß
diese Einheit durch die neuen Regeln stark beeinträchtigt wird, da sich die
Mitglieder der Sprachgemeinschaft in ihrer Mehrheit daran nicht halten werden.
Jetzt wird durch die Zulassung zahlreicher Varianten auch noch die Einheit der
neuen Schreibung unterminiert. Statt der angestrebten Einfachheit verbreitet
sich zunehmend Wirrwarr. Und die „Gültigkeit“ der neugesetzten Wörterbücher
wird jedenfalls dadurch eingeschränkt, daß sie eben die ganze Reihe neuerdings
wieder möglicher Varianten nicht einhalten. Wie auf diese Weise die „Akzeptanz
der neuen Rechtschreibung“ erhöht werden soll, ist unerfindlich.
Statt Eiertänze
aufzuführen, um etwas für weitgehend unverändert, nur eben für die
Öffentlichkeit schmackhafter, auszugeben, was in Wirklichkeit ein anderes ist,
sollte man nach unserm Urteil besser konsequent die Fehler und Mängel des neuen
Regelwerks eingestehen und abstellen; wenn man überhaupt noch auf den
eingeschlagenen Bahnen fortfahren will. In dieser Lage zu den Vorschlägen im einzelnen Stellung zu nehmen, scheint der Akademie nicht
sinnvoll. Sie glaubt nicht, daß man auf diesem Wege zu einer befriedigenden
Lösung kommt. Sie appelliert deswegen noch einmal sehr eindringlich an die
Kultusminister, diese Reform, die zunehmend Verwirrung anrichtet, endlich zu
stoppen. Die Deutsche Akademie sieht es nach wie vor als ihre Aufgabe an, für
die Schreibung der deutschen Sprache Sorge zu tragen und an einer sinnvollen
Vereinfachung und Verbesserung mitzuwirken. Es muß dazu nach einem Verfahren
gesucht werden, das geeignet ist, eine allgemein zu akzeptierende, behutsame
Korrektur der Rechtschreibung zu gewährleisten.
Der Präsident, Christian
Meier, schickt nach Abstimmung mit der Rechtschreib-kommission
einen Brief an die Kultusministerkonferenz, in welchem die Deutsche Akademie
ihre Bereitschaft erklärt, eine Kompromißlösung zu erarbeiten und
Widersinnigkeiten der Reform »auszukämmen«.
Mai
Christian
Meier folgt der Einladung zu einer Anhörung beim Bundesverfassungsgericht, die
anläßlich der Klage eines Lübecker Elternpaares stattfindet.
Peter Eisenberg, seit 1998
Mitglied der Akademie, wird in die Rechtschreibkommission gewählt.
Juli
Urteil des
Bundesverfassungsgerichts am 14. Juli. Karlsruhe attestiert den
Kultusministern, daß sie eine Reform verordnen dürfen, ohne dazu
parlamentarisch ermächtigt zu sein.
August
Offizielle Einführung der neuen
Schreibweise an Schulen.
1999
Die Deutsche Akademie legt ihren »Vorschlag zur
Neuregelung der Orthographie« vor mit dem Ziel, die Einheit der deutschen
Rechtschreibung wiederherzustellen.
Es heißt:
»Unser
Vorschlag geht angesichts der Machtverhältnisse von der Neuregelung aus und
übernimmt von ihr nicht nur, was sinnvoll, sondern auch, was ohne nennenswerten
Schaden hinnehmbar ist. Andererseits bezeichnet er aber das, was nicht
akzeptiert werden kann, was also zurückgebaut werden muß.«
Die
Presse-Agenturen und die meisten Zeitungen stellen auf eine Schreibweise um,
die weitgehend der neuen Rechtschreibung entspricht; verschiedene Zeitungen
wenden eine eigene Hausorthographie an.
2000
Die Akademie gibt am 26. Juli
folgende Erklärung ab:
»Die Deutsche Akademie
für Sprache und Dichtung würde es begrüßen, wenn Zwischenstaatliche Kommission
und Duden bereit wären, mit dem Rückbau der Rechtschreibreform zu beginnen. Es
ist höchste Zeit! Die in zahlreichen Publikationen zum Ausdruck kommende
Unsinnigkeit, Widersprüchlichkeit und Unverständlichkeit vieler der neuen
Regeln ist für den sensiblen Leser schwer erträglich. Hausorthographien
verringern zwar manchen Schaden, tragen aber in ihrer Vielfalt zur Verwirrung bei.
Wir halten es für ungut, daß immer mehr Verlage die neue Schreibung mit immer
neuen Varianten übernehmen. Wir vermögen nicht einzusehen, warum den
zuständigen Ministern so viel daran liegt, sich weiterhin dem Gespött der
Sprachgemeinschaft auszusetzen. Wir empfehlen dringend, die nach Meinung der
Kommission „unumgänglich notwendige“ Reform schleunigst in Angriff zu nehmen.
Da dies jedoch aus politischen Gründen nur insgeheim, und indem man sich von
Kompromiß zu Kompromiß forthangelt, möglich wäre, scheint der bessere Weg der
Selbsthilfe, anders gesagt, der Zivilgesellschaft angesichts staatlicher
Hilflosigkeit, der Zivilcourage zu sein. Warum kehrt nicht mindestens eine
große Tageszeitung zur alten, rechten Schreibung zurück? Das wäre ein Signal.
Damit wäre ein neuer Ausgangspunkt gegeben.
Sich in neuer
Schreibung über die neue Schreibung aufzuregen, gerät leicht ins Ridiküle.
Wir bitten herzlich,
diesen Text, gegebenenfalls, nur in der Schreibung, in der er abgefaßt ist,
abzudrucken.«
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung
kehrt zur alten Schreibweise zurück.
Die Akademie gibt folgende
Erklärung ab:
»Die Deutsche Akademie
für Sprache und Dichtung appelliert an alle Zeitungen, Verlage, Betriebe und
staatliche Stellen, der Rechtschreibreform endlich, und ohne lange zu fackeln,
das wohlverdiente Ende zu bereiten.
Diese Reform war von
Anfang an eine Mißgeburt. Man braucht das nicht eigens zu begründen. Das
einhellige Votum der führenden Fachleute, wonach sie auf den Schrotthaufen
gehöre, genügt. Doch kann man auch die von den Ministern eingesetzte Kommission
zitieren, für die wesentliche Änderungen der Reform „unumgänglich notwendig“
sind. Die einzige veröffentlichte Untersuchung über die Auswirkungen auf die
Schule kommt zu einem negativen Ergebnis. Nach all den Manipulationen, die man
im Laufe der Zeit erlebt hat, kann man gegenüber anderslautenden Bekundungen
aus den Ministerien nur mißtrauisch sein: zumindest haben sie der
Öffentlichkeit die Belege dafür vorenthalten. Und jedenfalls können die Erleichterungen
beim Erlernen der Schrift bestenfalls minimal sein. Ob der Staat wirklich – im
Gegensatz zur gesamten deutschen Tradition mit Ausnahme des NS-Ministers Rust –
die Kompetenz beanspruchen darf, tiefer in die Rechtschreibung einzugreifen,
mag zu fragen sein. Aber daß es ein Unding war, gegen den in vielen Umfragen
eindeutig zum Ausdruck kommenden Willen der weit überwiegenden Mehrheit der
Sprachteilnehmer eine Änderung der Schrift per Octroi
durchzusetzen, ist nicht zu bezweifeln. Angesichts der schlechten Qualität des
neuen Regelwerks war eine Vielfalt verschiedener Hausorthographien abzusehen,
ein langfristiges Nebeneinander unterschiedlicher Schreibungen, also eine Menge
Verwirrung, gerade auch für die Schüler. Denn Schreiben lernt man ja weitgehend
in der Praxis des Lesens. Wenn jetzt von seiten der Ministerien behauptet wird,
bei Rücknahme der Reform entstünde Verwirrung an den Schulen, so kann es sich
nur um ein kurzfristiges Durcheinander handeln. Das aber ist allemal einem
langfristigen vorzuziehen. Wenn bei Rücknahme der Reform Schüler ihre eigenen
Schulbücher zunächst korrigieren müssen, so ist erstens Freude damit verbunden,
zweitens lernen sie dabei das Schreiben besser, drittens aber fördert es die
demokratische Kompetenz, wenn ihnen früh die Erkenntnis beigebracht wird, daß
der Staat, wo er seine Kompetenz überschreitet (indem er meint, dem Volk
diktieren zu können, daß es etwa hunderte von Wörtern
nicht gibt oder das Schneuzen von Schnauze kommt), scheitern muß. Man kann auch
nicht zu früh darauf gebracht werden, daß nicht Reformen als solche gut sind,
sehr wohl aber solche, die Verbesserungen bringen – und sei es dadurch, daß ein
vernünftiger Zustand wiederhergestellt wird.
Wenn schließlich
Minister veranlassen, daß Kindern eine Schreibweise beigebracht wird, von der
abzusehen ist, daß sie spätestens 2005 stark verändert wird, so ist das,
gelinde gesagt, auffällig.
Da sich die Minister
aber einmal verrannt haben, muß ihnen die – von Bundeskanzler Schröder so gern
beschworene – Zivilgesellschaft zu Hilfe kommen. Indem die, die schon
umgestellt haben, die alte, bewährte Schreibung wieder einführen, hätten die
Minister, wenn sie klug sind (womit man doch rechnen sollte), die Chance, unter
dem Motto „Der Klügere gibt nach“ die Reform aufzugeben. Damit wäre deren
Agonie abgekürzt.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Debatte um die Reform, daß
man weithin gar nicht für möglich gehalten hat, was man auch nicht für möglich
halten sollte, daß nämlich Kultusminister derart auf Abwege geraten können.
Doch war und ist es der Fall. Solch ein Mißstand gehört aufgehoben; so rasch
wie möglich. Daher unser dringender Aufruf, die Einheit der deutschen
Schreibung zu retten.«
Die Akademie gibt folgendes Buch heraus:
Hanno Birken-Bertsch und
Reinhard Markner
»Rechtschreibreform und
Nationalsozialismus.
Ein Kapitel aus der politischen Geschichte der
deutschen Sprache.«
2002
Mai
Beschluß
der Rechtschreibkommission zur Veröffentlichung der Wörterlisten (Publikation s.u.).
Der Rechtschreibkommission gehören an: Peter
Eisenberg, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Friedhelm Kemp, Gustav Korlen,
Uwe Pörksen, Harald Weinrich.
2003
März
Die
Akademie legt ihren Kompromißvorschlag vor:
»Zur
Reform der deutschen Rechtschreibung. Ein Kompromißvorschlag«
Die jahrelangen
Auseinandersetzungen um die Rechtschreibreform haben nicht nur zu heftiger,
gelegentlich arg übertriebener Polemik geführt, sondern auch den Sinn für
Eigenarten, Vorzüge und Tücken der Schreibung des Deutschen geschärft.
Angesichts des nach wie vor lebhaften Streits um die künftige deutsche
Rechtschreibung sowie der großen Differenzen im Schreibgebrauch hat die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit diesem Band einen Vorschlag
vorgelegt, der die Einheit der deutschen Rechtschreibung wiederherstellen soll.
Dieser Band enthält eine Wörterliste, die aufzeigt, was sich gegenüber der
alten Orthographie nach der Reform tatsächlich geändert hat und wie nach
Auffassung der Akademie mit den Änderungen umgegangen werden sollte. Nach
Einschätzung der Akademie werden alle gravierenden Einwände gegen den Rückbau
der Neuregelung auf der Basis dieses Vorschlags gegenstandslos, ohne daß noch
einmal eine Kostenlawine auf Schulbuchverlage und Steuerzahler niederginge.
November
Acht Akademien der Wissenschaften
und Künste appellieren an die Kultusminister, die Rechtschreibreform zu beenden
oder grundlegend zu überarbeiten.
2004
Februar
Zehn Akademien der Wissenschaften
und Künste appellieren erneut an die Kultusminister, die Rechtschreibreform
grundlegend zu überarbeiten.
4. März
Die KMK verschiebt die
Beschlußfassung über den vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission und
versucht zwischen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der
Kommission zu vermitteln. Dieser Versuch scheitert.
26. Mai
Die Akademie unterrichtet die
Kultusminister über das Scheitern der Gespräche mit der Zwischenstaatlichen
Kommission. Sie appelliert an die Kultusminister, die Zeit bis zum Ende der
Übergangsfrist im Jahre 2005 unbedingt dazu zu nutzen, eine tragfähige Fassung
der Neuregelung auszuarbeiten und erklärt ihre Bereitschaft, sich weiter an der
Suche nach Wegen aus der verfahrenen Situation zu beteiligen, wenn diese unter
der unmittelbaren Verantwortung der KMK stattfindet.
Der folgende Brief, der am
26. Mai zunächst vertraulich an die Mitglieder der Ständigen Konferenz der
Kultusminister geschrieben wurde, erschien am 4. Juni in der Süddeutschen
Zeitung, nachdem bekannt wurde, daß die KMK die Vorschläge der
Zwischenstaatlichen Kommission billigt und an dem Datum 1. August 2005
(Verbindlichkeit der Reform) festhält:
Die Gespräche
zwischen den Vertretern der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche
Rechtschreibung und den Vertretern der Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung über die Verbesserung des amtlichen Regelwerks, die von der
Kultusministerkonferenz durch Frau Ministerin Schavan
als Auftrag an uns ergangen sind, müssen als gescheitert angesehen werden. Wir
bedauern das außerordentlich, nicht nur im Interesse einer vernünftigen
Regelung unserer Rechtschreibung, sondern auch weil damit eine Beruhigung der
Öffentlichkeit in dieser Sache nicht eintreten kann.
Das erste der
Gespräche fand am 1. März in Anwesenheit von Frau Ministerin Schavan und unter Leitung von Herrn Minister Reiche statt.
Es wurde vereinbart, die weiteren Bemühungen auf den problematischsten Teil der
Neuregelung, die Getrennt- und Zusammenschreibung, zu konzentrieren und hier
bis zur Sitzung der KMK Anfang Juni einen Konsens anzustreben. Das zweite
Gespräch am 23. April, in dem die Gegensätze zwischen der Zwischenstaatlichen
Kommission und der Akademie deutlich erkennbar wurden, führte dennoch zu dem von
Herrn Generalsekretär Thies und der
Zwischenstaatlichen Kommission gebilligten Auftrag an die Akademie, diesen
schwierigsten Teil des Regelwerks, nämlich § 34, neu zu formulieren und diesen
Formulierungsvorschlag in dem Gespräch am 17. Mai zum Thema zu machen. Dieser
unser Text wurde der Kommission vereinbarungsgemäß bis zum 10. Mai zugeleitet.
Leider war die
Kommission nicht bereit, sich auf den substantiellen Kern des Vorschlags
einzulassen und ihn zu diskutieren. Die Mitglieder der Kommission gaben erneut
ihre Grundsatzerklärungen ab und kamen trotz wiederholter Bemühungen der
übrigen Gesprächsteilnehmer nur auf wenige Einzelheiten der Akademievorlage zu
sprechen. Stattdessen wurde darauf bestanden, den
Text der amtlichen Regelung wie bisher und mit allenfalls marginalen Änderungen
beizubehalten. Als klar wurde, daß keine Konsensbereitschaft bestand und die
Vertreter der Kommission nicht dazu bereit waren, den Auftrag der KMK an die
Akademie tatsächlich als einen realen Auftrag aufzufassen, mußte das Gespräch
abgebrochen werden.
Damit wurde
eine Chance vertan, den fehlerhaftesten Teil des Regelwerks der notwendigen
Revision zu unterziehen, ihn neu zu formulieren und damit einen wichtigen
Schritt in Richtung auf einen öffentlichen Rechtschreibfrieden zu tun. Es wird
ganz gewiß kein Ende der öffentlichen Kritik geben, solange das nicht
geschieht. Auf der bisher ausgearbeiteten Grundlage hätte sich in kurzer Zeit
das gesamte Kapitel Getrennt- und Zusammenschreibung neu formulieren lassen.
Diese Möglichkeit besteht noch immer.
Nach Auffassung
der Akademie sollte die Zeit bis zum Ende der Übergangsfrist im Jahre 2005
unbedingt dazu genutzt werden, eine tragfähige Fassung der Neuregelung
auszuarbeiten. Der Orthographieunterricht und die Einheitlichkeit unserer
Orthographie würden so auf eine sichere Grundlage gestellt und den jüngsten
Initiativen der zehn staatlich fundierten deutschen Akademien der
Wissenschaften und der Künste sowie des Goethe-Instituts würde in diesem Punkt
entsprochen. Die Akademie ist bereit, sich weiter an der Suche nach Wegen aus
der verfahrenen Situation zu beteiligen, wenn sie unter der unmittelbaren
Verantwortung der KMK stattfindet und damit Aussicht auf Erfolg hat. Gespräche
mit Mitgliedern der Kommission, die auf das einmal verabschiedete Regelwerk
fixiert sind, sehen wir nicht mehr als erfolgversprechend an. Die Akademie ist
auch bereit, sich an Überlegungen zum Verfahren nach Ende der Übergangsfrist zu
beteiligen.
Wir bitten auf
das nachdrücklichste darum, daß die KMK die mit den Konsensgesprächen
ergriffene Initiative nicht aus der Hand gibt und auf ihrer Sitzung Anfang Juni
weitergehende Beschlüsse faßt, die auf den - nur kurzfristig unbequemen - Weg
zur Herstellung des Rechtschreibfriedens führen. Bis zu diesem Zeitpunkt wird
die Akademie keine öffentlichen Erklärungen über Inhalt und Verlauf der bisher
geführten Gespräche abgeben.
Ich muß Sie,
sehr verehrte Frau Ministerin/sehr verehrter Herr Minister, im einmütigen
Auftrage der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung darum bitten, mir eine
kurze Mitteilung darüber zukommen zu lassen, daß Sie dieses Schreiben
persönlich zur Kenntnis genommen haben.
Mit herzlichen
Grüßen,
Prof. Dr. Klaus
Reichert
3. Juni
Die KMK billigt die
Änderungsvorschläge der Zwischenstaatlichen Kommission, die sich im
wesentlichen auf die Wiederzulassung von Varianten beziehen, und kündigt an,
einen »Rat für deutsche Rechtschreibung« einzusetzen. Die neue Rechtschreibung
wird wie geplant zum 1. August 2005 an den deutschen Schulen verbindlich.
Die
Akademie nimmt zum Beschluß der KMK Stellung:
Der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung liegt die Beschlußvorlage zur Neuregelung der
Rechtschreibung vor, über die in der Sitzung der Kultusministerkonferenz am 3.
und 4. Juni befunden wird und deren Annahme bereits öffentlich angekündigt
wurde. Die Kultusministerkonferenz wird demnach dem 4. Bericht der
Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung zustimmen. Die Akademie
nimmt dazu wie folgt Stellung: Die Kultusministerkonferenz verabschiedet mit
einem solchen Beschluß eine unzulängliche, fehlerhafte Neuregelung unserer
Rechtschreibung. Sie setzt sich damit in Gegensatz zu einem Großteil der
Bevölkerung und schlägt die Warnungen so wichtiger Institutionen wie der
Goethe-Institute, aller staatlich fundierten Akademien der Wissenschaften und
Künste, des PEN Clubs Deutschland, aber auch zahlreicher Verleger, darunter
Schulbuchverleger, und Lehrer sowie unserer namhaftesten Schriftsteller und
Wissenschaftler in den Wind.
Angesichts der
bekannten Schwierigkeit, institutionalisierte und rechtsförmige
Entscheidungsprozesse völlig rückgängig zu machen, hat die Deutsche Akademie
für Sprache und Dichtung vor mehr als zwei Jahren das demokratische Verfahren
einer Kompromißlösung vorgeschlagen: 1. die vernünftigen Teile des neuen
Regelwerks zu übernehmen, 2. unnötige, aber hinnehmbare Neuerungen, bei
gleichzeitiger Lockerung der Schreibregeln zu tolerieren, 3. die fehlerhaften,
unsere Sprache entstellenden Eingriffe rückgängig zu machen. Ihr Vorschlag
firmierte unter der Bezeichnung ‚Rückbau‘. Er war der Kultusministerkonferenz
seit langem bekannt. Seit Beginn des Jahres 2003 lag eine ausgearbeitete
Version vor, die den Gesamtwortschatz des Deutschen berücksichtigt. Die
Kultusministerkonferenz ist erst im Frühjahr dieses Jahres, unter dem Eindruck
der Anfang Juni bevorstehenden Verabschiedung des 4. Berichts der
Zwischenstaatlichen Kommission, auf den Vorschlag der Deutschen Akademie
eingegangen. In den von der KMK initiierten Sachgesprächen vom 23. April und
17. Mai zeigten die Vertreter der Zwischenstaatlichen Kommission dann aber
keinerlei Bereitschaft, sich auf die von der Akademie vorgelegte
Neuformulierung des fehlerhaftesten Teils des neuen Regelwerks (§ 34, Getrennt-
und Zusammenschreibung) einzulassen. Die Gespräche mußten abgebrochen werden.
Zu einer Umarbeitung des von der Deutschen Akademie weitgehend abgelehnten 4.
Kommissionsberichts wurde sie nicht hinzugezogen. Am 26. Mai hat die Deutsche
Akademie für Sprache und Dichtung die in der KMK vertretenen Ministerinnen und
Minister noch einmal persönlich gebeten, sich für die Fortführung sachbezogener
Gespräche über die Korrektur des neuen Regelwerks einzusetzen und diesen Prozeß
nicht durch einen politisch wie sachlich falschen Beschluß in ihrer Sitzung am
3. und 4. Juni zu verhindern. Die Verantwortung für die Verabschiedung einer in
den Grundsätzen wie deren Ausführung verunglückten Neuregelung unserer
Rechtschreibung liegt bei den Kultusministern der Länder. Ein Rückbau ist nach
wie vor dringend erforderlich.
16. Juni
Niedersachsens Ministerpräsident
Wulff (CDU) fordert die Rückkehr zur alten Rechtschreibung, andere
Ministerpräsidenten und hochrangige Politiker schließen sich dieser Forderung
an oder plädieren für ein Moratorium.
6. August
Der Axel-Springer-Verlag, der
Spiegel und die Süddeutsche Zeitung kündigen an, zur bewährten Rechtschreibung
zurückzukehren.
17. August
Die Akademie gibt zur aktuellen
Diskussion um die Rechtschreibung folgende Erklärung heraus:
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung begrüßt die
Entscheidung des »Spiegel«, der »Springer-Presse« und der »Süddeutschen
Zeitung«, zur alten Recht-schreibung zurückzukehren.
Dies ist, zusätzlich zu der Initiative des Ministerpräsidenten Wulff, die
andere Ministerpräsidenten aufgegriffen haben und weitere aufgreifen sollten,
ein Anstoß zur Besinnung in sozusagen letzter Minute, vor allem aber dazu, die
Dinge nun nicht einfach laufen zu lassen. Die Deutsche Akademie hat auf ihrer Frühjahrstagung in St. Petersburg eine deutliche Erklärung
zur Frage der Rechtschreibung abgegeben. Nach unserer Meinung ist die Situation
vom Politischen und von der Sache her nunmehr so, daß es weder eine schlichte
Rückkehr zur alten Rechtschreibung noch die bloße Fest-schreibung
der neuen geben kann. Was die letztere angeht, ist auch der vorgesehene
Sprachrat, dessen Besetzung ja noch ziemlich offen ist (es verlautete nur, daß
er auch Gegnern der neuen Rechtschreibung offen sein soll), keine Garantie. Und
man sollte sich darüber im klaren sein, daß sich die große Unruhe durch die
Festlegung auf die neue Rechtschreibung keineswegs legen würde. Es gibt nun
eine wahrhaft starke Phalanx gegen diese Rechtschreibung: die deutschsprachigen
Akademien, der deutsche PEN, die deutschsprachigen Schriftsteller nahezu
ausnahmslos, die deutsche Presse nunmehr doch wohl in ihrer Mehrheit, viele
deutschsprachige Sprachwissenschaftler, die deutliche Mehrheit dann vor allem,
wie es scheint, der Bevölkerung. Die Neuerer, eine Gruppe von germanistischen
Sprachwissenschaftlern, keineswegs also die deutschen Sprachwissenschaftler
insgesamt, hatten ihre Chance. Es ist ihnen und den Kultusministern nicht
geglückt – sehr vorsichtig gesagt -, eine ausreichende Zustimmung zu finden.
Auch nicht unter den Lehrern. Eine Reform dieser Art kann unter demokratischen
Verhältnissen gegen einen quantitativ und qualitativ so starken Widerstand
schwerlich durchgesetzt werden, auch wenn sie »formal« unangreifbar ist. Nun
muß es einen klaren Neuanfang geben. Die Deutsche Akademie für Sprache und
Dichtung hat im Jahr 2003 (unter der Federführung des Sprachwissenschaftlers
Peter Eisenberg) eine Schrift vorgelegt »Zur Reform der deutschen
Rechtschreibung. Ein Kompromißvorschlag«, die für einen solchen Neubeginn eine
gute Grundlage sein kann, ein Neubeginn, der nun zunächst einmal politisch
ermöglicht werden muß.
22. August
Gegner der Reform gründen am
Sonntag in München einen »Rat für deutsche Rechtschreibung«. Zum Vorsitzenden
wurde der Münchner Publizist Hans Krieger gewählt, Ehrenmitglieder sind unter
anderem Elfriede Jelinek, Wulf Kirsten, Günter Kunert und Reiner Kunze.
23. August
Wiener Gespräch über
Rechtschreibreform. Die deutschen Mitglieder der Zwischenstaatlichen Kommission
für die deutsche Rechtschreibung sollen bis zum kommenden Oktober einen Entwurf
der Aufgaben und der Zusammensetzung des geplanten Rats für deutsche
Rechtschreibung vorlegen, der die Zwischenstaatliche Kommission ablösen soll.
30.
August
Die
Akademie veranstaltet eine Pressekonferenz zur aktuellen Diskussion um die
Rechtschreibung in der Akademie der Künste in Berlin. In der Einladung zur
Pressekonferenz heißt es:
Es wird Zeit, nach Auswegen aus der verfahrenen Debatte um
die Rechtschreibreform zu suchen. Der Kompromißvorschlag der Akademie wird im
Rahmen dieser Veranstaltung ausführlich erläutert. Für die Beantwortung aller
Arten von Fragen stehen zur Verfügung: Klaus Reichert (Präsident der Deutschen
Akademie), Peter Eisenberg, Uwe Pörksen, Hartmut von Hentig, Hans-Martin Gauger und
Friedrich Dieckmann (für die adk)
Seit sieben
Jahren leben wir mit einer gespaltenen Orthographie. Die meisten Älteren
schreiben anders als die Jüngeren, und was die Jugendlichen außerhalb der
Schule lesen, ist häufig nicht so geschrieben wie ihre Schulbücher. Trotz
großer Bemühung von unter-schiedlicher Seite konnte die Gespaltenheit nicht
überwunden werden. Sie droht sich jetzt zu verfestigen und zu vertiefen. Die
Kultusminister halten an der Neuregelung fest, während ein sehr wichtiger Teil
der Presse die auch bisher schon bedeutende Opposition gegen die Neuregelung in
naher Zukunft verstärken wird.
Die Folgen der gesamten Entwicklung sind zumindest mittelfristig
bedrohlich. Der Schriftspracherwerb wird erschwert, die Einheitlichkeit des
Schreibgebrauchs preisgegeben, die Attraktivität des Deutschen als
Lernersprache beeinträchtigt. Vor allem aber wird die deutsche Sprache selbst
in Mitleidenschaft gezogen. Es ist deshalb nicht die Zeit für
Schuldzuweisungen, sondern allein für die Suche der einflußreich Beteiligten
nach einem für möglichst viele Seiten gangbaren Weg aus der verfahrenen
Situation.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sieht den
wichtigsten Grund für die fehlende Akzeptanz der Neuregelung bei ihren
inhaltlichen Mängeln. Man kann eine hochliteralisierte
Sprachgemeinschaft nicht zur Verwendung einer Orthographie zwingen, die gegen
das Sprachwissen und gegen das Sprachgefühl des normalen Sprachteilhabers
verstößt. Man kann sie auch nicht zur Verwendung Hunderter von Wortschreibungen
zwingen, die sich nicht aus dem allgemeinen Schreibgebrauch ergeben, sondern
willkürlich gesetzt sind. Deshalb wird sich der Widerstand weder durch
Kommissionen, noch durch Beiräte, Verordnungen oder Hochglanzbroschüren,
sondern nur durch eine sachgerechte Veränderung des Regelwerks mit den
zugehörigen Schreibweisen beenden lassen. Die Zeit bis zum Ende der
Übergangsfrist im Juli 2005 oder einer etwas darüber hinausgehenden Frist muß zu
konstruktiver Arbeit an einer Lösung genutzt werden. Als eine Grundlage dafür
hat die Akademie ihren Kompromißvorschlag ausgearbeitet, der sowohl die
sprachlichen als auch die pädagogischen und ökonomischen Probleme einer
künftigen Regelung ins Auge faßt.
Der Kompromißvorschlag der Akademie läßt besonders sichtbare Züge
der Neuregelung bestehen, soweit sie sprachlich verantwortbar sind, allem voran
die Ersetzung des ß nach Kurzvokalbuchstaben durch ss,
aber auch anderes. Dadurch wird vermieden, daß beispielsweise Schulbücher neu
gedruckt werden müssen. Andererseits verfolgt der Vor-schlag
dort einen konsequenten Rückbau, wo die Neuregelung gegen die Sprachstruktur
verstößt, wo sie die Ausdruckskraft und Ausdrucksvielfalt des Deutschen
beschädigt, wo sie zu falschen Schreibweisen verleitet und wo sie sogar zur
Beseitigung von Wörtern führt oder beiträgt. Betroffen ist in erster Linie die
Getrennt- und Zusammenschreibung, danach die Groß- und Kleinschreibung, die
Silbentrennung, die Schreibung der Fremd-wörter und
eine Reihe von Einzelfällen.
Auf
der Pressekonferenz wird folgender Vorschlag vorgelegt:
Zur Situation
der Rechtschreibreform
1. Das Kind liegt im
Brunnen. Seit der Entscheidung großer Teile der Presse, zur alten Rechtschreibung
zurückzukehren und der Zustimmung dar KMK zum probeweise eingeführten Regelwerk
droht eine langfristige Spaltung.
2.
Es führt zur Zeit nicht weiter, sich an die Schuldigen zu wenden, wohl aber an
die Verantwortlichen.
3. Die Verantwortung für die entstandene Situation hat der Staat:
einmal indem er die Rechtschreibreform angeregt hat, das neue
Regelwerk akzeptieren und entschlossen zu sein
scheint, es als Hoheitsträger insbesondere im Schulbereich durchzusetzen;
dann, weil er eine recht weitgehende, umstrittene und zum Teil
fehlerhafte Neuregelung des Schreibgebrauchs gegen eine Mehrheit der
Bevölkerung und den vereinigten Sachverstand angesehenster
Institutionen und Persönlichkeiten durchsetzen will;
schließlich, weil er als Staat für einen solchen Eingriff über
keine Legitimation verfügt.
4. Der Staat trägt in
diesem Fall Verantwortung für eine Einheit der Rechtschreibung, aber für ihre
inhaltliche Regelung ist er nicht zuständig.
5.
Zur Zeit stehen sich zwei Gruppen von Unbedingten gegenüber, die entschiedenen
Befürworter der Reform, die ein Ende der Diskussion herbeiführen wollen, und
die strikten Anwälte einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Die große Zahl
der Verunsicherten und verwirrten Bürger und derer, die sich eine bescheidene,
begrenzte Reform vorstellen können, hat zur Zeit kaum eine öffentliche Stimme.
6. Theoretisch lassen sich drei Lösungen denken, wenn eine Einheit
der Rechtschreibung wieder hergestellt werden soll:
1. die Durchsetzung des neuen Regelwerks
2. die Rückkehr zur alten Rechtschreibung
3. die Beschränkung auf eine begrenzte Reform als Kompromiß.
Praktisch
haben die Lösungen 1 und 2 kaum eine Chance. Die Lösung, daß der Staat das neue
Regelwerk allgemein durchsetzt, scheint nicht möglich, da große Teile der Bevölkerung
und der institutionalisierten Öffentlichkeit ihm nicht folgen, weil sie der
Struktur unserer Sprache nicht entspricht. Sie ist deshalb auch nicht
wünschenswert. Die Lösung einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung, für die
unseres Erachtens sachlich das meiste spricht, ist dadurch sehr erschwert, daß
die bisherige Einführung des Reformvorschlags sich auf der Straße der Legalität
bewegt hat und in manchen Bereichen, in und außerhalb der Schule, durchgesetzt
ist. Insofern wäre die aussichtsreichste Lösung die einer begrenzten,
reduzierten Reform; Übernahme von Teilen des neuen Regelwerks, die brauchbar
sind; Erweiterung des Spielraums von Schreibnormen; Rückkehr zur hergebrachten
Rechtschreibung, wo die neue fehlerhaft ist.
7. Dazu ist ein Rat zu berufen, der bereit ist, diese Sichtung
vorzunehmen und den Weg einer entschieden reduzierten und der Sache eines
vernünftigen Schreibgebrauchs dienenden Regelwerks einzuschlagen. Damit das
Gremium erfolgreich arbeiten kann, sind folgende Voraussetzungen sicherzustellen:
- es muß vom Willen zum Ausgleich der widerstreitenden Interessen
getragen sein;
- eine kleine Zahl von kompetenten Mitgliedern haben;
- über Entscheidungsbefugnisse verfügen;
- über einen Apparat verfügen, der es erlaubt, in Einzelfragen den
allgemeinen Sprachgebrauch empirisch zu erheben;
- der Rat muß in die Lage versetzt werden, einen Vorschlag
möglichst bis zum Ende der Übergangszeit im Sommer 2005 auszuarbeiten.
20.
August
Die
KMK gibt eine Presseerklärung zum nochmaligen Vorlage des Kompromißvorschlages
der Akademie ab und zu ihrer Forderung umgehend einen neuen Rat zu berufen.
Darin
heißt es:
»Die
Kultusministerkonferenz hat bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass sie die Einsetzung eines Rats für deutsche
Rechtschreibung anstrebt, in dem auch Kritiker des derzeitigen Regelwerks
mitarbeiten sollen. Der Rat soll die wichtigsten wissenschaftlich und praktisch
an der Sprachentwicklung beteiligten Gruppen repräsentieren. Die
Kultusministerkonferenz wird der Öffentlichkeit noch im September einen
entsprechenden Vorschlag vorlegen.«
6. – 8. Oktober
Die Ministerpräsidentenkonferenz
befaßt sich mit dem Thema Rechtschreibreform und beschließt, daß die neue
Rechtschreibung – wie schon bisher vorgesehen – am 1. August in Kraft trete.
Als Zugeständnis an die Reformgegner – vor allem Niedersachsens
Ministerpräsident Wulff und Saarlands Ministerpräsident Müller (beide CDU) –
beschlossen sie, die Berufung des Rats für Deutsche Rechtschreibung, die zuvor
die KMK beschlossen hatte, zu unterstützen. Die Ministerpräsidenten äußerten
die Erwartung, daß der Rat plural (Gegner und
Befürworter) zusammengesetzt wird. Zudem äußerten sie die Erwartung, daß
gegebenenfalls Änderungen in den Bereichen: Getrennt- und Zusammenschreibung,
Fremdwörter, Interpunktion und Trennung so rechtzeitig vorgeschlagen werden,
daß sie zum 1. August 2005 in Kraft treten können.
22.
Oktober
Nach
ihrer Mitgliederversammlung gibt die Akademie folgende Erklärung zur Beteiligung
am Rat für Rechtschreibung ab. Der Rat soll 36 Mitglieder vereinen. Der
Akademie wurden zwei Sitze innerhalb des Gremiums angeboten.
Beschluß der
Mitgliederversammlung:
Die von den
Kultusministern der deutschen Länder und den entsprechenden staatlichen Stellen
Österreichs und der Schweiz beschlossene ‚Reform‘ der Rechtschreibung hat einen
katastrophalen Zustand der deutschen Schreib- und Lesesprache herbeigeführt.
Die jetzt herrschende Uneinheitlichkeit und fortschreitende Beliebigkeit der
Rechtschreibung wird durch bloßes Aussitzen der Reform-Befürworter wie der
Reform-Kritiker nicht mehr beseitigt werden können.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
ist nicht bereit, dem von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Rat für
deutsche Rechtschreibung beizutreten, da dessen Aufbau falsch und dessen
Arbeitsbedingungen unzulänglich sind. Die Akademie ist der Überzeugung, daß die
weiterhin notwendige Anpassung der Rechtschreibung an die Entwicklung der
deutschen Sprache auf anderem Wege erreicht werden muß: durch eine neu zu
schaffende nichtstaatliche Instanz. An der Bildung einer solchen Instanz
mitzuwirken, ist die Akademie bereit.
29.
November
Mitteilung
der KMK:
Der
frühere bayerische Kultus- und Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) soll
als Vorsitzender den Rat für deutsche Rechtschreibung leiten.
17.
Dezember
Der
Rat für deutsche Rechtschreibung konstituiert sich in Mannheim. Hans Zehetmair
wird zum Vorsitzenden gewählt. Bis zum 15. Januar sollen ihm die Ratsmitglieder
ihre orthographischen Vorschläge vorlegen.
2005
Juni
Die Akademie erklärt am 3. Juni ihren Beitritt zum
Rat für Rechtschreibung.
Das Präsidium der Deutschen Akademie für
Sprache und Dichtung hat beschlossen, daß die Akademie künftig nicht nur weiter
an der inhaltlichen Ausarbeitung der „Reform der Reform“ mitwirkt, sondern auch
zwei Vertreter, Peter Eisenberg und Uwe Pörksen, in
den Rat für Rechtschreibung entsendet, der am 3. Juni über die von einer
Arbeitsgruppe vorgelegte Neuformulierung abstimmen wird. Angesichts des
ungewissen Ausgangs der Entscheidungsprozesse im Rat fühlt sie sich, trotz
ihrer massiven Einwände gegen dieses Gremium, dazu verpflichtet, die
erfolgreiche Verabschiedung des Rechtschreibkompromisses, der in den letzten
Wochen gemeinsam errungen worden ist, mit dem Gewicht ihrer Stimmen zu
unterstützen.
Es ist keineswegs gesichert,
daß alle Mitglieder des Rates für Rechtschreibung an einem derartigen Erfolg
interessiert sind. Seine Zusammensetzung und die für inhaltliche Entscheidungen
vorgesehene 2/3-Mehrheit bergen das Risiko, daß eine Gruppe unbeirrbarer
Verfechter des Reformwerks diese positive Entwicklung scheitern läßt. Die
Entscheidungssituation ist äußerst knapp.
Auf Ihrer Mitgliederversammlung im Oktober 2004 hatte die Deutsche Akademie
für Sprache und Dichtung beschlossen, dem neu gegründeten Rat für
Rechtschreibung nicht beizutreten. Die geplante Zusammensetzung ebenso wie der
vorgegebene Arbeitsauftrag dieses neuen Gremiums waren
nicht geeignet, die dringend gebotenen Korrekturen am Reformwerk vorzunehmen.
Die Akademie hatte damals ihre Ablehnung, im Rat mitzuarbeiten, mit dem Angebot
verbunden, kompetente inhaltliche Arbeitsprozesse, die der Sache dienen,
jederzeit unterstützten zu wollen. Ihr Kompromißvorschlag stand und steht für
diesen Versuch, einen überzeugenden Ausweg aus dem Rechtschreibkonflikt zu
weisen, ebenso wie ihre wiederholten Bemühungen um einen sachlichen Austausch
mit den Vertretern des Reformwerks und ihre vielfältigen Gesprächsangebote an
die politisch Verantwortlichen. Deshalb hatte die Deutsche Akademie für Sprache
und Dichtung die Entscheidung des Vorsitzenden des Rates Hans Zehetmair
begrüßt, arbeitsfähige Gremien einzusetzen, um in einem sach- und
ergebnisorientierten Prozeß das Regelwerk neu zu fassen. Auf Einladung des
Vorsitzenden wirkte unser Mitglied Peter Eisenberg in der Arbeitsgruppe mit,
die sich mit dem wohl umstrittensten Teil der Rechtschreibreform, der Getrennt-
und Zusammenschreibung, befaßt hat. Diese Gruppe hat in konstruktiver Zusammenarbeit
vorgeführt, wie eine „Reform der Reform“ gelingen könnte. Die ausgearbeiteten
Neuformulierungen bieten jetzt noch einmal die Chance, den Rechtschreibfrieden
zurückzugewinnen und im Interesse der Einheit der deutschen Sprache zu einem
sachlich begründeten Kompromiß zu finden. Befürworter wie Gegner der Reform
werden daran gemessen werden, ob sie die damit verbundene Verantwortung
wahrnehmen.
Anmerkung:
Erwähnt
werden hier nur öffentliche Erklärungen und Ergebnisse der Arbeit der Akademie
in Sachen Rechtschreibreform sowie die wichtigsten Daten der Einführung der
»Reform«. Nicht also die verschiedenen Gerichtsurteile, die Bundestagsdebatte,
das Volksbegehren in Schleswig-Holstein und der Landtags-Beschluß zur Aufhebung
seines Ergebnisses, die Stadien der offiziellen Einführung in den Behörden.
Auch nicht die Vorschläge von Politikern.