Die Dankreden der Büchner-Preis-Träger
1993-2005 sind
erschienen in den Jahrbüchern der Deutschen Akademie für
Sprache und Dichtung
im Wallstein Verlag, Göttingen, 1994-2005.
© 1994-2005 by Deutsche Akademie
für Sprache und
Dichtung. Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung jeder Art nur
mit
schriftlicher Genehmigung. Anfragen an: Deutsche Akademie für
Sprache und
Dichtung, Redaktion
Jahrbuch, Alexandraweg 23, D-64287 Darmstadt
2005:
Brigitte Kronauer
Warum
bloß, frage ich Sie, sehr geehrte Damen und Herren, und nicht
weniger mich, hat
Georg Büchner die hier gleich folgenden Worte von jemandem
sprechen lassen, aus
dessen Mund sie dermaßen unnatürlich, ja unglaubwürdig
klingen: „... so
ein schöner, fester, grauer Himmel, man könnte Lust bekommen,
einen Kloben
hineinzuschlagen und sich dran zu hängen, nur wegen des Gedankenstrichels
zwischen Ja und Nein und wieder Ja – und Nein. Ja und Nein? Ist das
Nein
am Ja oder das Ja am Nein schuld?“
Nicht
der eloquent müde Revolutionär Danton sagt die
verblüffenden Sätze, nicht der
graziös ennuyierte Prinz Leonce,
nicht der in den Wahnsinn kippende Schriftsteller Lenz. Ihnen allen
wäre solch
spitzfindig formulierter Tief- oder Unsinn ohne weiteres zuzutrauen.
Aber
Woyzeck? Ihm doch wohl eigentlich nicht, nicht Woyzeck, dem vierten
Protagonisten von Büchners in fundamentaler Unterschiedlichkeit
und
notgedrungener Eile errichteten Universen.
Trotzdem,
er, das arme Stück Mensch, wahlweise tauglich für
erniedrigend idiotische
Experimente oder, in tödlicher Variante, als Kanonenfutter, er
hat’s geäußert.
Jedoch:
Darf er das?
Nicht
seine Überlegung an sich ist das mögliche Ärgernis, nur
der Umstand, daß er,
Woyzeck, sie anstellt. Obwohl er uns allerdings vorwarnte mit der
ebenfalls für
einen wie ihn befremdlichen Bemerkung, manchmal habe man „so `nen Charakter, so `ne Struktur“. Ein hier von
mir
unterschlagenes, von Büchner zwischengeschobenes „Herr Hauptmann“
und ein paar, je nach Ausgabe, volksnah stimmend und in dialektnaher
Manier weggelassene
n’s am Ende, ein „schlage“ und „hänge“
tun dabei kaum was zur Sache. Was Woyzeck da in großer Not
entschlüpft, ist
richtiggehend intellektuell, klingt keineswegs nach urtümlich
schlichtem Gemüt,
hört sich unpassend akrobatisch, ja, um Himmels willen, heraus mit
dem bösen
Wort, artifiziell an!
Liegt
aber der literaturhistorische Ruhm Büchners nicht zu einem
großen Teil darin
begründet, daß er, ungeschönt und Mitgefühl
weckend, einen jener Rechtlosen zum
ersten Mal auf die Bühne brachte als das, was er war und ist: ein
von der
relevanten Gesellschaft allenfalls als Dreiviertelmensch angesehenes
und
benutztes Wesen, ohne Bildung und daher fast unzivilisiert, das sein
vermutlich
ungeschlachtes Innenleben lieber, wenn’s schon sein muß,
leihweise in sogenannten
Volksliedern oder Bibelversen artikulieren und eventuell goutierbar
machen
sollte?
Gilt
Büchner nicht jedem Schulkind als Revolutionär auch deshalb,
weil er, im
Gegensatz zum ungeliebten Schiller, die Wirklichkeit nicht idealisiert,
sondern
endlich in ihrer realen Erscheinung darstellte?
Und
dann ausgerechnet bei unserem Woyzeck, dem uns inzwischen so teuren
Prachtexemplar des Geringen, des leidend Anspruchslosen derart
komplizierte
Gedanken und Gedankenstrichel!
Die
Welt Büchners freilich ist, bei aller Differenz der vier
Milieus, stets
eine komplizierte. Die Annahme ihres grundsätzlichen
Schon-Okayseins, jener
robuste, uns neuerdings öfters zur Nachahmung empfohlene
optimistische Glaube,
sie bei Pannen und Ungereimtheiten wieder sauber zurechtklempnern zu
können,
taucht in Büchners Dramen und Prosa nicht mal am Horizont auf, was
sie, die
Welt, bis ins Mark unparadiesisch, dafür aber als zweifellos
metaphysische
erscheinen läßt.
Anders
als im „Hessischen Landboten“ weiß Büchner, wenn er nicht
agitiert,
also in der Literatur, daß die Welt nicht nur aus Hütten
besteht, in denen
verborgene Helden wohnen, und aus Palästen, in denen der Satan
haust. Der
bewundernswert entschlossene Sozialrevolutionär entwickelt
parallel als
Dichter eine Wirklichkeit, die so relativiert, unideologisch, extrem,
flackernd, ambivalent ist, daß man ihn eher für einen an den
Beleuchtungswundern der Sprache entzündeten genialen Ästheten
halten könnte,
als für einen im Gebrauchssinn politischen Kopf.
Geschätzt
wird ein Beharren auf der winkel- und schluchtenreichen Natur der
Welt
dagegen nicht und wurde es vielleicht nie. Die Liebe zur
Simplizität ist
wahrscheinlich in uns eine gewaltige, eine, je chaotischer die
Zustände, desto besessenere.
Schwungvoll weg also mit den Einsprüchen der
alten Aufklärung, weg mit den Heimatlosigkeiten der
Dialektik? Notfalls
legt man sich eine fixe Idee zu, und sei es eine wissenschaftliche, die
allzu
verwirrende Sachlagen vereinfachend auf die eigenen psychischen
Fähigkeiten
zurechtstutzt. Manien spielen nicht von ungefähr eine durchgehende
Rolle in Büchners
Werk.
Einer
der Ticks, mit denen sich der ermattete Danton auf heikle Weise die
restliche
Lebenszeit vertreibt, besteht beispielsweise darin, alles vertausendfacht,
alles in entindividualisierender Mechanik
zu sehen.
In einer Epoche der Statistiken und Umfragen hätte er noch
zwingender Grund
dazu als im Schatten der Guillotine.
Auch
Woyzeck ist ungeheuer multiplizierbar. Er ist aus dem Schlamm des
Volkes, nüchterner
gesagt: der Bevölkerung und nach dem Maß heutiger
Verhältnisse zunächst
unspektakulärer Prototyp jener Millionen, die nicht in Armut
existieren, aber
in einer nicht aus der Luft gegriffenen Angst davor, der unentrinnbar
klassifizierte „kleine Mann“ des Bürgertums, zur Zeit immerhin
notdürftig
gebildet und in bescheidenem Wohlstand, der nicht nur zum Spaß
halluzinierte „Mann
von der Straße“, ein in den Begriff einbetonierter ominöser
„Otto
Normalverbraucher“ und wie die Schmähungen des angeblichen unteren
Mittelmaßbürgers
alle heißen.
Eine
Marktstudie hat in Erfahrung gebracht, was eine Hamburger Werbeagentur
dann in
die trostlose Tat umsetzte: eine Wohnung mit haargenau der Einrichtung
– Glastisch
mit Tuner, Teddybär auf orangenem
Sofa: nichts
Schlimmes jedes für sich, wenn man es nicht, wie hier, als
Klischee-Ensemble
vorführt – und korrekt den Mietern, die das Mittel der
Umfragen
ergab. Alles in schändlichster Erwart- und Wiederholbarkeit. Name
der fiktiven
Insassen, auch die idealtypisch: Thomas und Sabine Müller. Man
weiß schneller
als sie selbst, welche Meinungen zu Zukunft und Politik sie und
mit ihnen
die Durchschnittsmillionen als ihre höchst persönlichen von
sich geben.
Ich
vermute, Thomas Müller wünscht sich, im bitteren Zwang der
Studie, seine Frau „natürlich“
und „treu“. Sind seine Kinder in der Pubertät, werden sie von
ihrem
Vater in einer so großartig vergrübelten Sprache wie dem
Deutschen den Satz hören:
„Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht“ – auch
manchen Schriftstellern ist der Vorwurf nicht unbekannt – , für
den sein
Nachwuchs ihn dann kurzfristig ermorden könnte, sich aber
seinerseits, um
seiner quälenden Individualität zu entkommen, so gut er es
schafft, hier
folgsam bis zu Devotheit und Militanz, in
die Maske
von Jargon und Ausstattung seiner Altersklasse flüchtet und damit
zu falschen Rückschlüssen
über sein tatsächliches Innenleben provoziert.
Ein
Stück auf der Bühne mit solchen Helden müßte noch
grauenhafter sein als die
besagte Wohnung, wäre bei den derart skizzierten Müllers
selbst aber durchaus
nicht unwillkommen. Sie sehen es ja in den deutschen Soaps,
die hier durchaus nicht weiter attackiert werden sollen, freiwillig an,
gehen
mit sich selbst so um, wie mit ihnen umgesprungen wird, kanzeln
ihre
Einzigartigkeit ab, streiten sie ab in den aktuellen Schutzformeln und
kommen
nicht auf den Gedanken, gegen das präsentierte Spiegelbild als
Ehrabschneidung
zu protestieren.
Woyzeck
dagegen konstatiert zu seiner Verzweiflung, jedoch ab sofort zu unserem
Trost: „Jeder
Mensch ist ein Abgrund“.
Wir
atmen auf! Ist das nicht plötzlich in unseren Ohren Engelsmusik?
Die auf ihr
erbarmungslos ermitteltes Sofa Verdammten, wären – und zwar nicht
nur
dann, wenn sie Kinderschänder oder Amokläufer werden –
mit dem
vollen Pathos des Potentiellen: nach unten und oben, wie das Weltall,
abgründige
Wesen? Auch Hinz und Kunz, oder, wie der Dichter Ror
Wolf sagen würde, Noll, Lemm, Sapp
und Klomm, sind: vielfältig? Sind jeder für sich:
unergründlich, gerade so wie
Sie und ich?
Unser
Trost ist bilateral, es ist ein menschlicher und ein ästhetischer.
Denn erstens
verkündet uns also Woyzeck, daß nicht nur die Welt eine
komplizierte, ja
verworrene ist, eine nicht auf das Idyll holzschnittartiger
Gegensätze zu
reduzierende. Er ruft zusätzlich die bodenlose
Rätselhaftigkeit, unantastbar
wie die Menschenwürde, eines jeden ihrer Bewohner aus.
Das
ist die Revolution, eine Binsenweisheit, aber eine dauerhaft
revolutionäre:
Nicht
die Erkenntnis, daß, recht unverbindlich, alle Menschen Menschen
und irgendwie auch Brüder sind. Vielmehr, daß kein Mensch,
ob Überflieger oder
nicht, flach ist, simpel ist! Keiner, was er an Floskeln auch
daherredet,
gedankenlos, hilflos, Einverständnis heischend, ist, egal was
Augenschein und
Verabredung behaupten mögen, nur mit dieser einen, von ihm
verbalisierten
Dimension ausgestattet.
Der
zweite Trost, der nicht weniger wichtige ästhetische, besteht in
der
naturalistischen Unzulässigkeit des Niveaus dieser und der zwei
schon genannten
Aussagen Woyzecks. Er räumt nicht nur auf mit der Illusion von der
Einfachheit
des schlichten Menschen. Büchner legt durch Woyzeck hindurch mit
einem
deutlichen Überziehen von dessen wahrscheinlichen
Äußerungsmöglichkeiten das Überspannte,
Maßlose, Pretentiöse, Schreckliche
und Schräge
von dessen seelischer Konstitution frei. Kurz: Der Dichter muß
seinem Helden
dieser Offenbarung wegen sprachlich, nicht aber substantiell unter die
Arme
greifen.
Nein,
dieser Woyzeck chargiert weder als Naturkind noch als Nachplapperer
der aufgeschnappten Bildungsbrocken eines Herrn. Büchner schenkt
ihm die
wunderbare, keineswegs selbstverständliche Begabung und
Gelegenheit, in
sporadischen Signalen alarmierend auf das hinzuweisen, was er
fühlend denkt.
Das bedeutet durchaus nicht, daß sich ein Woyzeck aus Fleisch und
Blut auf der
Bühne sogleich wiedererkennen würde. Vermutlich pfiffe er
drauf! Was
tragikomisch, aber logisch ist.
Büchners
Protagonist wird nicht zurückgescheucht in die Sprachhülsen,
in die reale
Sprachlosigkeit seiner Klasse. Geschähe ihm das, würde es
seinen Vorgesetzten
und einem arrogant geschwätzigen Publikum bequem gemacht, ihn
selbst in Seele,
Herz, Kern mit der Primitivität von Wortschablonen seiner Umgebung
zu
verwechseln. Büchner, wohlwissend, daß Literatur mit ihren
Charakteren und
Geschichten immer etwas Künstliches, Inszeniertes, vom Leben
Inspiriertes und
ihm Verpflichtetes, aber nie von ihm Abgeschriebenes ist, baut uns
allerdings
eine Brücke, nämlich das Psychopathische Woyzecks, das seine
Extravaganzen
rechtfertigen könnte. Ganz so wie bei den natur- und
weltumgrabenden Visionen
des in den Irrsinn rutschenden Lenz.
Gewiß, wir dürfen
uns, als Schutz vor Weiterungen, an diese medizinische
Begründungsplanke
klammern, wenn wir ängstlich darauf bestehen.
Sich
selbst eröffnet der Autor durch die
diagnostizierbaren Geistesverrückungen
seiner Helden die Chance, nicht nur Danton und Leonce,
sondern auch Woyzeck und erst recht Lenz, in dessen Person er unter dem
Alibi
des Wahnsinns die Facetten seiner eigenen Arbeiten noch einmal
komprimiert, bis
zum äußerst Denkbaren mit seinen, den
Büchnerschen Sprach-Energien,
anzufüllen. Durch das bis zur Verrücktheit Artistische,
Artifizielle entsteht
keine willkürliche Verrätselung und Verrammelung der Welt.
Sie wird, im
Gegenteil, unter dem groben Umriß der Schablonen, nur, samt einem
jeden ihrer
Bewohner, als nicht durchschaubare bloßgelegt.
Nichts
jedoch gegen Einfachheit, solange sie sich nicht als das regierende
Grundmuster
der Weltordnung versteht. Anders nämlich ist es, wenn man
Einfachheit lediglich
als spartanische Variante, als eine von zahlreichen Spielarten der sehr
vielfältigen
Wirklichkeit begreift. Oder ihr, in ganz seltenen Glücksmomenten,
in den
unbeabsichtigten Enthüllungen einer unter Schutt und
Schmier des
Konventionellen plötzlich überraschend dünnhäutigen
Person jenseits der Paßwörter
ihres jeweiligen Milieus begegnet. Etwas, wonach Schriftsteller
ständig auf der
Jagd sind, oft vergeblich, selbst wenn sie geduldige Zuhörer sein
sollten.
Dieses nackt und unauslotbar und originär Wirkliche verrät
sich am ehesten in
Kombinationen, in einer winzigen Geste, einem Blick, einem Lächeln
vielleicht
in Verbindung mit einem eigentlich ja nichtssagenden, literarisch
zunächst
unergiebigen „Ach“ oder gar nur atemlos geseufzten „Ach so!“.
Einer
der Großen der amerikanischen Moderne, der Dichter und Arzt
William Carlos
Williams, hat von solchen Sekunden in seiner Praxis, die von armen
Einwanderern
frequentiert wurde, bewegend erzählt, und das in frappierender
Metaphernähnlichkeit
zum Büchnerschen Lenz. Der eine redet von Entbindungen, der andere
von zu
durchbrechenden Hüllen. Beide meinen jene herzzerreißenden
Erkenntnisraritäten,
die Ansporn sind für literarische Umwandlungen, wo sie sich dann
ein bißchen
anders anhören und, um den heftigen Eindruck der Realität in
Buchstaben zu
evozieren, auch müssen.
Für
mich sind diese vollständig irdischen, nicht selten skurrilen
Momente einer
strahlend und fast geräuschlos aufreißenden Transzendenz
dasjenige, was mich
bei einem Menschen und in einem Roman unwiderstehlicher ergreift und
sich mir
schärfer eingraviert als das ganze notwendige Drumrum.
Hat
das alles aber einen Kontakt und Kreuzungspunkt mit jenem allzu
berühmten,
zitierenden Büchnerzitat, an dem man, glaube ich, redlicherweise
nicht vorbei
kann: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“?
Als
hassenswert, als „schändlichste Verachtung des heiligen Geistes im
Menschen“ bezeichnet das junge Genie in einem Brief an die Eltern den
Hochmut aristokratischer Besitzer von Bildung und Gelehrsamkeit
gegenüber ihren
für dumm verkauften Brüdern. Allerdings lebt es sich, anders
als anderswo, etwa
ein Stück südlich der spanischen Nordafrika-Enklaven Ceuta
und Melilla, in den Hütten Europas
gegenwärtig nicht
so schlecht wie zu Büchners Zeiten, und die Paläste sind
abstrakt, anonym, sind
ambulant geworden, was sie nicht gerade harmloser macht.
Hier
gilt es im Auge zu behalten, daß es sich bei einer, unsere
bisherigen
Weltbilder zugegebenermaßen katastrophal überfordernden,
stetig wachsenden
Erdbevölkerung nicht um eine Biomasse handelt, der dort, wo sie
Rechte hat, das
mühsam Errungene von einer kleinen Gruppe Mächtiger und
Gerissener wieder
abgegaunert werden darf mit dem Ziel einer Verfügbarkeit der
Vielen. Büchner
begriff schnell, noch bevor er selber zynisch werden konnte, wie leicht
und über
welche Hebel sich solche Entmündigungen arrangieren lassen.
Auch
diese Mehrheit, von deren aktueller, verheerender Menge Danton vor
über 200
Jahren wohl kaum eine Ahnung hatte, ist und bleibt eine Addition
von Originalen, und wenn die Literatur auch oft Gegner der
Gesellschaft
und ihrer zeitgeistlichen Zumutungen sein muß, so stellt sie
andererseits,
halbparadox, den treuesten und streng fordernden Freund des Individuums
dar.
Die
Rede ist von den Zeitgenossen, die alle, ob proletarisch oder nicht,
hungrig
oder satt, seßhaft oder heimatlos und in schwankenden
Prozentsätzen gutmütig
und bösartig zugleich, jeder für sich Furcht vor dem Tod
haben, aber auch vor
dem schwierigen Leben, wenigstens nachts, wenn sie, kindlicher und
schwächer
als tagsüber, wach liegen, ob neben ihnen jemand schläft oder
fehlt. Leute mit
sehr großen Schmerzen und kleinen Hypochondrien, mit verborgenen
Furunkeln,
Komplexen, schweren Traumata, Frauen und Männer, mit und ohne
Familie, die wünschen,
es gäbe letztenendes so etwas wie
Gott und schamhaft
darüber verzweifeln, daß er sich nicht zeigt, die sich
konkret ängstigen vor
dem Vergehen von Zeit und Glück, diffus vor der Weltlage und
berechtigt vor
ihren Mitmenschen; die zum 1. Mal rasend verliebt sind, oder, mit
lauernder
Empfindlichkeit, zum letzten Mal.
Wir
alle also, in flüchtigen, doch einmaligen Mischungen und
Ausziselierungen, eben
doch, wie in Wahrheit auch Woyzeck, nicht multiplizierbar, wenn auch
entwertend
hochgerechnet zu allen möglichen Uniformierungen: Unikat in Detail
und
Variation, was eine Gesellschaft natürlich bewußt
fördern, bewußt unter dem
Feuerschutz täuschender Parolen behindern kann, auch durch
Vernachlässigungen
in der Bildungspolitik.
Sollten
die neuen Palastherren aber, wie gelegentlich vermutet wird, jene
imperial, um
nicht zu sagen imperialistisch zugreifenden, Lebewesen,
Lebensüberzeugungen, Länder
und Landschaften, d.h. überaus fragile Systeme von Flora und Fauna
zerstörenden Wirtschafts-
und Finanzvirtuosen samt einer sie stützenden Mentalität und
ihren
Institutionen sein, die ab und zu sogar ein paar soziale,
ökologische,
kulturelle Beschwichtigungsgroschen zur Imageaufbesserung entrichten?
Zählen
zu ihnen, wie öfter zu hören, diejenigen, die mit
unserer Anfälligkeit für
die fatale Bezauberung durch Ideologien bis hin zur tödlichen
Berauschung an
ihnen spekulieren? Nicht zu vergessen, nein, keinesfalls zu vergessen
die
Folter-, Präventiv- und Präemptivkriegspropagandisten
von Staats wegen, die gemeinsam mit einer sich blähenden
Rüstungsindustrie die
leibgewordene Negation dessen sind, was sie, fix bei der Hand, als
Umstandmacherei, als Schwerfälligkeit von Schöngeistern und
Schönfärbern einer
abgelebten Epoche verunglimpfen, nämlich die bis auf weiteres
phänomenale
Nicht-Wiederholbarkeit jedes, unterschiedslos jedes Einzelnen, auch
wenn sie Völkerrechtsbrüche
samt Konsequenzen mit so betörend trompetenden, antidiktatorisch
zweckheiligenden Titeln wie „Freiheit des Einzelnen“ und „Kampf
für die Freiheit“ schmücken?
Die
Literatur sagt gedämpfter, zugleich dem trügerischen, stark
verführerischen Abkürzungsdenken
und Pauschalisierungshandeln scharf widersprechend, durch den
Schriftsteller
Lenz des jungen Mannes Büchner, der vielleicht doch schon den
Dantonschen
Zynismus an sich selbst durchprobiert hatte und als einzige Rettung
daraus das
ganz andere erkannte: „Man muß die Menschheit lieben, um in das
eigentümliche
Wesen jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu
häßlich
sein, erst dann kann man sie verstehen.“
Womit
keinesfalls gesagt ist, die spröde Menschenliebe der Literatur
beim
beharrlichen Zurückzerlegen von Gesellschaft und Bevölkerung
in Einzelne, in
Einzel- und Eigenheiten sei aufgrund dieser Bescheidung ein Kinderspiel
und würde
dem, der sich darum bemüht, landläufiges Glück und
zwangsläufig Frieden
bringen.
Das
nun gerade nicht.
Ich danke der
Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung sehr herzlich für diesen
Preis, der den großen,
verpflichtenden Namen Georg Büchner trägt und Ihnen, geehrte
und liebe
Anwesende, fürs Zuhören.