2002:
WOLFGANG HILBIG
Literatur ist Monolog
Dankrede
Als Hans Erich Nossack im Oktober 1961 mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt wurde,
war die Mauer in Berlin noch sozusagen nagelneu, es gab sie erst seit wenigen
Monaten, es wurde vielleicht, ich weiß es nicht so genau, noch immer an ihrer
Fertigstellung gebaut. Und ich weiß auch nicht mehr genau, was ich damals über
das wohl folgenreichste europäische Bauwerk gedacht habe. – Was für ein Aufwand,
was für eine Zweckentfremdung von Arbeitskraft und Material, eigens zur Errichtung
eines Provisoriums, dessen Sinn sich in kurzer Zeit ganz von selbst wieder in
Frage stellen wird! – solche oder ähnliche Gedanken müssen mir damals an jenem
Montag, dem ersten Arbeitstag nach dem Sonntag, an dem der Mauerbau begann,
durch den Kopf gegangen sein. – Die Szene, in der wir, die Arbeiter einer riesigen
Maschinenhalle, in der Spindelkästen für Werkzeugmaschinen bearbeitet wurden,
oder die monströsen Laufbetten für Langhobel- oder Schleifmaschinen – allesamt
wertvolle Exportgüter, welche die Metallindustrie der DDR weltmarktfähig gemacht
hatten, wie uns immer wieder gepredigt wurde –, von dem Beschluß der Regierung
in Kenntnis gesetzt wurden, hat sich in meiner Erinnerung einigermaßen deutlich
erhalten: es war eine etwas unheimliche Szene. Wir wurden zu einer kurzen Pause
in der Haupthalle, der unseren, zusammengerufen, der Maschinenlärm verstummte
für etwa zwanzig Minuten; und ein Mensch aus der Betriebsparteileitung verkündete,
die westliche Staatsgrenze der DDR, die Grenze zur imperialistischen BRD, sowie
die Grenze zu der besonderen territorialen Einheit, der Frontstadt West-Berlin,
sei mit dem Datum des gestrigen Tages als geschlossen zu betrachten, um das
Ausbluten der jungen DDR-Wirtschaft zu verhindern, und, um den ständigen Übergriffen
feindlicher Elemente aus dem Westen Einhalt zu gebieten. – Der Redner las seine
Rede von einem vorbereiteten Papier ab, mit bleichem und unverkennbar nervösem
Gesichtsausdruck; es war merkwürdig, daß der Redner nach seinen Worten keinen
oder nur einen sehr spärlichen Beifall erhielt; die Männer in den ölverschmierten
Arbeitsanzügen nahmen seine Ausführungen wortlos zur Kenntnis und kehrten nachdenklich,
kopfschüttelnd und mit eher undurchdringlichen Mienen an ihre Arbeitsplätze
zurück. – An irgendwelche Folgen, die der begonnene Mauerbau haben könne, dachte
ich nicht: ein Gemäuer ohne frei verfügbare Aus- oder Eingänge konnte ich mir
einfach nicht vorstellen. Aber unheimlich war mir die Szene schon: unheimlich
deshalb, weil ich mich auf einmal in einem Land eingeschlossen sah, das ich
irgendwie als mein Zuhause, als mein Heim betrachtete … man hatte mir plötzlich
mit staatlicher Gewalt und, das war bald darauf zu erkennen, mit Waffengewalt,
eine Heimat verschafft, und man hatte mich nicht gefragt, ob ich diese Heimat
haben wollte. Man hatte versucht, mit Gewalt ein Heimatgefühl in mir zu erzwingen
… wenn es ein Mittel gibt, in einem Menschen, in seinem Herzen, in seinem Kopf,
ein sogenanntes Heimatgefühl dauerhaft auszuschließen, dann ist es genau dieses
Mittel staatlicher Gewalt.
Die ersten Folgen des Mauerbaus zeigten sich schon bald: mit Beginn der
Heizperiode des Jahres 61 wurden Facharbeiter aus dem Produktionsbereich dazu
verdonnert, sich für einen Monat ins Kesselhaus zu begeben und dort zu heizen.
Dies war freilich eine Notwendigkeit, da es in unserem Betrieb, wie in fast
allen Betrieben der DDR, stets zu wenig Heizer gab, aufgrund der dort herrschenden
Arbeitsbedingungen, die mit der betrieblichen Entwicklung nicht Schritt gehalten
hatten, und aufgrund der dort allzu schmalen Verdienstmöglichkeiten. Nun war
die Art, in der dies geschah, eine ganz neue: die Leute wurden nicht mehr überzeugt
von der Notwendigkeit einer solchen Maßnahme, sie wurden auf Befehl von oben
ins Kesselhaus verbannt, alle Einsprüche dagegen erwiesen sich als wirkungslos.
Auch ich kam an die Reihe, im November oder Dezember 61: es geschah, was geschehen
mußte, ich fand plötzlich Geschmack an der einsamen Tätigkeit eines Heizers
in seinem Heizungskeller; als die mir gestellte Frist verflossen war, meldete
ich mich nicht zurück.
Wahrscheinlich sind mir dort, in meinem ersten Kesselhaus – an dessen
Tür sich ein Schild befand: Betreten für Unbefugte verboten! – zum ersten Mal
ernsthaftere Überlegungen über meine Zukunft angekommen, und vielleicht auch
der Gedanke daran, daß ich inmitten einer falschen Umwelt lebte … auch wenn
sich mir in dieser Umwelt plötzlich ein Refugium aufgetan hatte, in dem ich
mir solche Gedanken machen konnte … ich wußte auf einmal, ich wollte schreiben,
und zwar nie und nimmer etwas anderes als schreiben. Ich weiß nicht mehr, ob
dieser Gedanke für mich sofort mit einem Entschluß verbunden war … es war wohl
eher so, daß ich den Gedanken seit dieser Zeit als eine Art ideellen Hinterhalt
mit mir führte, jedes Ansinnen, das an mich herangetragen wurde, geriet in die
Falle dieses Hinterhalts, wo es, in meinem Kopf, sofort sabotiert wurde: ich
wollte nichts von alledem, was man von mir wollte, oder von dem man wünschte,
daß ich es wolle, ich wollte schreiben, nichts anderes, ich sagte es niemanden,
es war ein Geheimnis, das in diesem Keller mit der rostigen Wärmeversorgungsanlage
in mich eingetreten war. Und das noch immer in mir steckt – längst freilich
als ein gelüftetes Geheimnis, aber, wie ich hoffe, noch immer als ein Geheimnis.
Auf eine bestimmte Art des Umgangs mit diesem Geheimnis werde ich noch zurückkommen.
Es gibt einen merkwürdigen Satz in der Rede auf Georg Büchner von Hans
Erich Nossack, der mir sofort einleuchtend erschien: »Sämtliche Parteidoktrinen,
Glaubenslehren, Soziologien, Handelskammern und Gesundheitsämter sind sich komischerweise
trotz aller Todfeindschaft von jeher in einem Punkte einig: daß es nichts Verbietenswerteres
gibt als das Alleinsein-Wollen.«
Und wahrscheinlich können die sogenannten Hilfsabteilungen, die für die
Wärmeversorgung von Industrieanlagen verantwortlich sind, der obengenannten
Reihe von Institutionen ohne weiteres angegliedert werden. Aber Hilfsabteilungen
haben den Vor- oder Nachteil, je nach dem Blick des Betrachters, daß man, befindet
man sich einmal dort, nicht mehr tiefer absteigen kann. Wenn ein Heizer sich
als fähig erweist, seine Arbeit zufriedenstellend zu erledigen, dann will man
nicht mehr wissen, was er sonst noch denkt oder sich zusammen philosophiert.
Man läßt ihn also mit seinem Geheimnis allein. Und ich habe, das nur am Rande,
schon ein-, zweimal einem Stasi-Mann die Tür gewiesen, mit dem Hinweis auf das
Schild: Betreten für Unbefugte verboten! – Das funktionierte natürlich nicht
mehr in Bezug auf die Deutsche Post, die zwar eine Dienstleistungsfirma ist,
aber keineswegs eine im Status einer Hilfsabteilung. Und da ich die Post benutzte,
nämlich für die Zustellung meiner Manuskripte, von denen ich stets einige Durchschläge
zur Reserve anlegte, wurde es schließlich ruchbar, daß ich schrieb. Und fortan
versuchte man, mit welchen Mitteln auch immer, hinter mein Geheimnis zu kommen:
zuerst war es die Stasi, am Ende waren es die Massenmedien … einen Vergleich
der beiden Institutionen würde ich mir nicht erlauben, sie treten hier nur in
Form einer Reihenfolge auf.
Da es die Stasi nicht mehr gibt, oder nur in Form eines Spuks in vereinzelten
Köpfen, sind die Massenmedien inzwischen für mich viel interessanter geworden.
– Die Massenmedien sind Apparate zur Lüftung jedweden Geheimnisses, und sie
sind damit Apparate, die dem Vergessen dienen. Mir scheint, in den Palästen
der Massenmedien existiert gar keine andere Absicht, als alles Neue, alles was
neu erscheint, ganz gleichgültig, wie alt dieses Neue sein mag, an das Licht
der Öffentlichkeit zu reißen, es mit dem Sprachgebrauch der Aktualität zu verkleiden,
um es danach dem Verkauf feilzubieten. Und um es danach abzuhaken und zu vergessen,
damit es wieder Platz gibt für die nächsten Aktualitäten. Denn von dieser Zirkulation
leben die Massenmedien, sie ist ihre einzige Existenzgrundlage. Das degradiert
den Leser von Zeitungen zum bloßen Informationsempfänger, der jede Information
so schnell wie möglich wieder abhaken und vergessen muß, damit ihm tagtäglich
Platz entsteht – und dieser Platz kann getrost eine Leere genannt werden – für
neue, für aktuellere Informationen. Und auf vergleichbare Weise wird der Fernsehzuschauer
zum bloßen Objekt der Unterhaltungsindustrie, er wird ganz automatisch jenem
Herdenvieh zugeteilt, das die Einschaltquoten sichert und sie möglichst in die
Höhe treibt. – Und es ist zu bemerken, daß schon ein gewisser Sprachgebrauch
eigentlich falsch ist: nicht der Kasten mit dem Bildschirm ist der Fernsehempfänger,
sondern wir sind die Fernsehempfänger, die wir mit der Fernbedienung in der
Hand vor dem Apparat sitzen, um uns mit Informationen in Gestalt von Unterhaltung
berieseln zu lassen, die wir während den eingestreuten Werbesendungen wieder
vergessen können.
In der Rede von Hans Erich Nossack gibt es einen ungemein harten Satz;
ich erinnere noch einmal daran, daß der schon 1961 geschrieben wurde, zu einer
Zeit also, in der ich gerade zu versuchen begann, mit dem Schreiben ernst zu
machen. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, diesen Satz schon damals zu lesen,
dann, glaube ich, wären mir schwerste Bedenken angekommen: »Die tiefe Verachtung,
in der die Literatur heute steht, indem man sie entweder als ungefährlichen
Zeitvertreib betrachtet oder sie mit hohen Lobesworten bedenkt, wenn sie sich
für machtpolitische Zwecke mißbrauchen läßt, ist so kränkend, daß jeder Literat
sich fragen muß, ob das Schreiben überhaupt noch Sinn hat.«
Wie sieht es damit heute aus? frage ich mich. Ich bin in einem Land aufgewachsen,
ich habe in einem Land geschrieben, in dem sehr wohl versucht wurde, die Literatur
einer machtpolitischen Ideologie unterzuordnen … aber hier? Jetzt, in diesem
wiedervereinigten Deutschland? Die Stellung der Literatur ist so vage und diffus,
so randständig und auf sich selbst zurückgeworfen, daß kein Mensch mehr daran
denkt, sie,für irgendeinen Zweck zu gebrauchen oder zu mißbrauchen; man würde
sich mit ihr ein Kuckucksei ins Nest legen, man würde sich lächerlich machen.
Und ihre »hohen Lobesworte« holt sich die Literatur selbst ab, indem sie
auf allen Festivitäten der Medien tanzt, indem sie das Gnadenbrot frißt, das
ihr in den Palästen der Zeitungshäuser und Fernsehanstalten gereicht wird. Manchmal
habe ich den Eindruck – aber es mag dies ein paranoischer Gedanke sein, der
in mir auf schleichende Art entstanden ist, als die Hatz der Medien auf mich
einsetzte, nachdem zu erfahren war, daß ich der diesjährige Georg-Büchner-Preisträger
werde –, daß sich die Literatur in einem dauernden Ansturm auf die Paläste der
öffentlichen Medien befindet, in denen ihr Platz eigentlich nicht zu finden
ist. – Ich begreife immer besser, was Hans Erich Nossack meinte, als er schrieb:
»Was von der Literatur unserer Tage übrigbleiben wird, kann nur Monolog sein.«
– Die Literatur unserer Tage gibt ihren Platz auf, jedenfalls ist sie dabei,
dies zu tun, und sie wird, wenn sie sich diesem Vorhaben immer rascher und widerstandsloser
hingibt, eines Tages überhaupt keinen Platz mehr haben.
Tatsächlich, der Platz der Literatur ist der Monolog: es gibt da einen
einsamen Schriftsteller, Poeten oder Dichter, der das Verbot des Alleinseins
übertritt und seine Gedanken zu Papier bringt. Er mag dabei wohl an einen Leser
denken, aber er kennt den Leser nicht. Wenn daraus ein Text oder ein Buch wird,
so gelangt dies über die Umwege des Vertriebs an einen ebenso einsamen Leser,
der den Monolog liest, er mag dabei wohl an den Schreiber des Monologs denken,
aber er kennt ihn nicht wirklich, er kennt vielleicht nur sehr wenig von diesem
Schreiber, und wenn die Sache gut geht, dann entwickelt sich im Kopf des Lesers
ebenfalls ein Monolog. – Auf diese Art funktioniert Literatur, und sie kann
nur auf diese Art funktionieren. Alles, was der Schreiber über seinen Text hinausgehend
von sich preisgibt, gehört nicht mehr der Literatur, es gehört den Massenmedien
und der Vermarktung von Literatur. Es reißt jedenfalls das Geheimnis nieder,
das in der sonderbaren Zweierbeziehung zwischen Schreiber und Leser besteht,
und damit vielleicht auch das Interesse des Lesers an der Literatur.
So lebte er hin … lautet der letzte Satz des Lenz von Georg Büchner, ein
Text den Hans Erich Nossack nicht als Fragment gelten lassen will, denn dieser
Satz sei »der endgültigste Abschluß, der sich denken läßt.« – Was mag ein solcher
Satz im Kopf eines Leser auslösen? Zumindest doch wohl die Frage, auf welche
Art er, der Leser, selbst hin lebe. Und schon entsteht der Monolog, der eigentlich
eine Zwiesprache ist, eine Zwiesprache über Jahrhunderte hinweg, wie sie nur
mit Hilfe der Literatur zu erreichen ist. – Und er wird, womöglich, sofort in
einen Widerspruch geraten zu einem anderen Satz von Georg Büchner, der aus dem
Woyzeck stammt: Er tat alles, wie es die anderen taten. – Und genau dieser Widerspruch
kann der Anfang sein für eine Veränderung. Vielleicht liegt das Geheimnis und
die Größe des Menschen in genau jenem Punkt, an dem er beginnt, über Veränderung
nachzudenken.
Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für den Georg-Büchner-Preis,
ich kenne nicht genau die Institution, in der dieser Dank an den richtigen Platz
gelangt wäre: deshalb danke ich Ihnen, die mir geduldig zugehört haben. Sie
haben mir Mut und, Kraft verliehen, auf meinem Weg weiter zu gehen, Sie haben
mir Hoffnung gemacht, daß meine Wörter und Sätze nicht vollkommen ins Leere
laufen, deshalb gebührt die Feier dieser Preisverleihung Ihnen, ich bin einzig
und allein Ihr Protagonist, und ich will es nicht anders. Ich danke Ihnen, und
ich hoffe, daß Sie meinen Dank in Freiheit entgegennehmen.