Arabische Schriftsteller und Intellektuelle zu Gast
Die Herbsttagung der Akademie im Jahr 2003 war der arabischen Poesie gewidmet. Zehn Schriftsteller aus der arabischen Welt wurden eingeladen, um ihre Dichtung dem deutschen Publikum vorzustellen. Aus dieser Begegnung sind Kontakte entstanden, die die Akademie auch in Zukunft weiter pflegen möchte. Da die Frankfurter Buchmesse im letzten Jahr die Arabische Welt als Gastland eingeladen hatte, nahm die Akademie dies zum Anlaß, die Verbindung mit den bereits bekannten Autoren wieder aufzunehmen, aber auch neue Kontakte zu knüpfen. So hat sie während der Buchmesse eine jemenitische Schriftstellerdelegation betreut. Das Auswärtige Amt hatte die Delegation nach Deutschland eingeladen, um die schon zweimal im Jemen stattgefundenen Schriftstellertreffen in gleicher Weise zu beantworten. Die von der Akademie organisierte Veranstaltung im Internationalen Zentrum der Buchmesse (10.Oktober 2004) bot den jemenitischen Autoren die Gelegenheit, von den Schriftstellertreffen als besonderer Form des Kulturaustausches zu berichten. Außer den Jemeniten waren von deutscher Seite Harald Hartung und Ulrich Janetzki (LCB) zugegen. Beide hatten an den Reisen in den Jemen teilgenommen. Die Moderation der Veranstaltung übernahm Stefan Weidner.
Weiterhin fand im Anschluß an die Buchmesse (11. und 12. Oktober 2004) ein Treffen zum arabisch-deutschen Gespräch statt. Es sollte um wechselseitige Wahrnehmungen sowie um die Frage gehen , wie ein sinnvoller Dialog zwischen der arabischen und der deutschen Kultur begonnen werden kann:
Anwesend waren:
Prof. Dr. Klaus Reichert (Präsident der Deutschen Akademie, Deutschland)
Erica Pedretti (Schriftstellerin, Schweiz)
Dr. Ilma Rakusa (Schriftstellerin, Publizistin und Übersetzerin, Schweiz)
Prof. Harald Hartung (Lyriker, Deutschland)
Stefan Weidner (Arabist und Übersetzer, Deutschland)
Angela Schader (Journalistin der NZZ, Schweiz)
Nabila Azzubair (Lyrikerin, Jemen)
Mohammed Bennis (Lyriker, Marokko)
Dr. Faisal Darraj (Literaturwissenschaftler, Palästina)
Prof. Dr. Abdulsalam Ben Abduali (Professor für Pilosophie, Marokko)
Mohammed Haitham (Schriftsteller und Vorsitzender des jemenitischen Schriftstellerverbandes, Jemen)
Ibtassim Mutawakil (Dichterin, Jemen)
Hassan Al-Lawzi (Dichter, Publizist und ehem. Kulturminister, Jemen)
Mustafa Al Slaiman (Dolmetscher)
Günter Orth (Dolmetscher)
Bericht aus Neue Zürcher Zeitung (NZZ) von Angela Schader, 14. Oktober 2004
»Zurück zum Wort. Ein Versuch zur deutsch-arabischen Annäherung«
»Interessant war es, im Folgenden die Dynamik des in relativ kleinem Rahmen geführten Gesprächs zu beobachten. Ausgehend von einem Statement des palästinensischen Literaturwissenschaftlers Faisal Darraj, der – nicht ganz schlüssig – einerseits von einer auf arabischer Seite gepflegten »Legende einer Kultur der Nicht-Anerkennung der Araber« durch den Westen sprach, andererseits aber dem Westen dann doch vorwarf, sich »hinter die Barrikaden der siegenden Kultur gestellt« zu haben, konzentrierte sich das Gespräch zunächst auf die Präsenz der deutschen Philiosophie im arabischen Geistesleben. Diese erschien zumindest in der Wahrnehmung des marokkanischen Philosophieprofessors Abdusalem Ben Abduali derart massiv, dass er eine eigentliche ‚Germanisierung‘ der arabischen Philosophie konstatierte; eine auch nur ansatzweise vergleichbare Auseinandersetzung mit arabischem Denken innerhalb der deutschen Geisteswissenschaften stellte Klaus Reichert, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, erst in den letzten 20 Jahren fest (...).
Wenn Klaus Reichert ein vertieftes Eingehen auf Übersetzungsfragen nicht zuletzt als Möglichkeit skizziert hatte, mehr über die Mentalität der anderen Kultur zu erfahren, dann erwies sich die abschliessende Diskussion über ein Thesenpapier und ein Gedicht des marokkanischen Lyrikers Mohammed Bennis in dieser Hinsicht tatsächlich als fruchtbarer Ausgangspunkt. Das Gespräch zeigte die Möglichkeit geistiger Nähe ebenso auf wie das enorme Potential von – auch interkulturellen – Missverständnissen (...) Erica Pedretti und Ilma Rakusa konstatierten eine weitgehende Geistesverwandtschaft zwischen den subtilen poetologischen Ausführungen des Dichters und den eigenen literarischen Positionen (...) Im Gegensatz zum früheren Statement az-Zubairs sträubt er sich gegen die These einer weitgehenden Prägung des Arabischen durch die Sprache des Korans, wie auch Faisal Darraj postulierte er, dass sich die heutigen Lyriker vielmehr an der vorislamischen Dichtung inspirierten. Bennis Behauptung, eine von jeder mystischen Komponente freie Dichtung zu schreiben, stiess jedoch nicht nur bei Darraj auf Wiederspruch (...) ein arabischer Gast [analysierte] das vorgelegte kurze Gedicht flugs von A bis Z als Ausdruck eines tief religiösen Poeten. Solche ergiebige Kleinarbeit am Wort hofft man – auf Einladung des keineswegs gekränkten Bennis – nächstes Jahr in Marokko fortzusetzen.«
Bericht aus Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) von Stefan Weidner, 19. Oktober 2004
»Ohrfeigen. Wie Arabiens Öffentlichkeit die Buchmesse bewertet«
»(...) die Messe [dürfte] das Bewußtsein dafür geschärft haben, daß der Dialog nicht planbar ist und trotz aller Bemühungen noch in den Kinderschuhen steckt, daß die Kultur die Probleme zwischen Ost und West nicht lösen kann, sondern höchstens sichtbar macht, und daß der beste Schritt zur Annäherung eben nicht darin besteht, auf Podien über den Dialog zu dialogisieren, sondern tatsächlich ein arabisches Buch in die Hand zu nehmen oder ein arabisches Gedicht zu lesen, wie es nach der Messe auf Initiative der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ein kleiner Kreis von deutschen und arabischen Kritikern, Dichtern und Übersetzern exemplarisch getan hat. Und siehe da, bei der Besprechung eines neunzeiligen Gedichts des Marokkaners Mohammed Bennis traten all die kulturellen Unterschiede und Mißverständnisse ebenso plastisch hervor wie bei dem umstrittenen und drei Millionen Euro teuren arabischen Messeauftritt.«