Die Dankreden der Büchner-Preis-Träger
1993-2005 sind
erschienen in den Jahrbüchern der Deutschen Akademie für
Sprache und Dichtung
im Wallstein Verlag, Göttingen, 1994-2005.
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2004:
WILHELM GENAZINO
Der Untrost und die Untröstlichkeit der
Literatur
Dankrede
Im Alter von dreizehn Jahren war ich Georg
Büchner sehr nah,
so nah wie später vielleicht nie wieder. Damals, als Kind, war ich
öfter
Zuschauer bei abendlichen Feuerwerken gewesen, zusammen mit meinen
Eltern und
Geschwistern, zum Abschluß von Volksfesten und
Verkaufsmärkten. Ich habe an
diesen Abenden bemerkt, daß wir zu den ärmeren Leuten
gehörten. Zuerst liefen
wir eine Weile auf dem Rummelplatzgelände herum. Für Fahrten
mit der Achterbahn
und dem Karussell reichte das Geld nicht. Als sich die Stunde des
Feuerwerks
näherte, kaufte Vater eine Tüte mit Zuckerstangen für
die ganze Familie. Wenig
später, als gleißende Lichtfontänen am nächtlichen
Himmel hochschossen, als
Raketen in allen Farben hoch über unseren Köpfen zerplatzten
und silberne
Sternkaskaden niederrieselten, überfielen mich Ideen zur
Verbesserung der Welt.
Ich stand Seite an Seite mit tausenden von Zuschauern und
überlegte, ob es für
weniger reiche Leute nicht besser wäre, wenn man die Feuerwerke
ersatzlos
streichen und das eingesparte Geld an die Bedürftigen verteilen
würde.
Wenn unsere Familie nur einen
winzigen
Teil des Geldes gehabt hätte, das hier öffentlich verpulvert
wurde, dann hätten
wir nicht immer wieder in der Kälte und im Dunkeln herumstehen
müssen. Und ich
hätte mir den unangenehmen Verdacht sparen können, daß
wir nur deswegen hier
waren, weil dieses Vergnügen nichts kostete. Schon ein Jahr
später, mit
vierzehn, war ich bereit, nicht nur Feuerwerke, sondern auch
Modenschauen,
Skispringen, Tanzturniere, Fasnachtsumzüge, Autorennen und
Pressebälle für
entbehrlich zu halten und das eingesparte Geld ebenfalls an die
Bedürftigen
umzuverteilen. Daß in meinen sozialrevolutionären
Plänen eine Frühform
kommunistischer Freudlosigkeit aufschimmerte, fiel mir damals nicht
auf. Im
Schutz des irrealen Wünschens entstand allmählich ein
systematischer
Zusammenhang. Wenn sich eine gewisse Menge naiver
Veränderungsideen angesammelt
hat, nennen wir sie eine Weltanschauung. Interessant erscheint mir
heute, daß
ich damals nicht gewagt habe, mit anderen über meine
Sozialreformen zu
sprechen.
Vermutlich deswegen zittern bis
heute
drei Momente aus dieser Zeit in mir nach. Einmal die Scham
darüber, jahrelang
so unmöglich wie ein Kind gedacht zu haben; zweitens die
Gewißheit, daß mich
nur die Erinnerung an dieses unmögliche Kinderdenken vor meiner
Verramschung
mit der Wirklichkeit gerettet hat und weiterhin rettet; und drittens
die
melancholische Empfindung, daß nichts von dem, was ich mir als
Kind gewünscht
habe, je hat Wirklichkeit werden dürfen. In dieser Kränkung
steckt der Untrost
und die Untröstlichkeit aller Literatur, ein nur durch den Tod
beendbares
Begehren. Aus der Erfahrung der Wirklichkeit entspringt die
Nötigung
verändernden Denkens. Die Abwehr der Nötigung führt zum
Konflikt mit ihr und,
wenn der Genötigte ein Schriftsteller ist, zur Literatur. Sein
Text wiederholt
den Konflikt und bewahrt ihn auf. Aus dem aufbewahrten Konflikt
entsteht der Bann
des nicht mehr von ihm abwendbaren Blicks. Man kann auch sagen:
Literatur ist
geistige Gepäckaufbewahrung; sie bildet sich im unendlichen Stau
dessen, was
immerzu vertagt werden muß und deswegen Ewigkeit beanspruchen
darf.
Noch im gleichen Jahr, immer
noch mit
vierzehn, im sogenannten Konfirmandenunterricht, sah ich zum ersten Mal
betende
Menschen. Ich selbst betete nicht, ich war areligiös, wenn nicht
antireligiös
erzogen worden, ich sah den anderen beim Beten zu und wunderte mich.
Bekanntlich hat jemand, der betet, die Vorstellung, er befinde sich in
einem
Gespräch mit Gott. Es stört die Betenden nicht, daß
der, mit dem sie reden,
nicht antwortet. Im Gegenteil, das Schweigen Gottes wird als
außerordentlich
hingegebenes Zuhören und das Vernehmen des Schweigens durch den
Betenden wird
als ungesprochene Antwort empfunden. Für unbeteiligt
Außenstehende stellt sich
die Sache einfacher dar. Für sie sprechen die Betenden nicht mit
Gott, sie
sprechen nur mit sich. Vermutlich reden sie nicht einmal mit sich,
sondern sie
reden nur an sich hin. Diese nüchterne Auslegung ist nicht
völlig befriedigend.
Es bleibt ein Zwiespalt zurück, der sich der mangelhaften
Durchschaubarkeit des
Geschehens verdankt. Ich spreche von diesem Zwiespalt, weil ich viele
Jahre
später den Einfall hatte: Auch die Literatur ist Gebet. Für
die Analogie müssen
wir uns den religiösen Hintergrund nicht einmal vollständig
wegdenken. Die
Beharrlichkeit der Literatur, ihr unerschütterliches Moment, ist
selber quasi
religiös. Auch sonst stoßen wir auf erstaunliche Parallelen.
Die Literatur
wird, ähnlich wie das Gebet, von ihren Urhebern in eine nicht
antwortende Welt
entlassen. Auch bei der Literatur handelt es sich um leidenschaftliche
Einreden, Bitten, Vorschläge, die einzelne Menschen an
übermächtige Instanzen
richten: an die Wirklichkeit, an die Geschichte, an die Gerechtigkeit –
und so
weiter. Beide, der Schriftsteller und der Betende, teilen die
metaphysische
Zuversicht, durch das Schweigen hindurch gehört und sogar
verstanden zu werden.
Und: bei beiden ist eine Einsicht in die Vergeblichkeit ihrer
Anstrengungen
vorhanden. Dennoch kümmert es beide nicht, ob sie von anderen
für
zurechnungsfähig gehalten werden oder nicht. Die banale
Realität, in der beide
leben, wird von ihnen als unzureichend bis desaströs empfunden,
allenfalls als
Vorschein einer anderen Welt, die schon morgen am Horizont aufglimmen
kann. Der
Schriftsteller nennt diesen anderen Weltzustand die Utopie, der
Gläubige nennt
sie Erlösung.
Für Georg Büchner,
einen Schriftsteller der
Vormoderne, war die Lage noch eindeutiger. Das Schicksal der Literatur
als
Endlager für fehlgeschlagene Wirklichkeit war ihm noch fremd. Der
Hessische
Landbote ist geschrieben in der Vorstellung, dem Text würde eine
unmittelbare
Veränderung der Verhältnisse folgen. Daß Büchner
steckbrieflich gesucht wurde,
durfte ihm als Beweis für die Durchschlagskraft der Literatur
gelten. Bis heute
gehört Büchner zu den nicht sehr vielen Schriftstellern, die
uns das glückliche
Gefühl geben, daß uns wenigstens die Literatur nicht
betrügt. Was uns heute von
Büchner trennt, ist nicht die vielleicht revolutionäre
Entzündbarkeit der
Bauern im damaligen Großherzogtum Hessen, sondern die traumhafte
Gewißheit von
der eingreifenden Wirkung von Literatur. Büchner ist schon
deswegen modern
geblieben, weil er immer wieder Antworten auf die Frage gesucht hat:
Wie
verhalten wir uns zu den Abgründen unseres Scheiterns? In Dantons
Tod ist es
das Scheitern der politisch gemeinten Gewalt, in Woyzeck ist es das
Scheitern
der mißbrauchten Kreatur, im Lenz ist es das Scheitern des vom
Wahnsinn
gestreiften Subjekts, das einen Ausweg aus der Krankheit sucht.
Aufregend ist
Büchner bis heute, weil er die Niederlage nicht als Niederlage,
sondern als
Kampfmittel gegen den Mangel beschreibt.
Am bedeutsamsten ist für
uns heute
(ausgerechnet) ein Lustspiel, Leonce und Lena. Denn in diesem Lustspiel
tritt
ein Leiden auf, das im Laufe der Zeit an Einfluß immer mehr
zugenommen hat, das
Leiden an der Langeweile. Bei Büchner wird Langeweile nicht
vertrieben, sondern
angenommen. Von dieser Errungenschaft sind wir meilenweit entfernt.
Langeweile
bei Büchner ist eingestandener Stillstand, der beim Subjekt
bleibt. Wir
Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. Unsere
Erlebnisplaner
haben sie zu unserem Feind erklärt. Als Ersatz bieten sie uns
hochdosierte
Fremdunterhaltung an: die permanente Fernsehshow, die Massenparty, der
Urlaub,
die Promiskuität, der Konsum – und so weiter. Nicht so
Büchner. Bei ihm wird
Langeweile erkennungsdienstlich behandelt; das heißt vor allem:
sie wird
dargestellt, untersucht und zerlegt, oft so lange, bis sie einer neuen
Beschäftigung weicht, die unversehens aus dem Stillstand
hervorgeht. Für
derartig geduldige Transformationen fehlt uns heute die Gelassenheit
und die
Bildung. Im Kern der Langeweile steckt unsere Verwunderung
darüber, daß wir die
meiste Zeit unausgedrückt leben. Tag für Tag existieren wir,
ohne daß uns
jemand ausspricht.
Leonce und Lena hätten
nicht verstanden,
warum wir uns für die gute Laune von Thomas Gottschalk immer mehr
interessieren
als für die eigene Melancholie, obwohl diese mit uns auf dem Sofa
sitzt. Sie
hätten nicht verstanden, daß man eine afterworkparty
aufsucht, wenn einem der
Ich-Zerfall zu nahe tritt. Für Leonce und Lena wird stattdessen
die sprachliche
Erkundung der Melancholie zu ihrer und, sofern wir den Weg ins Theater
finden,
zu unserer Unterhaltung. Diese Aufmerksamkeit dem eigenen Ich
gegenüber
erfordert eine narzistische Souveränität, die wir heute nicht
mehr zustande
bringen. Büchner hat gewußt, wie töricht es ist,
Langeweile ausblenden oder gar
bekämpfen zu wollen. Er läßt Leonce und Lena geduldig
durch ihre Langeweile
hindurchgehen. Die beiden erleben, was der Ennui mit ihnen macht,
welche
Verwandlungsideen er ihnen eingibt. Die Figuren werden dabei ein
Stück weit von
sich selbst entfernt und kehren dann, mit neuartigen Bildern beschenkt,
zu sich
selbst zurück.
Wie das funktioniert, zeigt
Büchner (zum
Beispiel) im ersten Akt von Leonce und Lena. Dort charakterisiert sich
Leonce
mit diesen Sätzen: »Mein Leben gähnt mich an wie ein
großer weißer Bogen
Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben
heraus.
Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und
zerknitterte
Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten
Tänzer haben
die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.
Ich stülpe mich
jeden Tag vierundzwanzig Mal herum wie einen Handschuh. Oh, ich kenne
mich, ich
weiß, was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was
ich in einem
Jahre denken und träumen werde«.
Merken wir, wie die Langeweile
in diesen
wenigen Zeilen in die Erzählung einer Langeweile umschlägt?
Und wie die
Langeweile dadurch eine neue, interessante Gestalt annimmt? Aus der
Empfindung
der inneren Leere wird plötzlich ein erzählter Raum. Aus
einem Mangel wird eine
Ressource. Eine eindrucksvollere Peripetie ist schwerlich denkbar. Das
heißt,
Langeweile bei Büchner ist der Selbstausdruck einer Sehnsucht, die
darauf
wartet, daß wir ihre Verhüllung abwerfen. Man muß
seine Langeweile in seinem
eigenen Ich spazieren führen, damit sie mit den Ideen über
sich selbst vertraut
wird. Nur dieser selbstvergessene Müßiggang hat die
Qualität, die Schöpfung
momentweise zu enträtseln und sie über sich selbst zu
beruhigen.
Wir Heutigen gewöhnen uns
lieber an die
gequälten Gesichter der Massen, die aus der für sie
erfundenen
Billigkonditionierung nicht mehr herausfinden. Im Gewimmel des
Kölner
Hauptbahnhofs habe ich kürzlich beobachtet, wie der sexistische
Unterhaltungskannibalismus des Fernsehens auf das öffentliche
Leben übergreift.
Drei halbbetrunkene, unerträglich gelangweilte Männer
klatschten einer jungen
Frau mit der flachen Hand nacheinander auf den Hintern und verschwanden
unauffindbar
in der Menge. Geschockt und gepeinigt blieb die Frau zurück.
Vermutlich ist die
Angst vor der Stumpfheit der Unbeschäftigten noch
größer als die Angst vor der
Arbeitslosigkeit selber. Auf der Zeil in Frankfurt sah ich eine junge
Familie
mit zwei Kindern. Der Vater kaufte eine Tüte pommes frites. Die
Mutter zählte
die Kartoffelstäbchen einzeln ab, damit jedes Familienmitglied die
gleiche
Portion erhielt. Die pommes frites waren schnell weg, die Kinder
verlangten
nach weiteren Zerstreuungen. Der Vater stülpte das Futter seiner
Hosentaschen
nach außen, die Mutter lachte kurz auf. Ich wollte herausfinden,
ob die Kinder
das Drama der totgeschlagenen Zeit bemerkten oder nicht.
Und ich wurde Zeuge einer
erstaunlichen
Szene. Den beiden Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, fiel
ein älteres
Paar auf. Die Frau sah den Staub auf den Schuhen ihres Partners und
wollte
diesen offenbar nicht länger hinnehmen. Sie schlüpfte mit dem
rechten Fuß aus
ihrem Schuh heraus und putzte mit dem bestrumpften Fuß die
schmutzigen Schuhe
ihres Begleiters. Die Details fesselten und vergnügten die Kinder.
Auch das
Paar amüsierte sich über seine eigene plötzliche
Nähe. Die Kinder sahen,
womöglich zum ersten Mal, daß selbst eher schlichte
Vorgänge eines erotischen
Anhauchs nicht entbehren müssen. Nach kurzer Zeit ahmten die
Kinder das Paar
nach: gegenseitig und unter großem Gekicher.
Ich erinnerte mich an die
Feuerwerkszerstreuung meiner eigenen Kindheit. Es war wie damals. Aus
der
Dominanz der Langeweile schälte sich ein Nebenerlebnis heraus, das
für die
Kinder schnell zum Haupterlebnis wurde. Sanft rutschten sie aus der
Okkupation
durch Fremdunterhaltung heraus und landeten in der Aufmerksamkeit
für ihr
eigenes Leben. Mitten in der »ungeheuren Zeit« – das ist
eine Formulierung von
Danton –, erhebt sich ein privates Stilleben und überwindet die
Zeitleere. Das
einem einzelnen Menschen glückende Innehalten in der allgemeinen
Zeitvernichtung ist in seiner Bedeutung kaum ausmeßbar.
Augustinus hat die drei
dabei wesentlichen Momente so zusammengefaßt: »Unser Geist
tut ein Dreifaches:
Er erwartet, merkt auf und erinnert sich«. Die Menschen leben,
wenn sie leben,
in von ihnen bemerkten Augenblicken und Einzelheiten. Zwischen beiden
gibt es
eine Korrelation: Ohne Augenblicke keine Einzelheiten, ohne
Einzelheiten keine
Augenblicke. Die Langeweile der Einzelnen und die Ermüdung des
Ganzen gehören
in der Moderne zusammen. Durch die Brechung dieses Zusammenhangs ist
Leonce und
Lena ein hypermodernder Text, im Kern staatsgefährdend, wenn unser
selber
stumpf gewordener Staat mit Literatur noch zu gefährden wäre.
Sind wir nicht
alle längst zu Mitspielern von Leonce und Lena geworden – freilich
ohne deren
Fähigketten? Die Zwangsmelancholisierung durch unsere
Verhältnisse hat Ironiker
wider Willen aus uns gemacht. In Kürze wird es Events und
Fernsehsendungen
geben, deren Vulgarität wie eine körperliche Verletzung
wirken wird. Was sollen
wir dann tun? Wir sind nicht Büchner, wir sind nicht einmal Leonce
und Lena.
Wir sind immer neu erschrockene Einzelkämpfer, wir leben, jeder
für sich, in
unseren Verschleißzusammenhängen, wir kämpfen gegen die
Pathologie der Arbeit,
gegen die Pathologie des Alterns, gegen die Pathologie des Wohnens,
gegen die
Pathologie der Liebe – und keine Schule hat uns beigebracht, wie wir in
diesen
Stellungskämpfen überleben sollen.
Sehr geehrte Chefredakteure,
Programmleiter, Fernsehdirektoren, Eventdenker, Kaufhauschefs! Sehr
verehrte
Planer von Freizeitparks, Loveparades, Expo's und all dem anderen
Nonsens! Laßt
die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes
Ich-Fenster, aus
dem wir noch ungestört, weil unkontrolliert in die Welt schauen
dürfen! Hört
auf, uns mit euch bekannt zu machen! Hört auf, euch für uns
etwas auszudenken!
Sagt uns nicht länger, was wir wollen! Bleibt uns vom Leib,
schickt uns keine
portofreien Antwortkarten und gebt uns keine Fragebögen in die
Hand, interviewt
uns nicht, filmt uns nicht, laßt uns in Ruhe! Laßt uns
herumstehen, denn
Herumstehen ist Freiheit! Und gebt euch zufrieden damit, wenn wir das,
was uns
interessant vorkommt, vielleicht niemandem erzählen wollen.
Manchmal träume ich von
einer Schule der
Besänftigung, die uns etwas von dem beibringen könnte, was
wir so dringend
brauchen. Nach meinem Gefühl gibt es ein starkes Bedürfnis
nach einer solchen
Schule. Aufnahmebedingungen gäbe es nicht, auch keine
Altersbegrenzungen, keine
Prüfungen und keine Zeugnisse. Sie würde funktionieren wie
eine Abendschule;
jeder, der sich zwar erschöpft, aber noch nicht erledigt
fühlt, wäre willkommen,
ebenso jeder, der fürchtet, daß ihn seine Anpassungen
vielleicht noch den
Verstand kosten. Unterrichtet würden die Fächer
Existenzkunst,
Enttäuschungspraxis, Sehnsuchtsabbau, Fremdheitsüberlistung,
Hoffnungsclownerie. Eine Schule der Besänftigung gibt es nicht,
sie wird es
auch nie geben. Sie verstehen, diese Schule ist nichts weiter als die
allerneueste Blüte meiner kindlichen Feuerwerksphantasien von
damals, sie ist,
mit einem Wort, nichts anderes als Literatur.
Sofort frage ich mich und Sie,
gerade
hier und heute, müssen wir diese Phantasien ihres fatalistischen
Kerns wegen
verurteilen? Der Fatalismus der Geschichte, vor dem sich Büchner
gefürchtet
hat, ist auch der Fatalismus der Literatur. Seit Jahren begleitet mich
eine
andere Phantasie, wie sie fatalistischer kaum sein könnte:
Daß wir alle, jeder
von uns, längst in einem riesigen Heim leben, und zwar so
selbstverständlich,
daß wir weder den Namen des Heims noch die Heimordnung kennen. In
den
Spätnachrichten sehen wir Heimleiter Gerhard Schröder, der
uns wieder und
wieder sagt, daß wir vorwärts kommen, daß alles besser
wird und daß wir
zufrieden sein sollen. Danach werden die Geräte abgeschaltet, auch
der
Heimleiter geht zu Bett. Und dann, in der plötzlichen Stille,
geschieht etwas,
was nicht in der Heimordnung steht: Ich mißtraue meinem eigenen
Fatalismus. Ich
schaue auf die Bücher in meinem Arbeitszimmer und begreife: In
jedem einzelnen
Buch steckt die Einsicht in einen Mangel. Die stoische Wirklichkeit hat
eine
stoische Literatur hervorgebracht. In der Literatur – und nur in der
Literatur –, überlebt die
Sehnsuchtswirtschaft der Menschen.
Sie ist unsere palliative Heimat.